Polianders Zeitreisen

Polianders Zeitreisen header image 1


Kranz oder Krone (69) – lebe wohl, meine Schneefrau

17.02.2021 · poliander

Februar ist der Hornung, das war der, in dem Walther* für seine Zehen fürchtete, solang er kein Lehen hatte. Der Februar ist auch der Schmelzmond oder Taumond. Und er ist der Narrenmond. Von all dem bekamen wir im Februar 2021 reichlich, und am Aschermittwoch ist lang nicht alles vorbei. Wie der Schnee dahingeht, schnellstmöglich, während die Temperatur schneller steigt als die Polizei erlaubt, so geht auch das Tauen voran, und den Augenblick, in dem es gerade soviel Schnee wie Wasser gab, haben wir verschlafen.

Gestern noch Schneefrau, heute schon feuchter Hauch, der in den Straßen schwebt.

Vom Narrenmond ist noch einiges übrig, das begleitet uns über Aschermittwoch hinaus. Wurde der Kampf des Karnevals mit den Fasten diesmal doch allzu früh entschieden. Dieser Karneval war von Geburt an verzagt, die Fasten waren schon im letzten November voll präsent. Man verzichtete auf Umarmungen und Küsse und das Trinken aus einem gemeinsamen Weinglas.

Kaum hatte P. eine kleine Schneefrau auf ihren Sonnenblumenmund geküsst, begann die Schmelze. Zuerst verlor sie ihr grünes Fichtenzweighaar, dann fiel ihr Mund in den Blumenkasten. Wer weiß, was aus ihren Überbleibseln wird? Ich weiß es: eine Sonnenblume.

Auch das Wort Sporkel findet P. für den Februar, nie gehört, es soll im Rheinfränkischen, auch im Oberhessischen vorkommen. Wechselnde Vokale: Sporkel, Spurkel, bei den Siebenbürger Sachsen: Spirkel, dann auch Spörckel, Sperkel, auch Sperkelsen im Westerwäldischen. Und noch weit mehr Varianten, alle für den einen Monat: februarius. P. ist ganz verliebt in die Namen dieses kurzen Monats.

Wie kommt P. auf Pieter Breughels Kampf zwischen Karneval und Fasten? Natürlich wegen der Jäger im Schnee und der Kinderspiele und der Niederländischen Sprichwörter. Wien, Berlin. Ach, Museen. P. wird ganz närrisch, wenn sie an Museen denkt. P. wird närrisch vor Glück, wenn sie an das fröhliche Gewimmel auf den Hügeln der umliegenden Parks denkt, das sie an den letzten Wochenende wahrnahm. (So fröhlich sind Breughels Bilder keineswegs, schon gar nicht alle.) Welche Freude, die Kinder der Bewegungsarmut entronnen zu sehn! Viel Freude und ein wenig Risiko, mitten unter uns und unter der gleißenden Februarsonne.

Alles hat seinen Preis. GartenfreundInnen sprechen davon, dass die Schnecken in diesem Winter endlich einmal bekämpft worden seien, nämlich durch Temperaturen tief unter Null. Ein Gesundheitsminister erklärt im Interview, es tue ihm leid, “zu sehen, was wir auch Kindern in Teilen antun.”** Mehrteilige Kinder? Sprache geht bald ganz vor die Hunde, wenn schon mehrere Teile nicht stimmen.*** Jaja, Karneval ist vorbei. P. hängt noch in dem Breughelschen Bild fest. P. sieht Narren ihrer Wege gehen, ihrer historischen Aufgabe nachgehen, sie demonstrieren auf seiten des Karnevals und auf seiten der Fasten. Übrigens, auch Schnecken sind ein Teil der Schöpfung.

Die Fasten sind im Plural gekommen. Die Narren aber auch.

Und wer zieht direkt hinter der personifizierten Frau Fasten her? Die Leprakranken mit ihren hölzernen Klappern. Sie klappern, damit die anderen Abstand halten. Auf Breughels Bild laufen sie mittendrin. Ja, P. und Gramann sind melancholisch in diesen Tagen. In jeder Melancholie liegt auch Ironie. Ah, diese freundliche alte Bekannte.

Koordinaten: 2.350.399 (Zahl laut Covid-19-Dashboard des Robert-Koch-Instituts vom 17. Februar 2021). Genesene: ca.2.141.400 (vom RKI geschätzter Wert laut Lagebericht vom 16. Februar 2021).
* Walther von der Vogelweide. Der Kampf zwischen Karneval und Fasten von Pieter Breughel dem Älteren. Dankenswerterweise in der Wikipedia aufgeführte Liste der Bilder des älteren Breughel.
** Screenshot liegt P. vor.
*** Ja sicher, das beurteilt P. einfach so.

Kranz oder Krone
· ·

Kranz oder Krone (68) – Frisur ist Würde, Bildung Ländersache, Kultur Privatangelegenheit

13.02.2021 · poliander

Draußen: Schnee und Sonne.
Drinnen: alle Fußböden geputzt.
Stimmung: im Keller.

Haben Sie schon Ihrem unabhängigen Lieblingskino gespendet? Haben Sie von Ihrem unabhängigen Lieblingsblumenladen auf dem Weg von Click nach Collect solidarisch Blumen gekauft? Haben Sie schon auf Ihre Lieblingskolleginnen verlinkt? Haben Sie die Kontakte zu Ihren kleinen, unabhängigen Lieblingsveranstalterinnen gepflegt? Haben Sie im Begineblog Ihrer Lieblingssängerin gelauscht oder einfach mal auf digitalem Weg von einer gehört, die sie noch nicht kannten? Haben Sie eine Pizza in Ihrem Lieblingsecklokal abgeholt? Existiert Ihre Lieblingskneipe noch?

Und du, liebe Schriftstellerinkollegin, liebe Künstlerinkollegin, siehst du dich solidarisch behandelt? Wovon lebst du? Vom Ersparten, oder hattest du Glück, als Stipendien verlost wurden? Hast du einen, der / eine, die dich unterstützt? Konntest du ein Bild verkaufen, hast du für ein, zwei Handvoll Euro aus deinem letzten Buch einen Podcast gemacht? Und falls du Kinder hast, wie sind deine Arbeitsbedingungen jetzt, wo auch die Kleinsten im Homeoffice arbeiten? (P. weiß, dass es “Homeschooling” heißt.) Wie sind deine Arbeitsbedingungen, Galeristin, solange du deine Galerie, dein Lädchen solidarisch mit der Gesellschaft geschlossen hältst? Und du, Kollegin, die den einen oder anderen kunstfremden Brotjob ausübt, während Ausstellungs- und Veranstaltungsorte dicht sind, wie geht es dir? Liebe Kolleginnen, auch liebe Kollegen, malt, schreibt, komponiert, dichtet, zeichnet, holzschneidet, radiert, singt, flötet ihr?

Guten Morgen, liebe Sorgen.

Von allen Seiten hört P. von Menschen, die mürbe sind, manchmal auch zermürbt. Auch die Mürbsten sind tapfer. Auch die Müden tauschen Kuchenbrot und gute Wünsche mit der Nachbarschaft. Auch die Verstörten tragen ihren Mundnasenschutz, wenn sie in der Bäckerei anstehn. Auch die Erschöpften tun ihre Arbeit. Auch die Verärgerten benehmen sich weiter vorsichtig, um weder Fremde noch Freund!nnen zu gefährden.

Mürbe war P. neulich. Heute ist sie wütend.

P. hat Radio gehört. P. rief: Kranz oder Krone, die Karten auf den Tisch! Das Radio gab die spärlichen Beschlüsse vom 10. Februar bekannt.

Neue Idee: Friseur!nnen dürfen am 1. März wieder öffnen.
P.s Gedanke: Schön, dass Friseur!nnen ein paar müde Euros verdienen können. Nur: Arbeiten sie nicht mit ihren Händen am Kopf einer anderen Person? Wer keine Teleskoparme hat, kommt dabei ziemlich mund-, nasen- und insgesamt körpernah. Auch mit Mundnasenschutz näher als jede Person, von der man sagen wir: eine Museumseintrittskarte kauft. Auf alle Fälle näher, als eine Blumenhändlerin kommt, wenn sie einen Strauß Tulpen über den Ladentisch reicht.

Ostfrauen, erinnert ihr euch? Damals, in der DDR, als alles verboten war, was Spaß machte, und Blumen zu kaufen gab es auch nicht… Für P. sind Blumen essentiell. Auch wenn P. trotz Verboten und ohne Schnittblumen trotzdem viel Spaß hatte. Blumen bedeuten Freude. Aber Würde?

Guten Tag, liebe Logik.

Kein Missverstehen: P. gönnt Friseur!nnen die Arbeit von Herzen.

Ministerpräsident (fiktiv): Frisur ist Würde.
P. (denkt): Bedauernswerter Mann, dessen Würde vom Haarschnitt abhängt.
P. (sagt sich): Muss der da nicht selber lachen?

Beamtenmund (vollkommen fiktiv): Die Würde der bayerischen Frisur ist unantastbar.
P.: Entscheidend ist, was im Kopf, nicht was auf dem Kopf ist.

Frisuren sind gut, auch Kleider machen Leute. Ach, Kleider, die kann man sich schicken lassen.
Bildung hingegen. Wie steht es um die Würde der Kinder und Jugendlichen? Kann man sich Wissen schicken lassen? Aufs Smartphone vielleicht? Wer kommt, wer flüstert hinter der Tür den Lösungsweg für die Gleichung? Wie steht es um die Chancen der Kinder, deren Mütter in Krankenhäusern und Pflegediensten Menschen helfen anstatt ihren Kindern beim Hausaufsatz? Und so weiter. Kann man soziale Kontakte einüben, wenn man allein zu Hause sitzt? Und wie steht es mit der Chancengleichheit derjenigen Kinder, die zu Hause keine haben, die helfen kann?

Bildung und Kultur: Hat Ihnen im Museum je eine Fremde in die Haare gegriffen? Und seit wann ist eine Lyriklesung eine körpernahe Dienstleistung?

Kein Missverstehen: P. fordert weder blindes Vertrauen noch sehenden Auges jede Menge Risiko.

Aber, liebe Kolleginnen, Freund!nnen und fiktive Politiker!nnen: Wenn wir schon unbedingt was Riskantes (oder auch nur “Riskantes”) machen wollen, warum dann nicht im Bereich Bildung und Kultur statt an der Frisur?

Beamtenmund: Ja, alle möchten jetzt ihr altes Leben zurück.
Poliander: Quatsch. Mein Leben ist jeden Tag neu.

Guten Abend, Heiterkeit.

Koordinaten: 2.328.447 (Zahl laut Täglichem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 13. Februar 2021). Genesene: ca.2.112.000 (vom RKI geschätzter Wert laut Lagebericht desselben Tages).

Kranz oder Krone
·

Liebesgeschichte – Geschichtenliebe

09.02.2021 · poliander

Der erste Satz eines Romans kann alles entscheiden. Manchmal der erste Absatz:
Der Radfahrer hatte den roten Volvo nicht bemerkt. Ich hatte am Steuer gesessen. Ich hatte ihn gesehen.
So beginnt Kathrin Schraders Roman “Das Jahr mit Fred”. Was wohl aus diesem Radfahrer wird? Was aus Alice wird, der Heldin des Romans? Manche würden gleich tiefer ins Buch hineinblättern, P. nicht. P. will ganze, gut erzählte Geschichten, von Anfang bis Ende erzählt.

Alice’ Geschichte ist eine Liebesgeschichte, eine Stadt-und-Land-, eine Alltags-, Arbeits-, Mutter-und-Tochter-, Vater-und-Tochter sowie eine Vater-und-Mutter-Geschichtee. Sie ist nicht skandalös, aber spannend, nicht pornografisch, wenn auch bisweilen explizit. Es ist keine Familiensaga, aber sie erzählt auch davon, was Familie ist und wie Familien sind. Alice’ Geschichte erzählt von Dingen, die uns geschehen sind, die uns hätten geschehen können, und wenn nicht uns, dann einer unserer Freundinnen, sie spricht von unserem Alltag. Männer kommen vor, sind von Belang und können nicht weggelassen werden. Trotzdem gefiel P. vor allem der aufmerksame Blick der Erzählerin, mit dem sie auf Frauen unterschiedlichen Alters schaut, auf ihre Biografien, auf die Brüche, auf ihre eigene und eigenwillige Art zu leben.

Alice’ Geschichte wird von Kathrin Schrader so eins nach dem anderen erzählt, da entwickelt sich auf einmal so ein Umschwung, bekommt der Roman eine andere Richtung. Die Leserin versteht, warum Alice ihren Lebenslauf fälscht. Und dann, ausgehend von der Liebesgeschichte, fährt die Geschichte auf den Vater und die Großmutter der Heldin zu. Und man liest, wie auch diese Geschichte Historie einschließt.

P. denkt: Kompliziert zu schreiben ist meistens nicht schwer – direkt, einfach und gerade zu erzählen hingegen schon. Wenn P. “gut geschrieben” sagt, ist damit meistens dieses gerade Erzählen gemeint, auch in Schraders Roman. P. liebt es, Dialoge zu lesen, vor allem wenn sie aus kurzen Sätzen bestehen, abgeschliffen bis auf den wahren Kern. Das zieht. “Das Jahr mit Fred” haben Poliander und ich an einem einzigen Wochenende durchgelesen. Es lag nicht am Wetter.

Koordinaten: Kathrin Schrader, Das Jahr mit Fred. Roman. BoD 2019.

Begegnung
·

Zarter Winter

04.02.2021 · poliander

Koordinaten: Berlin am Sonntagnachmittag
Foto: © Klaus Meyer-Gramann

Begegnung

Kranz oder Krone (67) – wir malen uns was

22.01.2021 · poliander

Male mal a Fard, sagte Opa, eens, das racht fatze kann.

Ach könnt ich mir ne Sonne baun, sangen Pannach und Kunert, und sie bauten dem Meister wirklich eine und noch eine für die schönste der Küchenfraun.

Poliander schreibt sich eine Reise in der Zeit. Wer da mitkommt, wer da nachkommt, wer da vorbeikommt, bitteschön, schreibt P. sich herbei und herbei.

Im alten Osten lasen wir uns ne Reise, wir lasen uns Expert!nnenschaft an im Reisen durch unsere Zimmer, wir segelten uns auf einem Buch um die Welt. Finden Sie das eigentlich schlimm, liebe Leserin? Oder denken Sie nicht, dass das eine Gabe ist, lieber Leser? Ja, denken Sie sich da mal rein.

Wenn Berlin nicht am Meer liegt, egal, ich schreib mir eins.

Wie möchtest du feiern?, fragt der Gefährte. P.: Ich male die FreundInnen auf den großen Tisch. Sie schreiben mir ihre Wünsche und Grüße, die Mails drucke ich mir da hin, Briefe lege ich auf die Plätze, ich schenke uns Rotwein drauf, und das Brot, das die eilig herbeigewünschten FreundInnen mit mir gebrochen haben, projiziere ich mir auf die Fensterbank. Sperlinge und Eichelhäher kommen und holen es ab. Die mal ich nicht, Sperlinge und Eichelhäher, sie begeben sich selbst herbei. Und wenn der Eichelhäher krächzt, kommen die Sperlinge ins Schimpfen. Hätten sie Hände, rieben sie sich vergnügt ihre Bäuche. Denk ich mir nur.

Manche singen sich ein Lied. Schon ist es entstanden. Andre pfeifen sich eins und noch eins. Das ist doch ein sehr schöner Beruf.

Ich denk mir ein Atemloch in die FFPX-Nasen-Mund-Kinn-Wangen-Bedeckung, ich weise mir eine Hand an, die eine fremde Schulter in 2 Meter Entfernung berührt, ich versetze mich in ein geschlossenes Opernhaus, ich hauche mir eine Arie von Christoph Willibald Gluck hinein. Und während sich die Frau gegenüber eine blaue Blume auf den Balkon raucht, schnitz ich mir einen Rüssel ins Freie.

Wir formen uns was und blasen ihm Leben ein. Nicht erst lange phantasieren, auf keinen Fall Machbarkeitsstudien anfertigen, machen, nicht heulen. Wir denken uns durch die Gegenwart wie die Würmer durch den Käse.

Machen Sie sich das Herz nicht schwer.

Das gemalte Pferd stürmte ins Freie, ein Fluchttier. Das hätten Sie sehen sollen, liebe Leserinnen, liebe Leser, wie sich die Arbeitstiere des letzten Fuhrgeschäfts im Dorf anschlossen, und die bewaldeten oder von Feld bedeckten Hügel der ostthüringischen Provinz wurden mir nichts dir nichts zur Puszta von Hortobágy. Unendliche Weiten, Steppe, selten ein Brunnen, jede Menge Himmel allererster Güte, tonnenweise Blau und Rappenschwarz, Apfelschimmelzartgrau und Brauereipferddunkelbraun, ein paar ganz kleine Blumen, Spinnentiere und Grashüpfer, 240 Vogelarten, ein Flügelschlagen war das und ein Hufschlagen, und weit weg, aber sehr irdisch umrahmten Gebirge und Meer diese artenreiche Gegend. Der Opa staunte.

Koordinaten: 2.106.262 (Zahl laut Täglichem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 22. Januar 2021). Genesene: ca.1.780.200 (vom RKI geschätzter Wert laut Lagebericht desselben Tages). Pannach/Kunert 1977.

Kranz oder Krone

Gehn und kommen

06.01.2021 · poliander

Da ging es zu Ende, als in der regnerischen Nacht Biosekt und Schaumwein in die Gläser flossen. Als es in benachbarten Straßen böllerte und krachte. Göttin, waren das wirklich gebunkerte Knaller vom letzten Jahr? So naiv gingen wir aus dem alten Jahr hinaus.

Wir riefen alle: Geh, 2020, du bist frei, du bist vorbei.

2020 schmollte, antwortete nicht, drückte sich zwischen abgestellte Autos, versuchte durch einen Fensterspalt ne offene Tüte mit Kartoffelchips zu greifen, Tüte rutschte um, Chips ergossen sich, konnt keinen fassen. 2020 trank Neigen aus verlorenen Bierbüchsen, versuchte, eine abgebrannte Wunderkerze zu zünden. Streichholz zerbrach. Als hätte das Jahr 2020 nicht genug angerichtet, maulte es uns an, das sei eine Konvention, dass Jahre in der Silvestermitternacht zu gehen hätten, es kam damit, dass die 12 dunkelsten Nächte doch die Zeit zwischen Jahren wären und würde die nicht erst am 6. Januar enden? Und überhaupt, es wolle nicht gehn! Argumente, nein: Ausflüchte. Es wollte partout nicht gehn.

Aber wir fütterten das alte Jahr nicht mehr. In der Box steckte der Geburtstagskuchen des neugeborenen Jahres, das gleich kräftig zugriff, minütlich wuchs, zu reden begann und sich Schokladenstreusel ins Maul stopfte.

Staubzuckersprühend skandierte das neue: Altes Jahr, bist vorbei, mach dich heim, ich bin jetzt frei!

Als der Silvestermitternachtsregen das alte Jahr fortspülte, tanzten wir auseinander, tanzten wir mit Abstand zusammen, gehemmter Exzess, zähneknirschende Einsicht, und niemand nannte den dritten Buchstaben des Alphabets beim Namen. Das neue Jahr blieb einen Atemzug im Kreis unseres Tanzens, ehe es sich auf die Stadt ausdehnte und den Erdkreis. Es nahm mir die Sektflasche aus der Hand, schluckte was weg, setzte ab: 2021 rülpste. 2021 nahm kein Blatt vor den Mund, als es sich mitten im Rauskommen, Loskommen, mitten im Kommen und Weitergehn zu uns drehte, beweglich wie sonstnochwas. Keine Vorurteile, schrie es uns zu, Keine Vorverurteilung, ihr!, brüllte es, und: Hah!

Heute ist Epiphanias.
New year sent a message: Welcome to reality!
Ging ja flott.
Am selben heutigen Tag ging eine Postkarte ein, vorn drauf der Hahn, hinten in krakliger Schrift: Epiphanias ist es einen Hahnschrei länger hell.

Verpassen Sie ihn nicht.

Koordinaten: 2021.

Begegnung

Der Baum ist anders dieses Jahr

25.12.2020 · poliander

Liebe Leserinnen und Leser,

wir wünschen Ihnen Glück und Freude, gute gemeinsame Stunden in fern und nah, Singen und Klingen, Zeit zum Lesen und Schauen, Spazierfüße und Rotweinmünder, Süßschnäbel und Sternenaugen, eine gute, glückliche Zeit.

Fröhliche Weihnachten!

Koordinaten: Weihnachtsliederpodcast beim SWR. Brassica oleracea convar. capitate var. rubra L.

Schönste Stellen
· ·

Kranz oder Krone (66) – Nachricht vom Lebensmittelpunkt

17.12.2020 · poliander

Sagt man eigentlich Knospe bei Amaryllis? Oder sind das geschlossene Blüten? Von außen sahen sie metallisch rot aus. P. vermutete, innen wären sie scharf rosa.

Im Arbeits- und Lebensmittelpunkt steht die Vase der Oma, die schon einmal auf den Müll geworfen worden war, so vor fünfzig Jahren ungefähr. Das Mädchen nahm den großen Krug in ihren Lebensmittelpunkt und klebte die Scherben mit Duosan Rapid ineinander. Das hält bis heute.

Als die erste Blüte aufgeht, zeigt sich ein stumpfes Rot wie eingetrocknetes Blut oder wie der Rotweinrest im Glas von gestern. Stellen Sie sich das mal als Blume vor.

Hinter dem Fenster der Herbst 2020. Oder soll das der Winter sein? Astronomisch betrachtet: ja. Jupiter und Saturn nähern sich ihrer großen Begegnung. P. glaubte lange an die Geschichte, dass die große Konjunktion im Jahr 7 vor Christus der Stern von Bethlehem gewesen sei. Nun heißt es, das sei nur eine Legende. So berichtet die Sternzeit im Deutschlandfunk. Die Sternzeit ist eine seriöse Quelle. Ihr zufolge hat Matthäus den Stern erfunden. Die Erfindung eines Schriftstellers, was könnte realer sein?

P. und Gramann halten sich an den kleinen vertrockneten Stern von neulich, der so viel Leben in sich hat.

Abends schauen wir zum Himmel. Er ist trüb.

P. hat sich vorgenommen, darüber zu schreiben, was in diesem Jahr dankbar macht. Denken Sie, da gibt es nichts?
P. hat Gründe, dankbar zu sein.
Zum Beispiel dankbar den NachbarInnen. Der von einem Virus erzwungene Abstand brachte uns näher. Wir tauschten Befindlichkeitsberichte, Brot, Lebkuchen und Trost. P.s Wort des Jahres heißt Spaziergang. Wir gingen mit Abstand, Freundlichkeit und den wichtigen Fragen.
Zum Beispiel ist P. dankbar für die Lesungen, die stattfinden … durften. Dankbar nicht, weil jemand es erlaubt hatte, sondern weil die VeranstalterInnen so klug, umsichtig und vorsichtig alles vorbereiteten, dass niemand in Gefahr geriet. Danke, liebe LeserInnen, fürs Kommen und dafür, dass wir auch mit Abstand und Mundschutz ins Gespräch kamen. Es war aufschlussreich und verbesserte unsere Stimmung. Danke, VeranstalterInnen, für Streamings und Podcasts. Danke, dass ein Buch kam.
Zum Beispiel sind wir dankbar, wie viele einfach ihre Arbeit taten, unter oft besonders schwierigen oder nervenaufreibenden Bedingungen, und das haben sie nicht gemacht, weil jemand es anordnete, sondern einfach so, weil sie ihr Brot damit verdienen. Weil sie ihre Arbeit gern tun. Und so weiter.
Dank den Patzigen, sie haben P. erinnert, dass Freundlichkeit nicht vom Himmel fällt.
Danke, zum Beispiel, dass wir an jedem Sonntag dann doch eine Bäckerei fanden, in der außer Brot auch die Zeitung verkauft wurde. Danke für kluge Kommentare in FAS und DLF, danke, dass das C.-Wort niemals allein die Zeilen beherrschte.
Es gab genug Lebensmittel im Lebens-Mittelpunkt. Es gab FreundInnen in der Nähe und Ferne und Gemeinsamkeit dank Telefon, Video, dank Brief und Karte und Mail. Dank unseren Gedanken. Danke für Dankbarkeit.

Danke Zweifel, danke Trotz, danke Mut, danke, dunkle und helle Gedanken..

Die Bäume wuchsen nicht in den Himmel im Jahr 2020. Es gab Kummer im Jahr 2020, Sorgen und Schmerz, und die Folgen werden uns folgen bis ins dritte Glied. Es war, es ist ein seltsames, krisenhaftes Jahr. Doch wer meint, es gäbe nichts zu feiern angesichts dessen, dass auch BundesbürgerInnen erkranken und schwer leiden, ignoriert Schmerz, Unglück, Katastrophen auf der Erde. Gibt es denn fremdes Leid? Hat man je einen SPD-Mann sagen hören, es gäbe für uns nichts zu feiern, weil in Afghanistan seit 1978 Krieg ist? Oder, zum Beispiel, weil jedes Weihnachten in Deutschland so viel Kinder und Frauen verprügelt werden wie sonst das ganze Jahr nicht?

P.s Fingerzeig für Verzagte aller Couleur: 2. Timotheus, Vers 1,7.

Danke jeder Geschichte, die an P.s Tür klopfte. Noch sind nicht alle eingetreten und wurden nicht alle hereingebeten. Geschichten brauchen keinen Mundschutz. Nur löst der Abstand zu den guten und den schlimmen Geschichten sich nicht sofort und nicht von selbst.

Leute und Geschichten, auf euch trinken wir!

Die Amaryllisblüten sind ganz durchfärbt von Buntstiftrot. Kennen Sie diese Stifte, die man mit einem Pinsel oder dem nassen Finger vermalt? Brilliant werden die Farben nicht, die Farben werden satt.

Es ist nicht alles schlecht in Preußen. Berliner und Brandenburger Buchläden bleiben geöffnet. Was könnte realistischer sein? In den Brutstätten des Geistes keimt der Same des Wissens. Tragen Sie ihn nach Hause, pflanzen Sie ihn ein.

Was könnte optimistischer sein?

Koordinaten 1: 2020.
Koordinaten 2: 1.406.161 (Zahl laut Täglichem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 17. Dezember 2020). Genesene: ca.1.047.600 (vom RKI geschätzter Wert laut Lagebericht desselben Tages)
Begleitmusik: BWV 226, Stockholm Bach Choir, Concentus musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

Kranz oder Krone
· ·

Kranz oder Krone (65) – Advent, am Rande, an den Rändern

10.12.2020 · poliander

Worauf willst du warten? Das fragt der graue Himmel.
Worauf willst du warten? Das fragen dich die Bücher in den Regalen.
Worauf willst du warten? Das fragen die Augen der lange nicht Umarmten.

Gestern schrieb P.: … finde ich, dass die meisten Menschen trotz der Belastung ziemlich vernünftig mit der Situation umgehen und sich bemühen, es den anderen nicht noch schwerer zu machen.

Dann kamen die Handwerker. Hinterher hat P. gelüftet und die Klinken desinfiziert. Es roch wie im Schwimmbad.

Die Handwerker haben es jetzt auch nicht leicht. Aber die Handwerker könnten es leichter haben. Sie klingeln Sturm und hämmern mit der Faust gegen die Tür, als wären sie die Polizei und P. wäre stark verdächtig. Die Handwerker sind auf Krawall gebürstet, zack! steht die Leiter in P.s Arbeitszimmer, wo es für sie nichts zu tun gibt. Die Mieter in Berlin, sagen die Handwerker, sind schwierig. Die Handwerker könnten es sich leichter machen. P. sagt es ihnen nicht.

Die Handwerker haben sich in P.s Gedanken vorgedrängt. Denn in Wahrheit ist es ein guter Tag. P.s Gedanken sind, eigentlich und auch gleich wieder, am Rand unterwegs, am Rand des Jahres, zwischen Hexenneujahr und Epiphanias, also von November über Advent und durch die zwölf Nächte bis zum Tag der drei heiligen Weisen. Das ist eine Zeit, in der Gesagtes an Unausgesprochenes grenzt. Da kommen die Gedanken vom Ungesagten zum Gesagten und wieder zurück, vom Hölzchen aufs Stöckchen, von Alpha nach Omega aber auch.

Konzentriere dich. Worauf wartest du? Konzentriere dich, schweife umher.

Gottfried Keller schrieb von den Augen als lieben Fensterlein. P. schaut am Fenster, dem äußersten Rand des Büros. Der Himmel ist grau. Kein buntes Grau, das, wie P. gelernt hat, aus Farben gemischt wird. Das Auge, die nimmermüde Kamera, begegnet Kellers Zaubermetapher im Spiegel aus Fensterglas, und durch den schaut P. hindurch und hinüber. Die Fenster dort drüben sind die Äuglein des Hauses, und weit aufgerissen jeden Morgen eine Tür zum Balkon.

Advent: Lichter, die allabendlich erscheinen, elektrisch beleuchtete Sterne und Rentiere aus leuchtendem Schlauch. Im Tageslicht erscheint eine Ringelblume neben ihrer älteren Schwester, dem vertrockneten Stern. An den Rändern des Jahres erscheinen die immergrünen Zweige des Rosmarins, die letzten und die ersten Blüten, an den Rändern des Jahres wärmt P. die Balkonflora zwischen Zweigen aus Tannengrün, die Nädelchen trocknen dem Frühling entgegen.

Advent, worauf willst du warten?

Zumutungen tangieren P. am Rande, in Wahrheit hat Kolleginnenpost Vorrang, Kolleginnenvideo lädt ein zu einem Rundblick an den Rändern. An den Rändern begegnen P. Gedichte, Bilder, Gebilde. Viel Abstand macht viele Ränder. P. schweift, findet, verliert, verliert und findet, viel großes Ziel hilft selten beim Finden. “An den Rändern”, wie treffend sind die Blicke, die Wörter für dieses Jahr.

Freund!nnenmail, Kolleginnenpost, Zeichen der Nachbar!nnen an die Türe gehängt, ein Stück vom Kuchen mit langem Arm übergeben.

P.: Umarmungen, worauf wartet ihr?
Umarmungen: Wir warten noch.

Der trockene Stern der Calendula, diese nicht überraschende Metapher, besteht leibhaftig aus den bezackten und spiraligen Rundbögen der Samen. Worauf warten? *** P. weiß es wieder.

Koordinaten1: 10. Dezember. Advent 2020. Quelle und Antwort nach dem Mehr-Link.
Koordinaten 2: In dem empfohlenen Video liest Undine Materni Gedichte von Lars Gustafsson, Franz Hodjak und Ragnar Helgi Ólafsson in einer Ausstellung von Stefan Voigt in der Stadtgalerie Radebeul.
Koordinaten 3: 1.242.203 (Zahl laut Robert-Koch-Institut vom 10. Dezember 2020, 0 Uhr, online aktualisiert 8.25 Uhr). Genesene: ca.902.100 (vom RKI geschätzter Wert laut Lagebericht vom 9. Dezember 2020)

[Mehr →]

Kranz oder Krone
· · ·

Neuerscheinung: Was der Regen Poliander erzählte

26.11.2020 · poliander

November. Das Licht schwindet, eben noch raschelten Blätter, nun werden sie Mulm unter den Füßen. Was für ein Jahr, liebe Leserinnen, liebe Leser. Der Regen rinnt, bittersüß riecht der heiße Schlehenwein. Wohin fließen die Geschichten? Poliander, Gramann und die Königin der Linien zeigen was vor, eine Neuerscheinung. Unsere Botinnen kündigen an:

Meetchens Hochzeit
Nach Motiven aus Wittenwilers Ring erzählt von Ulrike Gramann
Zeichnungen von Gudrun Trendafilov
Erschienen im November 2020 in der edition petit
Verlag SchumacherGebler Dresden

Inhalt:
Eine Quelle, ein Wasser, ein See und ein Regen bringen die Geschichte von Meetchens Hochzeit zur Erzählerin. Ungestüm eilen die Ereignisse, seit Meetchen das Gesicht ihres Liebsten in der Quelle sah. Seine ungeschlacht-hartnäckige Werbung bleibt nicht lange verborgen im Dorf am See. Bald geraten die Liebenden in einen Wirbel, die Dorfleute wirbeln kräftig mit, zuletzt greifen auch nicht-menschliche Kräfte ins Geschehen ein. Ein Mädchen wie Meetchen, wer steht ihr bei?
Gudrun Trendafilovs Zeichnungen begleiten Meetchens Geschichte in verwandter Stimmung und auf eigene Art.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Poliander wünscht Ihnen gute, freie Stunden zum Betrachten und Lesen. Verfasserin und Zeichnerin sind gespannt auf Meinung und Kritik.
Sein Sie gegrüßt, bleiben Sie uns gewogen, und wir bleiben
von Herzen die Ihren

Koordinaten: Ab sofort erhältlich im Buchhandel, beim Verlag sowie bei Gudrun Trendafilov und Ulrike Gramann.

Anmerkung und Dank: Eine frühere Fassung der Erzählung Meetchens Hochzeit wurde 2010 von der Dichterin und Buchbinderin Carla Schwiegk in einer Kleinstauflage gedruckt, gebunden und herausgegeben. Diese nun vergriffene Ausgabe begleitete meine Augen, Herz und Hirn, während ich den Text für die Neuausgabe bearbeitete.

Augenweide · Buchstabenfracht
·