Polianders Zeitreisen

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Wünschen

31.12.2025 · poliander

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ja schöne Zeit da man noch wünschen kann,
begann der Dichter Rainer Kirsch 1976 seine Wünsche zum neuen Jahr 1977 aufzuschreiben. P. liest’s in dem schmalen Buch, das 1980 im VEB Hinstorff Verlag Rostock erschien. Lang nicht in der Hand gehabt, im Bücherschrank trotzdem gleich gefunden. Es hat Alterserscheinungen. Im aufgeschlagenen Büchlein schauen die Fäden der Heftung überall durch, im hohlen Rücken die Gaze wird demnächst brechen, auf den Seiten 60/61 fallen die gehefteten Bögen schon auseinander. Was heißt „schon“? Und wer hätte denn keine Alterserscheinungen, ob sie nun von der Pubertät kommen, vom Karrierehoch oder den späten Tagen. 2025 krankt an Altersstarrsinn, während 2026 mit reichlich Geburtsfehlern ans Licht drängt. (Aber so was sagten die Alten ja immer, kennt man doch.)

Das Sonett, also Teil I von Wünschen Neujahr 1977, lassen wir jetzt größerenteils fort, es endet: Was ist denn Trost. Ich wünsche, also bin ich. Soviel dazu. Glück kann man immer brauchen. Teil II ist der Toast. Ja schöne Zeit, findet P., für Trinksprüche. Und: Der traute sich was, der Kirsch, finster war’s, der Mond schien helle, und auch der Verlag hatte überraschend viel Traute. Ja Leute, das gab’s. Und wie sind sie gekommen, kommen sie nun, die Zeiten? Die Antwort wird Leser und Leserin zur selbständigen geistigen Übung überlassen, für Kluge oder Fleißige zusätzlich die Übertragung aufs eigene Handeln. Das macht auch P. ganz für sich und in Stillarbeit. Hier schreiben wir Ihnen nichts weiter als Kirschs Trinkspruch selbst:

II Toast

Alle Raketen sollen um Mitternacht auslaufen
Und den Brennstoff die Generale saufen.

Wenn wer blutet, soll wer ihn verbinden.
Wer Hunger hat, soll wenigstens Reis finden.

In den Flüssen soll Süßwasser mit Fischen fließen.
Wer sein Gewehr liebt, soll sich erschießen.

Wem nach reden ist, soll sich nicht den Mund verbrennen,
Der Freund soll die Freundin noch erkennen.

Es soll manchmal regnen oder schnein
Die Blätter sollen grün und die Bäume schön sein.

(Quelle: Rainer Kirsch, Wünschen Neujahr 1977. In: Ausflug machen. Gedichte. Rostock 1980: Hinstorff.)

Mit kleinem grünem Feuerwerk wünschen wir Ihnen Glück im neuen Jahr und erheben das Glas mit dem Wein von Augia felix, der glücklichen Insel, auf Ihr Wohl, Leserin, und zum Wohl, Leser! Herzlich
Ihre Poliander und Ulrike Gramann

Koordinaten: 2025. 2026.

Reisebrief
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O Tannebaum

17.12.2025 · poliander

Liebe Leserinnen und Leser,

das Jahr neigt sich ins Dunkel.

Sonnenaufgang heute 8:12 Uhr. Klar und kalt, blassblau steht Himmel über der Stadt.

Die Baustelle draußen liegt still und schweigend, zwei Straßen lang und breit. Kommt noch mal wer vorbei zum Aufräumen? Kann sein, kann nicht sein. Aufgeräumtheit ist nicht, wofür die Stadt bekannt ist.

P. beginnt, die Gedanken aufzuräumen, die in diesem Jahr in Kopf und Herz in allen Ecken liegengeblieben sind. Nicht für jeden gibt es ein passendes Regalfach, manche bleiben auf der Stuhlfläche liegen und dem Fensterbrett. Ständig tauchen neue auf, lungern herum, machen melancholische Bemerkungen und dumme Witze.

Darüber wird es Abend werden, nach sieben Stunden, vierzig Minuten, beinah schon dem kürzesten Tag des Jahres. Sonnenuntergang 15:52 Uhr. Die Gedanken bleiben lange wach und starren ins Dunkel, wo sie sich verlaufen ganz in die richtige Richtung. P. kommt nicht hinterher, Arbeit ist auch noch nicht getan, vom Aufräumen zu schweigen. Gedanken protestieren gegen die Aufräumerei und wollen nicht schlafen gelegt werden.

Die Arbeit dieses Jahres bestand aus lauter kleinen und großen Arbeiten, die nur dadurch verbunden waren, dass P. sie besorgte. Jede brachte ihre eigenen Gedanken mit, die P. nicht eingeladen hatte, von denen sie nicht einmal wusste zuvor. Einige richteten sich in Papierstapeln ein, wie kleine Tiere es tun im Gestrüpp des Gartens hinterm Haus. In diesen Garten kommen keine Laubbläser, das hat unsere Nachbarschaft erreicht. Und P. schichtet die Papierstapel nur vorsichtig um, damit versteckte Gedanken nicht versehentlich in den Papiermüll geraten, sondern ausruhen, bis P. sie ruft. Oder? Realistisch betrachtet: bis diese Gedanken nach P. rufen. (Und damit sind P. und Gramann in Wahrheit einverstanden.)

Und Sie, liebe Leserin, lieber Leser? Haben Sie schon begonnen, ins Dunkel zu schauen, wo die vom Jahr übrig gebliebenen Gedanken ihr Wesen treiben?

O möge sich doch im Dunkeln ein freundliches Sternenfunkeln zeigen!

Am Ende des Jahres wünschen P. und Gramann allen, dass Abende lang, die Gläser gefüllt und der Duft der Tannenzweige würzig sein mögen. Wir wünschen allen und uns selbst gute Stunden mit Gespräch und Schweigen, Büchern und Bildern. Wir wollen durch kalte Luft gehen, unter einem freien Himmel, an dem Vögel und Wolken dahinfliegen und der nur vom natürlichen Licht der Gestirne erhellt wird.

Wir wünschen mit dem Wunsch, den der Engel uns lehrte:
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Fröhliche Weihnachten!

Koordinaten: 52° 31′ N, 13° 24′ O.

Reisebrief
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Uhren ticken langsamer

13.11.2025 · poliander

Als P. am Anleger zurückbleibt, während der Gefährte mit der Fähre abreist, geht der Wind weiter, bleibt die Zeit stehen.

P. geht mit dem Wind hinein in den Ort, findet die Buchhandlung, rüttelt an der Tür: nichts. Rüttelt an der zweiten Tür der Buchhandlung, da, ein Schild: „Wegen Inventur geschlossen vom 3. 11. bis voraussichtlich 8. 11.“ P. muss lachen. Es ist so phantastisch hier, die Uhren ticken so langsam, macht es P. etwas aus? Da sie im Café anschließend sich sagen hört: „Ich bezahle gleich“, macht es ihr etwas aus, offenbar. Später denkt P. nicht mehr dran.

Morgens wirre Träume, es ist zu dunstig für eine Sichtung des Sonnenaufgangs. Kaffee, knappes Frühstück, P. bricht auf zur Buchhandlung in diesem Dorf, wo P. übernachtet hat. Schild: „Wegen Inventur geschlossen vom 3. 11. bis voraussichtlich 8. 11.“ P. lacht laut. Es gibt noch eine Buchhandlung, Öffnungszeiten 10 bis 12 Uhr. Das ist jetzt. (László Krásznahorkai, Satanstango.) Die Sonne wird 16.44 Uhr untergehen, die Bürgersteige sind bereits jetzt hochgeklappt, P. zögert keine Sekunde, zum Strand zu gehen.

Fläche viel, wenig Uhr, Zeit unbemessen. Doch wir wollen vor dunkel zurück sein. Auf auf! Richtung Norden.

Meer, Wind, Vogelschrei. Die Veränderungen der Küstenlinie seit letztem Jahr kennt P. bereits. Weiter südlich wird der Strand noch breiter geworden sein, das prüfen wir morgen. Nach Norden zu gibt es schmale Stellen, an denen das Hochwasser, wenn es nur hoch genug ist, bei Sturm, an die Dünen herandrängt. Etliche Reihen Strandhafer hat es in diesem Jahr bereits gefressen.

Ziemlicher Wind, jetzt noch im Rücken. P. geht Stunden, P. wird zu ihren Schritten. Einer, einer, einer, noch einer, Tausende mal. Mit wachsender Entfernung vom Strandübergang sinkt die Zahl der Menschen, die hier gehen. Wenige kommen entgegen, wenige überholen. Manchmal ein Nicken, manchmal ein Moin. P. hat vergessen seit dem letzten Mal, wie weit es ist, jetzt fällt ihr auf, dass die Trinkflasche in der Unterkunft zurückgeblieben ist. Aber nie weiß eine, wann der Weg zurück schon länger ist als der, der noch vor ihr liegt. Und wenn es um die Odde geht, ist unbekannt, wie lang der Weg währt. P. hat sie schon mal spitzer und länger gesehen als in diesem Jahr, betreten durfte man das äußerste Ende auch damals nicht, denn sie ist Vogelschutzgebiet. Im Herbst und Winter aber liegen dort noch andere Tiere:

Wer da vorn liegt, das sind Seehunde.

Stillstehen, auf ein Holzbrett am Ausguck setzen. Alle machen hier ein Foto. Dann wendet sich der Weg nach Süden, zurück zum Dorf. Der Wind kommt von vorn. Jetzt ist Hochwasser, und in diesem Jahr kommt auch normales Hochwasser sehr dicht an die Absperrung heran, die das Vogelschutzgebiet in den Dünen vom Strand trennt. Man geht diesseits und jenseits, ganz dicht an der Sperrleine. Nasse Füße hat, wer die Schuhe im Rucksack trägt (P.), nasse Schuhe, wer sie an den Füßen trägt. Das Meer kommt höher, die Gezeiten, die Sturmfluten werden heftiger. Wer Ohren hat, höre! Und doch, das ewige Meer ist ewig schön. Der Wind kommt von vorn, auch Sonne jetzt, und der Rucksack mit den Schuhen wird schwer.

Stunden sind vergangen. P. sitzt auf der Bank neben anderen Abgekämpften, die vor Vogelschiss warnen. Ja, Leute, wir sind im Freien! Ausblick überwältigt immer. P. schiebt die kaum entsandeten, schmutzigen Füße in die Socken, die schmutzigen Socken in die Schuhe. Rückkehr über Bohlenweg, Feldweg, Wirtschaftsweg, entlang der Marsch und der Salzwiesen. Rückkehr in die Ferienwohnung. Wasser, Kaffee, ah! Das Meer: innen.

Einmal vergessen, dass der Weg zehn Kilometer hat in der Runde. Einmal die Zeit vergessen in diesem Herbst. Einmal die Füße im Dreck haben und das vergessen. Nur die Schritte zählen und werden nicht gezählt. Und der Winter kann kommen.

Koordinaten: 54° 39′ 6“ N, 8° 20′ 11“ O.

Augenweide · Reisebrief
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Kommt in die Kneipe

25.10.2025 · poliander

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

alle sind herzlich eingeladen, ins Berliner Terzo mondo zu kommen: die das Terzo mondo schon lange kennen, vielleicht weil sie in Berlin in den 70er, 80er oder frühen 90er Jahren studiert haben und abends manchmal dort saßen und zuhörten, was die anderen erzählten oder was der Wirt sang, und die das Terzo mondo noch nicht kennen, die erst recht. Poliander hätte sich nicht träumen lassen, dort selbst etwas vorzutragen, aber jetzt ist es soweit.

Katrin Heinau und Ulrike Gramann lesen
in der Reihe SCHWARZE KATZE
aus ihren Büchern Wehe (Heinau) und Meetchens Hochzeit (Gramann)
am 28. Oktober, 19 Uhr
im Terzo mondo, Grolmannstr. 28, 121063 Berlin-Charlottenburg
Geht durch zur Hinterzimmer-Bühne – Eintritt frei!
Mit Buchverkauf.

Worum es geht, hier in den Worten von Bernd Kebelmann, der die SCHWARZE KATZE zum Leben erweckt hat:
Ulrike Gramann, Berlin, mit der Erzählung „Meetchens Hochzeit“ (Dresden: Schumacher Gebler 2020, Zeichnungen Gudrun Trendafilov), aus Frauensicht erzählt, voll Turbulenz und Tücke!
Katrin Heinau, Berlin, mit ihrem matriarchalen Roman „Wehe“ (Moloko Print 2024, Collagen von Susanna Lakner); Ein Mädchen erwacht mit Katzenpfote, und es geht durchaus nicht zimperlich zu.

Die beiden Mädchen „Meetchen“ und „Manú“ werden in einer turbulenten und gewalttätigen Welt erwachsen. Ihre abenteuerliche Wanderung führt Meetchen in die verkehrte, Manú in die untere Welt. Sie geraten in Mythen, begegnen menschlichen und nicht-menschlichen Wesen und erleben zwischenmenschliche und humanitäre Katastrophen.
Nicht jeder hat diese Art von Literatur schon gelesen; umso genauer hören wir zu, umso geheimnisvoller wird uns die phantasievolle Prosa verblüffen, wenn uns die Autorinnen in die mythische Welt entführen, mit auf eine phantastische Reise nehmen; und mit welchem Ziel?
Um die Macht der Frauen zu feiern, um doch noch erwachsen zu werden? Wer gibt zu, wie sehr ihn die Märchen noch fesseln, wie viele Geheimnisse er bis heute vor sich selber versteckt?

Danke! Schöner können wir’s auch nicht sagen. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen in der altbekannten Kneipe!
Heinau und Gramann

Koordinaten: Terzo mondo, 52° 31′ 0“ N, 13° 18′ 0“ O, Mädchen auf Aventiure.

Buchstabenfracht

Die Stadt, in der ich wohne (Stadtbild 2)

22.10.2025 · poliander

Die Stadt, in der ich wohne, wurde groß durch die Menschen, die kamen, um hier zu arbeiten. Sie stellten Textilien her, bauten Lokomotiven, Maschinen, elektrische Konsumgüter, arbeiteten in der chemischen Industrie und produzierten Arzneimittel. Fremdsprachige Namen tauchten so tief ein in die Sprache der Stadt, dass die Chodowiecki-Straße im hiesigen Idiom bis heute „Schodowicki-Straße“ gesprochen wird.

In der Stadt, in der ich wohne, arbeiteten und arbeiten bedeutende Wissenschaftler:innen. Stets denke ich dabei zuerst an die Begründer des Fachs, das ich studierte, die Brüder Grimm. Sie gehörten zu den Göttinger Sieben, die gegen die Absetzung der relativ freiheitlichen Verfassung im Land Hannover protestierten und deshalb 1837 aus ihren Professuren entlassen wurden. Jakob Grimm wurde sogar des Landes verwiesen. Sie waren nicht „von hier“. Aber hier arbeiteten die Brüder an einem Werk, das heute eines meiner liebsten Arbeitsmittel ist, dem Wörterbuch.

Als ich in den Westen der Stadt kam, wohnte ich an einer Straße, in der man alle Verkehrsmittel sehen, hören und fühlen konnte, die es hier überhaupt gibt. Zu jeder Tageszeit fuhren Busse an und ab, auf dem Kanal zogen Binnenschiffe mit ihrer Fracht vorbei, nachts erschütterten Güterzüge die Mauern des Hauses, und über dem Haus flogen erstaunlich tief die Flugzeuge zu einem (inzwischen stillgelegten) Flughafen. Das Stadtbild trage ich auch in meiner Lunge: Die Abgase unzähliger privater PKWs und anderer Motorfahrzeuge und der Abrieb ihrer Räder, ein feiner, toxischer Staub, hinterlassen dort Spuren.

Und doch liebe ich das Bild dieser Stadt, das auch und vor allem ein Hörbild ist: Denn neben dem nimmermüden Rauschen des Verkehrs und dem Tatü-Tata der Rettungswagen und dem Brummen von Baumaschinen enthält es auch Amselgesang, das Krächzen des Eichelhähers, den nächtlichen Schrei der Füchsin und den heiseren Ruf der Bussarde. Schritte und Gespräche in der Nachbarwohnung bedeuten: Ich bin nicht allein. Und wann immer ich die Augen schließe und die Ohren öffne in einer der Bahnen, die ich fast täglich benutze, höre ich eine oder mehrere der vielen Sprachen, die in meiner Stadt gesprochen werden. Ich lausche fasziniert. Manche erkenne ich, in wenigen könnte ich antworten.

Ich glaube gern, dass das unruhig bewegte, lebendige, stets etwas zu laute, oft viel zu schmutzige Bild meiner Stadt Menschen Angst machen kann, die vom Lande kommen, vom Sauer-Lande zum Beispiel. Auch ich kam vom Dorf. Doch während es dort schon einsam machte, wenn man statt des Dialekts nur hochdeutsch sprach, macht der Schatz an Wissen und Ausdruck in den vielen Sprachen meiner Stadt mich froh. Noch immer und immer wieder kann ich eine davon lernen oder mich darin verbessern. Das mag ich an der Stadt.

Durch das Bild der Stadt, in der ich wohne, gehen auch Menschen, die kein Obdach haben. Sie bieten oft eine Zeitung an oder bitten um Geld. Das Bild unserer Stadt wird nicht durch ihre Person und ihre Anwesenheit getrübt, sondern dadurch, dass es für sie sehr schwer ist, Hilfe und Ausweg zu finden, auch wenn sie das versuchen. Denn vielen Politiker:innen ist ihre Existenz nichts als lästig. Die herrschende Politik des Sparens macht Wohnungslosen das Leben nicht eben leichter. Wohnen, eines der elementarsten Bedürfnisse des Menschen, ist in unserer Stadt ein knappes Gut und teuer.

In der Stadt leben viele Menschen, die gut arbeiten können, die gern arbeiten wollen und über in unserer Gesellschaft gesuchte Qualifikationen verfügen. Und doch dauert es oft viele Monate, wenn nicht Jahre, ehe ihre Qualifikation anerkannt wird. Das weiß ich auch direkt, nahe, von Freund:nnen, die erst ihrer Qualifikation entsprechend arbeiten durften, als ein Politiker sich persönlich für sie einsetzte. Und doch würden sie selbst niemals auf die Idee kommen, einen hilfesuchenden Menschen unnötig warten zu lassen. Das Helfen ist ihr Beruf.

Meine Stadt ist eine ewige Baustelle. Das hat etwas Symbolisches: immer im Umbruch. Doch es bremst das Leben in der Stadt auch. Denn das sinnreich angelegte System der öffentlichen Verkehrsmittel, eines der besten im Lande, funktioniert nicht richtig, wenn kaputte Wege, Straßen, Brücken, Schienen nie zügig repariert werden, wenn jede für, sagen wir, drei Monate geplante Baustelle auch nach sechs Monaten kein Ende nimmt. Aber selbst das hat etwas Gutes: Wenn die Bauarbeiten ruhen – sie ruhen oft! – sind auch die gesperrten Straßen himmlisch ruhig, so ohne Parksuchverkehr.

Die Stadt, in der ich wohne, wird im Land oft als ein faules, geldverschlingendes Monster beschimpft, ihre Bewohner:innen als anspruchsvoll und politisch überkorrekt. Dabei ist die Stadt mit all ihren Bewohnerinnen und Bewohnern ausweislich des hier erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukts die größte städtische Ökonomie im gesamten deutschsprachigen Raum, die zweitgrößte in der EU. Die wunderbaren kulturellen Institutionen unserer Stadt, die herrliche Philharmonie, die Theater, die großartigen und informativen Museen sind nicht nur Orte der Bildung und der Entspannung für uns, die Bewohner:innen, sondern sie ziehen auch so viele Menschen aus anderen Orten an. So ist der Tourismus zu einem der bedeutendsten Wirtschaftszweige unserer Stadt geworden.

Das Bild der Stadt, in der ich lebe, ist nicht nur bunt, sondern gerade in diesem Moment auch golden, denn es ist eine Stadt der Linden. Mit irgend etwas werfen die Linden in jeder Jahreszeit, mit ihren Früchten, ihren Blüten, ihren Pollen und den Ausscheidungen der sie besiedelnden Blattläuse, zuletzt im Herbst mit Blättern, nachdem sie im Sommer den Bienen die Basis für den feinen Stadthonig gaben. Die Linden sind ein gutes Bild für unsere Stadt. Sie mögen mit all dem, was sie auf die Straße werfen und was sich mit Schmutz, Regenwasser, manchmal auch Eis bisweilen zu einem rutschigen Gemisch verbindet, auch mal lästig sein. Aber sie geben uns Schatten, Freude durch Grün und Gold ihrer Blätter, sie sind Wohnung und Nahrungsquelle vieler Tiere. Ohne Bäume kann es keine Schwammstadt geben, die wir so dringend brauchen. Ich will nicht ohne die Linden leben.

Das Bild der Stadt, in der ich lebe, ist voller Widersprüche. Wir sind bald vier Millionen, wir meckern immer. Und doch lieben wir unsere Stadt, viele von uns lieben sie weit mehr, als wir das Dorf, aus dem wir gekommen sind, je liebten. Und wenn mich wer fragt, was aus der Stadt verbannt werden muss, damit sie schöner, sauberer und gesünder wird: Abgase und Feinstaub, davon hätte ich gern etwas weniger, sogar sehr gern sehr viel weniger. Menschen aber sollen bleiben und miteinander lernen, wie die Stadt, in der wir leben, bewohnbar und liebenswert bleiben und es immer neu werden kann.

Koordinaten: 52° 31′ N, 13° 24′ O

Erregung · Reisebrief · Schönste Stellen
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In der Stadt (Stadtbild 1)

21.10.2025 · poliander

Koordinaten: 52° 27′ 15“ N, 13° 18′ 24“ O

Augenweide

Regen

01.08.2025 · poliander

Sommer in der Stadt: endlich Regen.

Die die Sonne anbeten, stöhnen: Mistwetter.
Die den Grundwasserspiegel der Stadt kennen, rufen: Mehr davon!
Die Landwirte und Landwirtinnen wissen: Er kommt spät, zu spät. Und doch: Besser spät als nie.

Poliander begrüßt jeden Tropfen. Am 1. August 2025 sind die Blätter der Linden grüner als im Vorjahr zur selben Zeit. Das Gras hinterm Haus ist: grün. Als der Gärtner es schnitt, wusste P.: Die verbleibenden Stümpflein der Pflanzen werden nicht verbrennen, denn es kommt Regen in der Nacht, wenn nicht heute, so morgen. Der milde, durchdringende Regen, Mehr davon!, ruft P., denn unsere Stadt ist auf Sand gebaut, der die Tropfen schlecht halten kann. Sie zu halten, helfen die Wurzeln und Würzelchen der Bäume und ihre Verflechtung mit den unterirdischen Lebewesen. P. spricht ein Gebet zu den Bäumen, hält Ansprache zum Regen und schaut freundlich auf zu den Wolken, aus denen er fällt.

Ah!

Grün:

Frauenmantel
Frauenmantel

Der Mantel Unserer Lieben Frau Erde, Gaias Mantel, ist meerblau, ist erdbraun und lavaschwarz, blattgrün besonders. So soll es sein.

Koordinaten: 52° 31′ N, 13° 24′ O
Persönliche Anmerkung Polianders: Ja, liebe Freundinnen und Freunde, es gibt die politischen Krisen. Doch lösen wir die ökologische Krise nicht, bleibt nichts, das wir sonst lösen können.

Erregung
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Wir sind noch nicht auf den Hund gekommen

05.06.2025 · poliander

Liebe Leserinnen, Leser und Leser:innen,

heute strömt zum ersten Mal in diesem Jahr Duft von Lindenblüten herein, noch leis. Grün und gelb stehen Blätter und geflügelte Blüten vor dem grauen Vormittagshimmel. Seit ein wenig Regen kam, singen auch die Vögel wieder. So sind wir wohl noch nicht ganz auf den Hund gekommen.

Darum laden wir Sie und euch herzlich ein und heißen alle willkommen:

Wir sind noch nicht auf den Hund gekommen
Katja Winkler und Ulrike Gramann lesen

am 18. Juni 2025, 20 Uhr
in der Kneipe „Alter Schwede“
Schwedenstr. 11a, 13357 Berlin-Wedding (Nähe U-Bhf. Osloer Str.)

Katja Winkler und Ulrike Gramann freuen sich auf ein Wiedersehen mit allen, die neugierig sind auf Gedichte und Geschichten und gern einen Blick auf unsere Arbeit werfen.

Eintritt frei. Buchverkauf und Luft fürs Gespräch.

Und wenn hier wie überall in der Stadt das Bauhandwerk unter den Lindenbäumen rumpelt, will P. es mit Humor verstehen – solange nur die Linden wachsen, gedeihen und ihre grünen Fähnchen werfen.

Wir wünschen euch und Ihnen allen einen guten Sommer mit Sonne, Wolken, Regen und Wind im richtigen Maß!
Poliander und Gramann

Koordinaten:

Buchstabenfracht · Ohrenschmaus

Küchenleben / Küchenlesen

11.05.2025 · poliander

Herzliche Einladung zum Schauen, Hören, Lesen

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie sind, ihr seid herzlich eingeladen in die Ausstellung

Kunst am Küchenmöbel

mit Arbeiten von Andrea Freiberg, Reinhold Gottwald, Christine Kriegerowski, Astrid Menze, Gowara Minsa, Anton Schwarzbach, Dorit Trebeljahr, Gisela Weimann, Markus Willeke

und der Lesung

Als Tau auf mich fiel
von Ulrike Gramann

Drei Frauen in einer Künstlerinnen-WG in einem alten Haus. Handwerker kommen ins Haus, um die Heizung zu erneuern. Doch die bringen Unordnung in die Produktion des Tages wie in die Süße der Nacht. Kann Zauber helfen? Wer kann zaubern? Und überhaupt, wer erzählt hier? Eine menschliche Stimme?

Wann und wo?

um 17 Uhr
im io lux
Lehderstraße 119, 13086 Berlin-Weißensee

Alle sind herzlich eingeladen!

Die Erzählung Als Tau auf mich fiel steht im Erzählband Die Unberechenbarkeit des Lebens.

Die Ausstellung im io lux ist bereits vorher geöffnet. Alle Daten zur Ausstellung Kunst am Küchenmöbel hier.
Bei der Lesung gibt es die Bücher auch zu kaufen, Kunst sowie die Zeitschrift Prolog -Heft für Zeichnung und Text, ohne die Poliander Dorit Trebeljahr, Anton Schwarzbach und das io lux gar nicht kennengelernt hätte.

Koordinaten: 52° 33′ 0“ N, 13° 28′ 0“ O. Die Unberechenbarkeit des Lebens.

Augenweide · Buchstabenfracht · Ohrenschmaus
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Frühlings Anfang

20.03.2025 · poliander

Hummeln suchen die Wand nach Löchern ab, in denen es sich wohnen lässt (vorhanden).
Manchmal setzt sich eine Biene auf ein Hornveilchen.

Um die Ecke kommt der erste Zitronenfalter.

Limettenfalter wurden bisher nicht gesichtet. Es ist aber auch schwer, eine Limette zu falten. Lasst euch Zeit, Flügeltiere!

Koordinaten: 20. März.

Augenweide