Polianders Zeitreisen

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Uhren ticken langsamer

13.11.2025 · poliander

Als P. am Anleger zurückbleibt, während der Gefährte mit der Fähre abreist, geht der Wind weiter, bleibt die Zeit stehen.

P. geht mit dem Wind hinein in den Ort, findet die Buchhandlung, rüttelt an der Tür: nichts. Rüttelt an der zweiten Tür der Buchhandlung, da, ein Schild: „Wegen Inventur geschlossen vom 3. 11. bis voraussichtlich 8. 11.“ P. muss lachen. Es ist so phantastisch hier, die Uhren ticken so langsam, macht es P. etwas aus? Da sie im Café anschließend sich sagen hört: „Ich bezahle gleich“, macht es ihr etwas aus, offenbar. Später denkt P. nicht mehr dran.

Morgens wirre Träume, es ist zu dunstig für eine Sichtung des Sonnenaufgangs. Kaffee, knappes Frühstück, P. bricht auf zur Buchhandlung in diesem Dorf, wo P. übernachtet hat. Schild: „Wegen Inventur geschlossen vom 3. 11. bis voraussichtlich 8. 11.“ P. lacht laut. Es gibt noch eine Buchhandlung, Öffnungszeiten 10 bis 12 Uhr. Das ist jetzt. (László Krásznahorkai, Satanstango.) Die Sonne wird 16.44 Uhr untergehen, die Bürgersteige sind bereits jetzt hochgeklappt, P. zögert keine Sekunde, zum Strand zu gehen.

Fläche viel, wenig Uhr, Zeit unbemessen. Doch wir wollen vor dunkel zurück sein. Auf auf! Richtung Norden.

Meer, Wind, Vogelschrei. Die Veränderungen der Küstenlinie seit letztem Jahr kennt P. bereits. Weiter südlich wird der Strand noch breiter geworden sein, das prüfen wir morgen. Nach Norden zu gibt es schmale Stellen, an denen das Hochwasser, wenn es nur hoch genug ist, bei Sturm, an die Dünen herandrängt. Etliche Reihen Strandhafer hat es in diesem Jahr bereits gefressen.

Ziemlicher Wind, jetzt noch im Rücken. P. geht Stunden, P. wird zu ihren Schritten. Einer, einer, einer, noch einer, Tausende mal. Mit wachsender Entfernung vom Strandübergang sinkt die Zahl der Menschen, die hier gehen. Wenige kommen entgegen, wenige überholen. Manchmal ein Nicken, manchmal ein Moin. P. hat vergessen seit dem letzten Mal, wie weit es ist, jetzt fällt ihr auf, dass die Trinkflasche in der Unterkunft zurückgeblieben ist. Aber nie weiß eine, wann der Weg zurück schon länger ist als der, der noch vor ihr liegt. Und wenn es um die Odde geht, ist unbekannt, wie lang der Weg währt. P. hat sie schon mal spitzer und länger gesehen als in diesem Jahr, betreten durfte man das äußerste Ende auch damals nicht, denn sie ist Vogelschutzgebiet. Im Herbst und Winter aber liegen dort noch andere Tiere:

Wer da vorn liegt, das sind Seehunde.

Stillstehen, auf ein Holzbrett am Ausguck setzen. Alle machen hier ein Foto. Dann wendet sich der Weg nach Süden, zurück zum Dorf. Der Wind kommt von vorn. Jetzt ist Hochwasser, und in diesem Jahr kommt auch normales Hochwasser sehr dicht an die Absperrung heran, die das Vogelschutzgebiet in den Dünen vom Strand trennt. Man geht diesseits und jenseits, ganz dicht an der Sperrleine. Nasse Füße hat, wer die Schuhe im Rucksack trägt (P.), nasse Schuhe, wer sie an den Füßen trägt. Das Meer kommt höher, die Gezeiten, die Sturmfluten werden heftiger. Wer Ohren hat, höre! Und doch, das ewige Meer ist ewig schön. Der Wind kommt von vorn, auch Sonne jetzt, und der Rucksack mit den Schuhen wird schwer.

Stunden sind vergangen. P. sitzt auf der Bank neben anderen Abgekämpften, die vor Vogelschiss warnen. Ja, Leute, wir sind im Freien! Ausblick überwältigt immer. P. schiebt die kaum entsandeten, schmutzigen Füße in die Socken, die schmutzigen Socken in die Schuhe. Rückkehr über Bohlenweg, Feldweg, Wirtschaftsweg, entlang der Marsch und der Salzwiesen. Rückkehr in die Ferienwohnung. Wasser, Kaffee, ah! Das Meer: innen.

Einmal vergessen, dass der Weg zehn Kilometer hat in der Runde. Einmal die Zeit vergessen in diesem Herbst. Einmal die Füße im Dreck haben und das vergessen. Nur die Schritte zählen und werden nicht gezählt. Und der Winter kann kommen.

Koordinaten: 54° 39′ 6“ N, 8° 20′ 11“ O.

Augenweide · Reisebrief
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