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Kranz oder Krone (52) – C. borealis überm Homeoffice

14.05.2020 · poliander

Kalte Tage im Homeoffice, kalte Winde davor, darüber die kalten Nächte. Die Eisheiligen zittern. Wolken treiben voran über die nächtlichen Himmel, P. träumt eine nächtliche Geschichte.

Im Süden des nördlichen Himmels, gesehen von Berlin aus, stehen sieben Sterne in einer halben Runde, lass es ein Boot sein, ein Hörnchen vielleicht oder eine offene Schale. Die Alten sagten, so erzählt es der Deutschlandfunk P.s morgendlich offenen Ohren, dieses Sternbild sei das edelsteinbesetzte Diadem der Ariadne.

Ja, Ariadne, die mit dem Faden.

Der Mond nimmt ab, heute 15.02 Uhr ist er halb. Was Lockerung? Mamertus, Pankratius, Servatius: Die Eisheiligen zittern. Am 14. Mai kommt Bonifatius, am 15. die kalte Sophie, also morgen, am Freitag. Zitternd unter doppelter Decke schaut P. in den Himmel. Corona borealis: Da stand nachts die nördliche Krone. Und P. erfährt die Geschichte, wie sie an den Himmel kam:

Einst lebte in Kreta ein König, Minos.

Nein, besser anders beginnen:

Einst lebte in Kreta Ariadne, die Tochter eines Königs, der Minos hieß.

Und auch Minotaurus lebte in Kreta, ein Wesen mit menschlicher Gestalt, doch dem Kopf eines Stiers. Er war Ariadnes Halbbruder, und das kam so: Minos, der Sohn Europas mit Zeus, bat seinen Onkel, Gott Poseidon, um Hilfe dabei, König zu werden und andere Thronprätendenten abzuschrecken. Was immer dem Meer entsteige, so versprach er, würde er dafür Poseidon opfern. Poseidon sandte ihm einen schönen Stier, doch als dieser aus dem Meer stieg, gefiel er Minos so gut, dass er ihn in seine Rinderherde aufnahm und stattdessen einen anderen, weniger prächtigen Stier opferte.

Weil Minos so sein Wort gebrochen und versucht hatte, Onkel Poseidon zu betrügen, machte dieser, dass Minos’ Frau Pasiphaë begann, den schönen Stier zu begehren. Verborgen in einem hölzernen Gestell, das sie mit Kuhhaut beziehen ließ, stillte sie ihr Begehren mit dem schönen Tier. (Warum der Stier sich so betrügen ließ, wird nicht erzählt, doch wo Götter ihre Hand im Spiel haben, geschieht ja manches, das Tier- und Menschenverstand sich nicht träumen lässt.) Aus dieser Vereinigung jedenfalls entsprang der unglückliche Asterios, heute bekannt unter dem Namen Minotaurus, das heißt: Minosstier. Minos hielt dieses Wesen, das Kind seiner Frau, im Labyrinth gefangen. Und als Minos die Athener im Krieg besiegte, den er führte, weil die wiederum ein anderes seiner Kinder getötet hatten, verfügte Minos, dass sie ihm als Tribut alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben junge Frauen zu senden hätten, die er jeweils dem Minotaurus schickte. Was dieser in seinem Gefängnis mit den jungen Menschen tat, lässt sich ahnen. Doch auch wer überlebt hätte, wäre elend im Labyrinth umgekommen, ohne je wieder hinauszufinden.

Eines Tages nach 27 Jahren, als zum dritten Mal vierzehn Jugendliche dem Minotaurus geopfert werden sollten, entschloss sich Theseus, athenischer Königssohn, den Minotaurus zu bekämpfen, und kam als einer der zum Tribut Ausgewählten nach Kreta.

Nun endlich tritt Ariadne in das Geschehen ein, denn sie verliebt sich in Theseus und hilft ihm gegen ihren gefangenen Halbbruder, indem sie Theseus ein Schwert und ein Knäuel Wolle übergibt, mit dessen Hilfe er aus dem Labyrinth herausfinden kann, sobald er den Minotaurus besiegt hat. Als Gegenleistung nimmt Ariadne Theseus das Versprechen ab, sie zu heiraten. Der Plan gelingt, und Ariadne und Theseus fliehen gemeinsam, immer in Richtung Athen.

Ab hier wird die Geschichte leider ungenau. Ob es göttlicher Plan war, der Ariadne von allem Anfang an nicht Theseus, sondern Dionysos zum Mann bestimmt hatte, oder irdische Liebe, die Theseus sich in eine andere vergucken ließ – wer weiß. Womöglich hatte erneut Poseidon seine Hand im Spiel, denn Dionysos soll Ariadne einsam und verlassen am Strand schlafend gefunden haben. Sein Trost soll es gewesen sein, der sie bewegte, sich mit dem göttlichen Dionysos zusammenzutun. Mag sein, das war einfach aufregender als ein Leben an der Seite eines athenischen Helden oder gar nur das Schmachten nach ihm. Welche junge Frau mag schon ihr Leben lang einem Helden nachschmachten? Und ist schließlich Dionysos nicht der Gott der Trauben, der Fruchtbarkeit und der Ekstase?

Die Krone der Ariadne aber warf Dionysos aus Freude über ihre Verbindung an den Himmel, wo sie bis heute zu sehen ist: Corona borealis.

Und wenn nachts das verstirnte Schmuckstück am Himmel steht, so öffnet sich am Morgen im Blumengarten die Krone der roten Prinzessin.

Die Eisheiligen aber leben in ihrem eigenen Film.

Koordinaten 1: Hörfunk sei Dank. Der DLF machte P. aufmerksam auf die Corona borealis. Hier nachlesen. Tulpe Red Princess.
Koordinaten 2: 172.239 (Zahl laut Robert-Koch-Institut vom 14. Mai 2020, 0 Uhr, online aktualisiert 8 Uhr), Genesene: 148.700 (vom RKI geschätzte Zahl laut Lagebericht vom 13. Mai 2020)

Kranz oder Krone
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