Polianders Zeitreisen

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Gebündelte Aufmerksamkeit für Elke Erb

07.07.2020 · poliander

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt hat der Dichterin Elke Erb den Georg-Büchner-Preis verliehen.

P., die stets nach guten Nachrichten hungert, freut sich sagbar.

Denn das beste und schönste an dieser Entscheidung ist, dass sie auf literarischen Sachverstand zurückgeht. Sie fragt nicht nach einer Bestsellerin, nicht nach Konsumierbarkeit, nicht nach Auflagen, politischen Maßgaben, Vitamin B, Geld oder Ruhm. Sondern nach der Sprache. Die Jury selbst schreibt von Elke Erbs Sachverstand:

(…) Elke Erbs poetischer Sachverstand, der sich auch in ihrer reichen übersetzerischen Arbeit zeigt, beeinflusste mehrere Generationen von Dichterinnen und Dichtern in Ost und West. Ihre Gedichte zeichnen sich durch eine prozessuale und erforschende Schreibweise aus, in deren Verlauf die Sprache zugleich Gegenstand und Mittel der Untersuchung ist. Elke Erb gelingt es wie keiner anderen, die Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in der Sprache zu verwirklichen, indem sie sie herausfordert, auslockert, präzisiert, ja korrigiert. (…)
aus der Begründung der Jury

Elke Erb, die zu lesen herrliches Vergnügen bereitet, ist höchstwahrscheinlich die größte lebende Dichterin in deutscher Sprache, in den deutschen Sprachen.

P. zieht den Hut und geht in die Knie.

Elke Erb ist eine, die jedes Wort ernst nimmt, sie ist eine, die weiß, was sie tut, und darum kann sie so spielerisch mit Worten umgehen, wie sie es bisweilen tut. Die Sprache steht ihr zur Verfügung, und P. ist überzeugt, dass es viel Arbeit gemacht hat, dahin zu kommen. Wer schreiben will, muss lesen, lesen, lesen. Wer steht hinter jeder großen Dichterin? Die Sprache. Und was steht vor ihr? Die Sprache. Und wo setzt sie ihre Füße? In den Wegen der Sprache.

Ja, Intuition. Die gibt es. Was Elke Erb P. einmal sagte: Intuition ist eine phantastische Form gebündelter Aufmerksamkeit. Und übrigens hasse ich das sehr, wenn die Frauen erzählen, sie schreiben aus dem Bauch und solche schrecklichen Geschichten. Es könnte ja auch ein Herz geben, oder? Mindestens, nicht? Aber da ist etwas, was einen Konkurrenzbetrieb aufnimmt, und der ähnelt immer dem, mit dem er konkurriert. Ich kann nicht aus dem Bauch schreiben, wo anscheinend alles weich und organisch zugeht, wenn es in der Welt Gefängnisse gibt.
In: “Es könnte ja auch ein Herz geben oder?” Ulrike Gramann, Gespräch mit Elke Erb, ursprünglich publiziert in weibblick 5/1999, jetzt abrufbar unter www.planetyrik.de (etwas scrollen)

Und ja, andere Dichterinnen, selbstverständlich gibt es sie, einige, etliche, sagt P., Friederike Mayröcker hat es auch, und Sarah Kirsch hatte es, und Christa Reinig, Christa Reinig, die hatte es sowieso. Lesen Sie, was Dichterinnen schreiben. Unbedingt. Und lesen Sie Elke Erb.

Koordinaten: Elke Erb. Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Und dank Wikipedia Link zum Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.

Erregung
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Bukolisch

15.06.2020 · poliander

Es hat geregnet. Alle Steine im Hintergrund sind ebenfalls Schafe. Sie kümmern sich nicht um die Betrachterin.

Koordinaten: 52° 27′ 29” N, 13° 17′ 15” O

Augenweide

Kranz oder Krone (60) – Baustellen und Offices. Ein Brief

14.06.2020 · poliander

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

draußen das Geräusch, das monotone Tschilp der Sperlinge. In der Schwüle löst sich der Geruch der soeben aufblühenden Linden und kommt mit dem Luftzug ins Zimmer. Er legt sich über die Unordnung im Büro. 90 Tage, 60 Einträge. Und noch ein paar unnummerierte. Später: Regen, Gewitter, Regen. Dann Nacht. Aus dem CD-Player erzählt Michael Rotschopfs Stimme Marcel Proust. Sodom und Gomorrha. Leises Rauschen vor dem offenen Fenster.

Dann Tag. Sonntags bleiben P.s Gedanken privat, eigentlich, aber im Office sind Arbeit und Sonntag durcheinandergeraten. Von Entschleunigung kaum eine Spur. Wer hat sich das bloß ausgedacht, dieses Wort?

Ein Vierteljahr seit dem Corona-Down. So viel Abstand zu so vielen Menschen. So viel Kreidezeichnungen auf der Straße. P. sah einen Glückwunsch für ein Mädchen, darin stand: “Du bist mit Abstand die Beste.” In all den Kreidezeichnungen war Zauber. Auch im Tapp-tapp der Jogger!nnen. Im Tschilp.

Genervtheit: P. will in Mitmenschen nicht immerzu potentielle Anstecker sehen. Und doch registriert sie die Abstände genau und wie weit sie sind. Näher, weiter, genau.

Das Tschilp möge bleiben.

P., als Passantin, passiert täglich Baustellen. Berlin ist ständig im Bau. Bauarbeiter arbeiteten auch während des Downs jeden Wochentag, oft auch sonnabends. Wie schafften sie das bloß, in Nähe und Distanz? Gerüste wurden errichtet und wieder abgebaut, Dächer repariert, Fassaden erneuert.

Am meisten Eindruck macht der Dachausbau. Dafür werden provisorische Dächer über die Dächer gehoben, die geöffnet und mit Ausbauten versehen werden.

In P.s Arbeit gibt es viele Baustellen. Nähe und Distanz ist eine davon.

Sonntagnachmittag: Vielstimmiges Gesinge und Getschilpe. Hummeln und Bienen. Kleine schwarze Insekten, die P. nicht kennt. Stimmen. Blüten öffnen sich mit nur selten wahrnehmbaren Geräuschen. Aber sie sind da. Noch immer sind Flugzeuge und Kondensstreifen seltene Erscheinungen am Himmel über Berlin. Wenn Sie P. fragen: Die sich hinziehende Rückkehr der Flugzeuge ist ihre geringste Sorge. Eher denkt P., dass die noch früh genug wieder die Atmosphäre stören werden. Und wo sind die Bussarde geblieben? Umgezogen?

“Der Himmel über Berlin” ist ein Film. Ein Engel sagt darin: Manchmal wird mir meine ewige Geistesexistenz zu viel.

Die körperliche Existenz war lange in die Homeoffices dieser Stadt eingesperrt, in geistige Tätigkeit geronnen. Manchmal joggten Teile der körperlichen Existenz über die leeren Straßen. Jetzt wagen die Körper sich wieder heraus, tragen schöne Kleider und verteilen sich in die Restaurants. “Einen Apéritif bitte.” Einen Kaffee, ein Glas Wein, “ach, und bringen Sie mir doch ein Lachen bitte.” Am Tisch sitzen Menschen aus zwei Haushalten. Umarmungen werden nicht gereicht.

Und noch immer sind die Kinos geschlossen. Am 2. Juli sollen sie öffnen, auch P.s Lieblingskino. Klicken Sie hier, liebe Leserin, lieber Leser, und sehen Sie sich die Clips aus dem Bundesplatz-Tagebuch an. Solang sie da noch stehen. Auch Tagebücher sind Baustellen des Geistes.

Ja, und lüften. Lüften Sie Ihr Office, lüften Sie das Büro! Lüften Sie die Winterkleider, ehe sie in den Tiefen der Schränke verschwinden, um den Sommerkleidern Platz zu machen, ganz vorn. Lüften ist wunderbar. Die Erreger werden verdünnt, Gedanken fliegen hinaus, Tschilpgeräusche kommen herein. Und wenn wir nachts weiterlüften, kommt auch die frische klare Luft. Auch erfrischte Gedanken kehren zurück, manchmal in Zeilen verwandelt, in Verse.

Ah.

Corona heißt Kranz oder Krone. Eine Corona, das war mal ein verbreiteter Ausdruck für einen Kreis von Freunden und Freundinnen, ein bisschen antiquiert, ja, aber sehr charmant. Freundinnen und Freunde zu haben ist natürlich überhaupt nicht antiquiert. Und während wir noch, ein Provisorium in unseren Leben, wegen Covid-Nr.-19 körperlich oft Distanz halten müssen, behalten wir geistige Nähe und Gegenwart, suchen Austausch und erfrischende Lüfte auf ihrer Reise durch das eigene Zimmer, durch Offices und Baustellen. Bleiben Sie heiter!

Das wünscht Ihnen
Ihre Poliander

Koordinaten 1: Der Himmel über Berlin
Koordinaten 2: 186.269 (Zahl laut Robert-Koch-Institut vom 14. Juni 2020, 0 Uhr, online aktualisiert 14.35 Uhr). Genesene: 171.900 (vom RKI geschätzte Zahl laut Lagebericht vom 13. Juni 2020)

Kranz oder Krone · Reisebrief
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ZB 100

11.06.2020 · poliander

Für alle, die gern schauen, eine herzliche Einladung:

ZB 100 – 100 Zündblättchen
Ausstellung vom 7. Juni bis 26. September 2020
im Kreuzgang des Klosters St. Afra
Kloster St. Afra / Evangelische Akademie, Freiheit 16, 01662 Meißen

Die Ausstellungseröffnung, die wegen Covid-Nr.-19 eine geschlossene Veranstaltung vor geladenen Gäst!nnen war, fand am 6. Juni 2020 im Remter des Klosters statt; die Rede hielt Undine Materni. Sie fragte darin:
Kennen Sie das? Dass man bestimmte Dinge für selbstverständlich hält und deshalb nicht danach fragt? Und wie wunderbar erhellend es dann ist, wenn man es trotzdem getan hat? Warum heißt das Zündblättchen eben so und nicht anders?
Die ganze Gründungsgeschichte der kleinen und feinen Kunst- und Literaturzeitschrift Zündblättchen steht in ZB Nr. 40. Hier wird sie nicht erzählt. Wer sie lesen möchte, wende sich an Else Gold oder an den Kunstverein Meißen. Wer mehr über Else Gold und WEHerbst Silesius, zwei der ursprünglich drei Gründer!nnen der Zeitschrift wissen möchte, kann hier weiterlesen, was P. über sie schrieb.
Ulrike Gramann las am 6. Juni das Märchen Herrn Hörmanns Einladung, das im Zündblättchen Nr. 100 zusammen mit Fotografik von Else Gold veröffentlicht wurde.

Wie kann eine Ausstellungseröffnung eine geschlossene Gesellschaft sein? Da ging es bei aller Freude recht leise zu, und man kann schon traurig sein, dass Covid Nr. 19 aus den normalsten Dingen der Welt geschlossene Veranstaltungen machen kann. Immerhin aber gibt es endlich wieder Veranstaltungen und Ausstellungen, und deshalb nun zum Vergnügen:

Die Ausstellung ist geöffnet!
Für den Besuch wird bis auf Weiteres um telefonische Voranmeldung gebeten. Tel. 03521-4706-22. Vielen Dank für Einsicht und Verständnis.
Der schöne Kreuzgang ist offen, frische Luft und Platz zum Ausweichen sind gegeben.

Koordinaten: 51° 10′ N, 13° 29′ O, Kunstverein Meißen – ZB 100.

Augenweide · Buchstabenfracht

Kranz oder Krone (59) – Nachricht vom Grün

08.06.2020 · poliander

Die Hummel, die erstaunlich ausdauernd war in ihrem Schlaf, sich nur ab und zu ein wenig drehte, heute morgen zwischen 8 und halb 10 hat sie ausgeschlafen. Sie ist fort. Die Ringelblüte steht offen.

Lindgrün ist das Kleid unserer Straße, Blütenfähnchen wie Lichter, ein dezent unruhiges Muster. Vor jedem Fähnchen sitzen die Knospen. P. kann sie riechen, ehe sie aufgehn.

P. hört sagen, das wären mandschurische Linden. Schön wär’s. Denn die mandschurische Linde lebt in Steppen und Trockenwäldern auf sonnigen bis lichtschattigen Standorten, die hält das aus. Und Berlin ist zur Steppe geworden. Jeder Regen wird begrüßt, als wär er der erste. Oder letzte.

P. ist den Bäumen nachgegangen bis in die Berliner Baumbestandskarte. Alle öffentlichen Bäume sind gezählt und kartiert, nur private Bäume sind privat. Wir haben hier Tilia platyphyllos, nicht ungewöhnlich, und eine Holländische Linde, gemischt aus Tilia cordata und platyphyllos, haben wir hier auch. Unsere Stadtlinden!

Mehr Nachricht vom Grün:

Nicht nur die Linden sind belaubt, auch die Clematis hat sich entwickelt. Im Schattenriss zeigen sich hoffnungsvolle Ansätze. Weitere Nachrichten folgen. Was, unpolitisch? Wohl kaum. Zwischen den Straßenbäumen und auf den Blumenbalkonen entscheidet sich unsere Zukunft. Auch da.

Später Vormittag: ordentlich was los bei den Hummeln.

Koordinaten: 184.193 (Zahl laut Robert-Koch-Institut vom 8. Juni 2020, 0 Uhr, online aktualisiert 8.20 Uhr). Genesene: 169.100 (vom RKI geschätzte Zahl laut Lagebericht vom 7. Juni 2020)

Kranz oder Krone
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Kranz oder Krone (58) – Welt dreht weiter

07.06.2020 · poliander

Am Sonntag bleiben P.s Gedanken privat.

Dies sind die Gedanken von Freitag:

Das nächtliche Geräusch des Regens, der fällt, herunterströmt, rauscht, aber nicht rieselt. Vielleicht rieselte er auch, zwischendurch, aber das hätte P. im Zimmer nicht hören können.

Auf dem Weg später trifft P. eine gehbehinderte Frau mit ihrem Rollator. An der Tür der seit vielen Wochen geschlossenen Post hat sie soeben den lapidaren Aushang gelesen. Es gibt technische Störungen, deren Lösung auf unbestimmte Zeit vertagt wurde. Corona, scheint ihr, ist eine Ausrede. P. scheint das nicht nur so. Denn die Filiale war auch schon vor dem Down geschlossen. Wo ist die nächste Post? Und wie kommt die Frau da hin? P. erklärt es, zeigt, wo der Bus abfährt. Die Frau will nicht fahren, sie will laufen, egal ob es lange dauert. Wer verstünde das nicht. Der Bürgersteig ist schmal und dazu von einem Radweg belegt. Die Frau fürchtet entgegenkommende, ungeduldige Radfahrer!nnen. Es gibt einen zweiten Fußweg, dort hinter den Sträuchern, breit genug, nicht asphaltiert, fast ein Spazierweg. Aber die Frau kommt schon hier schlecht voran, wo auf dem Beton die heruntergeregneten Blätter und Blüten liegen. Wütend stößt sie den Rollator in den Mulm. Wenn sie gewusst hätte, wie das hier ist, wäre sie nie hierher gezogen. Aber es ist schön hier. “Nicht, wenn es geregnet hat!” Ärger dringt durch die feuchte Morgenluft. Es gibt keine dritte Lösung: der mühsame Gang auf einem der auf unterschiedliche Art ungeeigneten Wege oder der Bus.

Die Welt dreht weiter. Die Postfiliale bleibt zu.

Auf dem Balkon hängt eine Hummel an einer Ringelblüte und schläft. Ungerührt, ungestört. Andere Hummeln kommen vorbei, und das Geräusch ihres hochfrequenten Flügelschlags stört sie nicht.

Die Welt dreht weiter. Eine Hummel schläft.

Ach, Gelassenheit.

Poliander denkt, am Freitag – erinnern Sie sich? Das sind die Gedanken von Freitag – an die Lesung von Sonnabend. Sie darf den Wecker nicht vergessen. Sie wird Freundinnen wiedersehen, sie wird eine andere Stadt wiedersehen. Es wird Überraschungen geben, der Zug wird einen anderen Weg fahren, plötzlich durch den Bahnhof Leipzig Messe rollen, langsam, ohne Halt, es wird dauern. Es wird regnen, wenn sie ankommt. P. wird mit der Freundin über einem Fluss stehen, hoch oben. Das wird erst schön und dann besonders schön gewesen sein. Später Stimmengewirr, Winzerschoppen, nächtliche Vogelstimmen, später wird zu früher werden, allein aus einem Fenster schauen in der Nacht und Morgenlicht im Osten über einem Höhenzug jenseits des Flusses.

Heute ist Sonntag. P. ist zurück. Frühzug, beinahe über Lektüre den Ausstieg versäumt. Zeitung, Kaffee, frische Croissants, Pfingstrosen und Wicken. Auf dem Balkon hängt eine Hummel an der Ringelblüte. Sie bewegt sich im Schlaf.

P. hat den Wecker nicht vergessen.

Soundtrack: Kate Bush, Mrs. Bartolozzi

Koordinaten von heute: 183.979 (Zahl laut Robert-Koch-Institut vom 7. Juni 2020, 0 Uhr, online aktualisiert 8 Uhr). Genesene: 169.100 (vom RKI geschätzte Zahl laut Lagebericht vom 7. Juni 2020)

Kranz oder Krone
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Kranz oder Krone (57) – statt ins Bücherregal schaut P. ins Landleben

01.06.2020 · poliander

Liebe Leserinnen und Leser,
mit Vergnügen kündigt Poliander an:

Die Geduld der Wanderratte
Ein Märchen von Poliander

seit vorgestern online auf dem Begine-Blog. Bitte oben auf den Titel des Märchens oder hier klicken. Dauer der Lesung: zirka zehn Minuten.
Die Wanderratte gestattet einen tiefen Einblick in einen verborgenen Winkel des Tierlebens auf dem Lande.
Zuhörerinnen und Zuhörer sind herzlich willkommen!

Zündblättchen und Lesenacht

Das Zündblättchen Nr. 50, in dem das Märchen zusammen mit den schönen Scherenschnitten von Carla Schwiegk erschien, ist übrigens bei der Herausgeberin Else Gold noch erhältlich.

Als Zugabe nur für Frauen die Ankündigung, dass die
Begine – Treffpunkt und Kultur für Frauen
demnächst wieder öffnet. Mehr Information hier.

Und in eigener Sache: Zwar bedeutet Normalisierung längst nicht Normalität, doch kehrt das öffentliche Leben aus der Zurückgezogenheit schrittweise zurück. P. wird “Kranz oder Krone” darum ab Folge 60 vorerst aussetzen oder auflockern und Beiträge auch wieder den bislang üblichen Kategorien zuordnen. Und wenn Sie meinen, für P. habe sich doch nichts geändert, sei sie doch ganz normal jeden Tag an ihrem Schreibtisch zu Hause, den man auch Homeoffice nennen kann: P. ist nicht nur Zeitreisende, sondern schreibt auch in der Zeit und analog diesseits und jenseits der Grenzen des eigenen Büros – im Vorraum des Lieblingskinos, in der Bibliothek, im Café, in Zügen, im botanischen Garten, auf Spielwiesen… überall da, wo ein Notizbuch und ein paar Stifte Platz finden. Die meisten dieser Orte werden nach und nach wieder zugänglich – unsere Stadt.

Koordinaten 1: Die Geduld der Wanderratte. Ein Märchen von Poliander. Mit Scherenschnitten von Carla Schwiegk. Als Zündblättchen Nr. 50 herausgegeben von Else Gold und WEH 2012
Koordinaten 2: 181.815 (Zahl laut Robert-Koch-Institut vom 1. Juni 2020, 0 Uhr, online aktualisiert 7:50 Uhr). Genesene: 165.200 (vom RKI geschätzte Zahl laut Lagebericht vom 31. Mai 2020)

Kranz oder Krone
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Kranz oder Krone (56) – Baumglück und die Erinnerung an eine Kommandantura

29.05.2020 · poliander

Blick aus dem Fenster: Die voll ergrünten Bäume verhindern den Blick auf das Gerüst dort drüben, am Ende der Straße, oben, unten, schräg gegenüber. Ach, draußen sein!

Geräusch: Klappern und Schlagen von Metall auf Metall zeigt an, was geschieht: Das Gerüst, das am Anfang des “Lockdowns” aufgebaut wurde, wird nun abgebaut. Das Dach ist repariert, sieht aus wie neu. P. und der Gefährte hoffen nur, dass die Fledermäuse, deren es viele gibt in der kleinen Straße, weiterhin in den Dächern wohnen und in der Dämmerung durch die Luft flitzen. Drinnen sein können und draußen sein, auch die Flügelmäuse.

Keine Trugschlüsse: Es ist noch nicht vorbei.

Das grüne Kleid der Linden ist schütterer als im vergangenen Jahr, große Stücke fehlen im Flickwerk auf Ästen und Zweigen. Das dritte Jahr im Regenmangel setzt den Stadtbäumen zu, nicht fünf, nicht zehn, Hunderte und Tausende Liter Wasser stehen im Minus.

Keine Trugschlüsse. Gute Schlüsse sind Güsse! Und wo es Vorgärtlein gibt, am besten nicht auf die viel zu kleinen trockenen Baumscheiben gießen, sondern in die Vorgartenflächen hinein, unter die die Bäume ihre Füße stecken, das gute, saugfähige Wurzelwerk, das nach Feuchtigkeit lechzt.

Draußen sein: Am Himmelfahrtswochenende spazierten der Gefährte und P. durch Dahlem, durch den Südwesten von Berlin, auf der Suche nach dem Gebäude der einstigen Alliierten Kommandantura. Wind ging, aber feste! Scharfe Luft, wie oft in der Stadt, in der märkischen Sandbüchse. Pollen tanzten auf Nasen, Staub verirrte sich hinter Brillen. Als zwischen Habelschwerdter und Thielallee, zwischen Thielpark, Corrensplatz und Triestpark ein Gebäude mit kräftig besäultem Portikus, aber recht bescheidenen Ziegelbändern auftauchte, fragten wir uns: Das da etwa?

Hatten wir doch im Umfeld so manches Gebäude gesehen, das repräsentativer wirkte. Das hier, Kaiserswerther Str. 16 bis 18, auf den ersten Blick erschien es großmäulig und schmallippig zugleich. Zudem: War das Ding nicht ein wenig unterdimensioniert, um das oberste Machtgremium der vier alliierten Besatzungsmächte Berlins zu sein? Doch wie vieles, was in den späten 1920er Jahren – hier 1926 bis 1927 – gebaut wurde, enthüllt seine Eleganz sich auf den zweiten Blick.

Ehemals saß im Gebäude, das der Architekt Heinrich Straumer baute, der Verband der öffentlichen Feuerversicherungsanstalten. Innen soll es Art déco geben, sogar viel davon, “überbordend” steht in der Landesdenkmalliste. Wir sind: draußen.

Gut, ein bisschen vernachlässigt, Jalousie unten, Jalousie oben. Wir sind in Berlin. Und heute befindet sich in diesem Gebäude keine Kommandantur mehr, sondern das Präsidialamt der Freien Universität. Da beweist ja bereits der Name, dass es so preußisch nicht zugehen kann. Aber das Detail, Material, Form, Proportion. Na? Übers verschnörkelte Törchen am Zugang sieht der Fotoapparat glatt hinweg, das zeigen wir nicht, das muss wohl eine Schreberseele hier angeordnet haben.

Nun die Alliierte Kommandantura: Schon 1944 hatten die Alliierten beschlossen, Berlin gemeinsam zu besetzen und eine gemeinsame Regierungsbehörde, eben eine Kommandantura zu bilden. Inmitten der sowjetisch besetzten Zone bekam das besetzte Berlin einen besonderen Status, besetzt von vier Mächten und übrigens demilitarisiert, letzteres allerdings bald nur noch in den Westsektoren der Stadt.

Zunächst tagte die Alliierte Kommandantur in der sowjetischen Zentralkommandantur. Dann aber zog die gemeinsame Kommandantura nach Dahlem in ein eigenes, in dieses Gebäude. Warum es gewählt wurde? Wer weiß. Die Stadt war zerstört, in Dahlem war sicher einiges mehr erhalten geblieben als in vielen anderen Bezirken. Hier regierte die Kommandantura aus vier Alliierten von 1945 bis 1948, nämlich bis zu dem Tag, als man sich nicht über eine gemeinsame Währungsreform einigen konnte. Die einseitige Währungsreform der drei Westmächte führte letztlich dazu, dass Sowjetunion zuerst den Alliierten Kontrollrat, dann auch die Kommandantura verließ. Über die in jeder Hinsicht für Berlin und Deutschland folgenreiche Währungsreform kann die Berlinerin noch einmal extra trauern, schon, weil zunächst diskutiert worden war, in ganz Berlin die “Bärenmark” einzuführen. Statt dieser charmanten Tierwährung kam die DM im Westen, eine eigene Währung im Osten und die Blockade. (Also, die West-Berliner!nnen mit ihrer Blockade, das ist eine extra Geschichte, die lassen wir hier… draußen.)

Regiert haben die Alliierten mit ihren “Anordnungen an den Berliner Magistrat und an den Oberbürgermeister”. Das Wort “Magistrat” scheint gemeinsam mit dem sowjetischen Stadtkommandanten Alexander Kotikow abhanden gekommen zu sein. Später hieß die Stadtregierung nur noch im sowjetischen Sektor Magistrat, im Westen Senat. Später hatten die Beschlüsse der Alliierten Kommandantur, die de facto nur noch aus drei Alliierten bestand, de facto auch nur noch Wirkung in West-Berlin.

Seitdem die Sowjetunion raus war aus der Kommandantura, blieb der vierte Fahnenmast vor dem Gebäude genauso leer wie drinnen der Stuhl des sowjetischen Vertreters. Im Alliierten Kontrollrat übrigens wartete man seit dem Auszug des sowjetischen Vertreters 1951 immer ein paar Minuten, ob er nicht doch noch erschiene. Aber das kam nicht mehr vor. Die Geschichte des Alliierten-Kontrollrats-Gebäudes am Kleistpark, nämlich des Kammergerichts, ist eine wahrhaft deutsche, wahrhaft schreckliche Geschichte. Die erzählt P. eines Tages auch noch.

Es sind so viele Geschichten zu erzählen. Nicht dass P. irgend etwas Gutes an Corona fände, in das Geraune von der “Krise als Chance” stimmt P. keineswegs ein. Irgendwann hätten P. und der Gefährte sich so oder so nach Dahlem begeben, um die Alliierte Kommandantura zu suchen und sie zu finden. Nun also jetzt.

Die Stadt ist trocken, die Bäume warten auf einen Guss, egal, ob Corona ist oder nicht. Das Glück der Bäume besteht aus der Balance von Sonne und Regen, aus dem Gleichgewicht von Licht und Wasser. Wir Glücklichen können das Wasser geben.

Also, liebe Leser!nnen, und dann frohe Pfingsten!

Koordinaten 1: Alliierte Kommandantura, Verbandshaus der öffentlichen Feuerversicherungsanstalten in der Landesdenkmalliste.

Literatur:
Andreas Hallen /Bernhard Müller (Hrsg.), Berlin zu Fuß. Hamburg: VSA-Verlag 1987
Martin Wörner u.a., Architekturführer Berlin. Berlin: Reimer, 7., erweiterte und überarbeitete Auflage 2013

Koordinaten 2: 180.458 (Zahl laut Robert-Koch-Institut vom 24. Mai 2020, 0 Uhr, online aktualisiert 8 Uhr. Der Anstieg gegenüber dem Vortag beinhalte auch 240 Fälle aus einem Landkreis von Baden-Württemberg die am 27. Mai fälschlich nicht berücksichtig worden waren. Aus Sachsen und dem Saarland sei eine Summe übermittelt worden, die niedriger sei als die vom Vortag. Dies werde geprüft und ggf. korrigiert.) Genesene: 163.200 (vom RKI geschätzte Zahl laut Lagebericht vom 28. Mai 2020)

Kranz oder Krone
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Kranz oder Krone (55) – Gewitter vorm Officefenster

24.05.2020 · poliander

Am Sonntag bleiben P.s Gedanken privat. Nur soviel:

Kleine Gewitter ziehen über Berlin. Regen schauern sich ins vormittäglich gerade noch betaute Gras. Wie schön war es draußen, als wir durch die Straßen gingen. Wie schön ist es im Zimmer mit dem offenen Fenster, vor dem es sachte rauscht.

P. greift ins Bücherregal:

Rosemarie Gebauer, Frau Haselin und Drecksäck. Die wunderbare Welt unserer Sträucher und Bäume. Berlin: Transit 2016

Koordinaten: 178.281 (Zahl laut Robert-Koch-Institut vom 24. Mai 2020, 0 Uhr, online aktualisiert 8:20 Uhr.) Genesene: 159.900 (vom RKI geschätzte Zahl laut Lagebericht vom 23. Mai 2020)

Kranz oder Krone
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Kranz oder Krone (54) – freier Tag und freier Stuhl

19.05.2020 · poliander

Freie Tage, und wohin mit sich im Frühling?
“Wir bleiben zu Hau-”
Nein, diesmal nicht.

Wohin? Ins Neue Museum leider nicht. Immerhin der botanische Garten hat wieder geöffnet. Endlich. Sofort bestellt P. Zeitfenstertickets für ein freundliches Zeitfenster am Vormittag.

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Kranz oder Krone