Polianders Zeitreisen

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LOST AND FOUND

19.07.2021 · poliander

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Sie sind, Ihr seid herzlich eingeladen zu

LOST and FOUND. Sommerfestival von und mit Prolog – Heft für Zeichnung und Text

Gezeigt und gelesen werden Arbeiten von 65 Künstler*nnen und Autor*nnen
der in den Lockdowns erschienenen Prolog-Ausgaben ABSAGE, Struktur(en) Differenz(en), NACHT//SCHATTEN

AUSSTELLUNG
4. bis zum 14. August 2021, täglich von 16 bis 21 oder bis zum Ende der Veranstaltungen

NACHTLESUNG
am 6. August 2021, ab 19 Uhr
Es lesen: paul m waschkau, Katja Winkler, Jeannette Abée, Katrin Heinau, Annette Staib, Clemens Schittko, Kai Pohl, Ulrike Gramann
im Modellprojekt Haus der Statistik, Karl-Marx-Allee 1, 10178 Berlin, Nähe Alexanderplatz
Aktuelle Informationen auf dem Prolog-Blog.

Auf ein Wiedersehen, auf Meinung und Kritik freuen sich ganz besonders
Poliander und Ulrike Gramann

Koordinaten: 6. August 2021. Modellprojekt Haus der Statistik. Alle Informationen zu LOST AND FOUND hier auf dem Blog von Prolog.
Bitte beachten Sie die aktuellen Corona-Regelungen. Danke.

Buchstabenfracht

Füße in Steinen, Herz in Wellen

23.06.2021 · poliander

Die Sonne stand im Westen, aber noch nicht tief. Zwischen Strandweg und Meer lagen faustgroße Steine dicht an dicht. Die rollenden Steine setzten sich fort bis ins Meer.

Es roch nach Ostsee, aber nicht so intensiv wie da oben, am Gammendorfer Strand, wo Algen im Wasser trieben und bündelweis im Sand lagen. Da hatte P. auf dem mageren Gras gesessen, etwas ab vom Meer, und mit der Linken im Sand gewühlt. Da, etwas Festes, Geformtes, als P. hinsah, war es ein Hartplastiksoldat. Das sollte hier nicht liegen, wo Kinder es finden konnten. Während der Gefährte aus dem Wasser kam, steckte P. den Soldaten in den Rucksack.

Die Sonne stand im Westen, aber noch nicht tief. P. rutschte mit den Füßen zwischen die rollenden Steine. Es war glatt und kalt, man konnte hier nicht Schrittchen für Schrittchen ins Wasser schleichen, um sich langsam an die Kälte zu gewöhnen. Jede Welle schob die Balance weg, zur Seite, nach hinten, nach vorn. In P.s Kopf war noch St. Petri, die Kirche in Landkirchen auf Fehmarn. Erst war die Kirche gewesen, später der Ort, weswegen er Landkirchen geheißen wurde. Grob hingehauene Kirche, astreine Gotik, aber anders. Breit dahockend. Innen jede Menge Barock, aber oben, in einem der Gewölbe barockfreies Mittelalter. Dort ist mit roter Farbe ein Pelikan gezeichnet. Er reißt sich die Brust auf, das Blut tropft in die Schnäbel der Jungen. Schön spricht der Physiologus vom Pelikan. Nein, Schrift ist da keine, alle kannten die Geschichte. “Was macht der Vogel da?”, fragte ein Kind, “Komm jetzt”, antwortete die Mutter.

Der Gefährte hatte das Auto zwischen Getreidefeldern hindurch gelenkt, schmale Straße, breiter Feldrain, dicht bestanden mit Kornblumen, Mohn, Margariten, Ringelblumen. Wann hatten sie zuletzt solche breiten Feldraine gesehen? Es fiel ihnen ein, in Wachendorf, nahe der Feldkapelle, die Bruder Klaus gewidmet ist. Dort blühte Phacelia. Hier hatte jemand alles ausgesät, was noch viel bunter blühte. Alles, was früher von selbst wuchs. Aber Hauptsache, es war da.

Jetzt stand die Sonne im Westen. P. warf sich ins Wasser. Es war nicht so kalt, es war flach an diesem Juninachmittag, die Luft war nicht so warm, die Sonne schon. Anbaden. Schwimmend sah P. vom Wasser zum Strand, wo der Gefährte auf der Bank saß, Sonne im Gesicht. P. sah zwei Menschen übern Strand streifen, die einen offenen Strandkorb suchen. Bald käme die Nacht. Sonne auf dem nassen Gesicht, schwamm P. vorm Ufer hin und her. Anbaden für 2020, abbaden für 2020, anbaden für 2021. Da schwimmt man, bis die Fingerspitzen runzlig sind.

Die Sonne stand im Westen, noch nicht tief. Als P. aus dem Wasser kam, war wenig Halt unter den Füßen. Rollende Steine unter den Fußsohlen, unter den Knien, unterm Handgelenk. Anbaden. Der Kreis hat sich geschlossen. Zurück am Meer, auch wenn es diesmal nur die Ostsee war, immerhin einer der steinigen Flecken, wo man ohne blaue Flecken nicht davonkommt.

Den Hartplastiksoldaten haben wir später, in der Stadt, entsorgt.

Koordinaten: 54° 29′ N, 11° 7′ O. Wer Fotos sehen will, wende sich bitte an Wikipedia.

Augenweide · Begegnung
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Freundliche Einladung zu Lesung und Gespräch

08.06.2021 · poliander

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
dies ist die freundliche Einladung ins Kleist-Museum Frankfurt an der Oder:

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Buchstabenfracht
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Kranz oder Krone (78) – einander wieder sehen

07.06.2021 · poliander

Wiedersehen: Menschen, mit denen wir befreundet sind, Menschen, mit denen wir bekannt sind, Menschen, die wir jetzt kennenlernen.

In einem Hinterhof stehen, ungleichmäßiges Pflaster und struppiges Gras unter den Füßen, improvisierte Sitzgelegenheiten, manche setzen sich gleich auf den Boden. Eine freundliche Hand reicht ein Kissen. Manche lehnen an der Wand einer Remise. Nach drinnen gehen, eine Limonade holen, ein paar Bilder ansehen, einen Text lesen. Wieder draußen zwei Menschen einander vorstellen.

Sich etwas, jemandem jemanden vorstellen. Etwas vorstellen. Einen Text. Zum Beispiel.

Sie beginnt, sie hält inne, die Gastgeberin. Sie liest ein Gedicht von Friederike Mayröcker. Friederike Mayröcker starb am letzten Freitag, am 4. Juni 2021. Erinnerungen brechen herein. Le chien c’est moi.* Der Gastgeberin zuhören. Dankbar sein, dass sie, jetzt, hier, an Mayröcker erinnert, dankbar sein, dass alle wissen, wer das war. Vielleicht kennen wir uns nicht, aber wir kennen uns.

Nach einer Weile haben wir den Ort gesehen, uns umgesehen: die alten Schornsteine an der rückseitigen Hausfassade, ein Muster aus Ziegelsteinen. Die Menschen in oft getragenen und oft gewaschenen Kleidern, die schon ganz weich aussehen, die leichten Hosen, die leichten Haare, das bunt bestickte Kleid. Die Remise, die nicht saniert, die Fassade, die nicht renoviert wurde. Wir reden ein bisschen, die anderen reden auch ein bisschen. So viel Gespräch, so viel Unterbrechungen, sind wir noch daran gewöhnt? Wir setzen uns irgendwohin, eine liest, einer, wir anderen hören zu, wir lesen selbst. Ich habe nicht vergessen, wie man ein Mikrofon hält. Ich habe vergessen, wie ich praktischerweise umblättern kann, während ich in einer Hand das Buch, in der anderen das Mikro halte. Ich bin ungeschickt, ich unterbreche, ich entschuldige mich. Ich lese trotzdem. Ich sage danke, als die anderen klatschen. Ich verschlucke das Wort Verhängnis, obwohl es da hingehört, an diesen Ort, an dem ich das Lesen abbreche, in diese Zeile.

Ich fühle mich erschlagen von Worten. Es war keine große Dosis.

Einander wiedersehen, einander wieder sehen. Wir gehen langsam mit unseren von Zeitschriftenexemplaren beschwerten Rucksäcken. Wir reden zum zweiten Mal in weniger als einer Woche mit der guten Freundin. Wie lang haben wir uns nicht gesehen, dann: uns nicht oft gesehen. Da ist ein Lokal, wir setzen uns einfach und bestellen Essen und Getränke. Nach mehr als einem Jahr essen wir von Porzellantellern, obwohl wir jetzt gerade nicht zu Hause sind. Wir legen die Melonenschale, die vom Schnitz übrigblieb, der am Cocktailglas klemmte, auf einen eigens dafür vom Kellner hingestellten kleinen Teller. Auch der Kellner ist glücklich, vielleicht ist er der Chef, wir hören Vergnügen in seiner Stimme. Wir sind da, er ist da, die anderen sind auch da. Würden wir uns beschweren, wenn es jetzt noch länger dauerte mit dem Essen? Überwöge trotzdem die Freude? Wir reden und reden. Die Freude überwiegt. Wir teilen sie.

Die Freude, dass jemand Friederike Mayröcker einen stillen Moment widmete. Dass wir gemeinsam schwiegen. Zuerst hatte ich geschrieben: dass jemand Friederike Mayröckers Tod einen stillen Moment widmete. Aber ist es nicht ihr Leben, dem dieser Moment gewidmet wurde? Ihrem Leben? Ihrer Anwesenheit? Ihrer Arbeit? Ihrer Lebensarbeit, Schreibarbeit. Ihrem Aufenthalt auf Erden. Ich suche nach Worten. Ich ringe. Könnten wir sagen, wir haben uns das gewünscht? Diesen Augenblick, um an Friederike Mayröcker zu denken. Wir können es einfach auch nicht besser sagen als die FAZ. Mayröckers Verse wohnen uns schon im Blut. Wir sehen einander an und bewundern unsere Erinnerung, jede für sich. Sie ist nicht fort.

Dankbarkeit für unsanierte Hinterhöfe.

Koordinaten: Weißensee.
Covid-Zahlen: 3.700.367 (Zahl laut täglichem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 06. Juni 2021). Genesene: ca. 3.538.000 (vom RKI geschätzter Wert zum gleichen Datum). Einmal geimpft: 36.999.375, zweimal geimpft: 17.240.975 (beide Zahlen laut dem Lagebericht vom 5. Juni 2021, RKI-Website zuletzt abgerufen: 6. Juni 2021).
* Text zu einer Zeichnung Friederike Mayröckers.

Kranz oder Krone
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Kranz oder Krone (77) – beharrlich sein. Eine Einladung

31.05.2021 · poliander

Einmal wohnte sie auch auf dem Hinterhof, wie ich. Über ihr übte ein Saxophonist. Das konnte sehr schön sein, war es aber nicht immer. Ein Künstler im Haus, irgendwie gut, irgendwie Hoffnung. Ich besuchte Susanne sehr gern. Sie war geschickt, gestalterisch, einfallsreich, sie nähte alles selbst, gut, letzteres tat ich damals auch. Wer wollte schon aussehen wie aus dem VEB? Wir erlebten einiges, wir kannten uns gut, ich zog über eine Grenze, sie zog, als die Grenze weg war, in andere Bundesländer, wir verloren uns aus den Augen, unsere Wege berührten sich beinahe, mehrmals beinahe, sie fand mich, wir fanden uns wieder.

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Augenweide

Kranz oder Krone (76) – sehen und lesen, sich aufmachen und hingehen

27.05.2021 · poliander

Frisch erschienen: Prolog. Heft für Zeichnung und Text Nr. 22
Thema der aktuellen Nummer: Nacht//Schatten

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Augenweide · Buchstabenfracht
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Kranz oder Krone (75) – Geist

23.05.2021 · poliander

Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.
Johannes 3.8

Der Regen

Auch heute rauschte ein Regen. Auch heute sang die Luft ein Lied. Auch heute pfiffen die Vögel. Und einen Augenblick lang war es auch heute still.

Koordinaten: 23. Mai 2021.
Das Foto ist nicht im Jahr 2021 entstanden.
Covid-Zahlen: 3.648.958 (Zahl laut täglichem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 23. Mai 2021). Genesene: ca. 3.397.100 (vom RKI geschätzter Wert zum gleichen Datum). Einmal geimpft: 33.041.570, zweimal geimpft: 11.343.644 (beide Zahlen laut dem Lagebericht vom 22. Mai 2021, Zahlen zur Anzahl der Impfungen wurden am 23. Mai 2021 nicht aktualisiert, RKI-Website zuletzt abgerufen: 23. Mai).

Erregung · Kranz oder Krone
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Neuer Podcast: Die Dichterin Carla Schwiegk

17.05.2021 · poliander

Liebe Leserinnen,
soeben neu erschienen: Polianders Podcast über die Dichterin Carla Schwiegk, geschrieben und gelesen auf Einladung der BEGiNE. Danke, liebe BEGiNE!

Und darum gehts:

P. hat Carla Schwiegk einige Male schon lesen hören, und oft, wenn auch nicht oft genug hat P. in ihren Gedichten gelesen.

Ein Gedicht: Da stimmt jedes Wort. Es trifft, es fügt sich zu den anderen, es ruft Bilder hervor, heraus, ins Freie.

Carla Schwiegk sagt gern: „Ich bin Buchbinderin.“
„Ich bin Lyrikerin“, sagt sie gar nicht so oft.

Bücher von Hand zu binden ist ihr Handwerk. Papier, Pappe, Textilien, daraus wird ein Buch. Sie schöpft auch Papier, aus Abgetanem, aus altem Zeitungspapier. Papier machen, das ist geduldige Arbeit, naturverwandtes Tun. Einen Stoff auflösen, etwas anderes daraus hervorbringen, die Materie ist ewig, sie wandelt sich nur. Carla Schwiegk wandelt sie.

Ein Text wird geschrieben, ein Text wird gewandelt. Lebenswandel, Textwandel.

Carla Schwiegk schreibt in der Zeitschrift Zündblättchen, in der Nummer 107, die ihren Gedichten und den Zeichnungen von Maja Nagel gewidmet ist:

Lehrstück

Lehre mich, Baum, wie man Eisen frisst,
Kerbholz ist und Hiebe verwächst
oder vom Stumpfe neu austreibt.

Mit einem Baum sprechen, von ihm lernen. Jemand treibt einen Nagel in die Baumrinde. Er verrostet, verwittert, und schließlich verschlingt ihn das Fleisch des Baums, das Holz. Manche glauben, ein Baum stirbt, wenn man einen Nagel hineinschlägt. Das stimmt nicht, diese großen, intelligenten Pflanzen halten viel aus. Sie integrieren sogar Metall. Das lernen, Erlebtes integrieren, Wunden verwachsen, neu treiben. Mit Härten leben.

So fängt es an, so geht es weiter.

Das Wort Gedicht kommt von dichten, das hieß einmal: dem Schreiber in die Feder sagen, und das bedeutete: etwas für die Niederschrift verfassen. Einst war das Wort auch ein Adjektiv: gedicht, das bedeutete im Mittelhochdeutschen: dicht. Jedes Zuviel ist fortgetan. Was bleibt, ist Substanz. Gelingt es, wird das Dichte wie durch Wunder transparent. In Carlas Lehrstück heißt das:

Abwerfen. Zeige mir, wie das geht,
wie man denn, ohne ein Blatt, nur
mit dürren Reisern den Wind beschreibt.

Kein Wort zu viel.
Abwerfen.
Den Wind beschreiben. Das kann heißen: über den Wind zu schreiben. Und er, der Wind, kann ein Beschreibgrund sein, einer aus dem, einer, auf dem man schreibt. Ja, ein Baum kann das, mit seinen Zweigen, den belaubten und den unbelaubten. Wie sie sich biegen im Wind, beschreiben sie ihn. Den Wind.

Aber dicht bedeutet auch: nahe. Carla Schwiegks Gedichte kommen nahe an die Leserin heran. An P. An mich…

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Begegnung · Buchstabenfracht
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Kranz oder Krone (74) – lesen, was sonst?

10.05.2021 · poliander

Wetter: wechselt.

Gesellschaftlicher Zustand: hält an.

Bäume: welche die letzten Trockenjahre überlebt haben, ergrünen.

Zeit: Nachdem P. das Beethoven-Jahr ohne nennenswerte Rückschläge der Erinnerung überstanden hat, erinnert P. sich im Beuys-Jahr an den glücklichen Augenblick, in dem die Stadtbibliothek in Berlin-HauptstadtderDDR Zeichnungen von Joseph Beuys ausstellte.

Anderer Augenblick in der Erinnerung: derjenige, als die Stadtbibliothek in Berlin-HauptstadtderDDR Manuskriptblätter von Franz Fühmann ausstellte. Diese maschinenschriftlichen Blätter, immer wieder von Hand korrigiert, zerschnitten, neu zusammengesetzt, geklebt, überklebt, zerschnitten, korrigiert, durch andere Manuskriptabschnitte ergänzt, reduziert, vervollständigt und so weiter und so fort, soll Fühmann selbst “Bretter” genannt haben. Manche waren fingerdick. Das Arbeiten am Text, wie die Fühmann’schen Bretter es demonstrieren: ein dauernder Prozess aus Erschaffung und Überschreibung.

Beispiel: Pavlos Papierbuch, Erzählung von Franz Fühmann. Hier in der Ausgabe der edition schwarzdruck aus dem Jahr 1995.

Heutiges Datum: 10. Mai 2021.

Bedeutung: Tag des freien Buches.

Geräusch drinnen: Waschmaschine.

Geräusch draußen: Autoreifen auf Pflaster, Vogelstimmen (Sperlinge).

Gesellschaftlicher Zustand: verbesserungswürdig.

Was tun? Lesen.

Zeit: vorhanden.

Liebe Leserin, lieber Leser,
lassen Sie sich etwas vorlesen: Franz Fühmann liest Pavlos Papierbuch.
Herzlich grüßt
Ihre P.

Koordinaten: 10. Mai, ein Gedenktag.
Covid-Zahlen: 3.520.329 (Zahl laut täglichem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 9. Mai 2021). Genesene: ca. 3.159.200 (vom RKI geschätzter Wert zum gleichen Datum). Einmal geimpft: 26.836.612, zweimal geimpft: 7.572.228 (beide Zahlen laut dem Lagebericht vom 8. Mai 2021, Zahlen zur Anzahl der Impfungen wurden am 9. Mai 2021 nicht aktualisiert, RKI-Website zuletzt abgerufen: 10. Mai).

Kranz oder Krone
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Kranz oder Krone (73) – gehen, gegangen sein, gehen

05.05.2021 · poliander

Einer der schönsten, traurigsten, tröstlichsten Orte Berlins liegt außerhalb, südwestlich der Stadt. Das ist der Südwestkirchhof Stahnsdorf.

Dort geht P. gern, wenn der Waldboden mit Frühlingsblumen bedeckt ist, mit Veilchen, blühendem Immergrün, dazwischen die kleinen duftenden Mahoniensträucher. Da ist ein Weg.

Als die evangelischen Kirchgemeinden des Berliner Synodalverbandes 1909 den Südwestkirchhof einrichteten, sollte er vor allem für den Südwesten Berlins dienen. Das war vor dem Groß-Berlin-Gesetz von 1920 nicht genau die Gegend, an die wir heute denken, wenn wir Süd-West-Berlin sagen. Doch auch in den damaligen Grenzen war die Stadt im 19. Jahrhundert gewaltig gewachsen, und sie war noch lange nicht am Ende. Darum sollten Stahnsdorfer Äcker, teilweise bewaldet, zu einem großen Gottesacker werden. Eine S-Bahn wurde gebaut und führte seit 1913 von Wannsee aus durch die Parforceheide direkt nach Stahnsdorf. Die Berliner Schnauze, um eine treffende Bezeichnung nie verlegen, nannte diese Verbindung schon bald Leichen- oder Witwenbahn.

Schon 1908 bis 1911 wurde die hölzerne Kapelle gebaut, deren Entwurf an norwegische Stabkirchen erinnert, Jugendstil in einer Art, die man selten sieht. Der schlichte Innenraum, schattig, nicht düster ruft Erinnerung und Gefühl, lässt sie auch wieder gehn. Ein Ort für Abschiede, eine tröstende Höhle für Gläubige, Zweifelnde und Ungläubige.

Es ist soviel Raum hier, dass der Blick Bilder auch von weitem empfängt. Es ist so viel Wald hier, dass man bisweilen den Zweck des Ortes vergisst. Und die Zeit. Denn es ist soviel Zeit hier.

Das liegt nicht nur am schönen alten Baumbestand, es liegt nicht nur an den Gräbern, die aus vielen Jahrzehnten stammen. Es liegt auch an den größenwahnsinnigen Plänen aus der Zeit, da der NS-Generalbauinspektor Albert Speer Berlin zu einer Stadt umzuformen begann, die “Germania” heißen sollte. Große Teile mehrerer innerstädtischer Friedhöfe mussten weichen, alte Begräbnisse wurden nach Stahnsdorf verbracht. So findet man heute viele Gräber, die älter sind als der Friedhof selbst. Und noch einmal blieb die Zeit stehen: 1949 wurden die sterblichen Überreste aus den Grüften vornehmlich preußischer Militärs aus der zerstörten Garnisonkirche in Berlin-Mitte nach Stahnsdorf gebracht. Dies geschah auf Entscheid der sowjetischen Militäradministration.

Obwohl der Stahnsdorfer Südwestfriedhof in Gebrauch blieb, konnte man ihn aus West-Berlin nach den Ereignissen des 17. Junis 1953 nur noch mit einem Passierschein besuchen. Noch verkehrte die Bahn. Zwar hatten Soldaten der Wehrmacht in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs die Brücke über den Teltowkanal zerstört, doch sie wurde wieder aufgebaut. 1961, mit dem Mauerbau aber endete auch der S-Bahn-Verkehr. Die Herren, die sich sozialistisch nannten und glaubten, die Grenze hielte ewig, ließen den Bahnhof verfallen und ihn 1976 sprengen. Nur die Bahnhofstraße blieb, in der heute der 622er Bus hält, der von Krumme Lanke über Kleinmachnow nach Stahnsdorf schwankt. Gab es nach 1961 noch gelegentliche Bestattungen, verlor der Friedhof gleichwohl an Bedeutung, denn von seinem eigentlichen Einzugsgebiet trennte ihn die Grenze. Der Denkmalschutz, den die DDR-Behörden 1982 für den historisch bedeutsamen Ort beschlossen, verhinderte nicht den Verfall, immerhin den Abriss oder Rückbau von Gräbern. In der Stille des Friedhofs überlebten Pflanzen und Tiere, Flechten überzogen viele Gräber mit einem unwirklich leuchtenden Gelbgrün.

Doch wie alle von Menschen geschaffenen Verhältnisse verging auch die Isolation des Südwestkirchhofs. Die Stille blieb. Sie blieb, obwohl hier viele Vögel singen, obwohl die Geräusche der Autobahn herangetragen werden, obwohl an sonnigen Tagen zahlreiche Spaziergänger!nnen vorbeischauen.

Weite Teile dieses stillen Orts hat die Natur übernommen, aber die Erinnerung bleibt gegenwärtig. P. ist dankbar für das eine wie das andere.

Koordinaten: 52° 23′ 20” N, 13° 10′ 50” O. Südwestkirchhof Stahnsdorf. Wikipedia-Eintrag.
Begleitung: Jessye Norman singt Oft denk ich (Gustav Mahler)
Covid-Zahlen: 3.433.516 (Zahl laut täglichem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 4. Mai 2021). Genesene: ca. 3.061.500 (vom RKI geschätzter Wert zum gleichen Datum). Einmal geimpft: 23.852.426, zweimal geimpft: 6.771.476 (beide Zahlen ebenfalls laut dem Lagebericht vom 4. Mai 2021).

Kranz oder Krone
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