Polianders Zeitreisen

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Liebe Begine,

07.02.2022 · poliander

fünfunddreißig Jahre, was für eine Zeit! Ich wünsche der BEGiNE ‒ der Kneipe, der Kultur, der Kneipenkultur ‒ und allen Frauen, die daran mitarbeiten, Glück und Erfolg. Und den Gästinnen wünsche ich schöne Begegnungen, viel Vergnügen in der BEGiNE.

Was mich mit der BEGiNE verbindet, sind viele Besuche, gerade als ich um die fünfunddreißig war und eine bewegte Zeit durchmachte. Es war gut, an einen Ort zu kommen, wo keine von mir erwartete, einem bestimmten Bild von Frau zu entsprechen, wo niemand fragte und keiner ein Urteil über mich fällte. Da sein, einen Kaffee trinken, mit anderen einen Blick tauschen, wie einfach, wie wunderbar.

Was mich bald danach mit der BEGiNE zu verbinden begann, ist die beginische Aufmerksamkeit für das Schreiben von Frauen. In der BEGiNE lesen, mit Frauen über Literatur sprechen, ihre und eure Meinung hören, jedes Mal nehme ich etwas davon mit. Und dass die BEGiNEn in den langen Monaten der Lockdowns den Kontakt zu kulturinteressierten Frauen und zu uns Kulturarbeiterinnen hielten, ein Blog einrichteten, Veranstaltungen nach online verlegten, Ideen aufgriffen und sich selbst einiges einfallen ließen, tat gut, tut gut.

Was mich mit der BEGiNE verbindet, ist nicht zuletzt der Name. Die Beginen waren eine von mehreren mittelalterlichen Frauenbewegungen, die bekannteste und machtvollste. Sie bildeten Gemeinschaften, in denen sie als Frauen „keusch“, das hieß: ohne aufgezwungene Ehe, und von ihrer Hände Arbeit lebten. In vielen Städten arbeiteten sie mit großem wirtschaftlichem Erfolg, besonders, aber nicht nur in der Textilherstellung. Das provozierte die Zünfte. Die beginischen Ideale von Armut und Keuschheit, ihre Kritik an den sexuellen Übergriffen von Klerikern provozierten die Kirche. Wie aktuell! Als soziale Bewegung wurden die Beginen laut und sichtbar. Sie sind Frauen, an die zu erinnern uns ermutigt, patriarchale Verhältnisse zu untergraben. Wir können uns auf sie berufen.

Liebe BEGiNEn, ich wünsche Euch ein langes Leben und dass die BEGiNE ein so freundlicher Ort für Frauen bleibt!

Koordinaten: Die BEGiNE im Netz.
Polianders Brief mit © Ulrike Gramann erschien gedruckt im BEGiNE-Geburtstagsheft.
Foto: BEGiNE-Geburtstagsheft mit zahlreichen Beiträgen und Glückwünschen.
Mehr Wissen über die Beginen: steht in den Büchern aus Polianders Feminismus-Regal, nämlich beispielsweise:
Ute Weinmann: Mittelalterliche Frauenbewegungen. Pfaffenweiler 1999
Bonnie S. Anderson, Judith P. Zinsser: Eine eigene Geschichte. Frauen in Europa. Bd. 1: Verschüttete Spuren. Zürich 1992
Erika Uitz: Die Frau in der mittelalterlichen Stadt. Leipzig 1988.

Begegnung · Reisebrief · Schönste Stellen
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Kranz oder Krone (81) – Stand der Dinge, Wandel der Sterne

21.01.2022 · poliander

Wann schrieb P. zuletzt von C.?
C., noch immer wie Covid, Corona, Sars-Cov-2.

Geräusche: Türenklappen auf einer anderen Etage. Topfdeckelklappen in der Küche. Radio im Zimmer.

Vor dem Fenster: Stille. Auch wenig Schnee dämpft die Schritte. Glatteis, alle gehen vorsichtig. Wintersonne, blaues Licht.

Die tägliche Aufzählung der Krankheitsfälle hilft kaum, wenn es heißt, an Verantwortung zu erinnern. P. schaltet die Nachrichten aus. Wer sich bis heute nicht für Verantwortungsübernahme entschieden hat, oder schlimmer: dagegen, wird es kaum mehr tun. Und ob es zehn Infizierte sind oder 10.000, P.s Maßnahmen sind gleichbleibend: Rücksicht, Vorsicht, die nötige Aufmerksamkeit, um sich und andere nicht zu gefährden. Der Rest ist Zufall, Schicksal, das Unvermeidliche.

Glatteis, auch wer vorsichtig geht, kann ausgleiten. Was nicht heißt, dass man absichtlich schlittern soll.

Menschen sehen, unbedingt und unbedingt mit Vorsicht. Wir sind Menschen, wir leben von Natur aus in Gruppen und nur ausnahmsweise, kurzzeitig allein. P. organisiert sich das Glück, Glück mit Menschen zu teilen. Eine schön geformte Spirale betrachten, klugen Gedanken zu folgen, herzliebe Menschen wiederzusehen. Freundinnen, die sich schon vor der Pandemie ein Jahr lang nicht hatte treffen können, bringen es nun leicht auf drei Jahre ohne Begegnung. Aber dann besteigt P. den Zug und klingelt an einer Tür, hinter der wartet die Freundlichkeit in Person, Aufmerksamkeit, Geschichten, Gespräche und frisch gebackenes Brot. Und in der Tasche trägt P. ein Geschenk, ein Lesezeichen und ein schwesterliches Ferment.

Oh ja, P. fährt Zug. Und P. sieht sich trotzdem vor. Zwei Jahre Pandemie, der Abstand, der so viel größer ist als der mitteleuropäische Unbehaglichkeitsabstand, ist nichts Neues mehr. P. schreibt wenig von C., und ungern. Aber eins ist bestimmt: Auch diese Zeit ist unser Leben, und wir werden die zwei Jahre am Ende nicht anhängen können wie einen zusätzlichen Waggon.

Später schaltet P. das Radio wieder ein. Es gibt noch andere Themen als C.

Im Januar 2022 erscheinen alle Planeten am Nachthimmel, zumeist in der Dämmerung.

Heute keine Poesie. In den Nachrichten des Tages erscheinen, deutlich und deutlicher als je, die Taten katholischer Machtmänner, erscheint der Unstern der katholischen Funktions- und Würdenträger.

P.s Gefährte fühlt sich an die untergehende DDR erinnert: Nichts zugeben, alles leugnen. Notfalls schwammig zugeben, was eindeutig nachgewisen ist. Bedauern heucheln, das ist die Arroganz der Macht. Und Joseph R. (94), gewesener Papst, erklärt in diesen Tagen, er wisse von nichts, wolle aber “für die Opfer beten”. P. regt sich auf. P. fragt sich, wer unter den Überlebenden der Verbrechen auch nur einen Pfifferling auf so ein Gebet geben mag.

Das hat nichts mit der Pandemie zu tun und nichts mit dem Wetter. Und was hat ein Ex-Funktionär mit Gott zu tun?

Kein Glatteis in der Sakristei, auf dem etwa schwache Menschen moralisch hätten entgleisen können. Sondern die Verbrecher haben sich bewusst in eine Struktur begeben, in der sie ihre Taten verüben konnten und sicher waren, von ihren Oberen gedeckt zu werden.

Kranz oder Krone? Mit dem Infektionsrisiko umgehen ist wichtig. Aber nicht das einzig Wichtige in diesen Tagen. Und Verantwortungsübernahme ist nicht nur in Sachen Sars-Cov-2 vonnöten.

Und wer will da hinterm Berg halten?

Koordinaten: 20. und 21. Januar 2022. Bericht in der FAZ am 21. Januar 2022: Die Lüge Benedikts. Missbrauch im Erzbistum München. Zahlreiche andere Medienberichte.
Covid-Zahlen: 8.460.546 bestätigte Fälle (Zahl laut täglichem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 21. Januar 2022), davon ca. 1.166.100 aktive Fälle. Genesene: ca. 7.178.000 (vom RKI geschätzter Wert zum gleichen Datum). Einmal geimpft: 62.652.99, zweimal geimpft: 60.859.24, dreimal geimpft: 41.212.54 (alle drei Zahlen laut Lagebericht vom gleichen Datum).

Kranz oder Krone
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Hundert

10.01.2022 · poliander

Das Meiste, was Poliander über Mythos und Märchen weiß, hat P. von Franz Fühmann gelernt, oder muss man sagen: aus Franz Fühmann? P. ist ihm nie begegnet. Nur seinen Büchern.

Das Märchen kennt Wunderautomaten; der Mythos, strenggenommen, weder Automaten noch Wunder.
in: Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens

Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, das erschien 1980 in erster Auflage in Reclams Universal Bibliothek Band 860, weiße Schrift, schwarzer Grund, die noch immer tief vertraute Gestaltung des Umschlags von Irmgard Horlbeck-Kappler, tief im Bewusstsein verankert: So muss ein Buch aussehen. Das Copyright lag beim VEB Hinstorff Verlag Rostock 1973, aber P. hatte immer dieses Reclamheft, printed in the German Democratic Republic. 2,- M. Alle griffen schnell zu, billiges Geld war genug da, es mangelte an den Büchern, nach denen wir gierten. Franz Fühmann. Abgeschabter Umschlag, doch der schmale Rücken ist dem Buch nicht gebrochen. Das holzhaltige Papier ist dunkel bräunlich verfärbt von der Luft in Berlin, all dem Kohlendioxid, all dem Schwefeldioxid vom Verbrennen der billigen Kohle, die doch in Berlin-HauptstadtderDDR noch immer besser war als in den Bezirken, später dann vom Ozon und dem Feinstaub des Autoverkehrs in Gesamtberlin, daran leiden P.s Bücher bis heute. Von den Lungen nicht zu reden.

Zweiundzwanzig Tage Ungarn, immer wieder diese zweiundzwanzig Tage, P. las das Buch auf vielen Reisen, oft also, man soll ja auf Reisen immer etwas Entgegengesetztes lesen, also in den Alpen etwas von der Küste, auf Spitzbergen etwas von der Sahara und so weiter (und P. schreibt das mit der größten Schamlosigkeit und ignoriert, dass die Welt augenblicklich nur in zwei große Zonen eingeteilt ist, “Hochrisiko-” und andere, und gemeint ist das nicht etwa politisch, sondern bezieht sich nur auf die Verbreitung eines bestimmten Erregers). P. schweift ab, das hat sie auch von Fühmann gelernt, aber egal, aber jedenfalls: Fühmanns Ungarntagebuch ist als Sprach- und Denkbericht noch immer entgegengesetzt zu ungefähr allem.

Von Fühmann kann man das Handwerk lernen, das, wie er es in Zweiundzwanzig Tage nennt, Scheißhandwerk. Jedes Wort umkreisen, wie er es tat, am Text arbeiten, wie er es tat, mit immer neuen Korrekturgängen, die ihn dazu brachten, Bretter zu kleben aus immer wieder korrigierten Manuskriptseiten, am Ende fest wie Pappmaché. Und wie leicht das heute geht, nur dass die Zwischenzustände im Computer verschwinden, wenn du sie nicht abspeicherst.

Handwerk lernen, da hat P. noch zu tun.

Morgens beim Aufwachen diesen Traum
Fühmann: Wie er seine Träume notierte, und wie er andere Träume erfand, und welche Träume das wohl waren, die er für sich behielt. Und wie er die Geschichten nacherzählt, die von Gellert vielleicht, dem Patron der Stadt Budapest.

Und eine Episode, über die man nicht genug nachdenken kann. Gellert ist mit Reisigen unterwegs und hört plötzlich das Knarren einer Mühle und dazu den Gesang einer Frau. Näher kommend entdeckt er ein Weib, das singend die Weizenmühle dreht, und fragt seinen Begleiter: “Sag Walter, läuft die Mühle nun durch die Kunst oder durch die Arbeit?”
Walter: “Durch beides, Vater, durch die Kunst und die Arbeit, denn es ziehet ja nicht irgendein Tier, sondern man muss die eigene Hand dabei herumdrehn!”
Gellert: “Welch eine merkwürdige Sache, wie das Menschengeschlecht sich ernährt. Gäbe es keine Kunst, wer könnte ide Arbeit ertragen?”
Ein Satz, den ich sofort unterschreibe.

Sagt Fühmann, wieder in Zweiundzwanzig Tage.

Nebenan brüllt das Radio Walzer um Walzer. “Gäbe es keine Kunst, wer könnte die Arbeit ertragen?”
Aber wie erträgt man die Kunst

Durch Arbeit

Schreibt Fühmann in Zweiundzwanzig Tage.

Das berühmte, geradezu sprichwörtliche Bergwerk Fühmanns, in dem er kämpfte und litt, und das kein Buch wurde, sondern seine Bücher, dieses Bergwerk also war der Abbau der Worte vor Ort, und wenn Zweiundzwanzig Tage ein kleiner Tagebau ist, so ist Vor Feuerschlünden eine Tausende Meter tief reichende Grube, und auf irgendeiner tiefen Sohle steht die heilige Barbara, die den ewigen Fühmann, den Wort-Bergmann beschützen möge. Doch das geht jetzt zu weit hier, das kann P. nicht so auf einmal in einem einfachen Logbucheintrag erklären, was Vor Feuerschlünden eigentlich ist. Oder gewesen ist, in diesem Land damals, in dem Fühmann so hartnäckig von seiner Wandlung schrieb.

Und man muss lernen, und dann muss man wieder vergessen, damit man überhaupt und auch nur irgend etwas arbeiten kann. Ob Fühmann das gesagt hat, weiß Poliander auch nicht.

Dahintreiben, aufspringen, gehen.

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Wesentlich, es jedem Wort über Franz Fühmann hinzuzufügen und nachzutragen: Franz fühmann ist einer der wenigen deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit, der sich in seinen Schriften, mit seiner Verstrickung und individueller Schuld im NS auseinandersetzte. Anders als andere tat er dies nicht erst im hohen Alter (das er nie erreichte) und auch nicht erst, als es ihm durch historische Forshcung nachgewisen wurde. Sondern er sprach schon früh davon, als Jugendlicher und junger Mann gläubiger “Nationalsozialist” gewesen zu sein. Seine persönliche Geschichte, seine Wandlung ist der wichtigste und tiefste Bestandteil seines schriftstellerischen Werks.

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Koordinaten: Am 15. Januar wäre Franz Fühmann einhundert Jahre alt. Biografie nach Wikipedia.
Hören: Kindheitsmuster Herkunftsmonster. Lange Nacht über Christa Wolf und Franz Fühmann. (Nachlesen, zeitweilig auch noch nachhören, nur sehr kurz auch Download.) Schwerpunkt der dreistündigen Sendung, in der man auch Originaldokumente mit Fühmanns Stimme hören kann, ist Fühmanns Leben und Werk.

Begegnung
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Der Schein am Himmel

06.01.2022 · poliander

Sonne, Mond und Sterne.

Der Mond ist die schmale Sichel des diesjährigen Epiphaniastages, die Bauchung wie beim altmodischen Z zeigt an, dass er zunimmt. Der Himmel ist klar, das zeigt kommende Kälte. Vielleicht wird Schnee fallen. Vielleicht auch nicht.

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Augenweide

Rüberlaufen

30.12.2021 · poliander

Als der Winter kam und das Jahr zu Ende ging, legte Poliander Beifuß in die Schuhe. Denn das Jahr war alt geworden und Poliander spürte es in den Knochen. Beifuß war das Kräutlein, das die Füße weckte, das wach hielt und geschmeidig machte. Der Weg war noch nicht zu Ende, und im neuen Jahr sollte er ja gleich wieder in den nächsten übergehen.

Nur nicht müde werden.

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Begegnung · Erregung
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Weihnachtsfreude

24.12.2021 · poliander

Liebe Leserinnen und Leser und liebe zufällig Vorbeischauende,

Poliander und Gramann wünschen Ihnen und Euch allen fröhliche Weihnachten, schöne Stunden mit den Liebsten und Momente des Innehaltens, allein und mit anderen, und vor allem Hoffnung und Zuversicht!

Fröhliche Weihnachten

Beten, strampeln, kochen

Anbeten, strampeln, kochen, blasen: Relief aus dem Erfurter Dom

Koordinaten: O du fröhliche mit dem Windsbacher Knabenchor und Bäumchen-wechsel-dich-Aufstellung

Schönste Stellen
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Prolog Nr. 23 erscheint: Re-izende Selbst- und Wirklichkeits-Re-konstruktionen

07.12.2021 · poliander

Liebe Freundinnen und Leser, Leserinnen und Freunde,

freudig bewegt teilen wir mit, dass Prolog – Heft für Zeichnung und Text Nr. 23 soeben erschienen ist.

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Buchstabenfracht
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Lesefrüchte (2)

01.12.2021 · poliander

Überraschend blühten die Korallenärmchen der Leseblume auf:

Überraschend fand sich die Lösung: Die Blume ist eine Jatropha-Art, die wiederum zu den Wolfsmilchgewächsen, den Euphorbien, gehört. Davon gibt es viele, die alle unterschiedlich aussehen. Oder, wie ein gestandener Botaniker P. einst vermittelte: Was man nicht bestimmen kann, sieht man als Euphorbia an. Hier hat sich’s, wie es scheint, wieder einmal bewahrheitet. Und wer weiß, vielleicht finden wir auch noch heraus, was sich in den grünen Gebilden verbirgt.

Liebe, nicht genannt sein wollende Hinweisgeberin, danke! P. wird sich persönlich erkenntlich zeigen.
Die Blume indessen hat sich zu einer Amaryllis gesellt:

Koordinaten: Jatropha.

Augenweide

Lesefrüchte

27.11.2021 · poliander

Dankeschön für die Blumen, EWA!

Liebe Leserinnen und Leser,

Kennen Sie diese Blume? Ich meine nicht das Ornithogalum (links) und nicht den Pistazienzweig (hinten), sondern den dritten Zweig (vorn rechts). Ein Tier ist es nicht und kein Pilz, bleibt: Blume. Sachdienliche Hinweise sind willkommen. Kontaktaufnahme gern über Polianders Nachrichtenfeld beim Literaturport.

Herzlichen Dank und herzliche Grüße
P. und Gramann

Koordinaten: 52° 32′ 39” N, 13° 25′ 38” O

Augenweide

Kranz oder Krone (80) – Leben auf Abstand, wollen wir das?

24.11.2021 · poliander

Kranz oder Krone: seit drei Monaten nichts in dieser Rubrik geschrieben.

Kranz oder Krone: Seit beinahe zwei Jahren halten wir sorgsam Abstand zwischen uns und den anderen. Wir schützen uns, wir schützen sie. Und umgekehrt.

Kranz und Krone: Als es losging, diese Kranz-Krone-Sache, wies eine Frau Poliander zurecht. P. nämlich hatte gesagt, dass wir Menschen in Herden leben. Die Frau sprach: “Ich bin kein Herdenmensch!”

Das Wort Herde enthält von Natur aus keine Bewertung. Viele Tiere leben in Herden. Herde ist ein Begriff aus der Zoologie. Er steht für eine Gruppe gleichartiger Tiere, meist Säugetiere und große Vögel, oft sind es Tiere, die sich überwiegend oder ausschließlich von Pflanzen ernähren. Diese Gruppen haben eine soziale Struktur, manche beziehen sich in ihrer sozialen Struktur auf ein Leittier, andere sind eher lose organisiert. Ihre Selbstorganisation in einer sozialen Struktur hilft den Tieren, beispielsweise Huftieren, sich vor Beutegreifern zu schützen. Oder, beispielsweise bei Pinguinen, hilft das Herdenverhalten, bei kalten Witterungsbedingungen die Körperwärme zu bewahren. Und so weiter.

Auch Pflanzen sind gern gesellig.

Menschen?

Wer in einer Großstadt lebt, kann dem Kontakt zu anderen Menschen ganz sicher nicht ausweichen. Wir kommen einander nahe. Wenn es zuviel wird, ziehen wir uns vielleicht zurück, oft fahren wir dafür extra aufs Land oder, wie P. das gern tut, auf eine Insel. Doch schon auf dem Weg zur Insel und dort erst recht und umso mehr, je länger wir bleiben, sind wir aufeinander angewiesen. Wenn wir sagen: Ich brauch mal Abstand, dann weil es eben nicht selbstverständlich ist, dauerhaft auf Abstand zu leben. Abstand kann gut und hilfreich sein. Zugleich kennen, mögen, lieben fast alle von uns Menschen, zu denen sie allenfalls zeitweilig ein wenig Abstand halten möchten. Und dann wieder zurück kommen in die vielleicht kleine, aber so gut wie immer vorhandene Gruppe von Kolleginnen, Freunden, Gleichgesinnten, zurück in den Gesprächszusammenhang, zurück zu den Menschen, mit denen man für ein paar Stunden gemeinsam im Kino sitzt, durch eine Ausstellung geht, durch den Wald läuft, zurück zu den Menschen, die ebenfalls ein Brot kaufen oder einen Kaffee trinken wollen. Zurück zu den Geliebten.

Was ist ein Leben ohne Nähe, ohne Berührung? Reicht es aus, ab und zu einen Baum zu umarmen?

Sie verstehen, was Poliander meint. Oder etwa nicht?

Kranz oder Krone: Kinder waren solidarisch, als es hieß, Oma und Opa würden sterben, wenn sie sich nicht zurückhielten. Und was für eine Last für sie, dass es ihnen so gesagt wurde! Und nun, wie sollen sie jemals wieder normal zur Schule gehen, wie sollen sie herausfinden, wie sie leben wollen, wenn wir Erwachsenen nicht solidarisch sind?

Kranz oder Krone: Poliander liest viel. P. fühlt sich nicht schlecht informiert. Natürlich, ein bisschen Mühe machen darf man sich schon, wenn es um die eigene Haltung geht, die man entwickeln möchte, um die eigene Entscheidung, die man finden muss. Über “die Medien” zu schimpfen, ohne einen Unterschied zwischen einzelnen Medien auch nur zu erwägen, und dann obskuren Websites zu glauben, das findet P. unredlich. “Die Medien” gibt es nicht. Jede, auch die beste, auch die schludrigste Website ist ein Medium, genauso wie die Knallblättchen mit Promireport, genauso wie die von gut ausgebildeten Journalistinnen und Journalisten gemachten Zeitungen mit ordentlich recherchiertem Wissenschaftsteil es sind. Lesen Sie den Wissenschaftsteil!

Wer den Begriff Herdenimmunität nicht mag, kann auch Community Immunity sagen.

Fragen Sie Ihre Hausärztin!

Kranz oder Krone: Wir, Poliander und Gramann, sind eine sehr kleine Herde, wir können auch ich sagen. Ich kann lange argumentieren. Vieles, was ich denke, manches, was ich weiß, hat eine andere schon einmal formuliert. Vielleicht kann ich es dann anders, aber nicht unbedingt besser oder kürzer sagen. In diesem Fall – also dem SARS-CoV-2-Virus und der Frage, wie wir uns als Gruppe von Individuen dazu verhalten, – war das Luisa Francia, die mit ihrer Meinung selten hinterm Berg hält. Diesmal finde ich Luisa Francias Meinung überaus lesenswert: www.salamandra.de Es geht um den Tagebucheintrag von heute, 24. November 2021, früh um 6 Uhr und 8 Minuten.*

Kranz oder Krone: Es gibt einen Weg aus der Krise. Viele Menschen sind ihn gegangen oder gehen ihn gerade jetzt.

Vor ein paar Tagen lief P. über einen Strand an der Ostsee. Das Meer war hell, an manchen Stellen glatt wie ein Spiegel, die Wellen platschten leise, winzige Steinchen rollten und raschelten. P. war nicht allein da, sondern gemeinsam mit dem Gefährten in einem Bus gekommen, in dem sie fast die ganze Zeit die einzigen Fahrgäste waren. Viel Landschaft unterwegs. Viele Menschen dann gingen über den Strand, freundlicher Abstand, freundliche Nähe. Hund kam gelaufen, schubste P. sanft gegens Bein, fremder Mensch entschuldigte sich. Es macht nichts aus, sagte P. Alle gingen weiter. Es war in Schleswig-Holstein. Da drüben, das ist schon Mecklenburg, sagte der Gefährte und deutete auf jene verblaute und ein wenig graue Küste. Dort stand ein kleiner Regenbogen, der nach oben in einer Wolke verschwand. Spätnachmittagssonnenwolkenlicht. Kein Foto, nur schauen. Und als wir zurückfuhren, fragte die Busfahrerin: Und, wie war’s?

Wie wollen wir leben? Mit oder ohne Kontakt, mit oder ohne Kultur, mit oder ohne öffentliches Leben? Mit oder ohne Solidarität?

Koordinaten: November 2021
Covid-Zahlen: 5.430.911 bestätigte Fälle (Zahl laut täglichem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 23. November 2021), davon ca. 651.500 aktive Fälle. Genesene: ca. 4.680.000 (vom RKI geschätzter Wert zum gleichen Datum). Einmal geimpft: 58.697.074, zweimal geimpft: 56.570.199, dreimal geimpft: 6.106.025 (alle drei Zahlen laut Lagebericht vom gleichen Datum).
Covid-Wissen: Reportage aus der FAZ über eine Nacht auf einer Intensivstation im Darmstädter Krankenhaus, auf der Menschen mit schweren Verläufen behandelt werden: “Auf der Endstation“.

* Einzelne Einträge auf www.salamandra.de, so auch derjenige vom 24. 11. 2021, können leider nicht direkt verlinkt werden. Der tagesaktuelle Eintrag befindet sich stets oben auf der Seite, wird aber nach unten wandern. Das muss die Leserin dann gegebenenfalls auch tun.

Kranz oder Krone