Polianders Zeitreisen

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Hundert

10.01.2022 · poliander

Das Meiste, was Poliander über Mythos und Märchen weiß, hat P. von Franz Fühmann gelernt, oder muss man sagen: aus Franz Fühmann? P. ist ihm nie begegnet. Nur seinen Büchern.

Das Märchen kennt Wunderautomaten; der Mythos, strenggenommen, weder Automaten noch Wunder.
in: Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens

Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, das erschien 1980 in erster Auflage in Reclams Universal Bibliothek Band 860, weiße Schrift, schwarzer Grund, die noch immer tief vertraute Gestaltung des Umschlags von Irmgard Horlbeck-Kappler, tief im Bewusstsein verankert: So muss ein Buch aussehen. Das Copyright lag beim VEB Hinstorff Verlag Rostock 1973, aber P. hatte immer dieses Reclamheft, printed in the German Democratic Republic. 2,- M. Alle griffen schnell zu, billiges Geld war genug da, es mangelte an den Büchern, nach denen wir gierten. Franz Fühmann. Abgeschabter Umschlag, doch der schmale Rücken ist dem Buch nicht gebrochen. Das holzhaltige Papier ist dunkel bräunlich verfärbt von der Luft in Berlin, all dem Kohlendioxid, all dem Schwefeldioxid vom Verbrennen der billigen Kohle, die doch in Berlin-HauptstadtderDDR noch immer besser war als in den Bezirken, später dann vom Ozon und dem Feinstaub des Autoverkehrs in Gesamtberlin, daran leiden P.s Bücher bis heute. Von den Lungen nicht zu reden.

Zweiundzwanzig Tage Ungarn, immer wieder diese zweiundzwanzig Tage, P. las das Buch auf vielen Reisen, oft also, man soll ja auf Reisen immer etwas Entgegengesetztes lesen, also in den Alpen etwas von der Küste, auf Spitzbergen etwas von der Sahara und so weiter (und P. schreibt das mit der größten Schamlosigkeit und ignoriert, dass die Welt augenblicklich nur in zwei große Zonen eingeteilt ist, “Hochrisiko-” und andere, und gemeint ist das nicht etwa politisch, sondern bezieht sich nur auf die Verbreitung eines bestimmten Erregers). P. schweift ab, das hat sie auch von Fühmann gelernt, aber egal, aber jedenfalls: Fühmanns Ungarntagebuch ist als Sprach- und Denkbericht noch immer entgegengesetzt zu ungefähr allem.

Von Fühmann kann man das Handwerk lernen, das, wie er es in Zweiundzwanzig Tage nennt, Scheißhandwerk. Jedes Wort umkreisen, wie er es tat, am Text arbeiten, wie er es tat, mit immer neuen Korrekturgängen, die ihn dazu brachten, Bretter zu kleben aus immer wieder korrigierten Manuskriptseiten, am Ende fest wie Pappmaché. Und wie leicht das heute geht, nur dass die Zwischenzustände im Computer verschwinden, wenn du sie nicht abspeicherst.

Handwerk lernen, da hat P. noch zu tun.

Morgens beim Aufwachen diesen Traum
Fühmann: Wie er seine Träume notierte, und wie er andere Träume erfand, und welche Träume das wohl waren, die er für sich behielt. Und wie er die Geschichten nacherzählt, die von Gellert vielleicht, dem Patron der Stadt Budapest.

Und eine Episode, über die man nicht genug nachdenken kann. Gellert ist mit Reisigen unterwegs und hört plötzlich das Knarren einer Mühle und dazu den Gesang einer Frau. Näher kommend entdeckt er ein Weib, das singend die Weizenmühle dreht, und fragt seinen Begleiter: “Sag Walter, läuft die Mühle nun durch die Kunst oder durch die Arbeit?”
Walter: “Durch beides, Vater, durch die Kunst und die Arbeit, denn es ziehet ja nicht irgendein Tier, sondern man muss die eigene Hand dabei herumdrehn!”
Gellert: “Welch eine merkwürdige Sache, wie das Menschengeschlecht sich ernährt. Gäbe es keine Kunst, wer könnte ide Arbeit ertragen?”
Ein Satz, den ich sofort unterschreibe.

Sagt Fühmann, wieder in Zweiundzwanzig Tage.

Nebenan brüllt das Radio Walzer um Walzer. “Gäbe es keine Kunst, wer könnte die Arbeit ertragen?”
Aber wie erträgt man die Kunst

Durch Arbeit

Schreibt Fühmann in Zweiundzwanzig Tage.

Das berühmte, geradezu sprichwörtliche Bergwerk Fühmanns, in dem er kämpfte und litt, und das kein Buch wurde, sondern seine Bücher, dieses Bergwerk also war der Abbau der Worte vor Ort, und wenn Zweiundzwanzig Tage ein kleiner Tagebau ist, so ist Vor Feuerschlünden eine Tausende Meter tief reichende Grube, und auf irgendeiner tiefen Sohle steht die heilige Barbara, die den ewigen Fühmann, den Wort-Bergmann beschützen möge. Doch das geht jetzt zu weit hier, das kann P. nicht so auf einmal in einem einfachen Logbucheintrag erklären, was Vor Feuerschlünden eigentlich ist. Oder gewesen ist, in diesem Land damals, in dem Fühmann so hartnäckig von seiner Wandlung schrieb.

Und man muss lernen, und dann muss man wieder vergessen, damit man überhaupt und auch nur irgend etwas arbeiten kann. Ob Fühmann das gesagt hat, weiß Poliander auch nicht.

Dahintreiben, aufspringen, gehen.

Koordinaten: Am 15. Januar wäre Franz Fühmann einhundert Jahre alt. Biografie nach Wikipedia.

Begegnung
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