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	<title>Polianders Zeitreisen &#187; Sternbild</title>
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	<description>ULRIKE GRAMANN SCHWENKT DEN HUT</description>
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		<title>Es führt eine Brücke übern Kanal</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 16:34:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schönste Stellen]]></category>
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		<description><![CDATA[Durch die Straßen schleicht eine Alte mit steingrauem Haar, im Perlonbeutel klappern Bierflaschen. Der einjährige, zottige Hund zerrt an der Leine. Sie ist dem Tier nicht mehr gewachsen. An der Admiralbrücke bleibt sie stehn, schlingt die Hundeleine um das Geländer, zieht den Knoten fest an. Sie lehnt sich ans Geländer, greift eine Flasche heraus. &#8220;Habter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3789" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/12/admiralbr%C3%BCcke-2011.jpg"><img class="size-medium wp-image-3789" src="http://www.poliander.de/files/2011/12/admiralbr%C3%BCcke-2011-300x243.jpg" alt="Prosit 2012" width="300" height="243" /></a><p class="wp-caption-text">Prosit 2012</p></div>
<p>Durch die Straßen schleicht eine Alte mit steingrauem Haar, im Perlonbeutel klappern Bierflaschen. Der einjährige, zottige Hund zerrt an der Leine. Sie ist dem Tier nicht mehr gewachsen. An der Admiralbrücke bleibt sie stehn, schlingt die Hundeleine um das Geländer, zieht den Knoten fest an. Sie lehnt sich ans Geländer, greift eine Flasche heraus. &#8220;Habter mal n Siebzehner?&#8221;, ruft sie den Punks zu, die am andern Ende der Brücke lungern. <span id="more-3781"></span>&#8220;Hasten Euro?&#8221;, fragt der irokesenschnittige Junge, der ihr die Flasche aus der Hand nimmt und sie geschickt mit den Zähnen öffnet, &#8220;türlich nich, was?&#8221; Die Frau schüttelt den Kopf, nimmt einen süchtigen Zug aus der Flasche und reicht dem Jungen ihren Beutel mit den restlichen Bierflaschen: &#8220;Brauch ich nich mehr.&#8221; Der lässt sich seine Überraschung nicht merken, fragt aber höflich: &#8220;Un ne Penne, willste mitkomm?&#8221; Die Alte schüttelt den Kopf. Die Bengel trollen sich, den Bierbeutel schwenkend. Sie trinkt ihr Bier in kleinen Schlucken, beugt sich runter und lässt auch den Hund aus der Flasche saufen. Wien Baby, denkt sie und lächelt plötzlich in Erinnerung an eine Jugendliebe, sie lässt sich neben den Hund aufs Brückenpflaster sinken und schaut zum Himmel hoch. Vom Himmel hoch, da komm ich her, murmelt sie. Orion lockert seine Schultern, schüttelt Beteigeuze und Bellatrix. Alte Liebe rostet nicht, murmelt die Alte. Nicht weit weg knallen ein paar Böller, dann wieder Stille. &#8220;Insel Poel&#8221; heißt das Schiff, über und über bedeckt mit Graffiti, auf dem die Geister des abgelebten Jahres Pogo tanzen. Im neuen Jahr wird der Bezirk es abschleppen lassen, stand im Berliner Nachtspiegel. Gepflegte Biere sind was andres, die alte Frau lacht und beugt sich übern Kanal. Sie spuckt Zahn um Zahn ins Wasser, dass ölige Tropfen aufspritzen, die sie, plötzlich flink, mit ihrem Feuerzeug zündet. Ihr Mantelgürtel beginnt zu blinken, etwas heult auf, für einen Augenblick ist die Brücke gleißend erleuchtet. &#8220;Leute&#8221;, ruft die Zahnlose, &#8220;die paar Stunden macht ihr ohne mich!&#8221; Kichernd fährt sie ab, voll ins Dunkel, dreht sich noch einmal und wirft die Bierflasche, die knallt und in tausend spiegelnde Splitter zerstiebt. Wer jetzt einen aufhöbe, könnte das eigne Gesicht in den Stufen des Alters erblicken. Niemand kommt vorbei, nur der Hund schaut sich noch einmal als Welpe.</p>
<p>Stunden später, das Feuerwerk  ist in vollem Gang, kläfft er, noch immer festgeleint. Die Brücke ist voller Leute jetzt, Sektflaschen kullern, Raketen schießen ab und away!, Orion fängt sie mit den Händen und lässt ihre Sterne erblühn. Es kracht hier und da und schnell hinternander, jemand fängt eine Radiosendung: &#8220;Die Frage ist doch&#8221;, spricht ein Mann von der Polizeigewerkschaft ins Mikrofon, &#8220;ob die Berliner wirklich die Gebrauchsanweisung der neuartigen Feuerwerkskörper beachten und die vier Batterien sorgfältig voneinander getrennt zünden!&#8221;, Besorgnis wabert im Studio, niemand hört zu. Ein paar Sterne stürzen in den Landwehrkanal. Der Hund schiebt Panik. Gläser klingen kurz und klirren lang, &#8220;Zu mir oder zu dir?&#8221;, fragt eine einen, der Morgen ist fern und nah, das Erwachen in fremden Betten, das verstohlene Tasten nach der Armbanduhr und das vorsichtige Wischen am verschmierten Lippenstift, damit der Gefährte der Nacht nicht überm Clownsmund erschreckt. Als obs darauf ankäm. Doch noch sind wir nicht soweit. Während die Brücke sich langsam leert, der Hund erschöpft, resigniert, kommt von hinten ich weiß nicht von wo kommt ein Junge, der längst im Bett sein sollte, aber eben nicht ist, und der weiß, was er will, geht auf den Hund zu, lässt ihn am Handrücken riechen, seine Hand riecht gut, irgendwie nahrhaft, der Junge sagt nichts, aber der Hund ist entschlossen, zu winseln, sollte er die Leine nicht vom Geländer lösen, der Hund weiß, er muss nicht winseln, der Junge knüpft ihn vom Geländer, &#8220;gleich&#8221;, sagt er und sieht dabei schon fast erwachsen aus und grinst verlegen und nimmt das Tier doch sicher an seine Seite und geht mit zielstrebigen Schritten über die Brücke und jenseits und verschwindet irgendwo, vorn in der Körte und hält die Nase in den plötzlich eiskalten Wind und beugt sich zum Hund: &#8220;Butterbrot mit Zucker, in Milchkaffee gestippt, na?&#8221; Das neue Jahr knurrt leise und hebt die Nase.</p>
<p>Koordinaten:<br />
<strong>Poliander wünscht allen Leserinnen und Lesern Glück, Liebe, Gesundheit und Erfolg, Brot und Wein! </strong></p>
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		<title>Geschüttelte Faust und eleganter Fingerzeig</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Dec 2011 21:44:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>
		<category><![CDATA[Völkerwanderung]]></category>

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		<description><![CDATA[Es muss zwischen September 1983 und Mai 1989 gewesen sein, dass in der Berliner Almstadtstraße eine Galerie öffnete. Wahrscheinlich ist es nicht vor 1985 gewesen, da Poliander und ich in unseren ersten beiden Jahren in Berlin die Almstadtstraße, die frühere Grenadierstraße im Scheunenviertel, sicher nicht kannten. Wir wohnten in Ostkreuz. Am wahrscheinlichsten ist, dass ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es muss zwischen September 1983 und Mai 1989 gewesen sein, dass in der Berliner Almstadtstraße eine Galerie öffnete. Wahrscheinlich ist es nicht vor 1985 gewesen, da Poliander und ich in unseren ersten beiden Jahren in Berlin die Almstadtstraße, die frühere Grenadierstraße im Scheunenviertel, sicher nicht kannten. Wir wohnten in Ostkreuz. Am wahrscheinlichsten ist, dass ich um 1987 zum ersten Mal in der Galerie war. Sie hieß sicher &#8220;Weißer Elefant&#8221;. Beim ersten Besuch sahen P. und  ich dort Bilder von Gundula Schulze, später erneut. Ihre Fotografien waren vor allem eines: radikal. <span id="more-3707"></span>Heute sehe ich diese frühen Arbeiten der Fotografin Gundula Schulze Eldowy wieder und weiß, dass ich sie auch damals so verstanden habe. Auf einem der Bilder taucht eine alte Frau aus dem Dunkel und schüttelt die Faust, gegen einen Menschen, der links im Bild nur bruchstückhaft erkennbar ist, sicher auch gegen die Kamera. Die Frau ist wütend, sie hat nicht aufgegeben, ihre Wut hat viel Überzeitliches, Mythisches, viel, das über den Ärger, unerlaubt fotografiert zu werden, hinausgeht. Ich erkenne darin die Wut von Leuten wieder, die ich in Moskau fotografierte, im Sommer 1990, auf einem Markt, auf dem es beinahe nichts zu kaufen gab&#8230; Auf einem anderen Foto, bei dem ich nicht sicher bin, ob ich es damals in der Almstadtstraße gesehen habe, stehen zwei Mädchen schräg im Bild, trotziger Blick über schweren Schatten, dunkle Ponys, die ihre Gesichter zusätzlich bedrücken, und eines der Mädchen macht eine klassische, elegante Geste mit dem Finger. Sie zeigt zur Erde und weist auf etwas, das die Betrachterin nicht sieht. Poliander sagt: in die Unterwelt. Das andere, größere Mädchen stützt sich auf einen Stock oder Stecken. Die Blicke sind zeitlos, die Kinder ohne Alter.</p>
<p>Berlin, in das Poliander und ich in den frühen achtziger Jahren kamen, haben wir nie als Heimat verstanden oder es sonstwie gekauft. Vielmehr nahm die Stadt uns in Besitz, schluckte uns umstandlos, hat uns seitdem oft geschluckt, verdaut, wieder ausgespien. Die Anonymität der Stadt hat viele Gesichter, die wir in den Fotografien von Gundula Schulze wiederfinden und auf der Straße, noch immer. Die Gesichter, nicht die Anonymität. Die S-Bahn-Bögen, nahe am Bahnhof Friedrichstraße waren mit faustgroßen Löchern übersät, viele Häuser hatten ebenfalls diese tiefen Löcher in ihren Fassaden. Auch in Erfurt hatte es Verfall gegeben, Vernachlässigung, waren Häuser buchstäblich vor unseren Augen zusammengebrochen. Dort hatten wir in einem der ältesten Häuser der Stadt gelebt, einem verbauten Labyrinth winziger Wohnungen, Dachböden, Keller, teils baupolizeilich gesperrt, auch sonst baufällig an der Grenze zur Begehbarkeit. Wenn es gewitterte, floss das Wasser in Sturzbächen über die Haustreppe, die innere, versteht sich. &#8220;Ruinen schaffen ohne Waffen&#8221; lautete der bittere Spruch, den die Erfurterinnen hersagten, um ihren Kummer über die Verkommenheit der Innenstadt, die im Krieg unzerstört geblieben war, auszudrücken. Kam Honecker zur Staatsjagd, strich man die &#8220;leergewohnten&#8221; Häuser über dem verdreckten, abblätternden Putz, soweit der Blick aus einem auf der Hauptstraße fahrenden Auto in die Seitenstraßen hinein möglich war. Auch in Berlin waren die Häuser verkommen, doch diese Ruinen waren durch Waffen entstanden. Die meisten Zerstörungen rührten vom Krieg und den  Kämpfen der letzten Kriegstage  her. Viele Gesichter beherrschte eine unterdrückte Wut, oft auch Resignation. Schulzes Fotos rufen die Erinnerung an diese Zeit zurück, an die späte DDR, in der ich verständnislos schaute, wenn Freunde aus dem Westen beklagten, Ostberlin sei so grau. Ja wie denn sonst? Und als P. und ich später Westberlin sahen, haben wir es eben nicht groß anders empfunden. Sicher, es war mehr und besser renoviert. Doch bis heute finden wir, selbst im gepflegten Südwesten, in manchen Straßenzügen Häuser, die Narben des Krieges tragen, zuweilen überwuchert vom Efeu. Manchmal, damals, kamen Freunde aus der Provinz und suchten in Berlin eine Wohnung, dann liefen wir sonntags stundenlang treppauf, treppab und fragten nach freistehenden Wohnungen. Viele Leute öffneten auch nachmittags im Bademantel, meine Besucherinnen staunten: Kümmerte es denn keinen, was man hier machte, sonntags nachmittags? Poliander und mich kümmerte es nicht. Es gefiel uns sogar.</p>
<p>Schulze Eldowys Fotos werden in der Galerie c/o Berlin gezeigt. Dort, im ehemaligen Postfuhramt ist das Abgeranzte eine Allianz mit der Sparsamkeit eingegangen. Keine Wand gestrichen, nichts renoviert, die Hinweisschilder dienen der Orientierung im Haus kaum andeutungsweise, auch wenn sie aus Freundlichkeit für Touristen in englischer Sprache sind. Nicht zu renovieren galt in den 1990er Jahren als irgendwie schick, vielleicht verband sich in der 2000 gegründeten Galerie damit die Hoffnung auf das Provisorische aller Existenz. Die Bilder von Gundula Schulze Eldowy wirken an diesem Ort, der die Verkommenheit der letzten DDR-Jahre perpetuiert, dennoch vollkommen fremd. Die kleine Galerie &#8220;Weißer Elefant&#8221; in der Almstadtstraße, lebhafte Erinnerung, war ein Laden mit riesigen Fenstern, die Wände schneeweiß gestrichen. Alle, die ich kannte, liebten den Ort und bangten um seine Weiterexistenz. Denn Schulzes Bilder erschienen unerhört subversiv, nicht obwohl, sondern weil das, was sie zeigten, jeder in der umgebenden Realität sehen konnte. Auch seine Zerstörung, übrigens, denn noch vor 1989 begann man, einen Teil der Almstadtstraße neu zu bebauen, mit unschönen, disproportionierten Wohnhäusern.</p>
<p>Heute überfallen Schulzes Fotos die Besucherin, die schon vor 1989 in Berlin lebte, wie ein Déjà-vu. c/o Berlin zeigt, dankenswert, auch den Film <a href="http://www.progress-film.de/de/filmarchiv/film.php?id=804">&#8220;Aktfotografie. Z.B. Gundula Schulze&#8221;</a> von Helke Misselwitz (1983). Wer sich die zwölf Minuten nimmt und ihn ansieht, kann neben dem Gespräch mit Gundula Schulze Sequenzen sehen, die  Misselwitz in einer Kaufhalle gefilmt hat. Sie sind wundervoll.</p>
<p>Koordinaten: 52° 31&#8242; 29&#8221; N, 13° 23&#8242; 40&#8221; O, <a href="http://www.berlin-ineinerhundenacht.de/">&#8220;Berlin in einer Hundenacht&#8221;</a>. youtube:  <a href="http://www.youtube.com/watch?v=YqYDoQEjI8A">Interview mit Gundula Schulze</a>, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=OX-VXdDvoi0&amp;feature=related">Interview Teil2</a>, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=M7_2s4eHkoQ&amp;feature=related">Teil 3</a>,  <a href="http://www.co-berlin.info/programm/exhibitions/2011/gundula-schulze-eldowy.html">Ausstellung bei c/o Berlin</a>, 10. Dezember 2011 bis 26. Februar 2012</p>
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		<title>In der Höhle der heiligen Tiere</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Nov 2011 09:21:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Kino: Poliander hat Schwierigkeiten mit der Brille. Doch die Reise, von der die Rede ist, kann nur tun, wer sich mit einer gelben, schlechtsitzenden Brille ausrüstet. Das hat der Reiseleiter verfügt. Die Brille soll helfen, den Raum zu schauen und die Zeit, vor allem die Zeit, denn es geht 37.000 Jahre in die Vergangenheit. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3525" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/11/pferde-in-chauvet.jpg"><img class="size-medium wp-image-3525" src="http://www.poliander.de/files/2011/11/pferde-in-chauvet-300x225.jpg" alt="Tiergesichter. Bild: Wikimedia" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Tiergesichter in der Höhle. Bild: Wikimedia</p></div>
<p>Im Kino: Poliander hat Schwierigkeiten mit der Brille. Doch die Reise, von der die Rede ist, kann nur tun, wer sich mit einer gelben, schlechtsitzenden Brille ausrüstet. Das hat der Reiseleiter verfügt. Die Brille soll helfen, den Raum zu schauen und die Zeit, vor allem die Zeit, denn es geht 37.000 Jahre in die Vergangenheit. <span id="more-3505"></span>Weil die Spur dieser Vergangenheit fragil ist und zart, dürfen wir ihr im Kino folgen.</p>
<p>Sechs Tage lang, an jedem Tag vier Stunden durfte <a href="http://www.imdb.com/name/nm0001348/">Werner Herzog</a> in der <a href="http://www.culture.gouv.fr/culture/arcnat/chauvet/fr/">Grotte Chauvet-Pont-d&#8217;Arc</a> in Südfrankreich filmen. Sonst bleibt sie verschlossen, und auch WissenschaftlerInnen dürfen nur selten und für kurze Zeit in ihr Aufenthalt nehmen. An den Wänden dieser Höhle, deren Boden bedeckt ist von Gebeinen wilder Tiere, die hier lebten, finden sich die ältesten bekannten Malereien der Menschheit, 1994 entdeckt.  Im <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Aurignacien">Aurignacien</a> lebten hier Menschen, die sich von jenen Tieren ernährten und wohl auch ihre Beute wurden, denn neben Mammuten, Nashörnern, Gazellen, Hirschkühen und Hirschen gab es hier auch Löwen und Höhlenbären, die in großen Gruppen durch das Tal mit dem Brückenbogen wanderten. Die eiszeitlichen JägerInnen kannten schon die großen Zyklen, denen die Tiere folgten, wenn sie in den Wintern von Norden her kommend bis an die Pyrenäen wanderten. Die Tiere und ihr Zug bestimmten ihr Leben, und sie selbst erkannten sich als Tiere, auch in ihrem Leben stand der Zyklus der Geburten im Mittelpunkt. Und sie begannen, den tierisch-menschlichen Zügen eine Form zu geben. Die Höhle, in die wir mit Herzog reisen, birgt Malerei. In andere Höhlen, unbekannt, ob die KünstlerInnen von der Ardèche eine direkte Verbindung dorthin hatten,  überwinterten Frauen- und Tierfiguren, auch Löwenmenschen und Musikinstrumente, die ältesten Instrumente der Welt, gefunden im Geißenklösterle und der Hohlefelshöhle auf der schwäbischen Alb. Ein Wissenschaftler in Herzogs Film beschreibt die Fluidität des Lebens jener Menschen, die mit Tieren und Geistern nahe verbunden gewesen sein können, im ständigen Übergang. Ein Archäologe erzählt, dass er nach jedem Besuch der Höhle so stark von den Löwen träumte, ohne Angst, aber doch so intensiv, dass er seitdem nur von ferne und an den Messdaten und digitalen Bildern forschen kann. Der dritte macht Musik auf einer Flöte, die der von der schwäbischen Alb nachgebaut ist, in vertraut pentatonischer Stimmung.</p>
<p>Die Bilder der Höhle, sagt Poliander, muss eine gesehen haben. Und wenn eine danach träumt, sieht sie vielleicht die Hand jenes 1,80 m großen Menschen, einer sehr großen Frau (sagt jedenfalls P. und bis zum Beweis des Gegenteils), mit dem gebogenen kleinen Finger, die Hand, deren Abdrücke die Höhle durchziehen. Und wenn du aufwachst, schau auf deine eigene Hand, wie P., und wenn der kleine Finger gebogen ist, bist du eine Nachfahrin jenes Menschen, kann sein. Und wenn auch der Reiseleiter manchmal besser geschwiegen hätte: Er hat uns hingeführt.</p>
<p>Koordinaten: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Chauvet-H%C3%B6hle">44° 21&#8242; 0&#8221; N, 4° 29&#8242; 24&#8221; O</a>, <a href="http://www.trailerseite.de/film/11/die-hoehle-der-vergessenen-traeume-kino-trailer-21123.html">Trailer</a> (von Werbung nicht abschrecken lassen), <a href="http://www.wernerherzog.com/index.php?id=64">Steinzeit in mass media</a> (Herzog in einer Fernsehshow)<br />
Polianders Lektüreempfehlung: Hans Peter Duerr, Sedna oder die Liebe zum Leben, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984.</p>
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		<title>Rare Freude: roman unserer kindheit</title>
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		<pubDate>Sun, 30 Oct 2011 13:46:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchstabenfracht]]></category>
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		<description><![CDATA[Kaum einer, der schreibt, kann die Finger bremsen, ein Kindheits-, ein Jugendbuch zu schreiben, &#8220;autobiographisch&#8221;, mindestens &#8220;authentisch&#8221;, Metapherngräber mit falschem Schmerz und echter Sentimentalität. Aber, protestiert Polianders Gefährtin, es gibt doch Wolframs Parzival, den Grünen Heinrich, den Zögling Törless und alles, was Irmtraud Morgner über Geburt und Kindheit schrieb, lange Passagen der Salman-Trilogie! Ja, P. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3539" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/10/roman-unserer-kindheit.jpeg"><img class="size-full wp-image-3539" src="http://www.poliander.de/files/2011/10/roman-unserer-kindheit.jpeg" alt="Gut geschrieben" width="225" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Gut geschrieben</p></div>
<p>Kaum einer, der schreibt, kann die Finger bremsen, ein Kindheits-, ein Jugendbuch zu schreiben, &#8220;autobiographisch&#8221;, mindestens &#8220;authentisch&#8221;, Metapherngräber mit falschem Schmerz und echter Sentimentalität. Aber, protestiert Polianders Gefährtin, es gibt doch <a href="http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digi/lauber/cpg339i.html">Wolframs Parzival</a>, den <a href="http://www.gottfriedkeller.ch/GH/GH_Parallel.htm">Grünen Heinrich</a>, den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Verwirrungen_des_Z%C3%B6glings_T%C3%B6rle%C3%9F">Zögling Törless</a> und alles, was Irmtraud Morgner über Geburt und Kindheit schrieb, lange Passagen der <a href="http://www.stadtbibliothek-chemnitz.de/autorenlexikon/pmwiki.php?n=Autor.IrmtraudMorgner">Salman-Trilogie</a>! Ja, P. gibt es zu, und den Roman der <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/17840.html">Drachentochter</a>, den sogar besonders, wenig Larmoyanz, viel Spracherfindung! Soll niemand denken, da käme nichts mehr, denn da kommt das Sprach-Rettungsboot,<span id="more-3469"></span> das die Leserin aus den Wogen des Banalen Meeres rettet: P.s Gefährtin nämlich fand in einer Buchhandlung, die gesteckt voll war mit Büchern, die Sonnenblumen, fotogerecht präparierte Speisen und leichtbekleidete Blonde auf dem Umschlag zeigten, den <a href="http://www.rowohlt.de/magazin_artikel/Georg_Klein_Roman_unserer_Kindheit.2846330.html">roman unserer kindheit</a> von Georg Klein, ein Buch, das im letzten Jahr einen Preis bekam, obwohl es weder leichte Lektüre ist noch in den restaurativen Zeitgeist passt.</p>
<p>Eine Gruppe Kinder, in deren Zentrum Älterer Bruder, Wolfskopf, Schniefer, Ami-Michi und Schicke Sibylle stehen, viel mehr noch rennen, radfahren, hinken und krauchen, schon an den Spitznamen fühlt man die Bundesrepublik jener Zeit, in der Kühlschränke schon Einzug gehalten hatten, Fernseher aber noch selten waren, jene Gruppe Kinder aus der Neuen Siedlung also durchfährt einen Sommer, in dem es an nichts fehlt, was uns zuletzt mit wüster Erfahrung und mystischem Mut ausstattet. Er beginnt mit Blut, das aus einer Fleischwunde tropft, die der Ältere Bruder sich bei furioser Radfahrt mit Wolfskopf zuzog, &#8220;es blutet und blutet&#8221;, weswegen er nach der Verarztung und während der sich dahinziehenden Heilung von der Mutter kurzerhand in einen derzeit ungenutzten Kinderwagen verfrachtet wird, ein tolles Gefährt, das die Autorität des Älteren Bruders unter den Kindern keineswegs untergräbt. Das Unterwegssein der Kinder an den Rändern der Siedlung und auf der Grenzlinie der Erfahrung öffnet den Blick auf die perforierte Zeitachse im Leben der Erwachsenen, ihr Vorher und Nachher, das vom Weltkrieg (und der eigenen Beteiligung daran, darin)  über Liebesverrat, Trunk und Kartenspiel und dunkles Geschäft bis zu erwartbarer Krankheit und  künftigem Tod reicht, alles nebeneinander, wenn auch nicht gleichgewichtig, doch in der zugleich umfassenden wie fragmentarischen Erfahrensweise, die noch nicht vom Sortieren und Analysieren geprägt ist. Das Panoptikum wird gezeigt von einer Erzählerin, die sich selbst nur wiederum fragmentarisch nach und nach zu erkennen gibt. &#8220;Mein Haus hat keine Fenster&#8221;, sagt sie, und doch weiß sie, aus welchem Jenseits nur?, alles, auch die Zukunft, und erzählt dies so nebeneinander wie in einem Comic, der den Blick mal hier-, mal dorthin schweifen lässt, mal die Mutter zeigt, die kalten Nescafé trinkt im Un- und Übermaß, mal ein puppenspielendes Fröhlich-Mädchen, dann wieder Menschen wie den Junghanns-Doktor, den nur vielleicht blinden Fehlharmoniker und Kommandant Silber. Und all die anderen. Und wo findet man den Wellensittich wieder?</p>
<p>Nein, P. erzählt die Geschichte hier nicht nach, nur soviel, dass es am Ende darum geht, Sibylles kleine Schwester zu finden, gruslig genug: zunächst ihre Schuhe an schmutzigen Orten, in einer phantastischen Reise durch reale Keller und überreal scheinende Wurzelbüschel, bleiche Finger eines Baumes, die ihren Weg nach unten durchs Mauerwerk bahnen, Verderben und Entkommen und Voranschreiten der Kindergruppe in einer phantastischen, nicht aufhaltbar vorrrückenden Phalanx.</p>
<p>Und ja: die Sprache, in der kleine Episoden immer auf das Ganze verweisen, die Leserin in den Beschreibungen einfachen Geschehens immer die Welt dieses Romans und immer die Welt erfährt. &#8220;Das ganze Hin und Her, das Völlig-aus-dem-Aug-Verlieren, das bang werdende Suchen, das triumphale Doch-noch-Wiederfinden, das Rennen und das Reglos-Lauern, all das ist eine wunderbare Jagd geworden. Sogar die Kleinen, die einer nach dem anderen aufgeben mussten, weil die Verfolgung des türkisen Vogels sie so weit wie nie vom Hof wegführte, haben gespürt, dass sie an einer großen Sache Anteil hatten. Im Elsternhorst, genau vis-à-vis der Lichtburg, dürfen die Übriggebliebenen Atem holen. Der Sittich hat einen Schwarm junger, am Anfang dieses Sommers geschlüpfter Sperlinge entdeckt, die auf dem Flachdach des Kinos durcheinandertschilpten. Kaum dass er gelandet war, verstummten sie und fingen an, in einem merkwürdigen Eifer auf dem weißgetünchten Beton herumzupicken.&#8221;</p>
<p>Koordinaten: Unbedingt lesen. Georg Klein, roman unserer kindheit, Rowohlt.</p>
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		<title>Perspektive Wechselfrau. Polianders Lieblingssätze</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Apr 2011 20:49:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schönste Stellen]]></category>
		<category><![CDATA[Große Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Pferdewechsel]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>

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		<description><![CDATA[Sonja Eismann, Missy: &#8220;Wie erreicht man die Leute, ohne sie zu bevormunden?&#8221; Marianne Pitzen, Direktorin des Frauenmuseums Bonn: &#8220;Eine Einzelne kann sich durchsetzen und es schaffen. Aber sie kann nicht allein die Strukturen verändern. Das kann nur die Gruppe.&#8221; &#8220;Wir sollten selbstbewusst sein! Wir sind nicht so eine Art großer Kindergarten, wir müssen den Blick [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong> </strong></p>
<div id="attachment_2797" class="wp-caption alignleft" style="width: 270px"><strong><strong><a href="http://www.poliander.de/files/2011/04/stephanie-mueller-RAGarella.jpg"><img class="size-full wp-image-2797" src="http://www.poliander.de/files/2011/04/stephanie-mueller-RAGarella.jpg" alt="RAG*treasure - Stephanie Müller" width="260" height="339" /></a></strong></strong><p class="wp-caption-text">RAG*treasure - Stephanie Müller</p></div>
<p><strong><a href="http://missy-magazine.de/about/">Sonja Eismann</a>, Missy:</strong><br />
&#8220;Wie erreicht man die Leute, ohne sie zu bevormunden?&#8221;</p>
<p><strong>Marianne Pitzen, Direktorin des <a href="http://www.frauenmuseum.de/">Frauenmuseums</a> Bonn:</strong><br />
&#8220;Eine Einzelne kann sich durchsetzen und es schaffen. Aber sie kann nicht allein die Strukturen verändern. Das kann nur die Gruppe.&#8221;<br />
&#8220;Wir sollten selbstbewusst sein! Wir sind nicht so eine Art großer Kindergarten, wir müssen den Blick nach außen richten. Die jungen Frauen kommen nicht, wenn wir sie bitten, wir müssen ihnen etwas bieten. Die dürfen mal eine kleine Revolution machen, wenn ihnen das hier zu altmodisch ist, müssen sie sagen: Leute, gebt uns das Geld!&#8221;<br />
&#8220;Wir verstehen uns aus der Mitte der Gesellschaft. Unser letztes Thema war &#8216;Moneta. Das große Geld&#8217; <em>(zeigt den Katalog, spricht: &#8216;Werbung &#8211; immer dabei!&#8217;)</em>, nicht, wie arm Frauen sind, sondern wie Frauen an das große Geld kommen. Wir müssen die Welt ein bisschen erschrecken.&#8221;<span id="more-2787"></span></p>
<p><strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Halina_Bendkowski">Halina Bendkowski</a>, Agentin für Feminismus und Geschlechterdemokratie, angesprochen auf das Wort &#8220;Kleinfamilienhorror&#8221;:</strong><br />
&#8220;Ich bin erstaunt, wo haben Sie das gelesen, dass ich das geschrieben habe? Na, es wird nicht falsch sein.&#8221;</p>
<p>Koordinaten: <a href="http://www.zkm.de/">Zentrum für Kunst und Medientechnologie</a>, 49° 0&#8242; 5&#8221; N, 8° 23&#8242; 1&#8221; O, Frauen Perspektiven Wechsel. <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/195879.solidaritaet-in-generation-und-schicht.html">Ulrike Gramanns Kongressbericht lesen</a>.</p>
<p>Alle hier zitierten Lieblingssätze Polianders wurden eilig in Handschrift notiert. Sollte eine sich falsch zitiert fühlen, bitte ich freundlich um <a href="http://www.poliander.de/ueber/">Nachricht</a>.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Auf dem Hotelflur ist es still</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/12/31/hotelflur-es-ist-still/</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Dec 2010 23:03:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Absteigen]]></category>
		<category><![CDATA[Endstation]]></category>
		<category><![CDATA[Hafenhotel]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>

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		<description><![CDATA[Etwas schleicht vorbei. Eine huscht herum. Eine Tür hat schon geklappt, eine zweite klappt jetzt. Dame im Morgenrock späht aus der Tür, hängt das Schild auf den Türknauf: &#8220;Bitte nicht stören&#8221;, Dame schaut links und rechts: Nacktes tappt vorbei, Dame missbilligt, zieht den Kopf zurück, Schloss schnappt ein. Unterm fest geschlungnen Morgenrock wartet ein Likör [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2373" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/12/rauchverbot-und-ascher.jpg"><img class="size-medium wp-image-2373" title="rauchverbot und ascher" src="http://www.poliander.de/files/2010/12/rauchverbot-und-ascher-300x205.jpg" alt="Auch im neuen Jahr: sowohl als auch" width="300" height="205" /></a><p class="wp-caption-text">Wünschen Neujahr 2011: Herzliches Sowohl Als Auch!</p></div>
<p>Etwas schleicht vorbei. Eine huscht herum. Eine Tür hat schon geklappt, eine zweite klappt jetzt. Dame im Morgenrock späht aus der Tür, hängt das Schild auf den Türknauf: &#8220;Bitte nicht stören&#8221;,<span id="more-2369"></span> Dame schaut links und rechts: Nacktes tappt vorbei, Dame missbilligt, zieht den Kopf zurück, Schloss schnappt ein. Unterm fest geschlungnen Morgenrock wartet ein Likör im leeren Magen auf den nächsten. Die Dame leckt über blasse Lippen. Heut nacht kommt&#8217;s darauf an, nicht mehr Sorgen als Likör zu haben, doch auch nicht mehr Likör als Sorgen. Die Flasche ist noch lang nicht leer. Nacht der Nächte, Dame wühlt in Tasche, Nichtraucherin braucht Lektüre. Likörflasche und Gläschen kommen auf dem Nachttisch zu stehen, mit dem Buch in der Hand hüpft sie ins Bett, als warte da einer, rückt, das Buch auf den Knien, Beine und Rückseite zurecht, zieht die Decke unters Buch und greift das Schnapsglas.</p>
<p>Die nackten Füße sind den Gang draußen runter getappt. Die Tür zur Treppe trägt die Aufschrift &#8220;Nicht arretieren!&#8221; Sie ist mit einem Keil ist festgeklemmt. Dann die Faltungen der Aufzugschiebetür, gleich daneben die erste Stufe. Roter Hoteltreppensamtläufer, leicht verfleckt. Neben dem Aufzug hockt einer und raucht. Füße  bleiben stehn:<br />
Haben Sie Feuer?<br />
Sicher doch, Mädchen.<br />
Danke. <em>(Dick wird die Glut, glutrot.)</em><br />
Is dir nich kalt, Kleene, so barfuß?<br />
Nee. <em>(Sie mustert den Alten.)</em><br />
Hat er dir versetzt? <em>(Sie zuckt die Schultern.)</em><br />
<em>(Unten krachen Böller.</em>) Könnt langsam uffhörn, was?<br />
<em>(Sie nickt.)</em><br />
Die denken ooch, das neue soll&#8217;s bringen. Ich sage dir was. <em>(Er lehnt sich ans Geländer, sie setzt sich auf die Treppe.) </em>Mit Poesie alleene is dir nicht geholfen.</p>
<p>Das Mädchen zündet sich die nächste Zigarette aus ihrer Schachtel an. Sie zieht die bleichen Zehen nach oben. Aber davon wird uns auch nicht wärmer. Schimmern die Füße nicht schon bläulich? Der Alte geht langsam den Flur hinunter. Vor der Tür mit dem Schild &#8220;Bitte nicht stören&#8221; bleibt er stehen, hebt die Hand und krümmt die Finger, richtet den Knöchel in Richtung Klopfen. Dann lässt er die Hand sinken und geht weiter. Er hat hier nichts mehr zu schaffen. Das junge Jahr hat schon viereinhalb Stunden. Das Mädchen an der Treppe vorn wirft den Zigarettenstummel in den Ascher, streckt sich, steht. Plötzlich geht sie, geht sie einen Schritt schneller, rennt zuletzt, schnappt die Zimmertür auf, wirft ihre Sachen in den Koffer, schnappt den zu, die Zahnbürste fällt ihr ein, Zähneputzen fällt aus, eine Laufmasche fällt das Bein hinunter, das gleich in den Schnürstiefel schlüpft. Fliegenbeindünne Wimpern werden streichholzdick, den schwarzen Lack auf den Nägeln auszubessern, bleibt keine Zeit, wohl aber für die Träne unterm Aug. Kettenlast sinkt um den Hals. Schnappt sich den Koffer, die Junge, klappt durch die Tür, steppt übern Gang, pfeift aufn Aufzug, rennt sie runter, die Treppe, dreht von Absatz zu Absatz. Unten schwingt die Tür zurück ins Schloss, da springt sie schon am Ende der Straße in die Tram. Ein neues Jahr ist kein Baby, Baby!, es ist eine tätowierte Jugendliche mit melancholischer Frisur, und wenn&#8217;s erst mal losrennt, sei fix, dann kriegst du&#8217;s vielleicht ein.</p>
<p>Koordinaten:<br />
<strong>Dank allen, die Poliander 2010 begleitet haben.<br />
Wünschen: Gute Reise mit leichtem Gepäck, unbeirrte Ankunft im neuen Jahr!</strong></p>
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		<title>Paris im November</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Nov 2010 13:26:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Magie]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>
		<category><![CDATA[Ströme]]></category>

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		<description><![CDATA[Da hin!, sagt Poliander, Dort hin!, ruft Begleiterin 1. Die Sonne steht herbsthalbhoch überm Grab von Sartre und Beauvoir, ich lehne mich an den Rücken der Bank davor, sitzen könnte man nur mit dem Rücken zu ihnen, ich betrachte die frischen Küsse auf dem Stein. Da war doch schon jeder. Poliander nicht, sagt Poliander. Unterhalb [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2099" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/11/beauvoir-sartre-küsse.jpg"><img class="size-medium wp-image-2099" title="beauvoir sartre küsse" src="http://www.poliander.de/files/2010/11/beauvoir-sartre-küsse-300x202.jpg" alt="Grab 1 Cimetière Montparnasse" width="300" height="202" /></a><p class="wp-caption-text">Paar am Haupteingang Cimetière Montparnasse</p></div>
<p>Da hin!, sagt Poliander, Dort hin!, ruft Begleiterin 1. Die Sonne steht herbsthalbhoch überm Grab von Sartre und Beauvoir, ich lehne mich an den Rücken der Bank davor, sitzen könnte man nur mit dem Rücken zu ihnen, ich betrachte die frischen Küsse auf dem Stein. <span id="more-2051"></span>Da war doch schon jeder. Poliander nicht, sagt Poliander. Unterhalb vom Friedhof Montparnasse schwimmen wir durch die Welle Jugendliche vorm Lycee. Begleiterin 2 stellt fest: die gleichen Frisuren  wie in Frankfurt. Hier, sagen beide, vertragen wir schon mittags Wein. Poliander knirscht mit den Zähnen, betrunkene Frauen am Nachmittag? Sei doch ruhig, wir fahren mit dir zu all den Orten. Aber dann regnet es, wir gehen mit P. zum Centre Pompidou. P. knirscht wieder, dabei ist der Blick von der obersten transparenten Röhre ganz so gut wie der Blick vom Montmartre.  Das sagt ihr!, sagt Poliander. Ich gebe P. eine Handvoll Blicke über die Stadt,  Zinkdächer schimmern im Regen.  Ich schleppe alle zu <a href="http://www.artnet.de/awc/nancy-spero.html">Nancy Spero</a>, vor einem Jahr starb sie in Manhattan, ein Video zeigt, wie sie noch einmal singen, Happy birthday dear Nancy!, und die magere Frau mit den zerzausten Haaren lacht schütter. Ich entwische nach nebenan, <a href="http://www.pipilottirist.net/">Pipilotti Rists</a> Blutclip dreht, dreht, dreht und dreht, ich strande vor einem zottigen Objekt aus braunschwarzer Wolle, es hängt von der Decke, der Blick geht in die gefährliche schwarze Höhlung, schön hier, sag ich.</p>
<p>Am Abend ziehen wir über den Place de la Republique, P., die Begleiterinnen, die Freundin, die Freundin der Freundin und so weiter, auf uns wartet ein Tisch in einem Restaurant in einer Nebenstraße. Unter der Republique dicht in Dreierreihen stehen Leute im Regen, ohne Schirm, schäbiges Gepäck. Fünf Meter vor ihnen: Tische mit Essenscontainern, das Aluminium glänzt im Scheinwerferlicht, Pappkartons daneben, Obst, Leute sind viele, Orangen wenige. Immerhin in der Stadt, sagt Poliander. (In B. sind die Armen auch sichtbar, du musst nur hinschaun, sage ich.) Die Freundin der Freundin berichtet: Alle Demonstrationen wären nun so, dass man den Anfang nicht sieht und nicht das Ende, und jedes Problem führt auf das eine zurück: die Regierung. Die Wut wächst noch. Wir gehen weiter,  Leckereien entgegen, dreimal füllt man uns die Karaffe neu, Rotwein, Was dachten Sie denn! Auf dem Rückweg: die Armen sind fort, die Republique  zeigt uns den Rücken, Stein wallt. Wer ist das noch mal, dort, die Figur? Die Republique! Ein Kulturzentrum, Jugendliche sitzen auf dem Boden, Leute mit Instrumenten in riesigen Hüllen gehen an uns vorbei, es ist schön hier, kein Zweifel. Anderntags im Marais, nun ist Sonntag, eiskalter Regen, wir rennen von Lokaltür zu Lokaltür, wir staunen die Häuser an, wir landen im Trocknen, wir ziehen im Laden rosarote Stiefel über die Füße, Ah!, wenn das die Daheimgebliebnen wüssten, zum Dejeuner haben wir Rosé getrunken. Wasser strudelt von den Dächer in die Straßen, die Feuerwehr sperrt den Autoverkehr, Arbeiter kehren den Regen in die Tiefen der Kanalisation. Plötzlich Sonne, durch das Licht stäubt feiner Niesel. In der Rue des Rosiers verkünden die Tiger Nature&#8217;s Revenge. Am Hotel Rohan-Soubise nehmen wir ein Flugblatt entgegen: &#8220;Maison de l&#8217;Histoire de France, pas aux Archives&#8221;, im Nationalarchiv kein Haus der Geschichte! Die Männer erklären es geduldig, gestreikt wurde auch schon. Das Archiv soll hier, mitten in der Stadt und gut zugänglich bleiben. &#8220;Unterschreiben Sie unsere <a href="http://cgt.archives.free.fr/spip.php?article126">Petition</a>!&#8221;,  ruft der Mann der Gewerkschaft. Für ein &#8220;ideologisches Projekt&#8221; die kostbaren Akten auslagern, so dass sie weniger zugänglich sind? O nein! Historiker wollen nicht staatstragend &#8220;die Seele Frankreichs stärken&#8221;. (Später im Netz der <a href="http://www.arte.tv/de/Die-Welt-verstehen/arte-journal/3487008.html">Bericht von arte</a>.) Könnten wir bleiben, mehr erfahren. Pflichtbewusste Füße eilen zur Metro.  Schnell zum Bahnhof, schnell zu Relay, ans Regal mit der herrlichen Aufschrift: &#8220;Bande dessinée&#8221;. Nein, nicht in den Rucksack, wir lesen sie gleich! Da fährt schon der Zug. Poliander sagt: Ich möchte bleiben.</p>
<p>Koordinaten: 48° 50&#8242; 25&#8221; N, 2° 19&#8242; 9&#8221; O, deutscher Text der <a href="http://fr-fr.connect.facebook.com/topic.php?uid=109567349104685&amp;topic=20">Petition &#8220;Kein Haus der Geschichte in Frankreichs Nationalarchiv!&#8221;</a></p>
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		<title>Rimbaud, zufällige Begegnung</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/09/12/rimbaud-zufaellige-begegnung/</link>
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		<pubDate>Sun, 12 Sep 2010 16:19:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Augenweide]]></category>
		<category><![CDATA[Ohrenschmaus]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>

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		<description><![CDATA[J&#8217;inventai la couleur des voyelles ! &#8211; A noir, E blanc, I rouge, O bleu, U vert. &#8211; Je réglai la forme et le mouvement de chaque consonne, et, avec des rythmes instinctifs, je me flattai d&#8217;inventer un verbe poétique accessible, un jour ou l&#8217;autre, à tous les sens. Je réservais la traduction. (aus: Une [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1793" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/09/landerneau-rimbaud-web.jpg"><img class="size-medium wp-image-1793" title="Pochoir, gesehen auf einer Hauswand in Landerneau" src="http://www.poliander.de/files/2010/09/landerneau-rimbaud-web-225x300.jpg" alt="Pochoir, gesehen auf einer Hauswand in Landerneau" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Auf einer Hauswand in Landerneau</p></div>
<p>J&#8217;inventai la couleur des voyelles ! &#8211; A noir, E blanc, I rouge, O bleu, U vert. &#8211; Je réglai la forme et le mouvement de chaque consonne, et, avec des rythmes instinctifs, je me flattai d&#8217;inventer un verbe poétique accessible, un jour ou l&#8217;autre, à tous les sens. Je réservais la traduction.<br />
<em>(aus: Une saison en enfer, DELIRES II ALCHIMIE DU VERBE, zitiert nach: Arthur Rimbaud, Gedichte. Leipzig: Reclam 1989)</em></p>
<p>Sie begegnen Poliander: <a href="http://www.kettererkunst.de/lexikon/pochoir.shtml">Pochoirs</a> oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stencil">Stencils</a> an Häuserwänden, in Städten, an den Wänden verlassner Buden auf dem Land, Mauern aller Art, P. sucht diese Bildchen mit den Augen, liebt ihre strenge Technik, die sie wiederholbar macht. Genau so. Nie genau so, unterschiedlich je nach Unebenheit des Untergrunds oder nach Eile der Person, die sie aufbrachte, nach der Viskosität der Sprühfarbe, an den Rändern von Mal zu Mal ein wenig verwischter, indem die Schablone weich wird, wenn sie aus Pappe ist, vielleicht- Eine kleine Stadt in der Bretagne, ein paar Straßen entfernt von der Brücke, dem Hauptplatz, dem Markt und dem Office de Tourisme, der Waschsalon könnte in der Nähe gewesen sein oder die kleinere Bäckerei, etwas mit Geruch jedenfalls, eine Bar-Tabak, in der eine zerlesene Ouest-France auf dem Tresen lag, Rimbaud wie ein Schlag, blitzartige Erinnerung, an jene Stunde am Hügel, als der Kunstdozent, Verfasser eines Kinderbuchs über griechische Mythologie, behauptete, das gebe es nicht, das könne es niemals geben, dass Vokale Farben hätten oder Tonfolgen farbige Flächen ergäben. Vor dem Fenster klirrte das Laub, gefärbt von der Saison und und jenem schwer zu atmenden Gasgemisch, das dazu führte, dass P. abends einen Schnaps wollte und ein Reclamheft.</p>
<p>Koordinaten: 48° 27&#8242;    6&#8243; N, 4° 14&#8242; 53&#8243; W<br />
Selber lesen: <a href="http://www.azurs.net/arthur-rimbaud/rimbaud_listp.htm#9">Une saison en enfer</a><br />
Etwas anderes sehen: <a href="http://www.poliander.de/2010/07/20/nabel-der-welt/">Stencil, gesehen auf einem Straßenmöbel in Berlin</a></p>
<div id="_mcePaste" style="width: 1px;height: 1px;overflow: hidden">J&#8217;inventai la couleur des voyelles ! &#8211; A noir, E blanc, I rouge, O bleu, U vert. &#8211; Je réglai la forme et le mouvement de chaque consonne, et, avec des rythmes instinctifs, je me flattai d&#8217;inventer un verbe poétique accessible, un jour ou l&#8217;autre, à tous les sens. Je réservais la traduction.</div>
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		</item>
		<item>
		<title>Die See ist voller Zeichen: Steenodde</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/04/19/seezeichenhafen-steenodde/</link>
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		<pubDate>Mon, 19 Apr 2010 16:39:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Begegnung]]></category>
		<category><![CDATA[Fahrwasser]]></category>
		<category><![CDATA[Leuchtfeuer]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>
		<category><![CDATA[Ströme]]></category>

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		<description><![CDATA[26 Mitarbeiter hat das Wasser- und Schiffahrtsamt Tönning in seiner Außenstelle Amrum. Aber einen großen Seezeichenhafen. Seezeichen sind, was normale Landeier wie Poliander und ich als &#8220;Bojen&#8221; bezeichnen. Zum Glück halten wir  unsere Zungen im Zaum. Denn &#8220;Boje&#8221;, spricht Herr Stöck, wäre grundfalsch und eine Beleidigung für jedes schwimmende Schiffahrtszeichen. &#8220;Alles, was in der Schiffahrt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1207" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/04/tonnenleger_amrum.jpg"><img class="size-medium wp-image-1207" src="http://www.poliander.de/files/2010/04/tonnenleger_amrum-300x267.jpg" alt="Setzt Zeichen im nebligen Meer" width="300" height="267" /></a><p class="wp-caption-text">Setzt Zeichen im nebligen Meer</p></div>
<p>26 Mitarbeiter hat das Wasser- und Schiffahrtsamt Tönning in seiner Außenstelle Amrum. Aber einen großen Seezeichenhafen. Seezeichen sind, was normale Landeier wie Poliander und ich als &#8220;Bojen&#8221; bezeichnen. Zum Glück halten wir  unsere Zungen im Zaum. Denn &#8220;Boje&#8221;, spricht Herr Stöck, wäre grundfalsch und eine Beleidigung für jedes schwimmende Schiffahrtszeichen. &#8220;Alles, was in der Schiffahrt den Weg weist, ist eine Tonne.&#8221; Bojen hingegen, er winkt ab. Wir schauen später nach, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Boje_(Schifffahrt)">hier</a>.  Herr Wolfgang Stöck herrscht über mehrere tausend Seezeichen, die liegen in den Fahrwassern vom Lister Tief bis nach Hamburg, außerdem über zahlreiche Leuchttürme und Leuchtfeuer.<span id="more-1187"></span> Der Herr Ramsauer von der CSU, sagt Herr Stöck, &#8220;der kennt uns hier gar nicht&#8221;, und der will sie einsparen, oder jedenfalls die Hälfte von ihnen, 14.500 Mitarbeitern beim Wasser- und Schiffahrtsamt. Denn Bayern liegt nun mal nicht am Meer. Und die ungeheure Lust des Meeres, zu toben und in tödlichen Orgasmen Land zu Meeresgrund zu machen, Tanker zu brechen und Schiffahrer zu schlucken, die ist in Bayern großenteils unbekannt. (Das hat jetzt nicht der Herr Stöck gesagt, sondern Poliander. Stimmt trotzdem.) Schon in Berlin wird man ja ausgelacht, wenn man erwähnt, dass die Nordsee ein Randmeer des Atlantiks ist, &#8220;Atlantik, sehr witzig, haha.&#8221;  Jedenfalls im Seezeichenhafen von Steenodde auf Amrum  könnten sie mit der Hälfte von 26 nicht mal die Schiffe besetzen. Und die müssen immer besetzt sein, zum Beispiel der Tonnenleger. Der heißt nach Johann Georg Repsold, der war ein Feinmechaniker und Vermessungstechniker, wir wir später <a href="http://www.math.uni-hamburg.de/spag/ign/hh/biogr/repsold.htm">nachschauen</a>, Mathemath könnte man sagen, jedenfalls ein echter Fachmann. Nicht wie der, Sie wissen schon. Also der <a href="http://www.wsa-toe.wsv.de/schiffe/tonnenleger_repsold/index.html">Tonnenleger</a>, der hat einiges zu legen an Tonnen, vor allem: immer wieder. Denn wenn eine Tonne erst mal liegt, im Wasser nämlich, da kommen zuerst die Seepocken, kleine Tiere, die gerne in Gesellschaft leben, in großer Gesellschaft, und am liebsten auf allem, was so im Wattenmeer steht und liegt, und dort bilden sie eine Kalkpocke neben der anderen, dicht an dicht. &#8220;Wenn wir im Februar eine Tonne auslegen, ist sie im Juli voll.&#8221; Und nein, solche Anstriche, wie ein Tourist von der Ostsee sie empfiehlt, die helfen in der Nordsee nun mal nicht. Das haben sie getestet, sagt Herr Stöck, genüsslich: &#8220;Das waren sozusagen die Lieblingstonnen der Seepocken.&#8221; Tja. Und da haben sie nun den einen Tonnenleger, und der legt die Tonnen vom Lister Tief bis Hamburg, und was man in Bayern nicht weiß: Von Steenodde bis Hamburg dauert die Fahrt bummelich vierzehneinhalb Stunden, &#8220;wenn die Tide günstig ist.&#8221; Und natürlich haben die 26 Leute nicht bloß die pockenbesetzten Tonnen auszutauschen. Sondern zum Beispiel die Ketten, die jede schwimmende Tonne mit einem Stein verbinden, und zwar nicht einfach so, nein, die gehen im Hahnepot zum Schäkel und vom Schäkel zum Stein, und die sind zweieinhalb mal so lang wie das Wasser tief ist, denn &#8220;wenn der Eckeneckepenn mit seiner Frau Rahn Zoff hat, da gehen die Wellen hoch.&#8221;</p>
<p>Nein, Poliander, wir scannen hier nicht die Zeichnung aus unserem Notizbuch!, wir haben uns für das Wort entschieden.</p>
<p>Also <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ekke_Nekkepenn">Eckeneckepenn</a> (ja, ihr Leserinnen von Theodor Storm, in der Nordsee ist der kein Feuergeist) und Rahn, die sind noch ein bisschen wilder als der Fischhändler Verleihnix und seine Frau Yellow Submarine, die lassen die Wellen ordentlich schlagen. Nach anderthalb Jahren ist die Kette durch. Oder der Stein abgetrieben, obwohl der bummelich fünftausend Kilo hat. Und was das für die Schiffahrt bedeutet, können Sie sich ja denken. Wenn nicht, lesen Sie nach (<a href="http://www.amazon.de/Gestrandet-Schiffsungl%C3%BCcke-vor-Nordseek%C3%BCste-Schwabedissen/dp/3782208935">Polianders Empfehlung</a>). Die meisten Schiffsstrandungen überhaupt gab es auf Amrum Bank. Die Amrumer früherer Jahrhunderte hatten sich drauf spezialisiert, nicht, wie böse Zungen behaupten, auf das Stranden und Strandenlassen mit Hilfe falscher Feuer, sondern aufs Fixdasein und Retten, was zu retten war. Die Ladung. Die Besatzung aber auch. Und je mehr gute Seezeichen und Leitfeuer und Leuchtfeuer, desto weniger Strandungen. Deswegen haben die Steenodder auch die Pricken und Stangen unter sich, diese immer etwas schief stehenden Stämmchen, bei deren Anblick sich das Landei  fragt, ob es wirklich nötig war, minderjährige Birkenwäldchen abzuschlagen, um den Schiffen zu zeigen, wo&#8217;s lang geht. Wo man doch was schnurgerades Industrielles dafür &#8211; nein, eben nicht. Denn die krumme Pricke sieht man gut. Jedenfalls besser. Also, es gibt 1.800 Stangen hier, und in einer Niedrigwassertide setzt eine Mannschaft, die gut gefrühstückt hat, ungefähr 35 Stück. Und eben die Tonnen, immer eine rote, eine grüne. Nur oben am Lister Tief, das ist nördlich von Sylt, der abgenutzten Nachbarinsel von Amrum, da legen die Amrumer nur die grünen Tonnen, und die Dänen legen die roten, seit Versailles ist das so. Alle zehn Jahre werden die Tonnen bereist, von den Dänen und den Deutschen, denn dort ist die Grenze, und alles muss seine Ordnung haben. Obwohl das Lister Tief wandert, das die Grenze ist. &#8220;Pantha rhei&#8221;, nickt Poliander voll Verständnis: Das Meer kennt keine nationalen Rücksichten.</p>
<p>An dieser Stelle schwächelte ich. Aber Poliander Unentwegt stand und machte ein Foto nach dem andren. Und Herr Stöck zeigte, wie man sich Steuerbord und Backbord merkt, das tat er auf so unnachahmliche Weise, dass wir hier nicht verraten, wie. Und ganz zu schweigen von der belebten Demonstration von Ansteuerungstonne, grüner Spitztonne (mit ungerader Zahl) und roter Backbordtonne (mit gerader Zahl), ganz wie sie dem Schiffer bei Einfahrt in den Hafen begegnen. Das &#8220;Meer ist das Schönste&#8221;, flüsterte Poliander am Abend. Aber ich deutete nach oben, wo <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fer_B%C3%A4r">Ursa Maior</a> direkt über uns leuchtete, und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Orion_(Sternbild)">Orion, der Jäger</a>, sich am Frühlingshimmel schon bei Einbruch der Nacht gegen Westen neigte. Gegen Westen, hin zum Meer. &#8220;Das Schönste am Meer&#8221;, sprach Poliander da, &#8220;ist der Hafen.&#8221; Winter adé, winkte ich Orion zu. Das Feuer des Leuchtturms strich über Meer und Insel.</p>
<p>Koordinaten: 54° 39&#8242; 11&#8221; N, 8° 21&#8242; 18&#8221; O <a href="http://www.wsa-toenning.wsv.de/schifffahrt/Schifffahrtszeichen/index.html">Seezeichen</a><br />
Sollten wir etwas falsch wiedergegeben haben, schreiben Sie uns bitte gern, bitte <a href="http://www.poliander.de/ueber/">hier</a>.</p>
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		<title>Hund, hieß Luna</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Jun 2009 12:09:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Fluss in seinem steinernen Trog glitzerte. Poliander waren die Stiefel eng auf dem Weg zum Ufer, Wind schnob ihm die Haare aus dem Gesicht, ein Sonnenbrand begann seinen Lauf auf Stirn, Nasenrücken und Oberlippe. Die Zelte dort vorn mussten es sein, P. beschleunigte den Schritt, Schatten, dachte er. Im Innern war es taghell, kurz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_595" class="wp-caption alignleft" style="width: 299px"><a href="http://www.poliander.de/files/2009/06/lesebus_fahrt_nicht.jpg"><img class="size-medium wp-image-595" src="http://www.poliander.de/files/2009/06/lesebus_fahrt_nicht-289x300.jpg" alt="Test" width="289" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Lesebus fährt nicht.</p></div>
<p>Der Fluss in seinem steinernen Trog glitzerte. Poliander waren die Stiefel eng auf dem Weg zum Ufer, Wind schnob ihm die Haare aus dem Gesicht, ein Sonnenbrand begann seinen Lauf auf Stirn, Nasenrücken und Oberlippe. Die Zelte dort vorn mussten es sein, P. beschleunigte den Schritt, Schatten, dachte er. Im Innern war es taghell, kurz flog P. ein Buchmessengefühl an,</p>
<p><span id="more-543"></span>die Einsamkeit neben Büchern fremder Leute.  P. zog die Reihen der Bücherstände mit Blicken aus: knochiges Hüftgebein, überraschend bloße  Oberarminnenseiten, bepelzte Stücke Handrücken und Kinn, Tiermaul, blickdichtes  Oberlid, wimperndunkler Aufschlag, hinter dem ein StillruhtderSee zu vermuten war. Ritter oder Ritterin?, dachte P., er  entschloss sich: Neugier voran! und betrat die Bücherweide, wo Druckerzeugnisse grasten. Bildpostkarten ließ er links liegen, dahinter ein Stand mit einem emsig wirkenden  Mann, der was kritzelte, ohne hinzusehen, aber P. sah hin: Tiere, Kamele, Kühe, Wie heißt dieser Hund?, fragte  Poliander und deutete auf einen langohrigen, kurzbeinigen mit Punkten. Luna, sagte der Mann, Luna blind, und ignorierte, was P. in Wahrheit hatte wissen wollen, Hunde mit Punkten, wie nannte man die ? Und waren die nicht sowieso hochbeinig? Und warum zeichnen Sie mit geschlossenen Augen?, das fragte P. Erleichtert die Arbeit, sprach der Mann. Aha, sagte P., begriff jedoch nicht, Ich bin Arzt, sagte der Mann, der Doktor also, Wenn ich Kindern Blut abnehme, zum Beispiel, zeichne ich dabei Tiere, ohne hinzukucken, die Kinder kucken, wundern sich, dass ich die Tiere auswendig zeichne, Blut ist abgenommen, fertig, sagte der Doktor. Er zeichnete auch Bücher und Leporellos, sah P., schaute gleich begehrlich. Wenn Sie mir, sagte der Doktor, meine Losung in eine fremde Sprache setzen, gebe ich Ihnen das Bild. Tiere Zeichnen Mit Ohne Kucken, las P., Dessigner Les Animaux Les Yeux Fermeés. Fremde Sprache hab ich nur die, die sie auch schon haben, alte Sprache, geht das auch?, fragte P., Ja, geht, sogar gern, sagte der Doktor, P. sagte: malen diu tier an schouwen, P. lächelte, Schreiben Sie&#8217;s mir! sagte der Doktor und reichte Luna über den Tisch. Poliander dankte. Ging weiter, unter den Füßen atmete die Erde. Am anderen Ende, im zweiten Zelt, die Büste von Peter Hacks, hinterm Stand Hacks&#8217; Eckermann, P. fragte, P. grinste, kein Zauber, flüchtiges Nicken, woanders dann ein Buchkatalog, drauf ein Möchtegerngedicht von einem Möchtegerntucholsky, P. grinste wieder, plötzlich Gedränge, P. warf die Arme hoch und drehte sich durch die Leute und drehte sich um und um und stand vor Büchlein aus dickem Papier, Anfassenslust packte P., ach! Drehte sich um, Geräusch in Fußhöhe, ein Bellen jetzt, ein herrenloses, Geh!, sagte Poliander, Wohin?, sprach der Hund. Zu deinem Menschen, sagte Poliander, Hab keinen, der Hund. P. seufzte. Man wusste, worauf so was hinlief, Genau, sagte der Hund, bring mich raus. P. sah das hellere Licht am Ende des Zelts, ging voran, Hund neben sich, ging hinaus, Ich brauch einen Kaffee, sagte P., Wir treffen uns am Baum, sagte der gepunktete Hund mit den kurzen Beinen.  P. wusste gleich, an welchem Baum, dem mit einer Bank rundrum. Als er hinkam, saß eine Frau da, schwarze Haare, dunkelrote Sommersprossen, Entschuldigung, sagte P., Haben Sie einen Hund gesehn? Sie griff in die Hosentasche, brachte einen Spiegel zu Tage, Ich seh eine Frau, sagte rasch ihre helle Stimme. P. seufzte. Er hielt ihr den Kaffeebecher hin, sie teilten das bittere brühheiße Getränk. Gehn wir ans Ufer, sagte die Frau und wies auf die Anlegestelle, Ich will zurück zu den Büchern, sagte P., Zu viele Menschen, stellte sie fest, P. aber stand auf und ging zielstrebig zwischen  den Tischen hindurch und zu jener Anfassenslust aus weichen Papier, über die eine Frau herrschte mit rot-eckig-kurz-festem Schopf, dreimal Bindestrich, dachte P., ich will sie besuchen, suchte sich ein Buch aus, bemäntelte die Neugier mit fehlendem Geld, auf seiner Stiefelspitze fühlte er einen Fuß, eine Pfote eher, als er hinsah, war da nichts, er überreichte seine Karte und würde sich melden. Als er einen Underground-Comic kaufte, spürte er wieder den Pfotentritt. Hinterm Comicstand war ein Vorhang, da zog&#8217;s ihn hin, da zog&#8217;s ihn hindurch. Hinterm Vorhang wartete Luna, rötliche Sommersprossen flossen von ihrem Hals bis zum Schambein und erweckten den Eindruck eines kurzhaarig seidigen, gefleckten Pelzes. Ich wollte zum Lesebus, sagte P., Lesen hören kannst du immer, sagte Luna, Es ist nur ein Vorhang, der uns von der Menge trennt, sagte P., Nichts trennt uns von der Menge, sagte Luna, Ich habe unanständige Gedanken, sagte P. Luna lachte nicht, sondern hob die Hand, und in ihrem Handteller sah P. die Zeichnung eines Fensters, dahinter eine Straße und jenseits der Straße eine Reihe von Platanen und hinter den Platanen den Fluss, auf dem ein Schleppschiff vorbeizog, und durch das Fenster in den Aufbauten des Schleppschiffs sah Poliander ein Paar, das sich küsste, Vorsicht, wollte er rufen, Habt ihr die Hand am Steuer?, richtig, sah P., der Schiffer schaute der Frau, während er sie küsste, über die Schulter und lenkte den Schlepper, nicht gerade mühelos, musste man sagen, aber grad an der steinernen Brüstung vorbei. Übers Deck rannte ein kurzbeiniger Hund mit schwarzen Punkten im Fell.</p>
<p>Koordinaten: <a href="http://www.minipresse.de/">Minipressenmesse</a> 2009</p>
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