Polianders Zeitreisen

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P. liest: unbekannter Erdteil

24.08.2009 · poliander

Buchtitel

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Stunden hatten wir verbracht im Kloster, im Mosteiro dos Jerónimos in jenem Vorort Lissabons, wir hatten die Kirche durchstreift und gläubige Frauen beobachtet, die durch Einwurf von Münzen elektrische Kerzen einschalteten, so ein Opfer praktizierend, das der Vormoderne und dem Technologiezeitalter zugleich angehörte. Wir hatten Kreuzgang und Klosterhof durchmustert, schließlich hatte ich, meinen Begleiter hinter mir herziehend in immer noch eine Nische, vor immer noch eine heilige Figur, die dem Hauptaltar gegenüberliegende Empore erstiegen, die nach der Dunkelheit der Kirche und der strahlenden Helle des Klosterhofs in zugleich flirrendem und von Staub gedämpftem Licht erschien; da sah ich sie: auf einer von vielen Händen berührten Säule. Sie, eine Frau, hatte zwischen ihren Beinen hindurch die Seiten ihres Geschlechts ergriffen und auseinandergezogen. Wir lächelten einander an. Mein Begleiter kam her, müde und verunsichert traute er seinen Augen nicht, als sie, die Göttin, auch ihm zulachte; auch er stand im diffusen Licht ihres Segens.

„Kulturelles Flimmern“ nennt die Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal ein Phänomen wie dieses: Dass einerseits die Vulva in unserer Kultur so abwesend ist, das selbst ein feministisches Theaterstück wie die „Vagina-Monologe“ dem Körperteil, dem sie sich ausschließlich widmen, einen irreführenden Namen geben, der das komplexe Organ auf einen seiner Bestandteile reduziert. Und dass andererseits dieser Vulva solche Macht zugeschrieben wird, dass jahrhundertelang allein schon ihr Anblick als heilig und heilend galt und sie bis heute von denen, die immer Arges denken, als zähnebewehrt kastrierend gefürchtet wird. Sanyal, um die kulturelle Geschichte dieses Körperteils zu erzählen, reist durch die Zeitalter, wobei sie sich am meisten unter mediterran-antiken Göttinnen, im christlichen Europa und in der hinduistischen GöttInnenwelt aufhält. Nach allem, was wir wissen, wehren die Sheela Na Gigs, die „Genitalbleckerinnen“, an angelsächsischen, französischen und iberischen Kirchen Unheil ab. Aufzeichnungen darüber gibt es nicht. In ihrem Bild ist ein Motiv enthalten, das in der Antike und gewiss früher wurzelt: Man erzählte man sich von der um ihre Tochter Persephone trauernden Demeter, dass sie mit wirrem Haar durchs Land irrte, nicht mehr aß und trank, bis die Pflanzen und Tiere, die unter ihrem Schutz stehen, verdorrten und verschmachteten. Ihr Lachen kam ihr erst zurück, als Iambe (Baubo) vor ihr tanzte und dabei ihre Vulva zeigte. Manche Motive, die Sanyal ausgräbt und herzählt, sind ähnlich bekannt wie dieses. Um noch eines zu nennen: die schreckenabwehrende Geste, die man als „mano in fica“ bezeichnet und bei der Daumen zwischen dem zweiten und dritten Finger der Hand durchgesteckt wird. Andere sind so entstellt, das Sanyal uns auf ihre Spur bringen muss, wie das Symbol des schmerzensreichen Herzens Marias, das von einem Bündel von Schwertern durchbohrt wird. Denn die Herzform geht auf die Feige zurück, diejenige Frucht, die namengebend mit der Vulva identifiziert wird. Sanyal erzählt aber auch, was die alten Geschichten mit Frauen in der Populärkultur – mit Stripperinnen, Teaserinnen und Riot Grrrls – und mit Künstlerinnen wie Hannah Wilke, Carolee Schneemann und Valie Export zu tun haben. Reiselektüre für lange Zugfahrten und schlaflose Nächte. Dann wird: alles gut.

Koordinaten: Mithu M. Sanyal, Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Berlin: Wagenbach 2009
Hören und Sehen: P.J. Harvey, Sheela Na Gig

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