Ganz kleine Zeitreise gefällig?
Den Tag vor Walpurgis 2025 verbrachten P. und Gramann mit der Erfurter Brennessel und den Erfurter Brennesseln.
Die Brennnessel folgt uns auf Schritt und Tritt. Wo ihre Stängel nach oben schwingen, sind Menschen und Tiere nicht fern. Auf dem, was wir verdrängen und vergessen möchten, auf Abfällen, Ausscheidungen und Schutt, siedelt die Brennnessel sich an. Solche Pflanzen nennt man Kulturbegleiter. Als Kulturbegleiterin lebt die Brennnessel in Ortschaften, Parks, Gärten, am Rand und zugleich unter uns. Sie liebt Stickstoff im Übermaß, den wir mit unserer Wirtschaft im Erdboden hinterlassen. So verbessert, ja heilt sie die Erde, in der ihre Wurzelsysteme stecken.
aus: Die Praktikerinnen

Erfurt: Immer schaut P. hier in die Tiefen der Geschichte, die Domstufen hinunter, durch die Schatten, in denen die Menschen gehen. Aber P.s Reise nach Erfurt, einen Tag vor Walpurgis 2025, war eine Reise ins Jetzt. Denn wer zur Brennessel Erfurt reist, gelangt unverzüglich ins finstere und leuchtende Herz der Gegenwart. Dieses Herz schlägt in einem Zentrum gegen Gewalt an Frauen.
Am Vormittag war M. auf dem Sprung ins Gericht, zu einem Prozess, der eine Klientin betraf. Jetzt hat sie Zeit zum Reden. Hier wird jede, das ist ein Grundprinzip, anonym, vertraulich und kostenfrei beraten. Über die Frau, die M. begleitete, erzählt sie deshalb nichts, dafür über sich selbst: „Ruhig dabei sein, stärken, das kann ich gut.“
aus: Die Praktikerinnen
Viele von uns leben mit Folgen von Gewalt. Und wenn es nur eine wäre! Jede hat das Recht, ganz unversehrt, sicher akzeptiert, wo möglich geliebt und – ja! – glücklich zu sein. Das Leben will gelebt werden, ganz und ganz sicher. Dabei helfen Frauen wie die Erfurter Brennesseln, die Frauen begleiten, sie stärken, Schutz bieten und Wege zur Heilung kennen. Vor zehn Monaten besuchte P. das Erfurter Frauenzentrum Brennessel und sprach mit den Frauen dort über ihre Arbeit, über das Sprachenlernen und Sprechenlernen, das Glück, von Frauen mit Anspruch umgeben zu sein, den Spaß am gemeinsamen Tun und den Ernst der Sache.
Danach überlegte sich P., was all das mit den Brennesselpflanzen zu tun hat, jenen unverwüstlichen Kulturbegleiterinnen, die dem Erfurter Frauenzentrum ihren Namen gaben. Als P. auf der Rückfahrt im Bahnbistro die Notizen ordnete, kam sie aus dem Grinsen nicht heraus. Eine Frau sprach P. an: Was hatte P. nur erlebt, dass sie so strahlte?
Das lesen Sie jetzt selbst: P.s Reisebericht erschien jetzt im Literaturland Thüringen und in einer gekürzten und bearbeiteten Version in der TLZ vom 17. März 2026.
30. April 2025: anderntags Walpurgis.
17. März 2026: Ankunft in der Gegenwart.
Koordinaten: Die Praktikerinnen. Literarisches Porträt. Von Ulrike Gramann. In: Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft. Im Auftrag des Literaturrats Thüringen. 50° 59′ N , 11° 2′ O.