Polianders Zeitreisen

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Polianders Einflüsterung

22.03.2009 · poliander

Sitzen in einer Kirchenbank, du könntest gehen. Zerstreut greift die Hand nach dem Gesangbuch, das eine Gläubige vergaß, geh doch, du könntest gehen. Du hast alles gesehen hier, du bist allein, niemand hält dich. Zu träge zu gehen, du blätterst, „so fern der Ost vom Abend“, das war, als sie die Himmelsrichtungen nach Tageszeiten benannten, die Tageszeiten nach Himmelsrichtungen. Wer das schrieb, „Johannes Gramann, genannt Poliander, Reformator und Dichter in Königsberg.“ Königsberg, das ist doch Kant, ist Kant nicht der gestirnte Himmel über dir, das Sittengesetz in dir, du hast keine Ahnung vom Sittengesetz. Und vom Himmel, dem gestirnten, mit den Sternen, seinen Sonnen, seinen Asteroiden und Kometen, Satelliten und den Scherben von Raumstationen, die ohne Schwere, aber mit ungeheurer Wucht- was? Mit seiner Stirn. Was geht hinter ihr vor, der Stirn des Himmels? Kant? Hinter Kant, in einer Falte der Zeit verborgen, geht Poliander. Den kennt keiner, sagt eine Stimme. Niemand sagt Poliander, der nicht Luther sagt, und wenn du Luther sagst, kommt dir die Reformation hinterdrein. Aber die Stimme sagt nicht Luther, die sagt: Poliander, Dichter, sagt sie, Dichter zu sein ist die dunkle Seite des braven Mannes, des tapferen, was brav eigentlich heißt, hast du’s vergessen? Nein. Poliander zeigt seine Stirn einen Augenblick unter den Sternen, Poliander winkt mit einem Schirm, Reiseleitung, sagt die Stimme, ich fühle den Luftzug, ich sehe den Mantel, Bewegung im Seitenschiff. Er winkt nicht noch einmal, sagt die Stimme, Nimm die Seele in die Hand und geh, du kannst in der Zeit reisen, wenn du in der Relativität zu Hause bist. „Theorie“, sagt die Stimme der Vernunft, „es heißt Relativitätstheorie.“ Noch einmal dreht er sich um, Poliander, Na und, sagt er und hebt den Schirm. Geh ihm nach.

Begegnung
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