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Kranz oder Krone (66) – Nachricht vom Lebensmittelpunkt

17.12.2020 · poliander

Sagt man eigentlich Knospe bei Amaryllis? Oder sind das geschlossene Blüten? Von außen sahen sie metallisch rot aus. P. vermutete, innen wären sie scharf rosa.

Im Arbeits- und Lebensmittelpunkt steht die Vase der Oma, die schon einmal auf den Müll geworfen worden war, so vor fünfzig Jahren ungefähr. Das Mädchen nahm den großen Krug in ihren Lebensmittelpunkt und klebte die Scherben mit Duosan Rapid ineinander. Das hält bis heute.

Als die erste Blüte aufgeht, zeigt sich ein stumpfes Rot wie eingetrocknetes Blut oder wie der Rotweinrest im Glas von gestern. Stellen Sie sich das mal als Blume vor.

Hinter dem Fenster der Herbst 2020. Oder soll das der Winter sein? Astronomisch betrachtet: ja. Jupiter und Saturn nähern sich ihrer großen Begegnung. P. glaubte lange an die Geschichte, dass die große Konjunktion im Jahr 7 vor Christus der Stern von Bethlehem gewesen sei. Nun heißt es, das sei nur eine Legende. So berichtet die Sternzeit im Deutschlandfunk. Die Sternzeit ist eine seriöse Quelle. Ihr zufolge hat Matthäus den Stern erfunden. Die Erfindung eines Schriftstellers, was könnte realer sein?

P. und Gramann halten sich an den kleinen vertrockneten Stern von neulich, der so viel Leben in sich hat.

Abends schauen wir zum Himmel. Er ist trüb.

P. hat sich vorgenommen, darüber zu schreiben, was in diesem Jahr dankbar macht. Denken Sie, da gibt es nichts?
P. hat Gründe, dankbar zu sein.
Zum Beispiel dankbar den NachbarInnen. Der von einem Virus erzwungene Abstand brachte uns näher. Wir tauschten Befindlichkeitsberichte, Brot, Lebkuchen und Trost. P.s Wort des Jahres heißt Spaziergang. Wir gingen mit Abstand, Freundlichkeit und den wichtigen Fragen.
Zum Beispiel ist P. dankbar für die Lesungen, die stattfinden … durften. Dankbar nicht, weil jemand es erlaubt hatte, sondern weil die VeranstalterInnen so klug, umsichtig und vorsichtig alles vorbereiteten, dass niemand in Gefahr geriet. Danke, liebe LeserInnen, fürs Kommen und dafür, dass wir auch mit Abstand und Mundschutz ins Gespräch kamen. Es war aufschlussreich und verbesserte unsere Stimmung. Danke, VeranstalterInnen, für Streamings und Podcasts. Danke, dass ein Buch kam.
Zum Beispiel sind wir dankbar, wie viele einfach ihre Arbeit taten, unter oft besonders schwierigen oder nervenaufreibenden Bedingungen, und das haben sie nicht gemacht, weil jemand es anordnete, sondern einfach so, weil sie ihr Brot damit verdienen. Weil sie ihre Arbeit gern tun. Und so weiter.
Dank den Patzigen, sie haben P. erinnert, dass Freundlichkeit nicht vom Himmel fällt.
Danke, zum Beispiel, dass wir an jedem Sonntag dann doch eine Bäckerei fanden, in der außer Brot auch die Zeitung verkauft wurde. Danke für kluge Kommentare in FAS und DLF, danke, dass das C.-Wort niemals allein die Zeilen beherrschte.
Es gab genug Lebensmittel im Lebens-Mittelpunkt. Es gab FreundInnen in der Nähe und Ferne und Gemeinsamkeit dank Telefon, Video, dank Brief und Karte und Mail. Dank unseren Gedanken. Danke für Dankbarkeit.

Danke Zweifel, danke Trotz, danke Mut, danke, dunkle und helle Gedanken..

Die Bäume wuchsen nicht in den Himmel im Jahr 2020. Es gab Kummer im Jahr 2020, Sorgen und Schmerz, und die Folgen werden uns folgen bis ins dritte Glied. Es war, es ist ein seltsames, krisenhaftes Jahr. Doch wer meint, es gäbe nichts zu feiern angesichts dessen, dass auch BundesbürgerInnen erkranken und schwer leiden, ignoriert Schmerz, Unglück, Katastrophen auf der Erde. Gibt es denn fremdes Leid? Hat man je einen SPD-Mann sagen hören, es gäbe für uns nichts zu feiern, weil in Afghanistan seit 1978 Krieg ist? Oder, zum Beispiel, weil jedes Weihnachten in Deutschland so viel Kinder und Frauen verprügelt werden wie sonst das ganze Jahr nicht?

P.s Fingerzeig für Verzagte aller Couleur: 2. Timotheus, Vers 1,7.

Danke jeder Geschichte, die an P.s Tür klopfte. Noch sind nicht alle eingetreten und wurden nicht alle hereingebeten. Geschichten brauchen keinen Mundschutz. Nur löst der Abstand zu den guten und den schlimmen Geschichten sich nicht sofort und nicht von selbst.

Leute und Geschichten, auf euch trinken wir!

Die Amaryllisblüten sind ganz durchfärbt von Buntstiftrot. Kennen Sie diese Stifte, die man mit einem Pinsel oder dem nassen Finger vermalt? Brilliant werden die Farben nicht, die Farben werden satt.

Es ist nicht alles schlecht in Preußen. Berliner und Brandenburger Buchläden bleiben geöffnet. Was könnte realistischer sein? In den Brutstätten des Geistes keimt der Same des Wissens. Tragen Sie ihn nach Hause, pflanzen Sie ihn ein.

Was könnte optimistischer sein?

Koordinaten: 2020.
Begleitmusik: BWV 226, Stockholm Bach Choir, Concentus musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

Kranz oder Krone
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