Polianders Zeitreisen

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Sprechen und Sein

20.02.2020 · poliander

Jeden Tag geht Poliander hinaus. Jeden Tag geht Poliander hinein. Jeden Tag findet Poliander sie, jeden Tag kommt sie zu Poliander: die Sprache. Sprechen hören, sprechen und gehört werden, lesen, schreiben und gelesen werden, das ist P.s Leben. Wird nach P.s Beruf gefragt, antwortet P. oft: „Lesen und schreiben.“ Als P. von diesem Buch hörte, von diesem Titel „Sprache und Sein“, stutzte P. Die Besprechungen klangen interessant. Der Titel aber klang nach Heidegger und seinen Exegeten, womöglich als ob eine hier nach den Sternen griffe, ein bisschen zu hoch, ein bisschen zu weit, von allem ein bisschen zu viel.

gümüsay sprache und sein

Warum sollte Kübra Gümüşay nicht nach den Sternen greifen?

Und so beginnt sie mit dem Licht eines Himmelskörpers, das, wenn sein Leuchten auf die Meeresoberfläche trifft, im Türkischen mit dem Wort yakamoz bezeichnet wird. Und dieses Wort, tatsächlich, hat im Deutschen keine Entsprechung, vor allem keine, die sich mit einem einzigen Wort benennen ließe. Dieses leuchtende Wort yakamoz bewirkt, so Gümüşay, dass sie das, was es bezeichnet, erst oder erst richtig wahrnimmt, seit sie das Wort dafür hat. Was es bezeichnet? Nehmen Sie das Buch, lesen Sie selbst. Was P. dazu beiträgt, ist nur eine Kleinigkeit: Das „z“ am Ende hört das Ohr als ein weiches „s“, wie in so vielen Sprachen, nur nicht im Deutschen.

Mit dem überaus poetischen Beginn ihres Texts gibt Gümüşay dieses und viele andere Beispiele dafür, wie Sprache und Sein für uns, uns Menschen, von Anbeginn ineinander verwoben sind. Ich spreche, schreibe und denke in drei, ich fühle in vier Sprachen, sagt sie von sich selbst. Zwei der drei Sprachen, in denen sie denkt, lernte sie von Mädchenbeinen an, türkisch und deutsch. Dann kam die englische Sprache. Auch die vierte der Sprachen, in denen sie fühlt, das Arabische, hörte sie schon als Kind, als Neugeborenes sogar schon, ihr Großvater flüsterte ihr die ersten Worte Arabisch ins Ohr.

Davon lesend, fühlt die Leserin, fühlt P., wie auch für sie jede der Sprachen, die sie spricht und versteht, eine eigene, tiefe Bedeutung hat, wie jede mit einem Gefühl, einem Gemisch von Gefühlen verbunden ist. Der Dialekt, als Kind gehört, vom Vater verboten, das Hochdeutsch, um das sich das Kind zu mühen hatte, die erste, die zweite, die dritte Sprache. Die lebenden Sprachen, die sie teilen kann, die toten, die ihr nur geschrieben begegneten. Und jener Tag, als ihr eine jener toten Sprachen urplötzlich lebend begegnete, wiederum in einem Dialekt. Plötzliches Leuchten. Daran zu denken, bewegt P.

Ah! P. vermisst Heidegger kein bisschen beim Lesen.

Von Geschichten, vom Berichten ihrer eigenen Erfahrung und der anderer Menschen, die wie sie schon als Kinder in zwei Sprachen oder sogar drei aufwuchsen, kommt Gümüşay zu einem der größten Probleme der Gegenwart und genau dieser Tage, in denen wir leben. Zum Missverstehen-Wollen, In-Schubladen-Stecken und In-Schubladen-Gesteckt-Werden, zum Sich-Einordnen-Lassen-Müssen, zum Benanntwerden und Sich-Benennen-Lassen-Müssen, zur Hassrede zuletzt. Dazu, dass diejenigen, die sich selbst als „Mehrheit“ verstehen, als „Norm“ begreifen, die sich in der Gesellschaft als „oben“ behaupten, alle anderen benennen wollen und benennen. Dass Menschen andere „die mit M-Hintergrund“* nennen, zum Beispiel, oder „K-Mädchen“*. Dass sie die Anderen nicht als Menschen, als Individuum zu sehen bereit sind, sondern sie zum Typen machen, in eine Schublade stecken, in der der Aufenthaltsstatus oder die Kopfbedeckung angeblich alles sagen über eine Person, deren Individualität auf diese Weise negiert wird. Gümüşay findet dafür das eindringliche Bild eines Museums der Sprache, in dem die einen frei herumgehen und alles benennen, bewerten können, die andere, die „Benannten“ aber nur zur Verfügung zu stehen haben, dienend, in Käfigen. Und wehe, wenn die Benannten Ihre Benenner als „alte weiße Männer“ ebenfalls in eine Schublade werfen. Nur mal als Beispiel.

Und wer das liest, kann, darf und sollte sich fragen, wo er oder sie steht in diesen Zuweisungen. Und wo stehen wir wann und in welcher Situation, haben wir immer die gleiche Rolle? Oder wechselt das? Dass die Leserin sich diese Frage stellt, damit ist viel gewonnen, und wenn ein Leser sich das fragt, bedeutet es zumindest eine kleine Hoffnung.

Es schadet nicht, einmal zuzuhören und zu lesen, wie Gümüşay beschreibt, wie sie immer und immer wieder nicht als Kübra, als ein Mensch, ein Individuum angesprochen wurde, sondern als Repräsentantin, als „muslimische Frau“ (die folglich alle anderen Musliminnen oder sogar Muslim!nnen zu repräsentieren und zu erklären habe), „als junge muslimische Frau“ oder was der Stereotypen noch mehr sind. Und wie dabei die Stereotypen aufeinanderstießen, denn sie ist ja so viel mehr als Frau oder Muslima, unter anderem Hamburgerin, Mutter, Feministin. Mensch eben, individuell, wie wir alle. Nehmen Sie es zur Kenntni, Leserin, Leser, ja, das können Sie verkraften! Und es ist gar nicht schwer, denn Kübra Gümüşay hat darüber in einer bewussten, genau richtig poetischen und klaren Sprache geschrieben.

Nun gut, so weit, so gut sei das ja alles, hat P. inzwischen in mehreren Rezensionen gelesen. Doch am Ende, wenn es darum ginge, wie man das ändern kann, wie man den Hass wieder herausbekomme aus der Sprache, seien Gümüşays Vorschläge doch eher spärlich und dünn.

P. sieht das nicht so.

Ganz klar: Gegen Terror brauchen wir den Staat, die Polizei, die die Augen vor nichts verschließen darf, wir brauchen kluge Gesetzgebung und entschiedene Justiz. Das sind starke Mittel, Menschen vor Angriffen zu schützen. Daran gibt es keinen Zweifel.

Doch die Sprache, das Sprechen, das Gespräch gehören unverzichtbar dazu. Miteinander zu sprechen, sich auseinanderzusetzen und übereinzukommen, ist sehr wohl ein Konzept. Sprache und Sprechen sind Voraussetzungen für die genaue Analyse, ohne Sprache finden wir nicht in eine demokratische Haltung bei der Bewertung dessen, was geschieht, ohne Sprache erfinden wir keine Veränderung. Wir wollen, müssen miteinander darüber sprechen, wie wir unser Zusammenleben organisieren. Gümüşay zitiert den afroamerikanischen Bürgerrechtler Adam Claytin Powell jr., der ihr zufolge gesagt hat: Entweder wir praktizieren die Demokratie, die wir predigen, oder wir halten den Mund. Und sie zitiert weiter, nämlich die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan: Der Kernkonflikt in postmigrantischen Gesellschaften dreht sich nur an der Oberfläche um Migration – tatsächlich ist der Konflikt jedoch angetrieben von der Aushandlung und Anerkennung von Gleichheit als zentralem Vesprechen der modernen Demokratien, die sich auf Pluralität und Parität als Grundsatz berufen.

Miteinander sprechen, aushandeln, das klingt für manche Leser!nnen, für einige Rezensent!nnen wie ein schwaches Argument. Für P. ist es eines der stärksten Argumente, auf die wir uns berufen können. Denn es geht dabei, wie Gümüşay zu Recht betont, darum, im Gegenüber den Menschen zu erkennen, das Individuum mit einer individuellen, unverwechselbaren Geschichte.

Und weil auch P. nach den Sternen greifen will, schaut P. zu einem der schönsten Sterne am Himmel der Denker!nnen. Eines von Gümüşays vielen, gut gewählten Motti und Zitaten, an prominenter Stelle und gleich zu Beginn, stammt von Dschalal ad Din Rumi, und es lautet:
Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort.
Dort treffen wir uns.

P. erinnert sich, dass es eine Zeit gab, in der Bücher, Manuskripte, Texte auch aus klug gfundenen und an den besten Platz gestellten Zitaten, also den Gedanken anderer, bestanden und diese, im Licht der eigenen Gedanken, zu neuen Gedanken führten, zu ihrem Sitz im Leben. Und darum ist der Titel des Buchs so gut gewählt: Sprache und Sein.

So sei es.

Koordinaten: Kübra Gümüşay, Sprache und Sein, Hanser Berlin 2020.
* Ja, ich könnte diese Wörter ausschreiben. Aber ich möchte es nicht, da ich die damit verbundenen Stereotypen hier nicht reproduzieren will.

Begegnung
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„Die Sportlerin“ im Aquarium

15.01.2020 · poliander

Poliander und Gramann freuen sich ganz besonders, eine Veranstaltung auf Einladung des feministischen Archivs FFBIZ e.V. bekanntzugeben:

Die Geschichte der feministischen Kickboxerin Claudia Fingerhuth
Lesung mit Ulrike Gramann

Aufgewachsen im West-Berlin der 1960er Jahre, erlebt Claudia Fingerhuth die politischen Auseinandersetzungen der 1980er in Berlin-Kreuzberg, Proteste, Umbrüche, Aufbrüche. Die Frau mit dem Körper einer Leistungssportlerin begegnet Kickboxen, feministischer Selbstverteidigung und Wendo und verschreibt sich konsequent dem Breitensport. Unsere Kraft erkennen und freisetzen, gemeinsam in Bewegung sein, unabhängig davon, welche körperlichen Voraussetzungen wir mitbringen, unabhängig davon, welche Verletzungen aus der Vergangenheit uns begleiten, das ist Claudia Fingerhuths Konzept. Denn: „Du musst keine geborene Kämpferin sein, um mit uns zu trainieren!“

Wann? Donnerstag, 30. Januar 2020 von 19:00 bis 21:00
Wo? Im Aquarium, Am Südblock, Skalitzer Str. 6, 10999 Berlin-Kreuzberg
Wer? Alle, die sich für Geschichte und Geschichten, besonders von Frauen, besonders aus den 80er Jahren und ganz besonders für bewegte und bewegende Geschichten interessieren, sind herzlich willkommen!

Und mit besonderem Vergnügen weisen wir darauf hin, dass das FFBIZ selbst ebenfalls eine spannende Geschichte hat. Nachlesen? Hier.

Koordinaten: 52° 29′ 15“ N, 13° 23′ 0“ O, Aquarium.

Buchstabenfracht
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Im Spiegel

31.12.2019 · poliander

Raus aus der Stadt und irgendwohin, das ist wo das Land noch weit ist, irgendwohin, wo die Bebauung streut und dazwischen überall dieser Horizont, der ansteigt und der sich neigt, der zu weit ist, zu hell, zu blau und sehr fern.

Schneelandschaft mit Brücke

Was für ein Jahr, so lang, so voll, bewegungs- und ereignisreich, echtes Schwergewicht. Jetzt nimmt es ab. Jetzt nimmt es den Zug und rast ins Meer. Schon ist es vergangen.

Da kommt der Gegenzug, er fährt auf die Brücke, das Meer hinter sich, vor sich die Ebene und ihre Mühen, Sie wissen schon, Brecht, und wenn Sie da herkommen, wo P. herkommt, wissen Sie auch, worin die bestehen. Das immergleiche Sichabmühnundesdochnichtlassenkönnen. Nur so wird was draus.

Ja!, jetzt!, die Böschung hoch und springen Sie auf den Zug! Da steht eine Tür für Sie offen, und dann kommt es aufs Timing an, auf den Schwung, das Mobilisieren der ersten, der besten Kräfte. Nach dem Jahr ist vor dem Jahr und immer so weiter, jedesmal aufs neue, auf auf, immer der Zeit nach und sich selbst überholen. Benutzen Sie notfalls den Gehstock als Sprungstab, es wird schon gehn, ist doch noch immer gegangen. Und jetzt den Haltegriff umklammern, Brust, Bauch und Beine nachziehen, Körperwelle von unten nach oben. Geht doch! Nicht zurückfallen lassen, gut so, und jetzt ist die Tür schon zu, Sie dürfen weitergehen.

Nun rein ins Abteil, in den Großraumwagen, ob geheizt ist oder nicht. Reservierungen werden nicht angezeigt, kein Kaffee gereicht, kein Schlafsack, übertriebene Bequemlichkeit sollten Sie nicht erwarten, die Mühen der Ebene, erinnern Sie sich? Genau wie letztes Jahr, nur eine Umdrehung weiter. Und wenn Sie’s nicht glauben, die Sonne macht das Fenster zum Spiegel, zählen Sie ruhig die Falten, sind alle noch da.

Ach ja, die Mitreisenden. Die werden auch diesmal neu gemischt, Sie dürfen gespannt sein. Am besten, Sie laufen mal durch den Zug, verschaffen sich Überblick über die Reisegesellschaft. Zu viele Leute, meinen Sie? Das neue Jahr lässt jeden bitten und jede, nur keine Sorge, ob Sie allein bleiben oder nicht, hängt nicht davon ab, wieviel Plätze belegt sind!

Und jetzt schaun Sie hinaus. Das Jahr empfängt Sie mit warmen Händen, rau wie Kartoffelreibe, und ziern Sie sich nicht, ein herzhaftes Du kann es auch, ihr Anfängerinnen und Anfänger!

Koordinaten: Wünschen Neujahr 2020. Soundtrack.

Reisebrief
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Überraschend, spannend und schön: danke!

29.11.2019 · poliander

Überraschendes Jahr, sagt P.: Lesen kann schön sein. Vorlesen ist gemeint, laut und vor Leuten.

Überraschend, diese freundlichen Orte und freundlichen Leute, zuletzt noch, im November, dieses Lesen im „Aquarium“, bei dieser kleinen Buchmesse, da wurde dann sogar übersetzt, mit Händen und Gesten und Augen, und das war ganz neu, so zu lesen, und Gramanns prüfender Blick zur Übersetzerin: ganz unnötig, denn die war so schnell und so langsam wie Gramann selbst, genau das richtige Tempo hatte die drauf. Das hat Spaß gemacht. Aber all das andere natürlich auch. Da also geben wir unsere private Hitliste der schöneren und schönsten Lesungen des Jahres endlich auf. Das war also diese kleine Buchmesse, „Queeres Verlegen“, die Stände befanden sich nicht im „Aquarium“, sondern im „Südblock“, und jemand sagte in P.s Ohr. „Wir werden nachher alle nach Pommes stinken!“, denn der „Südblock“ ist eine Kneipe, oder sagen wir ein Veranstaltungsort mit Gastronomie, und P. war es ganz egal, wonach sie stinken würde oder Gramann oder wir alle. Denn es war wuselig, voll, freundlich und schön dort. Am Stand nebenan, also am Stand neben Marta Press fand P. endlich ein Buch über „Islamische Feminismen“. Auch das war überraschend, aber P. fragte sich auch gleich, warum das so überraschend war. Guter Anlass, sich mal was zu fragen. Gutes Gefühl, so fragen zu können. Oder etwa nicht? „Islamische Feminismen“ also, darüber wird noch zu schreiben sein, nicht heute, denn P. muss da mehr tun. Lesen, denken.

Heute bedanken wir uns, P. und Gramann, meine ich.

Herzlichen Dank an alle, bei denen das Lesen und Vorlesen in diesem Jahr so viel Freude gebracht hat. Schön war es an vielen Orten, spannend, es wurden interessante Fragen gestellt und gute Einwürfe gemacht. P. und Gramann konnten was zeigen und durften was lernen, das war schön.

Deshalb: habt Dank! Danke, Sonntagsclub Berlin, danke, Roter Stern Frankfurt e.V., danke, Sidekick Leipzig e.V., danke, Bella Donna Haus Bad Oldesloe, danke Queer Publishing International und danke, BEGiNE. Danke, ihr anderen! Es war toll, bei euch so freundlich aufgenommen zu werden, für euch zu lesen, mit euch und euren Gästinnen und Gäst!nnen zu diskutieren.

Koordinaten: Bücher im Hafen.

Schönste Stellen

Die Sportlerin in deinem Leben bist du

20.11.2019 · poliander

Liebe Leserinnen,
Lizzie Libera und Ulrike Gramann laden herzlich ein ins Literaturcafé der Berliner BEGiNE:

Die Sportlerin / Die Frau in deinem Leben bist du

Ulrike Gramann liest aus ihrem Buch „Die Sportlerin. Die Geschichte der feministischen Kickboxerin Claudia Fingerhuth“, und die Liedermacherin Lizzie Libera singt frauenbewegte Klassikerinnen und eigene Lieder.

Frauen sind herzlich willkommen.

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Begegnung · Buchstabenfracht · Ohrenschmaus

Freilandillusionen

05.11.2019 · poliander

Das Holz ist glatt von Salz und Feuchtigkeit. P. stiefelt zur Ausblicksplattform. Die Geräusche der eigenen Tritte. Die Geräusche der Stiefel von P.s Gefährten. Die Geräusche des Watts. Wie die klingen? Sie klingen zum Selberhören.

Die Gleichzeitigkeit der Wiesen, der salzliebenden Pflanzen zwischen Weg und Schlickfläche, der Schlickfläche. Luftblasen steigen sehr langsam durch die zähe Masse, langsam blähen sie kleine, punktförmige Flächen. Wie klein muss eine Fläche sein, dass P. sie Punkt nennen darf? Was nicht flüssig ist, steigt durchs Schlick wie Gedanken durchs Bewusstsein. Vom Eilen der Wolken kein Geräusch. Der Wind kann so vieles, er fliegt, eilt, streicht, flattert vorbei, er hat die Wahl, doch bisweilen wählt er nichts, tut alles zugleich. Die Geräusche der Tiere verbünden sich mit dem Wind.

amrum land vom watt her gesehen
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Schönste Stellen
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Die Sportlerin / Die Frau in deinem Leben bist du

30.07.2019 · poliander

Lizzie Libera und Ulrike Gramann laden herzlich ein zur
Sonntagsöffnung der Amerika-Gedenkbibliothek:

Die Sportlerin / Die Frau in deinem Leben bist du

Ulrike Gramann liest aus ihrem Buch „Die Sportlerin. Die Geschichte der feministischen Kickboxerin Claudia Fingerhuth“, und die Liedermacherin Lizzie Libera singt frauenbewegte Lieder.

am 11. August 2019, 14.30 bis 16 Uhr
im Salon der Amerika-Gedenkbibliothek, Blücherplatz 1, 10961 Berlin-Kreuzberg

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Augenweide · Buchstabenfracht · Ohrenschmaus

Poliander im Land der Kohle (2)

19.07.2019 · poliander

Sie ist 1000 Jahre alt, sogar 1011, und als P. und der Gefährte vor ihr ankommen, ist es heiß, es ist trocken, die Sonne steht unverrückbar am Himmel, die Sommerzeit steht still. Eine Hochzeit gerinnt zum Standbild. P. wartet. Die Kirchentür steht offen. Der Gefährte und P. drücken sich an den Hochzeitsgästen vorbei.

Löwe, Dorfkirche Stiepel. Foto: Gramann
Löwe, Dorfkirche Stiepel.

Bochum ist älter als man denkt. Jedenfalls älter als P. bisher dachte. Vor viertausend Jahren waren Menschen hier, die Spuren hinterlassen haben. Im 9. Jahrhundert wurde Bochum in einer Urkunde des Benediktinerlosters Werden erwähnt, im Heberegister. Das lassen wir jetzt mal andere erklären. Jedenfalls bedeutet die Existenz einer solchen Urkunde: Da waren schon etliche da. Denn das war ein Rechtsakt, da brauchte man Leute. Vielleicht hatte Karl der Große schon um 800 einen Reichshof anlegen lassen, und in dem Fall waren sogar viele Menschen da. Wo heute die Städte Dortmund und Essen stehen, also an Orten, die heute zu diesen Städten gehören, existierten Königspfalzen. Und in der villa stipula gab es einen Haupthof, der zu solch einem Reichshof gehörten. Wo ein Hof ist, ist auch ein Herr. Und, wir verkürzen das jetzt, der Frau dieses Herrn, Imma, wurde 1008 die Erlaubnis erteilt, auf diesem Hügel eine Kirche zu errichten.

Stiepel, freigelegtes Kapitell, oben, innen
Stiepel, freigelegtes Kapitell, oben, innen.



Vielleicht war das ein Kirchlein, zuerst. Dann entstand eine Basilika, mit nur zwei Jochen, wie man zugeben muss, später dann einer Halle. So entstand ein Raum von begrenzter Größe, der doch, wie fast alles in der Romanik, monumental wirkt.

Da kann eine lange stehen und rumschauen. Es ist hell und kühl, draußen heiß. Manchmal eine Stimme aus der Hochzeitsgesellschaft, die sich draußen aufhält, Sekt und Glückwünsche, Fotos und so weiter. Da kommt jetzt ein Chor herein, beginnt sich einzusingen. Ist jemand Offizielles hier? Von der Kirchgemeinde vielleicht? P. fragt, ob sie bleiben können. Der Offzielle nickt. Er wirkt auch überrascht. Aber die Kirche ist belebt, auf einmal, und das ist schön. Eigentlich ist es zu laut, was sie da singen, als sie sich eingesungen haben, der Raum, monumental oder nicht, zu klein für die Lautstärke: Gospel. Good spel, das heißt: gute Nachricht. Kann gar nicht laut genug sein, denken sie vielleicht, und es passt doch, in diese ernste romanische Anlage. Passt zu den gemalten Teppichen, die an den Mauern zu hängen scheinen, zu den Bögen, den Bildern, zu dem Drachen ganz oben, in dessen hoch gelegener Ecke es noch dunkler ist als in der des Löwen. Fotografieren geht gar nicht. Sie gehen herum, leise leise, hören zu, leise leise. Fotografieren geht doch.

Stiepel, Flucht nach Ägypten
Stiepel, Flucht nach Ägypten.

Was wollte ich gleich sagen? Wir sind mitten im Ruhrgebiet. Aber auch auf dem Weg nach Ägypten. Das Schöne an der Romanik ist, dass man die Zeichen leicht deuten kann. Esel, Mann, Frau, Kind: Flucht nach Ägypten. Und das bedeutet: Mann und Frau wollten bleiben, doch sie mussten gehen. Das Baby und der Esel, die wurden gar nicht gefragt. Es geschah zum Besten des Kindes, dessen Altersgenossen politisch verfolgt wurden, ermordet, ohne dass sie auch nur die kleinste politische Handlung begangen hätten. Gut, dass es den Esel gab, der Mutter und Kind tragen konnte.

Du suchst die Vergangenheit und findest die Gegenwart.

Kohlen haben P. und der Gefährte an diesem Tag nicht gesehen, Förderanlagen schon, still liegende, unterwegs. Warum ist es an der Ruhr so schön? Altes Kulturland. Die Sonne brannte heiß, an diesem Tag des Besuchs. Als sie aus der Kirche traten, saßen noch einige Hochzeitsgäste auf den Grabsteinen und ruhten sich aus. Und um die Ecke feierte die Kirchgemeinde ein kleineres Fest. P. und der Gefährten nahmen den Löwen und den geflügelten Drachen als Bilder mit. Kultur, ja. Aber auch Kellerbier.

Koordinaten: 51° 24′ 59“ N, 7° 14′ 7“ O.
Alle Fotos: Ulrike Gramann.

Begegnung
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Poliander im Land der Kohle (1)

25.06.2019 · poliander

Da sind Halden, da ist Industrie, da ist die Stadt, der Förderturm ist da, da ist die Landwirtschaft und dort die Arena auf Schalke, und von der Flutlichtanlage nicht weit weg liegt der Gemeinschaftsgarten. Natur, das ist dann so ein Hinweis im Wald:

„Die Wege bitte nicht verlassen! Gefahr durch Bergschäden!“

Unter der Natur in Gestalt von Wald, Wiese, Fluss und auch unter der Kultur in Gestalt von Stadt, Industrieanlage und Feld liegt Natur in Gestalt von Kohle.

P. ist gern im Land der Kohlen, auch P.s Gefährte. Rumfahren und rumgucken. Zum Beispiel nach Bottrop, zum Tetraeder, da fährt man schon fast direkt, von Essen aus gesehen, geradezu direkt direkt, oder über Gelsenkirchen, das geht auch, und es dauert weniger als eine Stunde. Im Ruhrgebiet, da steigt man oft um, aber dann ist man auch schnell da, an dieser Straße mit dem zarten Grün, gut, das war im Frühling, jetzt haben wir Sommer und Hitze, aber im Frühling war es dort vor allem sehr zart grün, und P. und Gefährte, sie gingen einfach schräg den Weg die Halde hinauf, hin und her, zick und zack, und die Bäumchen da standen seit reichlich 20 Jahren, vielleicht, und waren 5 Meter hoch, vielleicht, vielleicht auch mehr, und die Blättchen säuselten schon ein bisschen, im Wind oder so. Auf die Halde würdest du vielleicht nicht dein Gemüse pflanzen. Aber so Bäume schon, die sind ganz schön so, wie sie da stehn. Und auch das Gestrüpp und die Gräser und Kräuter und was da sonst wächst, schön. Schön grün.

Von der Halde schaut man auf die Schachtanlage Prosper Haniel. Davon haben Sie schon gehört, liebe Leserinnen und Leser, vor Weihnachten 2018. Prosper Haniel war die letzte Zeche, in der am Ende die Steinkohlenförderung eingestellt wurde. So sieht sie aus, von außen gesehen:


Darunter liegt immer noch Kohle. 300 Millionen Tonnen wurden hier herausgeholt, also unter den Zechen Prosper, Jakobi und Franz Haniel, die man am Ende zu Prosper Haniel zusammenfasste. Ein bisschen Kohle ist immer noch da. Und bleibt auch da. Nur gearbeitet wird hier weiter, bis in alle Ewigkeit. Oder sagen wir, solange es Menschen gibt. Grubenwasser, zum Beispiel, darf sich nicht mit dem Grundwasser mischen. Das muss man verhindern. Auf der Halde neben der einstigen Zeche steht seit 1995 schon ein Tetraeder aus Stahl. 78 Meter hoch ist die Halde, und einen Namen hat sie auch: Halde Beckstraße.

tetraeder bottrop

Der Tetraeder schwebt. Die Brücken zu den Aussichtspunkten hängen im Stahl. Leicht fasst Schwindel die Hinaufsteigenden an. Aber Stahl hält. Und dann: Ausblick.

Bottrop Blick vom Tetraeder

Leicht schwingt der Tetraeder auf seinen stählernen Füßen. Man mag es oder man mag es nicht. Man liebt die Aussicht oder nicht. Berlin, sagt P., ist nicht der Nabel der Welt. P. weiß nicht, ob die Welt einen Nabel hat. Die Erde, denkt P. hat ein reiches Innenleben, das eigene und das, das Menschen in sie hineingruben.

Koordinaten: 51° 31′ 39“ N, 6° 57′ 35“ O. Emscher. Route Industriekultur.
Alle Fotos: © Klaus Meyer-Gramann und Ulrike Gramann.

Begegnung
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„Die Sportlerin“ in Potsdam

10.06.2019 · poliander

Dies ist eine Einladung zum emanzipatorischen (Kampf-)Sportwochenende der Sternfabrik, das vom 14. bis 16. Juni 2019 in Potsdam stattfindet. Zum Auftakt seid ihr herzlich willkommen bei Lesung und Gespräch:

Die Sportlerin 
Lesung mit Ulrike Gramann und Gespräch mit Claudia Fingerhuth
am 14. Juni, 19 Uhr im Freiland Potsdam (Haus 2)
Friedrich-Engels-Str. 22, 14473 Potsdam

Die Sportlerin erscheint im Dezember 2018

Koordinaten: 52° 24′ N, 13° 4′ O, Potsdam, Sternfabrik 2019

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