Polianders Zeitreisen

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Der Schein am Himmel

06.01.2022 · poliander

Sonne, Mond und Sterne.

Der Mond ist die schmale Sichel des diesjährigen Epiphaniastages, die Bauchung wie beim altmodischen Z zeigt an, dass er zunimmt. Der HImmel ist klar, das zeigt kommende Kälte. Vielleicht wird Schnee fallen. Vielleicht auch nicht.

Die weihnachtlichen Lichter am Haus gegenüber sind verschwunden, an den Straßenrändern vertrocknen die ersten der abgetanen Tannenbäume. Aber wir zünden noch einmal die Lichter an auf dem Kranz. Ach, Sie müssen doch nicht an Weihnachten glauben! Es kann auch ein ruhiges Zweitagewerk sein, arbeiten, während die andren feiern. Wir machen das aber nicht mehr, wir feiern und dehnen die Zeit zwischen den Jahren, wir dehnen die zwölf Nächte, wir träumen.

In Karlsruhe im badischem Land erschienen zu Epiphanias Jugendliche, die sangen und schrieben zwischen die Ziffern der Jahreszahl ein C + M + B auf ein schwarzes Schildchen, das eigens dafür über der Wohnungstür angebracht war. Also da stand dann das ganze Jahr dieses Christus mansionem benedictat, denn den Segen nahmen wir immer gern, noch dazu, wenn er von singenden Jugendlichen gebracht wurde, die Geld für andere Kinder und Jugendliche sammelten. Was durchschien, war der gute Sinn des Brauchs, unbeschädigt von der Institution, die in diesem Zusammenhang auch vorkam, irgendwie. Süßigkeiten und Geld statt Gold, Weihrauch und Myrrhe.

In Berlin haben die Jugendlichen was anderes vor. Oder man kann welche bestellen, die dann was singen. Falls man eine katholische Gemeinde in der Nähe hat. Bestellter Segen, geht das denn? Vielleicht, aber nicht in diesem Jahr, mit dieser Seuche im Land. Doch der Sonne ist es egal, sie scheint auch in diesem Jahr und für alle.

Schein, sagen die Brüder Grimm in ihrem wunderbaren Wörterbuch: leuchtender, strahlender glanz: splendor, nitor, candor, fulgor, jubar, und ganz besonders und zuerst genannt: von selbstleuchtenden körpern und lichtquellen, schein der sonne, des mondes, der sterne: diu sunne was in scine (sie schien), und P. denkt an den Stern ganz besonders, dem die Weisen gefolgt waren. Einem Stern zu folgen, was für eine Entscheidung!, denkt P. Wir nicken und stimmen zu.

Und was die Grimm-Brüder noch schreiben: von dem glanze glatter flächen, die das licht zurückwerfen, wie poliertes metall, edelsteine, spiegel. Ja, der Mond ist ein Spiegel. Auch wenn wir wissen, dass seine Oberfläche nicht glatt ist.

Epiphanias kommt von epiphaneia, Erscheinung. Erscheinung, da denkt P. an den Schein, von dem es im Wörterbuch heißt: ein leuchtender ring, wie ihn z. b. der mond bei unklarer luft um sich hat, hof. “Der Mond hat einen Hof”, das ist einer von P.s Lieblingssätzen, und zwar der, der so tief in den Zellen steckt, dass nicht mehr herauszubringen ist, woher P. das eigentlich hat. Aber auch der Schein, wie die mittelalterliche malerei ihn um die köpfe der heiligen anzubringen pflegte, strahlenkranz, nimbus, aureole; vgl. heiligenschein.

Das Schlimme an Grimms Wörterbuch ist, dass man jeden Eintrag zitieren und zitieren möchte, das Ding ist die reine Poesie. In unseren Köpfen hat Grimms Wörterbuch den hellsten Schein, den wir uns denken können, und wir werden nie müde, davon zu sprechen. Besäßen wir eines dieser Bücher realiter, nicht nur virtuell, wir würden es in eine lederne Hülle einschlagen wie in ein heiliges Säcklein, wie es einst mit den heiligsten Büchern geschah, die man nicht einfach so berühren durfte.

Epiphan, erscheinend, diaphan, durchscheinend. Es ist angekommen, das neue Jahr, wie der Morgen, wie des neuen Tages Schein, und an diesem Tag, zu Epiphanias, ist es schon einen Hahnschrei länger hell. Wir singen: Wach auf, meins Herzens Schöne, / Herzallerliebste mein. / Ich hör ein süß Getöne von kleinen Waldvögelein, / die hör ich so lieblich singen, ich mein ich säh des Tages Schein / von Orient her dringen.

Ich hör die Hahnen krähen- Oja, das kommt vor, so mitten in Berlin.

Kommt er nicht aus dem Osten, des Tages Schein, so metaphorisch, aus dem Osten das Licht? Aber vom Mond, da kommt er auch. Heute zieht er rasch über den Himmel, dabei ist die Nacht noch so lang, mitten im Winter. Es ist eine alte Geschichte mit der Epiphanie, heidnisch und fromm. Schein ist Wirklichkeit.

Koordinaten: Wie lang währt ein Hahnschrei? Epiphanias. Wach auf, meins Herzens… Tagelied aus dem 16. Jahrhundert, Melodie auch Johann Friedrich Reichardt zugeschrieben.

Augenweide