Polianders Zeitreisen

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O Tannebaum

17.12.2025 · poliander

Liebe Leserinnen und Leser,

das Jahr neigt sich ins Dunkel.

Sonnenaufgang heute 8:12 Uhr. Klar und kalt, blassblau steht Himmel über der Stadt.

Die Baustelle draußen liegt still und schweigend, zwei Straßen lang und breit. Kommt noch mal wer vorbei zum Aufräumen? Kann sein, kann nicht sein. Aufgeräumtheit ist nicht, wofür die Stadt bekannt ist.

P. beginnt, die Gedanken aufzuräumen, die in diesem Jahr in Kopf und Herz in allen Ecken liegengeblieben sind. Nicht für jeden gibt es ein passendes Regalfach, manche bleiben auf der Stuhlfläche liegen und dem Fensterbrett. Ständig tauchen neue auf, lungern herum, machen melancholische Bemerkungen und dumme Witze.

Darüber wird es Abend werden, nach sieben Stunden, vierzig Minuten, beinah schon dem kürzesten Tag des Jahres. Sonnenuntergang 15:52 Uhr. Die Gedanken bleiben lange wach und starren ins Dunkel, wo sie sich verlaufen ganz in die richtige Richtung. P. kommt nicht hinterher, Arbeit ist auch noch nicht getan, vom Aufräumen zu schweigen. Gedanken protestieren gegen die Aufräumerei und wollen nicht schlafen gelegt werden.

Die Arbeit dieses Jahres bestand aus lauter kleinen und großen Arbeiten, die nur dadurch verbunden waren, dass P. sie besorgte. Jede brachte ihre eigenen Gedanken mit, die P. nicht eingeladen hatte, von denen sie nicht einmal wusste zuvor. Einige richteten sich in Papierstapeln ein, wie kleine Tiere es tun im Gestrüpp des Gartens hinterm Haus. In diesen Garten kommen keine Laubbläser, das hat unsere Nachbarschaft erreicht. Und P. schichtet die Papierstapel nur vorsichtig um, damit versteckte Gedanken nicht versehentlich in den Papiermüll geraten, sondern ausruhen, bis P. sie ruft. Oder? Realistisch betrachtet: bis diese Gedanken nach P. rufen. (Und damit sind P. und Gramann in Wahrheit einverstanden.)

Und Sie, liebe Leserin, lieber Leser? Haben Sie schon begonnen, ins Dunkel zu schauen, wo die vom Jahr übrig gebliebenen Gedanken ihr Wesen treiben?

O möge sich doch im Dunkeln ein freundliches Sternenfunkeln zeigen!

Am Ende des Jahres wünschen P. und Gramann allen, dass Abende lang, die Gläser gefüllt und der Duft der Tannenzweige würzig sein mögen. Wir wünschen allen und uns selbst gute Stunden mit Gespräch und Schweigen, Büchern und Bildern. Wir wollen durch kalte Luft gehen, unter einem freien Himmel, an dem Vögel und Wolken dahinfliegen und der nur vom natürlichen Licht der Gestirne erhellt wird.

Wir wünschen mit dem Wunsch, den der Engel uns lehrte:
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Fröhliche Weihnachten!

Koordinaten: 52° 31′ N, 13° 24′ O.

Reisebrief
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