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	<title>Polianders Zeitreisen &#187; Umsteigen</title>
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	<description>ULRIKE GRAMANN SCHWENKT DEN HUT</description>
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		<title>Poliander behielt recht, wurde traurig, ist froh. Besuchen Sie Leipzig!</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Dec 2011 10:46:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Begegnung]]></category>
		<category><![CDATA[Große Arbeit]]></category>
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		<description><![CDATA[2009 reiste ich nach Leipzig und traf dort Frau Scharff, die über ein Reich aus feinen Sächelchen herrscht, und mir zeigte, wie sie damit anderen Menschen den Alltag versüßt. Frau Scharffs Geschäft in der Reichsstraße, nicht weit vom Bahnhof, nah am Bildermuseum gefiel mir sehr. Ihr Weg in den &#8211; damals &#8211; dritten Beruf beeindruckte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3693" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/12/laden-frau-scharff.jpg"><img class="size-medium wp-image-3693" src="http://www.poliander.de/files/2011/12/laden-frau-scharff-225x300.jpg" alt="Regale waren voll" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Regale waren voll. Foto: Frau Scharff</p></div>
<p>2009 reiste ich nach Leipzig und traf dort Frau Scharff, die über ein Reich aus feinen Sächelchen herrscht, und mir zeigte, wie sie damit anderen Menschen den Alltag versüßt. Frau Scharffs Geschäft in der Reichsstraße, nicht weit vom Bahnhof, nah am Bildermuseum gefiel mir sehr. <span id="more-3679"></span>Ihr Weg in den &#8211; damals &#8211; dritten Beruf beeindruckte mich. Ihr erstes Großprojekt, die <a href="http://www.monaliesa.de/">Frauenbibliothek MonaLiesA</a>, existiert weiter, auch ohne sie, denn sie verstand es, sich zuerst unentbehrlich und dann auch wieder entbehrlich zu machen. <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/156006.frau-scharffs-drittes-leben.html">Ich schrieb darüber</a>. Ihre Katzen erwähnte ich in der Zeitung nicht, nur <a href="http://www.poliander.de/2009/08/16/das-katzengluck/">hier</a>. Etwas muss ja privat sein, sogar im Netz. Und ich schrieb: &#8220;Was machen Sie als nächstes, Frau Scharff?&#8221;, denn wir wussten schon: Das jetztige muss nicht das letzte Leben sein. Katzen haben sieben, bekanntlich. Wie viele Berufe wir im Leben ausüben werden, ist uns noch unbekannt. Frau Scharff springt grade in den nächsten. Ihr Satz von damals: &#8220;Vielleicht bin ich so ein Mensch, der in Abständen was andres machen muss, auch wenn ich eine Höllenangst davor habe. Ich vertraue darauf, dass dann wieder was Schönes kommt. Es ist im Grunde immer schöner geworden.&#8221;</p>
<p>Frau Scharffs Laden mit all den Schmuckstücken, dem Thüringer Waldglas, weißem Porzellan, feinen Weißwaren, Büchern und Schnäpsen schließt. Auch die Regale und die Buchstaben der Leuchtreklame sind zu haben. Frau Scharffs Arbeit geht weiter. Wie, das fragen Sie sie am besten selbst. Besuchen Sie Leipzig! Sonst bleiben womöglich  Sächelchen übrig, die dann per Post verschickt werden müssen. Soll sie doch neue Sachen finden, die sie per Post verschicken kann!</p>
<p>Koordinaten: 51° 20&#8242; N, 12° 25&#8242; O, <a href="http://www.frauscharff.de/">Frau Scharff</a>. Geöffnet noch bis zum 29. Dezember 2011.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Guess I must be having fun</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 17:47:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schönste Stellen]]></category>
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		<description><![CDATA[Kafka, das wird kolportiert bis zum Überdruss, war im Kino und weinte. Das Kino ist einer der besten Orte dafür, wenn nicht der beste &#8211; wo sonst wäre man so anonym und so geborgen zugleich, wo sonst flössen Bilder und Töne so durch eine hindurch und blanke Seligkeit bleibt hängen? Dass Kafka im Kino weinte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kafka, das wird kolportiert bis zum Überdruss, war im Kino und weinte. Das Kino ist einer der besten Orte dafür, wenn nicht der beste &#8211; wo sonst wäre man so anonym und so geborgen zugleich, wo sonst flössen Bilder und Töne so durch eine hindurch und blanke Seligkeit bleibt hängen? <span id="more-3657"></span>Dass Kafka im Kino weinte &#8211; abgesehen davon, dass er es einmal erwähnt hat -  überrascht nicht. Aber kam er deswegen unglücklich aus dem Kino? Und wenn, war es das Kino, das ihn unglücklich gemacht hat? Die Wahrheit ist: Kino macht glücklich. Nicht lange rumreden: In diesem Herbst gibt es einen Film, in dem einer seine Depression auf so coole wie herzerwärmende Art zugleich heilt (das geht also), sich rächt (angemessen), und auf sehr sympathische Art erwachsen wird. Und außerdem nimmt die Zuschauerin minutenlang an einem Konzert teil, das sie gern live gehört hätte.</p>
<p>Falls jemand ihn wirklich noch nicht gesehen hat (was Poliander und ich für kaum denkbar halten):<br />
Hingehen! Später auf DVD sehen könnt ihr ihn außerdem!</p>
<p>Koordinaten: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=q0ryRwKkKI4&amp;NR=1&amp;feature">Originaltrailer: This must be the place.</a> Nur Musik hören: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=cUEiMQfSrZw&amp;feature">This must be the place.</a></p>
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		<title>In der Höhle der heiligen Tiere</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Nov 2011 09:21:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
		<category><![CDATA[Aufenthalt]]></category>
		<category><![CDATA[Souvenir]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Kino: Poliander hat Schwierigkeiten mit der Brille. Doch die Reise, von der die Rede ist, kann nur tun, wer sich mit einer gelben, schlechtsitzenden Brille ausrüstet. Das hat der Reiseleiter verfügt. Die Brille soll helfen, den Raum zu schauen und die Zeit, vor allem die Zeit, denn es geht 37.000 Jahre in die Vergangenheit. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3525" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/11/pferde-in-chauvet.jpg"><img class="size-medium wp-image-3525" src="http://www.poliander.de/files/2011/11/pferde-in-chauvet-300x225.jpg" alt="Tiergesichter. Bild: Wikimedia" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Tiergesichter in der Höhle. Bild: Wikimedia</p></div>
<p>Im Kino: Poliander hat Schwierigkeiten mit der Brille. Doch die Reise, von der die Rede ist, kann nur tun, wer sich mit einer gelben, schlechtsitzenden Brille ausrüstet. Das hat der Reiseleiter verfügt. Die Brille soll helfen, den Raum zu schauen und die Zeit, vor allem die Zeit, denn es geht 37.000 Jahre in die Vergangenheit. <span id="more-3505"></span>Weil die Spur dieser Vergangenheit fragil ist und zart, dürfen wir ihr im Kino folgen.</p>
<p>Sechs Tage lang, an jedem Tag vier Stunden durfte <a href="http://www.imdb.com/name/nm0001348/">Werner Herzog</a> in der <a href="http://www.culture.gouv.fr/culture/arcnat/chauvet/fr/">Grotte Chauvet-Pont-d&#8217;Arc</a> in Südfrankreich filmen. Sonst bleibt sie verschlossen, und auch WissenschaftlerInnen dürfen nur selten und für kurze Zeit in ihr Aufenthalt nehmen. An den Wänden dieser Höhle, deren Boden bedeckt ist von Gebeinen wilder Tiere, die hier lebten, finden sich die ältesten bekannten Malereien der Menschheit, 1994 entdeckt.  Im <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Aurignacien">Aurignacien</a> lebten hier Menschen, die sich von jenen Tieren ernährten und wohl auch ihre Beute wurden, denn neben Mammuten, Nashörnern, Gazellen, Hirschkühen und Hirschen gab es hier auch Löwen und Höhlenbären, die in großen Gruppen durch das Tal mit dem Brückenbogen wanderten. Die eiszeitlichen JägerInnen kannten schon die großen Zyklen, denen die Tiere folgten, wenn sie in den Wintern von Norden her kommend bis an die Pyrenäen wanderten. Die Tiere und ihr Zug bestimmten ihr Leben, und sie selbst erkannten sich als Tiere, auch in ihrem Leben stand der Zyklus der Geburten im Mittelpunkt. Und sie begannen, den tierisch-menschlichen Zügen eine Form zu geben. Die Höhle, in die wir mit Herzog reisen, birgt Malerei. In andere Höhlen, unbekannt, ob die KünstlerInnen von der Ardèche eine direkte Verbindung dorthin hatten,  überwinterten Frauen- und Tierfiguren, auch Löwenmenschen und Musikinstrumente, die ältesten Instrumente der Welt, gefunden im Geißenklösterle und der Hohlefelshöhle auf der schwäbischen Alb. Ein Wissenschaftler in Herzogs Film beschreibt die Fluidität des Lebens jener Menschen, die mit Tieren und Geistern nahe verbunden gewesen sein können, im ständigen Übergang. Ein Archäologe erzählt, dass er nach jedem Besuch der Höhle so stark von den Löwen träumte, ohne Angst, aber doch so intensiv, dass er seitdem nur von ferne und an den Messdaten und digitalen Bildern forschen kann. Der dritte macht Musik auf einer Flöte, die der von der schwäbischen Alb nachgebaut ist, in vertraut pentatonischer Stimmung.</p>
<p>Die Bilder der Höhle, sagt Poliander, muss eine gesehen haben. Und wenn eine danach träumt, sieht sie vielleicht die Hand jenes 1,80 m großen Menschen, einer sehr großen Frau (sagt jedenfalls P. und bis zum Beweis des Gegenteils), mit dem gebogenen kleinen Finger, die Hand, deren Abdrücke die Höhle durchziehen. Und wenn du aufwachst, schau auf deine eigene Hand, wie P., und wenn der kleine Finger gebogen ist, bist du eine Nachfahrin jenes Menschen, kann sein. Und wenn auch der Reiseleiter manchmal besser geschwiegen hätte: Er hat uns hingeführt.</p>
<p>Koordinaten: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Chauvet-H%C3%B6hle">44° 21&#8242; 0&#8221; N, 4° 29&#8242; 24&#8221; O</a>, <a href="http://www.trailerseite.de/film/11/die-hoehle-der-vergessenen-traeume-kino-trailer-21123.html">Trailer</a> (von Werbung nicht abschrecken lassen), <a href="http://www.wernerherzog.com/index.php?id=64">Steinzeit in mass media</a> (Herzog in einer Fernsehshow)<br />
Polianders Lektüreempfehlung: Hans Peter Duerr, Sedna oder die Liebe zum Leben, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984.</p>
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		<title>Funktioneller Analphabetismus</title>
		<link>http://www.poliander.de/2011/08/03/kasperkoepfe-analphabetismus/</link>
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		<pubDate>Wed, 03 Aug 2011 21:24:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erregung]]></category>
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		<description><![CDATA[Es gibt Menschen, die planen, das Nützlichste abzuschaffen, was Kinder &#8211; außer dem Lesen natürlich &#8211; in der Schule lernen, das Schreiben.  Man nennt diese Menschen Politiker. Die FAZ berichtet, ein Hamburger Schulsenator plane ernsthaft, das Erlernen der Schreibschrift in der Grundschule abzuschaffen. Ersetzt werden soll die schöne, schwingende, verbundene Schreibschrift durch eine sogenannte &#8220;Grundschrift&#8221;. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt Menschen, die planen, das Nützlichste abzuschaffen, was Kinder &#8211; außer dem Lesen natürlich &#8211; in der Schule lernen, das Schreiben.   Man nennt diese Menschen Politiker. Die <a href="http://www.faz.net">FAZ</a> berichtet, ein Hamburger Schulsenator plane ernsthaft, das Erlernen der Schreibschrift in der Grundschule abzuschaffen. Ersetzt werden soll die schöne, schwingende, verbundene Schreibschrift durch eine sogenannte &#8220;Grundschrift&#8221;. Gemeint ist eine Schrift, die die Druckschrift nachahmen soll. Dass oder warum dies besser sein soll, ist <a href="http://www.faz.net/artikel/C30923/druckschrift-statt-schreibschrift-politische-handschriften-30478096.html">nach den dankenswerten Recherchen der FAZ</a> zwar nicht erwiesen, aber was gemeint ist, sagt recht anschaulich das Wort: <em>Grund</em>schrift. <span id="more-3149"></span> Grundschrift wie Grundversorgung, kein Luxus, sondern Basics für die, die es nicht besser wissen, nicht schöner lernen oder sich nichts anderes leisten können. Grundschrift wie Grundversorgung, ganz wie bei der Zahnärztin, wo man zwischen dem krankenkassengezahlten Zement (bröckelmürb), selbst zu zahlenden dauerhaften Edelmetallen und nervenschädigend teurer, aber farblich stimmiger und zugleich harter Keramik wählen kann, wobei jede Variante, die Ärztin und Vernunft empfehlen, richtiges Geld kostet, und zwar immer das eigene. &#8220;Grundschrift&#8221; &#8211; Grundversorgung für alle, deren Mütter und Väter sich nicht die Zeit nehmen, ihr Kind das richtige Schreiben mit der Hand zu lehren, beispielsweise weil sie diese Zeit nicht haben, nicht zu haben glauben, weil es auch ihnen niemand beibrachte, weil sie es, der <a href="http://www.theoi.com/Ouranios/MousaKalliope.html">Kalliope</a> sei&#8217;s geklagt, womöglich nicht wert befinden.</p>
<p>Poliander sagt es nicht gern, aber gern öfter: Schreiben mit der Hand, jene ausgreifende, auf und ab schwingende Bewegung, die sinnvolle Zeilen aufs Papier bringt, bringt uns erst ins Bewusstsein, was Schrift, was Text ist, ja sie bringt diesen Text aus uns hervor, aus den lockeren, regelmäßgen Schwüngen, die uns so gemäß sind. Das verbundene Schreiben mit der Hand formt nicht nur unsere Handschrift, es transferiert unsere Gedanken in Zeichen auf Papier, und schließlich, verselbständigt, hilft es uns, unsere Gedanken zu ordnen, ja, sie überhaupt erst zu finden. Bewegungsmuster und Gedankenspiel, Motorik und Formulierung sind eng verbunden. Wer viel schreibt, viel mit der Hand schreibt, weiß, wie sich, wenn es erst einmal habituell geworden ist, die Gedanken einstellen, sobald die Hand den Stift ergreift &#8211; nichts regt so sehr zum Schreiben an wie das Schreiben. Unausweichlich ist die Verbindung zwischen der lockeren Handbewegung und dem Gedächtnis, die Bewegung des Schreibens verbindet sich mit dem Inhalt des Geschriebenen, oft so sehr, dass die Schreiberin das Notizbuch gar nicht mehr öffnen muss, hat sie das Schöne und Wichtige erst einmal notiert. Doch nur eines fürchten Politiker mehr als unsere Gedanken: unser Gedächtnis.</p>
<p>Koordinaten: 53° 33&#8242; N, 10° 00&#8242; O. <a href="http://www.poliander.de/2010/08/24/schulschrift-schreibschrift-perdu/">Frühere Erregung</a>.</p>
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		<title>Beweglich in der Urbanstraße</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Jan 2011 00:16:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schönste Stellen]]></category>
		<category><![CDATA[Leuchtfeuer]]></category>
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		<description><![CDATA[Grauer Januar, Split-Splitter knirschen untern Sohlen zehnzentimeterdick. Schnee zerfließt, Parkwege bleiben vereist, Wasser schwimmt sich selbst über die buckligen Spiegel, Weihnachtsbäume fliegen aus Fenstern, erwarten geduldig die Müllabfuhr, was bleibt ihnen auch?  Polianders Gefährtin zuckt&#8217;s in den Muskeln. Wir gehn heute nicht ins Kino, wir stehn nicht in Ausstellungen rum, wir liegen nicht mit dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2491" class="wp-caption alignleft" style="width: 261px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/01/lowkick-kondition.jpg"><img class="size-full wp-image-2491" title="Foto: Anne Hierholz" src="http://www.poliander.de/files/2011/01/lowkick-kondition.jpg" alt="Foto: Anne Hierholz" width="251" height="141" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Inken Waehner</p></div>
<p>Grauer Januar, Split-Splitter knirschen untern Sohlen zehnzentimeterdick. Schnee zerfließt, Parkwege bleiben vereist, Wasser schwimmt sich selbst über die buckligen Spiegel, Weihnachtsbäume fliegen aus Fenstern, erwarten geduldig die Müllabfuhr, was bleibt ihnen auch?  Polianders Gefährtin zuckt&#8217;s in den Muskeln. Wir gehn heute nicht ins Kino, wir stehn nicht in Ausstellungen rum, wir liegen nicht mit dem Buch auf dem Bauch. Wir nehmen die nächste Bahn zum <a href="http://www.berlin-hermannplatz.de/">Hermannplatz</a>.<span id="more-2459"></span> Übern U-Bahnhof schlabbern Trainingshosen, offne Turnschuhe schlurfen die Rolltreppe an, im Wiegeschritt geht, wer vor Kraft kaum laufen kann, dem Bier am Kioskfenster entgegen. Nee, das sind Vorurteile, Berlin ist ganz anders, Berlin ist <a href="http://www.peterfox.de/index.php?videogallery/videoindex/16">so</a>. Nee, so männlich ist es nun wieder nicht am Hermannplatz, sagt Polianders Gefährtin, deutet von der U-Bahn zur Urban. Schwester Leichtfuß guckt, Schwester Leichtfuß kichert, die Gefährtin hüpft die Bröckeltreppe rauf, Neukölln ist ein Ort zum Umsteigen, Hermannplatz ist ein Ort zum Aufsteigen: 60 Stufen, Schuhe fliegen von den Füßen. Barfuß auf den Matten, aber hier ist&#8217;s nicht gemütlich, hier ist&#8217;s beweglich. Verheißungsvoll schwingt der Kronleuchter</p>
<div id="attachment_2495" class="wp-caption alignleft" style="width: 261px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/01/lowkick-selbstverteidigung.jpg"><img class="size-full wp-image-2495" title="Foto: Anne Hierholz" src="http://www.poliander.de/files/2011/01/lowkick-selbstverteidigung.jpg" alt="Foto: Anne Hierholz" width="251" height="189" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Inken Waehner</p></div>
<p>im Sportverein. Schwester Leichtfuß grinst, eilt mit dem Rucksack in die Umkleide. Gefährtin dehnt das Gebein und prüft die Sandsäcke. Leichtfuß tippt an einen Ball, der springt zurück, beide, Leichtfuß und Gefährtin beugen blitzschnell den Nacken, der Ball saust vorbei, sie kommen hoch, beugen das Rückgrat locker zur Gegenseite. Ja was dachten Sie denn?, fragt die Gefährtin, schaut raus aus lauter Text, sie schüttelt die Strähnen: Was dachten Sie denn, Liebe? Dachten wohl, wir steigen hier die Zeiten auf und ab und haben kein Training? Nee. Leichtfuß grinst wieder. Wer Zeit und Raum durcheilt, muss Muskeln haben. Leichtfuß federt übern gelben Mattenboden, Gefährtin rollt übern Ball und beugt den Oberarm.  Ach nee, sagt die eine, und wo sind die andern? Sie kommen getrödelt, sie machen sich lang, beugen den Zeh, winken mit Augen, lassen Rucksäcke fliegen, auch das Fenster fliegt auf, Luft fliegt rein, zickzack laufen Achte durch den Raum und laufen gleich Achten, beugen beweglich die Hüften, treten elegant in die Luft. Zusammengezogne Brauen, feste Konzentration, lockere Haken, fix geschlagen. Was sagnse? Zu gesellig das Ganze? Zuviel Spaß für höheren Ernst und düsteren Intellekt? Zu wenig Rückenschmerz, um geistig beweglich zu sein?  Polianders Gefährtin schüttelt paar Worte aus dem Ärmel, klopft Leichtfuß&#8217; Rücken auf Buchstaben ab. Sie kullern eins zwei viele in ihre Hand, mehr, als Hosentaschen fassen können.</p>
<p>Koordinaten: 52° 29&#8242; 14&#8221; N, 13° 25&#8242; 20&#8221; O, <a href="http://www.lowkick-berlin.de/">Lowkick e.V. für Frauen am Hermannplatz</a>: &#8220;Du musst keine geborene Kämpferin sein, um mit uns zu trainieren.&#8221;</p>
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		<title>Hoffnung für Schönschreiberinnen</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/10/05/hoffnung-fuer-schoenschreiberinnen/</link>
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		<pubDate>Tue, 05 Oct 2010 18:10:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchstabenfracht]]></category>
		<category><![CDATA[Große Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Umsteigen]]></category>

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		<description><![CDATA[Polianders Alarmismus verfrüht? gerade noch rechtzeitig? Ute Andresen erklärt, warum die Handschrift unersetzlich ist und wie Kinder das Schreiben mit der Hand erfolgreich lernen können. Und wer mehr wissen will, findet wie Poliander ihre freundliche Seite im Web. Koordinaten: Dank an A.E. für den Hinweis!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Polianders Alarmismus verfrüht? <a href="http://www.poliander.de/2010/08/24/schulschrift-schreibschrift-perdu/">Polianders Alarm</a> gerade noch rechtzeitig?<br />
Ute Andresen erklärt, <a href="http://www.taz.de/1/zukunft/bildung/artikel/1/die-handschrift-ist-unersetzbar/">warum die Handschrift unersetzlich ist</a> und <a href="http://taz.de/1/zukunft/bildung/artikel/1/zurueck-zur-guten-handschrift/">wie Kinder das Schreiben mit der Hand erfolgreich lernen können</a>. Und wer mehr wissen will, findet wie Poliander <a href="http://ute-andresen.de/atelier.php?sid=111">ihre freundliche Seite im Web</a>.</p>
<p>Koordinaten: Dank an A.E. für den Hinweis!</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
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		<title>Schreibschrift perdu? Poliander erschreckend nostalgisch.</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/08/24/schulschrift-schreibschrift-perdu/</link>
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		<pubDate>Tue, 24 Aug 2010 12:51:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
		<category><![CDATA[Endstation]]></category>
		<category><![CDATA[Schlechter Stern]]></category>
		<category><![CDATA[Umsteigen]]></category>

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		<description><![CDATA[Polianders Sonntagsvergnügen und meines: die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die aus Papier natürlich, in unserer tiefbürgerlichen Straße oft zeitig ausverkauft, weswegen der Zeitungsmann schon gegen 9 in Räuberzivil oder sogar Schlafanzug (kaschiert durch jahreszeitlich passende Überwürfe) aufgesucht wird, um beim Kaffee genüsslich einander die Herzblattgeschichten vorlesen zu können oder das Neueste aus Natur und Wissenschaft. Doch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Polianders Sonntagsvergnügen und meines: die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die aus Papier natürlich, in unserer tiefbürgerlichen Straße oft zeitig ausverkauft, weswegen der Zeitungsmann schon gegen 9 in Räuberzivil oder sogar Schlafanzug (kaschiert durch jahreszeitlich passende Überwürfe) aufgesucht wird, um beim Kaffee genüsslich einander die Herzblattgeschichten vorlesen zu können oder das Neueste aus Natur und Wissenschaft. Doch letzten Sonntag wurde die Milch im Kaffee sauer:  &#8220;<a href="http://www.faz.net/s/Rub268AB64801534CF288DF93BB89F2D797/Doc~E616F1C24F4D6434E87B6FEFEC8F7BA5F~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Schreibschrift adé</a>&#8221; drohte die Überschrift, im Text wurde das baldige Ende des Schreibens in Schreibschrift  prophezeit. <span id="more-1743"></span>Kinder sollen nicht mehr &#8220;schönschreiben&#8221; lernen, das heißt: keine verbundene, leicht geneigte Schrift, die später die Grundlage einer individuellen charaktervollen Handschrift wird. Es bereite Kindern &#8220;Frust&#8221; und &#8220;koste Zeit&#8221;, eine solche Schrift zu erlernen, meint der in unserem Sonntagslieblingsblatt zitierte Grundschulverband. Angemessener und ausreichender Ersatz sei die &#8220;Grundschrift&#8221;, eine handgeschriebene Schrift, die an gerade stehende Druckbuchstaben angelehnt ist und manchmal ein kleines Häkchen rechts unten haben darf, ein ideologisches Schwänzchen für unverbesserliche Grundschüler, denen der lockere Schwung nicht auszutreiben ist. Und darüber hinaus seien ergonomische Tastaturen gefragt.</p>
<p>Für alle, die noch schönes Schreiben lieben, hier ein paar Links:</p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schulausgangsschrift">Schulausgangsschrift</a>, geschaffen von Renate Tost, Elisabeth Kaestner und dem berühmten Kalligraphen Albert Kapr<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ausgangsschrift"><br />
Lateinische Ausgangsschrift<br />
</a><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Vereinfachte_Ausgangsschrift">Vereinfachte Ausgangsschrift</a></p>
<p>Und leider ohne Link: Schulschrift kursiv, eine Schrift, die alle, die in den 1960er Jahren in der DDR zur Schule gingen, im Zeichenunterricht erlernten, zu schreiben mit einer Atofeder. Es machte Lehrerinnen und Kindern Arbeit, kostete Zeit, und der Umgang mit der raffiniert angeschrägten Feder war frustrierend, so lange man ihn  nicht beherrschte.</p>
<p>Die erste Übung beim Schreibenlernen waren übrigens &#8220;Dachziegel&#8221;, ganze Hefte voll Dachziegelumrisse (Rundschnitt-Doppeldeckung) wurden geschrieben.  Und dann jeder einzelne Buchstabe mit seinen &#8220;Häkchen&#8221;, &#8220;Anfassern&#8221; und freien oder gemessenen Schwüngen. Wegen all dieser Mühe, bei der wir uns auf nichts als nur das Lesen und Schreiben von Buchstaben konzentrierten, die Buchstaben unser Sinnen und Trachten waren und eine Welt aus Buchstaben entstand, beherrschten alle Kinder nach einem halben Jahr Unterricht alle Buchstaben des Alphabets, auch die, die vorher keinen einzigen gekannt hatten. Der Weg war frei, Zettelchen zu schreiben und wahlweise unter der Bank durchzureichen oder zu einem Flieger zu falten und bei gutem Glück unbemerkt von der Schönschreiblehrerin über Reihen hinweg der besten Freundin zuzusenden. Ob demnächst die Drucker rattern, um ein gekritzeltes &#8220;Willst du mit mir gehen? Ja Nein Vielleicht&#8221; auszuwerfen?</p>
<p>Das ist nicht euer Ernst, Grundschullehrerinnen! Schaut in eure Küchen und Handwerkerinnenkästen! Habt Ihr beim Erwerb einer Brotschneidemaschine das handliche Messer entsorgt? Und habt Ihr den Fuchsschwanz weggeschmissen, seit die Kettensäge erfunden ist?</p>
<p>Koordinaten: FAS vom 22. August 2010. Polytechnische Oberschule Bad Klosterlausnitz im Jahr 1967</p>
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		<title>Ohne Foto</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Mar 2010 07:35:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
		<category><![CDATA[Schlechter Stern]]></category>
		<category><![CDATA[Umsteigen]]></category>

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		<description><![CDATA[Poliander liest:  Erinnerung an eine Internatszeit in Südthüringen. Endlich, denkt Poliander, graben sie da, wo alle was vergraben haben, sie, die Journalistin, in den siebziger, achtziger Jahren, sie, Poliander, in den sechziger, siebziger Jahren, als es noch die alte Lehrerin gab: Wenn die Pausenaufsicht hatte, mussten wir Grundschulkinder die Pause im Kreis gehen, eine lange [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Poliander liest:  <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/167332.die-reifepruefung.html">Erinnerung an eine Internatszeit</a> in Südthüringen.</p>
<p>Endlich, denkt Poliander, graben sie da, wo alle was vergraben haben, sie, die Journalistin, in den siebziger, achtziger Jahren, sie, Poliander, in den sechziger, siebziger Jahren, als es noch die alte Lehrerin gab: Wenn die Pausenaufsicht hatte, mussten wir Grundschulkinder die Pause im Kreis gehen, eine lange Weile war das, bis es klingelte. Als die alte Lehrerin sich einmal wegdrehte, explodierte<span id="more-1163"></span> der Kreis dort, wo auch Poliander steckte, in einen raufenden Haufen, Poliander kratzte und biss. Ich bewunderte P. und kriegte es ab. Mit dem Schlitten flog ich wie P. über einen festgefrorenen Erdhaufen am Rodelberg, an den die Jungen sich nicht trauten, es krackte im Rücken, Poliander wäre das nie passiert. Ich finde die Stelle mit der Hand. Poliander war eine Anstifterin, ich war es selbst. Auf der Oberschule himmelte ich die Mathematiklehrerin an, die den Bauch vor sich her schob und nicht verriet, wer der Vater war, Poliander und ich hätten zu gern gefragt, warum sie nicht wegging aus der Kleinstadt am Bahndamm, die Züge fuhren doch. Wir hielten den Mund. Sie sollte nicht weggehn. Böse Jugendliche, die den blonden Sportlehrer unter der Hand &#8220;hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, flink wie ein Windhund&#8221; nannten. Wo hatten die das bloß her? &#8220;Unter der großen Klappe leidet man immer selbst am meisten&#8221;, sagte eine Autorität im Umfeld. &#8220;Quark&#8221;, schrie Poliander, &#8220;große Klappe reitet!&#8221; Sie meinte &#8220;rettet&#8221;. Mir gefiel der Versprecher. Im Kino Babylon, später, in Berlin, sah ich <a href="http://www.filmportal.de/df/18/Uebersicht,,,,,,,,8DBC794BA2AD48F5BC7A8AC56BEFA3FD,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html">&#8220;Jadup und Boehl&#8221;</a>, nur zweimal gezeigt, dann von den Autoritäten versenkt. Im alten Osten verbreitete sich die Nachricht schnell, die über die Bebilderung der maroden Moral im real exist. Soz. meine ich, das Kino war voll. Am Ende steigt ein Mädchen auf den Turm und sieht übers Land. Man muss nicht immer dran denken, man muss nicht immer wegdenken.</p>
<p>Koordinaten: 50° 53&#8242; N, 11° 52&#8242; O und 330 m über dem Meer.</p>
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		<title>In Auray</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Oct 2009 11:35:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erregung]]></category>
		<category><![CDATA[Absteigen]]></category>
		<category><![CDATA[Lockung]]></category>
		<category><![CDATA[Umsteigen]]></category>

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		<description><![CDATA[Als Poliander in Auray strandete, strandete sie mit einem Auto, meinem Begleiter und mir. Wir hatten uns an Kreisverkehre gewöhnt, die in Abständen von 200 Metern aufeinander folgten, Auray aber besaß sogar einen viereckigen Kreisverkehr. Poliander hatte mir im Nacken gesessen, während ich im Office du Tourisme im Gastgeberverzeichnis blätterte. Bei der Adresse von M.  [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_843" class="wp-caption alignleft" style="width: 242px"><a href="http://www.poliander.de/files/2009/09/auray_austernfischer_klein.JPG"><img class="size-medium wp-image-843" src="http://www.poliander.de/files/2009/09/auray_austernfischer_klein-232x300.jpg" alt="Nicht alle Austernfischer sind Vögel " width="232" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Nicht alle Austernfischer sind Vögel </p></div>
<p>Als Poliander in Auray strandete, strandete sie mit einem Auto, meinem Begleiter und mir. Wir hatten uns an Kreisverkehre gewöhnt, die in Abständen von 200 Metern aufeinander folgten, Auray aber besaß sogar einen viereckigen Kreisverkehr. Poliander hatte mir im Nacken gesessen, während ich im Office du Tourisme im Gastgeberverzeichnis blätterte. Bei der Adresse von M.  et Mme. Le Serrec wurde sie unruhig, schon gut, sie hatte eine Nase für Ziele. <span id="more-803"></span></p>
<p>Während wir allerdings diesen quadratischen Kreisverkehr umrundeten und uns fragten, ob er als Kreisverkehr bezeichnet werden und ob man ihn umrunden durfte, also mitten in diesem quadratischen Kreisverkehr, begann mein Begleiter zu murren. Es war die richtige Straße, und sie sah aus wie eine Hauptstraße. Sicherheitshalber drehten wir noch ein Quadrat, aber es <em>war</em> die richtige Straße. Als wir dann auf dem Hof des Hauses standen, triumphierte Poliander. Das Quartier war ein Extrahaus, das <a href="http://tymamgoze.e-monsite.com/accueil.html">Haus der Großmutter</a>, hinter dem neuen Haus, und wenn uns in der Nacht etwas beunruhigen würde, dann allenfalls die Stille, denn die Straße hörte beim ersten Dämmerlicht auf, Hauptstraße zu sein. Mit den Großmüttern hatten sie&#8217;s hier, das hatte ich schon begriffen. Poliander interessierten die Großmütter nicht. Sie war fasziniert von M. Le Serrec, der groß und lang in seinen Pantoffeln stand und weit ausholte, um den Verkauf bretonischer Möbel nach China zu beschreiben, via Rotterdam. Ständig flüsterte Poliander mir ins Ohr, was ich noch fragen sollte. Erst als sie die geschnitzte Figur sah, die M. Le Serrec ins Zimmer gestellt hatte, war sie still. &#8220;Das hat er selbst gemacht&#8221;, sagte sie dann und bewunderte sich.</p>
<p>Am Sonnabend schickte uns M. Le Serrec zum Hafen, wo sie die Austern feierten. Das ist wieder so ein Touristending, sagte ich, ging aber mit. Vor der großen Kirche hielt eine Dame uns an: ob wir englisch sprächen. &#8220;Oui.&#8221; Wo ging es zu den Markthallen? &#8220;Regardez&#8230;&#8221;, wir zeigten es auf dem Plan. Ich setzte dreimal an, ehe mein Gehirn begriff, englisch? K. lachte über mich. &#8220;Les halles&#8230; sont&#8230; is closed now&#8221;, Sonnabend Nachmittag, um zwei. &#8220;Sure?&#8221; Sure. Ich staunte den Begleiter der Dame  an, nicht jung, aber in durchsichtigem weißen Hemd. Fror er nicht? Der Wind ging vom Meer, der Wind ging wie nur was. Was da in die Bucht rauschte, hieß Loch, wir gingen im Zickzack bergrunter und drauf zu. Eilig entleerte der Fluss die Gezeitenfracht in den Golf, aber so weit sahn wir nicht.  Der Hafen war alt, aber die Austernfischer neu, mindestens neu gestrichen, ungelenke Gestelle, die sich wer weiß wie über Wasser hielten. Zack! öffnete der Austernfischer die Auster, das Wunderding, vor ihm häuften sich die Schalen.  Hier gab es keine englischsprachigen Touristen oder wir sahn sie nicht. Die Austernfischer, die wir von der Nordsee kannten, eilige Vögel, hatten keine Saison in Auray. Die Leute aus Auray saßen in langen Reihen, aßen drei Sachen: Austern, Muscheln, Frites, und tranken Muscadet. Ein Mann legte die Muschelschalen säuberlich ineinander, wie Löffelchen. Eine Flasche Muscadet war gar nicht  so viel. Leute fingen an zu singen, plötzlich waren Bombarden da. Wir waren gern, wo die Musik spielt. Draußen fielen ein paar Regentropfen, der Kaffee ging aus, die Musik spielte, Zurufe der Leute. Ein Mann schob uns den Teller hin: probieren. Wir probierten, ohne zu erkennen, was, salzige Paste. Die Musik spielte wilder. Ich brauchte Bewegung. Wir bedankten uns, gingen die Bucht hinunter, Ebbe war, der Loch ein rasches Rinnsal zwischen fetten Schlickpolstern. Als wir zurückkehrten, öffneten Frauen Austern um die Wette, Marie-Claire, Pascale, Vivienne und Danielle. Eifer, zwei Dutzend Austern auf schnellstem Weg tödlich zu verwunden. Der  Zauber war hin. Danielle verletzte sich, und ihr Blut floss in die Auster. Sie wurde disqualifiziert, es begann zu regnen, ich ging in der Menge verloren. Poliander, rief ich, und K.! Fand sie nicht, eilte die Treppe hinauf nach Saint-Goustan, fand sie nicht, auch nicht in Saint-Sauveur. Zeit verging zwischen Mauern, aus denen Grünzeug quoll. Unten, auf der Brücke beugten Leute sich über den Loch. Die Gezeiten hatten gewechselt, Meer trieb mit Gewalt den flussauf, Strömung saugte sich durchs Flussbett und strudelte um die Brückenpfeiler. Sechs Jugendliche waren mit Kanus den Fluss herabgekommen und hielten sich an der Hafenmauer. Sie mussten raus, rechts unterhalb der Brücke, doch der Strom war gegen sie. Aufregung und Neugier, die Leute schauten, die Kanuten beobachteten die Strömung und rannten mit ihren Booten dagegen. Hier, hier, dicht am Pfeiler, nicht ganz so dicht!, dreimal anrennen, geschickter einfahren, wilder paddeln, einmal, dreimal, schließlich durch. Ein  Junge ließ sich mutwilig zurücktreiben, er machte es nochmal und nochmal. Genug geguckt?, sagt K. hinter mir, und Poliander legte mir die Hand auf den Arm. Nie, sagte ich, lass uns schauen, wo die Musik spielt. Das Meer flutete den Fluss wie Lust die Adern.</p>
<p>Koordinaten: Auray, September 2009.</p>
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		<title>Einhards Baustelle</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Apr 2009 08:57:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
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		<description><![CDATA[Überall wurden Postkarten verkauft, die ein Kirchlein zeigten, ordentlich und aus rotem Sandstein, es sah gar nicht so alt aus, es sah aus wie ein Modell oder ein etwas ernsthafteres Spielzeug, aber eins, das in einer Modelleisenbahnanlage Platz fände. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_331" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-331" src="http://www.poliander.de/files/2009/04/einhards-basilika_1-300x246.jpg" alt="Baustelle" width="300" height="246" /><p class="wp-caption-text">Basilika fliegt nicht.</p></div>
<p>Überall wurden Postkarten verkauft, die ein Kirchlein zeigten, ordentlich und aus rotem Sandstein, es sah gar nicht so alt aus, es sah aus wie ein Modell oder ein etwas ernsthafteres Spielzeug, aber eins, das in einer Modelleisenbahnanlage Platz fände. Und auch der Ortsname klang nach Eisenbahnmodell: Steinbach in Michelstadt, nicht <em>michel </em>wie deutscher Michel, <em>michel</em> wie <em>michlinstat</em>, und das heißt: großer Ort.</p>
<p><span id="more-201"></span>Beinahe hätten wir den Wegweiser &#8220;Einhards Basilika&#8221; übersehen, er wies uns von der Einhardstraße ins Private, ein Gartenzaun, ein Tor, Eintritt ein Euro fünfzig. Kasse: geschlossen. Gradaus ging der Blick, wurde gefangen von einer Baustelle, einem fragilen, riesenhaften Gerüst, Bauschuttcontainern voll Schotter, in denen Kleingehölze siedelten. Ein Wellblechdach schwebte über der Kirche, die man hinterm Gestrüpp aus Gerüststangen mehr ahnte als sah. Der Wellblechflügel flog nicht; breite Gurte, viele, fesselten ihn an die Schuttcontainer. Deshalb also. Gras und Bänke, die Frauen, wie sie da saßen, saßen da der Sonne wegen. Auf dem Dorf wünscht man immer einen Guten Tag. Das Portal war ohne Tür, in die Halle schien Wetter, über gestampften Boden staubte der Lehm. Aus Putzresten griff eine gemalte Hand. In der Sakristei stand ein junger Mann, aus Japan dachten wir, und schrieb lehrhafte Texte von den Aufstellern ab. Seine frierende Freundin verabschiedete sich nach draußen, eine Rentnergruppe kam, das Licht ging aus. Ich ging ein paar Schritte in die Halle zurück, eine Lichtschranke sprang an, die Rentner bedankten sich, doch ehe sie zu lesen begannen, entsannen sie sich eines Termins und eilten weg.</p>
<p>Einhard war nicht hier, der gelehrte Reliquiendieb. 827 soll die Basilika fertig gewesen sein, da zog Ratleik, sein Freund,  nach Rom, Reliquien besorgen. Wie er das Heiligengrab eröffnete, wie er die Gebeine zweier Heiliger, nicht nur des einen, fand, wie er den einen stahl. Wie Ratleik nach Tagen wiederkam zum Grab, bebend, auch den zweiten zu stehlen. Denn musste der nicht den Gefährten im Tode vermissen, mit dem er fünfhundert Jahre das Grab geteilt hatte? Da ließ sich die Grabplatte leicht heben, denn der Heilige half mit, so Ratleik sein Einverständnis demonstrierend beim Bubenstück. Erst jenseits der Alpen trug man das Märtyrergebein offen, Leute staunten,  dann die Ankunft der Heiligen in Michelstadt. Nicht ihr kleinstes Wunder, ließen die Heiligen Einhard und seine gottvollen Männer im Traum wissen, dass ihres Bleibens nicht sei. Ruhe wollten sie finden, doch nicht in Michel-, sondern in Seligenstadt. So ging Einhard, der große Chronist des großen Karl, ging hin und baute auch in Seligenstadt. Seine Basilika blieb zurück, verschont von den Neuerungen, die der heilige Tourismus schon im Mittelalter mit sich brachte, alte Steine, alte Ziegel, jahrhundertlang Sanierungsprojekt, jetzt wieder. Wir standen in der Halle herum und rätselten, welche Steine welcher Zeit entstammten.</p>
<p>Draußen vorm Portal wehte es frisch, ging es ein paar stolpernde Schritte hinab in die Krypta. Man sah, wo die Sarkophage standen, die Altarnische leer, Sonne fing sich in der Plexiglasscheibe, mit der wohl Getier ausgesperrt  wird, hier war nichts, hier war etwas, ein Hauch, ein Luftzug. Nein, sagte ich: Hier machst du kein Foto .</p>
<p>Koordinaten: Einhard, Michelstadt, die 20er Jahre des 9. Jahrhunderts</p>
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