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Kranz oder Krone (6) – Blick aus dem Homeoffice an den Himmel

23.03.2020 · poliander

Nachttemperatur: fünf Grad unter Null.

Nachthimmel: Südöstlich Orion. Obwohl ein starkes, helles Sternbild ist Orion, wie alle Sterne, am Berliner Himmel selten so prägnant zu sehen. Es geht auf Dunkelmond – ein Grund, der andere: die klare eiskalte Luft. Nicht nur die Hauptsterne des Sternbilds, auch die Sternenhäufung zwischen Gürtel und Knie, also ungefähr auf Mitte des Oberschenkels ist mit bloßem Auge sichtbar.

Polianders Erleichterung: Die nach dem allzu warmen Winter bereits weich gewordenen Pflanzen scheinen die nächtlichen Minusgrade überstanden zu haben; die grüngrauen Blätter der Zistrose scheinen fast saftig im starken Sonnenlicht.

Der dritte Tag des Frühlings.

Frage des letzten Donnerstags: Was bedeutet für Sie Heimat?
Poliander: Da fragen Sie ausgerechet mich?
Donnerstag: Und was würden Sie in Ihrer Heimat gern ändern?
P.: Ach du gütige Göttin.
D.: Was sollte sich in Ihrer Heimat nie ändern?
P.: Wird ja immer schöner! (Soll P. etwa den Zustand umhäkeln?)

Frau Schimmels Donnerstagsfrage absorbierte stundenlange Phasen lang mehr Energie als die Sorge um Coronas Folgen. Sagen wir es genau: mehr als die Sorge um sich. Plötzlich wusste P. es wieder: Korona ist der Kranz, der sich bei totaler Sonnnenfinsternis um die dunkle Sonnenscheibe herum zeigt. Mit solchen Gedanken kann P. lange spielen. Wollte sie überhaupt antworten?

Dann tat sie es doch. Die Antwort steht hier bei der evangelischen Akademie Meißen. Was P. nicht schrieb: Die erste S-Bahn, die sich P. bei jeder Rückkehr in die Stadt zeigt, die bedeutet: nach Hause kommen. Dass immer irgendwas drin rumliegt, darf sich, dass sie rotgelb ist, soll sich niemals ändern.

Nach Hause kommen: P. vermutet, das ist die weniger ideologische Form von Heimkehr.

Orion: Den alten Griechen war er der große Jäger aus Boiotien, ein Geliebter der rosenfingrigen Eos, die deren viele hatte. Aber mit der jungfräulichen Jägerin Artemis war er tief vertraut, und es wird erzählt, sie habe ihn aus Versehen getötet, als ihr Bruder, der eifersüchtige Apollon, sie herausforderte, ein weit draußen im Meer schwimmendes Ziel zu treffen, das, so Apollon, vermöchte die Jägerin wohl nicht. Sie vermochte es und traf Orions Kopf, den sie als Ziel, doch nicht als Kopf erkannte. Den toten Freund versetzte sie als Sternbild an den Himmel, auch dort ist sein Kopf nur schwer erkennbar. In Berlin gleich gar nicht.

Der Himmel ist Orions Heimat geworden. Hilft das weiter in der Heimat-Frage?

Einer anderen Erzählung zufolge schickte Hera Orion einen Skorpion, an dessen Stich der Jäger starb. P. zieht es vor, die Artemis-Geschichte zu glauben, und doch führt die Skorpion-Geschichte weiter. Denn Zeus versetzte den Orion wie auch den Skorpion an den Himmel, doch so, dass sie in verschiedenen Jahreszeiten und nie gleichzeitig dort zu sehen sind. Wessen Blick am Himmel Heimat sucht, findet statt dessen veränderung und stetig kreisenden Umlauf.

Frühling. Orion geht, die Blüten der Zistrose lassen noch auf sich warten. Ihre Verbindung ist die Méditerranée, das wunderbare, tieftraurige Meer. Was wird aus den Menschen, die an den Küsten Europas Zukunft suchen und dabei auch ohne Artemis’ Pfeil und göttliches Versehen so bedroht sind in ihrer fragilen Existenz.

Was bedeutet das für Sie, was würden Sie daran gern ändern?

Dachten Sie, Poliander verließe das Office, ohne ein ernstes Wort zu schreiben?

Heimat ist, was wir einander geben.

Und wer ist dieses WIR?

Koordinaten: 22.672 (Zahl laut RKI vom Zeitpunkt 23. März 2020, 0 Uhr, online aktualisiert um 9 Uhr. Am Wochenende wurden nicht alle Daten übermittelt, so dass die Zahl nicht dem tatsächlichen Stand der Erkrankungen entspricht. Die fehlenden werden laut RKI am heutigen Montag nachübermittelt und am Dienstag in die Statistik einbezogen.)

Dank: an Dr. Kerstin Schimmel von der evangelischen Akademie Meißen für die Frage.

Kranz oder Krone
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