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Eine Frau aus Mariupol

27.03.2017 · poliander

Fernes Bild

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Als P. das Gespräch mit Natascha Wodin im Radio hörte, wusste P. gleich: Dieses Buch muss ich lesen. Natascha Wodin, ihr feiner Stil, P. lang vertraut aus dem Roman „Die Nachtgeschwister“, sprach im Radio mit dieser Stimme, wünschte sich dieses Lied. Und sie erzählte, wie sie sich im 21. Jahrhundert auf die Suche nach einer Geschichte im 20. Jahrhundert begab, geleitet vom Bild der Mutter in ihrer Erinnerung:

Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei. 

Das ist der erste Satz in Wodins „Sie kam aus Mariupol“, dem Buch, in dem sie von der Suche nach ihrer Mutter erzählt. Von der Suche nach ihren Spuren, nach ihrer Vergangenheit, einer Wodin bis dahin fast unbekannten brunnenschwarzen Vergangenheit. Wodins Mutter, als sie sechsunddreißig Jahre alt war, verließ die Wohnung und kehrte nicht zurück, ging in die oktoberkalte Regnitz. Das war 1956. In meiner Erinnerung war sie nur noch ein Schemen, mehr ein Gefühl als eine Erinnerung. Das Geburtsjahr der Mutter: 1920. Der Ort, an dem sie aufwuchs: Mariupol, in der Sowjetunion Schdanow, eine ukrainische Hafenstadt am Ufer des Asowschen Meers. Das Geburtsjahr Wodins: 1945. Der Geburtsort: Deutschland. Die Jahreszahlen, die Orte, man glaubt die ganze Geschichte zu kennen.

Aber diese Geschichte wurde noch nie erzählt.

Sie steht in Geschichtsbüchern, zusammen mit anderen Zahlen, mit der unfassbar hohen Zahl von 42.500. 42.500 Zwangsarbeiterlager gab es im NS-Deutschland. 1944 arbeiteten sechs Millionen zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Deutschland. Diese Zahlen beweisen, wieviel gelogen wurde seit dem Ende des Deutschen Reichs. Denn es ist vollkommen unmöglich, dass im dichtbesiedelten Deutschland 42.500 Lager und sechs Millionen Menschen unbemerkt blieben, die alle irgendwo arbeiteten, dorthin gingen, von dort zurückkehrten. Sie arbeiteten in genau den Betrieben, in denen auch Deutsche arbeiteten, sie hatten Vorgesetzte und Kolleginnen, wenngleich die Beidngungen, unter denen sie arbeiteten, sich von denen ihrer KollegInnen auf fürchterliche Weise unterschieden. Man kann viel über Zwangsarbeit im NS-Staat erfahren, man kann Orte besichtigen, an denen Menschen zur Arbeit gezwungen wurden. Und seit die Generation der Täter ausstirbt, wächst die Zahl der Gedenksteine, erscheinen sie an Orten, an denen jahrzehntelang niemand von Zwangsarbeit. Es gibt Forschung. Es gibt Geschichtsschreibung. Man kann sich informieren.

Aber erzählt wurde die Geschichte noch nicht.

Die Geschichte, wie Natascha Wodin nach ihrer Mutter suchte, nach Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko, nach ihrer Mutter als Kind, als Mädchen, als junger Frau, und wie sie die Geschichte ihrer Mutter dann fand, was sie erfuhr, was ihr verborgen blieb, nicht mehr zu klären war, führt die Leserin, P., mich, durch das zwanzigste Jahrhundert und seine Verheerungen, die mit den Worten Krieg, Bürgerkrieg, Diktatur bezeichnet, aber nicht beschrieben sind.Wodin findet auf ihrer Suche ein Mädchen, eine junge Frau, die, mitten im Bürgerkrieg geboren, Besatzung, Verfolgung und Hunger überlebend, unter nicht mehr zu klärenden Umständen nach Deutschland verschleppt, arbeitend in einem Rüstungsbetrieb, dies auch überlebend, schwanger, in einem Lager für Displaced Persons, in einer Siedlung zuletzt am Rande einer Stadt, ein Mädchen, eine junge Frau, die in den wenigen Jahrzehnten ihres Lebens vor allem eines erlebt und erfährt: Gewalt. Die überlebte Dinge, von denen ein Bruchteil ausgereicht hätte, jene unheilbare Traurigkeit auszulösen, sie am Ende in die Regnitz führt.

Wodins Spurensuche führt die Leserin durch jeden denkbaren Schrecken, und doch kann man das Buch nicht weglegen. Denn das, was hier erzählt wird, wurde noch nicht erzählt. Und vor allem nicht so: beständig, leise, so nahe, so genau es nur gehen mag, im genau richtigen, genau angemessenen Ton. Die Geschichte wird erzählt, Stück für Stück, wie Wodin sie gefunden haben mag, mit Hilfe hilfreicher Menschen, nicht nur des einen, den sie Zauberer nennt, doch mit seiner Hilfe ganz besonders. Die Geschichte von Wodins Suche und davon, wie sie findet, was sie findet, das ist eine Geschichte für sich. Man liest sie gespannt und nicht zuletzt der Spannung wegen. In ihrer Mitte birgt diese Geschichte ein Zeugnis: die Geschichte der älteren Schwester JewgniasLidia, die in den 1930er-Jahren Opfer stalinistischen politischen Terrors wurde, als Lehrerin in einem Lager überlebte, die selbst eine Odyssee durch die Sowjetunion erlebte und-

Liebe Leserin, lieber Leser: Dieses Buch sollten Sie, müssen Sie lesen.

Natascha Wodin hat den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten.

Koordinaten: 47° 6′ 0“ N, 37° 33′ 0“ O. Zahlreiche weitere Orte. Leipzig. Sie kam aus Mariupol im Rowohlt Verlag. Gespräch mit Kulturradio (abrufbar noch bis 6. März 2018).

Begegnung
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