Polianders Zeitreisen

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Schnittstellen sind rar. Schnittstellen existieren.

12.11.2024 · poliander

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Reden und Schweigen sind Länder, so steht es in einem der Texte in der neuen Ausgabe von:

Prolog. Heft für Zeichnung und Text Nr. 29: Grenzen, Übergänge, Visionen

Um genau zu sein, so steht es in P.s Text und in Gramanns. Sie wissen ja, dass P. und Gramann nicht immer, aber sehr oft ähnlicher Ansicht sind. Und sie schreiben auch gemeinsam, bisweilen.

Über Grenzen gehen, an Grenzen scheitern, Übergänge finden, Übergänge suchen, Visionen folgen, Visionen abweisen, haben, suchen, übertragen, begrenzen: Was bedeutet all das? Damit beschäftigt sich das neue Prolog-Heft.

Reden und Schweigen sind Länder – undurchdringbar scheint ihr Schutz – Ich bohre Löcher. – Glücksmomente der Geschichte – meine Hoheitsansprüche – täuscher täuschen täuschbereite – grenzenlose Endstationen – Vor hundert Jahren hättest du hier sein müssen – Knatterpauz – nur Haut zwischen uns – Industrial sound. Klirrend, rauschend. – die grenzen meiner sprache – Horizonte, die lichten, die trüben – grüß mir die Sonne
(Zitate aus verschiedenen Texten Prolog 29)

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Augenweide · Buchstabenfracht

Lesung, Gespräch und Musik im Kulturforum Belziger 1

13.10.2024 · poliander

Liebe Leserinnen und Leser,

hier kommt die herzliche Einladung zur:

LiteraturTalkShow Eselsohren

veranstaltet von dem Autor Matthias Rische im Kunstforum Schöneberg. Dort lesen am dritten Mittwoch dieses Monats Annette Wenner und Ulrike Gramann aus ihren Büchern. Gramann liest aus: Die Unberechenbarkeit des Lebens. Matthias Rische führt das Gespräch. Und Samken Musiq spielt afrikanische Rhythmen.

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Buchstabenfracht
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Am Ende des Sommers

29.09.2024 · poliander

P. beendete die Zeit der Nächte, die bei 32 °C begannen und an deren Ende schon wieder die Schwüle regierte, indem sie die Stadt verließ. Am Tag der Abreise, hörte P. später, begann es zu regnen.

Oh, und es regnete auch, als P. und der Gefährte die Fähre bestiegen. Es war die große, die Autofähre (für Insiderinnen: Wer zu Fuß kommt, muss nicht vorbuchen). Das leichtere Schiff, das, das den Adler im Namen trägt, das, von dem aus man schon unterwegs die Seehunde sieht, ging nicht. Denn der Wellenschlag war so stark, dass es wohl abgehoben wäre. Die großen Wellen also schlugen gegen den Unterboden der Fähre: Wumm! Wumm!

Ja, und es regnete, als der Gefährte und P. die Fähre verließen und ihre Rucksäcke zur Villa buckelten, ja, zur der, von der man den weiten Blick hat: bei Hochwasser 2 km Sand bis zum Spülsaum, bei Niedrigwasser sogar 3. Ein Zimmer zur Miete mit Blick vom Küchentisch hinaus übern Strand. Aber da sitzen blieben sie nicht. Zum Strand gingen sie auch bei Regen, dahin, wo das erste Glas Wein der Reise wartet, jedes Mal wieder. Am Morgen strahlte ein Regenbogen, der einen Fuß im Watt stecken hatte, den anderen im Sand. Riesig stand er über der Insel und rahmte sie mit seinen Füßen.

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Schönste Stellen
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Kommt in den Garten

01.08.2024 · poliander

Was gibt es Schöneres als im Sommer im Garten zu sein und im Schatten dieses alten Baumes, des knorrigen, von dessen Zweigen die ersten Kornäpfel hängen – oh, wie sie duften! – also im Schatten, durch den bewegte Lichter spielen, zu sitzen und zu lesen?

Antwort?

Keine?

Oh, aber doch beinah genauso schön ist es, womöglich schöner, in diesem Garten hinter der Buchhandlung, im Sommer und am frühen Abend, wenn das Licht gerade noch durch die Zweige und die Blätter scheint, ausruhen und lesen hören. Und das wird bald sein.

Kommt in den Garten! Wir laden herzlich ein:

Katrin Heinau und Ulrike Gramann
im LeseGarten der Buchhandlung Lesezeichen

Katrin Heinau liest aus Tante Hilde in Gelb oder Alle sind verdächtig
Ulrike Gramann liest aus Die Unberechenbarkeit des Lebens
und Musik macht Cornelia Vraceanu
am 16. August 2024, um 19.30 Uhr
in der Buchhandlung Lesezeichen
Prießnitzstr. 56, 01099 Dresden

Bei Regenwetter an einem trockenen Ort.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen und grüßen herzlich und sommerlich
Poliander und Gramann

Koordinaten: 51° 3′ 3“ N, 13° 45′ 10“ O, Buchhandlung Lesezeichen

Bis dahin: Jede Woche ein Gedicht (Gramann: Nacht, Blitze in rascher Folge)

Weinraute, unbekannter Ort.
Foto: Gramann

Buchstabenfracht
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Spielzeit endet, Spielzeit beginnt

20.07.2024 · poliander

Berlin, den 20. Juli 2024

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

lange haben wir nicht von einander gehört. Dabei hätte es einiges zu berichten gegeben, eine Reise ans Meer, ein deutsch-türkisches Kinderbuch, ein Film über die Malerin Maria Lassnig, eine Lesung in Bernburg an der Saale, wo man P. so freundlich und offen begegnete, dass es eine Freude war. Und auch Sie haben, ihr habt ganz sicher mehr erlebt als sich in wenigen Worten sagen ließe. Oh, P. und Gramann, wir läsen sehr gern von guten Neuigkeiten!

Doch schreiben möchten wir heute etwas anderes, von einem Roman, gelesen vor Jahren, und einer Theateraufführung aus dieser Spielzeit, soeben gesehen.

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Begegnung · Reisebrief

Über Regen schreiben

26.03.2024 · poliander

Regen bringt Segen. P. wuchs auf dem Dorf auf und lernte von Kindesbeinen, dass es ohne Regen nicht geht.

An diesem Wandertag zum Beispiel hatte P. die nass quatschenden Schuhe längst ausgezogen und trug sie in der Hand während der Annäherung ans Herkunftsdorf. Das Ziel der Schritte war der schmale Weg aus Sandsteinplatten, die zum Haus führten, rechts und links glänzten nass die Kieselsteine, weiß und orange gefleckt, im Ohr hatte P. das Platschen der Füße im nassen Wanderweglehm auf dem Grund der Pfützen. Dann dieses körnige Gefühl unter den Sohlen vom Dorfstraßenasphalt. Und so weiter. Die Erwachsenen im Haus begrüßten das Gewitter, denn Wasser war kostbar, und sei’s weil es getragen werden musste. Auch P. hat oft Gießkannen getragen, zum Gemüse hin und manchmal den Blumen, doch stets ging das Essbare vor.

In der Stadt, wo P. jetzt wohnt, ist Regen für viele zuerst ein Ärgernis, „schlechtes Wetter“. Doch auch diese Leute wollen im Sommer gern unter Kastanien und Linden sitzen, nach der Arbeit, beim Wein.

Für andere ist Regen längst ein Politikum. Seit das Klima sich verändert – seit Jahrzehnten, und ebenfalls nicht erst seit gestern wissen wir von den Grenzen des Wachstums – also seit das Klima sich krisenhaft verändert, ist das Wetter tatsächlich politisch geworden. Regen bringt Segen, und wer’s nicht wüsste, muss nur ins Land Brandenburg schauen, wo die Wälder in beinahe jedem Sommer brennen. Der Rauch ist bis tief ins Herz der Stadt zu spüren, er reizt die Lungen der Stadt und der Menschen, die sie bewohnen, und mit jedem heißen Sommer wächst die Sorge, an der Klimakrise zu ersticken.

Auch darum schrieb der Berliner Verband der Schriftstellerinnen und Schriftsteller im letzten Sommer den REGEN als Thema für den herbstlichen Lesemarathon aus. Gefragt waren kurze Beiträge, lyrische, erzählende, außer dem Thema war alles freigestellt. Zusätzliche Brisanz erhielt das Literaturprojekt durch den Vorschlag, die eigene Arbeit mit einem Text zu ergänzen, der durch ein „KI“-Programm generiert werden sollte. Einige taten das auch, und es zeitigte erwartbare Ergebnisse, die gleichwohl ein Argument in der Diskussion um die Möglichkeiten, Grenzen und Risiken von artificial intelligence sein können.

Aus den Einsendungen wurde nicht nur ein kurzweiliger langer Leseabend, sondern auch eine Anthologie, die jetzt im Hirnkost Verlag Berlin erschienen ist. Regen-Texte enthält sie viele, dazu einige Prompts für ein KI-Programm und Ergebnisse der KI-gestützten Texterstellung. (Hier passt’s mal, das schlimme Wort „Erstellung“.)

Aber sehen Sie selbst:

Was P. noch mitteilt:
1. Ulrike Gramann ist mit „Regen und Zorn“, einem lyrischen Text in der Anthologie vertreten.
2. Einen Prompt für das KI-Programm hat sie nicht geschrieben und demzufolge auch keinen künstlichen Text von ChatGPT generieren lassen.

Und: Es ist ein schönes Buch entstanden, mit farbigen Seiten, die zwischen die Beiträge gebunden sind, Lesebändchen und einem Umschlag, der gut in der Hand liegt. Über die Texte, die Inhalte, die Form rät P., bilden Sie sich selbst eine Meinung. Lesen!

Koordinaten: Regen in Zeiten der Klimakrise oder Kann ChatGPT Literatur? Herausgegeben vom VS Berlin. Konzipiert, zusammengestellt und bearbeitet von Martina Wildner, Edith Ottschofski und Henning Kreitel. Hirnkost Verlag Berlin 2024.

Buchstabenfracht
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Hier ist er, und er ist eine Sie

08.03.2024 · poliander

Er, der Frühling. Sie, die Hummel.
Elegant hat sie ein Bein unter den Körper gezogen und bewegt sich in der warmen Sonne, sie, das feministische Tier: dick, kann fliegen, bringt den Frühling.

Liebe Frauen, wir machen weiter!

Koordinaten: 8. März.

Augenweide
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Wo ist er?

23.02.2024 · poliander

Koordinaten: der Frühling. 52° 27′ 29“ N, 13° 17′ 15“ O.

Augenweide

Lebensweisen: Herkunft und Aufenthalt

09.02.2024 · poliander

Kapitel 4: In der Anthroposphäre

Auch im Ruhrgebiet lebte ich einmal. Überrascht schaute ich auf hügelig grüne Landschaften, die mein Gefühl umso mehr bewegten, als in ihrem Hintergrund stets Industrieanlagen, Stadtteile, Fußballstadien zu sehen waren. Die tausendjährige Stiepeler Kirche am Rande von Bochum und den Tetraeder in Bottrop, der auf den Halden geschlossener Bergwerke ruht, bewahre ich in meinem Bildgedächtnis.

In tieferen Bewusstseinsschichten finde ich Sinneseindrücke, die mit Arbeit verbunden sind, mit der Wirtschaft. In Ostthüringen war das die Leiterproduktion, am Bodensee Wein- und Gartenbau. Meine Kindheit hindurch hörte ich Sägen kreischen. Als die Beerengründe des Holzlands zu verarmen begannen, ahnten wir, dass es mit der Fabrik zu tun hatte, wo Industriekeramik und Sintermetalle gefertigt wurden, es war die erste Fabrik, die ich von innen sah. Wie ein Schlag traf mich der unverkennbare Geruch nach Metallbearbeitung zwei Jahrzehnte später in Stuttgart-Untertürkheim, er war so stark, dass man ihn auch außerhalb des Werkes wahrnahm. Den Geruch der schwefelhaltigen Kohle dagegen, die in unseren Öfen brannte, erkannte überhaupt nur der Freund aus dem Westen, mir war er so vertraut, ich hielt ihn für einen naturgegebenen Begleiter von Herbst und Winter. Diese Eindrücke transportieren die Ambivalenz unserer Wirtschaftsweise, unserer Lebensweise.

Im Sommer 2022 hat die Trockenheit apokalyptische Ausnahme angenommen. Wir fühlen uns hilflos. Stur gießen wir ein paar Straßenbäume, deren Wurzeln unter dem verdorrten Gras vorm Haus stecken. Wo ist Heimat, wenn der Wald brennt? Er brennt überall. Er brennt in den Wäldern, die Städte umgeben, und er brennt da, wo es kaum Menschen gibt. Er brennt in Kraftwerken, in Fahrzeugmotoren, wir verbrennen die fossilen Wälder der Welt. Verantwortung brennt in unseren Entscheidungen über Verkehrsmittel, Lebensmittel, über unseren energiefordernden Medienkonsum. Alles, wer könnte das noch bestreiten, steht mit allem in Beziehung. Die Erde ist unsere Herkunft, unser einziger natürlicher Aufenthalt. Gaia ist kein ideologisches Konstrukt, sondern ein System hochspezialisierter Lebensräume, belebt von unzähligen Lebewesen. Und wir haben die Erde zur Anthroposphäre gemacht.

In diesem Augenblick, da ich das schreibe, fällt der erste nennenswerte Regen seit vielen Wochen. Ich möchte diesen Text so gern mit Zuversicht beenden.

Menschen verbanden Natur und Kultur, als sie den Garten erfanden. Gärten sind Metaphern und reales Ergebnis sinnstiftender Arbeit, sie sind das irdische Paradies. Die Erde braucht uns nicht. Wir brauchen die Erde unbedingt. Sie ist unsere Herkunft, unser Aufenthalt, unsere Heimat. Sehen wir Gaia als einen Garten, sind Wälder Zisternen und lebende Gendatenbanken. Zuversicht ist uns nicht von Geburt an gegeben. Zuversicht entsteht zeit unseres Aufenthalts auf Erden, indem wir versuchen, das Richtige zu tun. Nicht Heimat, Zuversicht ist die offene Frage.

Berlin, den 15. August 2022

***

Nachsatz: Der nasse Berliner Winter 2023/24 widerlegt die Sorge aus dem Jahr 2022 nicht. Und zugleich wurde gestern, am 8. Februar 2024, gemeldet, dass die Erderwärmung erstmals über 12 Monate lang durchschnittlich mehr als 1,5 Grad betrug: Nach einer Mitteilung des EU-Klimadienst Copernicus lag die Durchschnittstemperatur in den Monaten von Februar 2023 bis Januar 2024, global gesehen,1,52 Grad über dem vorindustriellen Referenzwert (Quelle: tagesschau.de). Wer Ohren hat zu hören: Höre!

Koordinaten: Im Frühling 2022 bat der Thüringer Literaturrat Autorinnen und Autoren aus Thüringen, sich in einem Essay mit Wort, Begriff und Thema Heimat auseinanderzusetzen. Die Beiträge erschienen 2022 und 2023 in der Reihe von Heimat zu Heimat. Aus aktuellem Anlass veröffentlicht Poliander Gramanns Essay in vier Kapiteln noch einmal hier. Sie finden ihn im Zusammenhang mit den anderen ebenfalls dort.

Kapitel 1 * Kapitel 2 * Kapitel 3

Copyright © für diesen wie alle Texte auf www.poliander.de: Ulrike Gramann
Bild unten: Fenchel / Freiland. Bild: Ulrike Gramann

Begegnung · Buchstabenfracht

Wie wir zusammenkommen: Herkunft und Aufenthalt

06.02.2024 · poliander

Kapitel 3: Im Sprachraum

Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt, in der auch ich lebe, sprechen ‒ die Angaben schwanken ‒ vielleicht 103, vielleicht 120 verschiedene Muttersprachen. Die Anwesenheit der Sprecher und Sprecherinnen so vieler Sprachen gehört zur innersten Substanz unseres Gemeinwesens.

Wir kamen her, obwohl der Stadt vieles fehlt, was an anderen Städten gerühmt wird. Was es hier schon immer gab, ist vor allem: Sand. Statt eines berühmten, bedeutenden Stroms fließt ein schmaler, in Kanäle gepresster Fluss durch die Stadt, in schlimm trockenen Jahren rückwärts. Die alten Römer mit ihren technischen Errungenschaften, ihrer Dekadenz, Eleganz und ihrem Wein kamen nicht bis hierher. Den Leuten unserer Region wurde vor zweihundertfünfzig Jahren lediglich befohlen, Kartoffeln zu kultivieren, damit die Mägen der Hungrigen gefüllt würden. Heute ist die Stadt eine Dauerbaustelle, stets wird etwas abgerissen, etwas anderes gebaut, ihre Schönheiten versteckt sie hinter Baugerüsten und Planen.

Groß wurde die Stadt mit dem Aufstieg der Industrie und dank der Menschen, die hier Arbeit suchten, Wohnung, Brot. Viele Leben waren nichts als Mühe, viele Wohnungen elend, klein, ungesund. Die kamen, brachten ihre Sprachen mit. Sie schufen eine gemeinsame Sprache voller Lehnworte, ein Idiom, das mehr vom Mutterwitz lebt als von seinem Charme. Hier begriff ich, dass Dialekte, Regiolekte, lokale Färbungen und sogar behelfsmäßige, reduzierte Varianten von Hochsprachen nicht schlecht oder gut sind. Entfernt von meinem Herkunftsort begann ich sie alle zu schätzen, ihre Drastik, ihre Handgreiflichkeit, ihr Berührtsein und ihre Berührbarkeit. Erklären Menschen, einen Dialekt grundsätzlich nicht zu mögen, widerspreche ich stets. Es kommt doch auf den Inhalt des Gesagten an, aufs Zuhören, aufs Verstehen. Die unendlich sich erneuernden Möglichkeiten der Sprache erzeugen gerade kein Gefühl von Heimatlosigkeit, sondern sowohl Illusion als auch Realität eines Raums, der sich verändert, verwandelt.

Die Heimat des Schriftstellers sei die Sprache, habe ich gelesen. Dieses Diktum scheint verführerisch einleuchtend. Aber stimmt es auch? Sprache ist mein Werkzeug. Als Arbeiterin im Weinberg der Literatur gebrauche ich es jeden Tag. Sprache kann ein gutes Werkzeug sein, sinnreich geformt, gut gepflegt, scharf geschliffen, manchmal abgegriffen, öfter blank gerieben im Gebrauch, ein scharfes Rebmesser oder eine spitze Traubenschere, mit der sich faule Beeren ausschneiden lassen, ohne die Traube zu zerstören. Als Spracharbeiterin liebe ich jenen glasklaren Satz, der in einem Film Aki Kaurismäkis fiel: „The working class has no fatherland.“ Ich greife ihn aus dem Zusammenhang, weil er mir passt, um zu sagen: Sprache hat kein Daheim. Auf das Deutsche, die Sprache, die mir am besten vertraut ist, trifft das exemplarisch zu. Viele brachten etwas mit, Wörter, Strukturen, die verändert, verwandelt wurden, neu zueinander gefügt, in einem Prozess, der fortgeschrieben, weitergesprochen wird. Sprache bleibt unterwegs. Sie ist nicht statisch, nicht begrenzt, sondern beweglich. So entsteht das vielsprachige Klingen im muttersprachlichen Raum.

(wird fortgesetzt)

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Koordinaten: Im Frühling 2022 bat der Thüringer Literaturrat Autorinnen und Autoren aus Thüringen, sich in einem Essay mit Wort, Begriff und Thema Heimat auseinanderzusetzen. Die Beiträge erschienen 2022 und 2023 in der Reihe von Heimat zu Heimat. Aus aktuellem Anlass veröffentlicht Poliander Gramanns Essay in vier Kapiteln noch einmal hier. Wenn Sie den kompletten Beitrag von Ulrike Gramann sofort lesen möchten, finden Sie ihn auf der Seite Literaturland Thüringen.

Kapitel 1 * Kapitel 2 * Kapitel 4

Copyright © für diesen wie alle Texte auf www.poliander.de: Ulrike Gramann

Begegnung · Buchstabenfracht