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	<title>Polianders Zeitreisen &#187; Endstation</title>
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	<description>ULRIKE GRAMANN SCHWENKT DEN HUT</description>
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		<title>Keine Nostalgie</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Jan 2012 21:35:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
		<category><![CDATA[Déjà-vu]]></category>
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		<description><![CDATA[Ein Mädchen mit einem Schirm ist ein Motiv dieses Films, das P. nicht vergisst. Die Kleine geht und holt ihren besoffnen Vater aus der Kneipe. Ihre Beharrlichkeit und Unverdrossenheit in ihrem schweren Kinderleben hat P. damals beeindruckt, sie, die im Film wohl Edith hieß, jedenfalls sagt das Polianders Erinnerung im Nachhinein, ist eine seltsame, wunderbare [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3823" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2012/01/michael-gwisdek.jpg"><img class="size-medium wp-image-3823" src="http://www.poliander.de/files/2012/01/michael-gwisdek-300x214.jpg" alt="Gwisdek. Pressefoto: Babylon Berlin" width="300" height="214" /></a><p class="wp-caption-text">Gwisdek, anderer Film. Pressefoto Babylon Berlin</p></div>
<p>Ein Mädchen mit einem Schirm ist ein Motiv dieses Films, das P. nicht vergisst. Die Kleine geht und holt ihren besoffnen Vater aus der Kneipe. Ihre Beharrlichkeit und Unverdrossenheit in ihrem schweren Kinderleben hat P. damals beeindruckt, sie, die im Film wohl Edith hieß, jedenfalls sagt das Polianders Erinnerung im Nachhinein, ist eine seltsame, wunderbare Nebenfigur der Filmgeschichte (nee, wir haben es jetzt mal nicht kleiner, liebe Leute!) Der Film &#8220;Jadup und Boel&#8221; war, als P. ihn sah, 1988 wahrscheinlich, das Radikalste, was im Osten zu sehen war, nimmt man das, was offiziell zu sehen war, für das Ganze. (Was nicht  ganz korrekt ist, im Großen und Ganzen aber doch.)<span id="more-3815"></span>P. hat diesen Film damals gesehen, im Osten, in der letzten Phase des Niedergangs. Er war verboten, aber er wurde gezeigt, im Berliner Kino &#8220;Babylon&#8221; (heute: Babylon/Mitte, denn es gibt auch Babylon/Kreuzberg). Mundpropaganda, sie gingen hin, zwei Freundinnen, sie zogen sich extra bunt an: Die Schwarzgekleideten würden alle, alle da sein. Bunt, um den Niedergang zu negieren, denn sie selbst würden nicht niedergehen, da waren sie sicher, was an ihrer Unerfahrenheit lag oder ihrer Arroganz oder beidem. Die Schwarzgekleideten waren auch alle da. Die Plätze des Kinos reichten, aber keiner blieb leer. P. kann heute nicht rekonstruieren, wer gesagt hatte, dass es diesen Film geben würde, und rekonstruiert auch nicht, warum er eben doch, verbotenerweise, gezeigt wurde. Auch nicht, warum heute, wenn überhaupt, von diesem Verbot die Rede ist und nie davon, dass er ganz wenige Male (P. vermutet: zweimal) zu sehen war. Dabei charakterisiert das so sehr gut den verzweifelten und aberwitzigen Zustand des Staates in seinen letzten Jahren. Ständig brach irgendwas zusammen, ständig ging es doch wieder weiter, ständig besorgte ihnen einer den rettenden Kredit, der das Leiden verlängerte  (Strauß, you remenber?), ständig ging uns auch ganz privat das Geld aus, ständig brauchten wir dann doch keins, weil uns wer was schenkte, dauernd kriegte wer Einreiseverbot, dauernd reiste wer aus, ständig wurde irgendwo hart durchgegriffen, ständig schlüpfte irgendwo was durch. Genug, dass wir uns nicht beruhigten, genug, dass wir nicht vollends ausflippten.</p>
<p>Es ist eine spezielle Sache, warum dieser Film auch nach dem Ende der Verbote nie die Popularität fand, die andere erlangten, wie &#8220;Spur der Steine&#8221; zum Beispiel. Es ist nichts darin, das zum Schenkelklopfen animiert.  Er bringt manchmal zum Lachen, aber macht keine populären Witze. Er bezieht sich auf Tabus, über die zu reden auch heute noch tabu ist. Vergewaltigung zum Beispiel. Er zeigt nicht nur das hyperrealistische Detail, wie bei der Eröffnung einer Kaufhalle ein benachbartes Häuschen zusammenbricht (ja realistisch, P. sah Häuser zusammenbrechen, die wurden nicht abgerissen, sondern brachen einfach zusammen und wurden weggeräumt). Der Film erzählt, wie ein Händler übers Land zieht und den Leuten ihre historischen Möbel abschwatzt, um sie zu &#8220;Antiquitäten&#8221; zu machen (und wir wissen ja alle, was mit diesen Antiquitäten geschah, oder?) Er erzählt aber auch die Geschichte  des Mädchens Boel und die des Mädchens Edith, erzählt etwas über widerständiges, widerspenstiges Leben. Der Film wirft einen Blick vom Turm übers Land, atemlos vom Treppensteigen, atemberaubend vor Weite.</p>
<p>Jetzt, aus Anlass des Geburtstags von Michael Gwisdek, der jenen Antiquitätenhändler spielt, wird &#8220;Jadup und Boel&#8221; wieder gezeigt. Wer was verstehen will, kann da ruhig mal hingehen. Wer einen großartigen Film sehen will, der dauerhafter ist als der Staat, der ihn verbot, auch.</p>
<p>Ansehen: 18. Januar 2012, 18 Uhr im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin<br />
Koordinaten: 52° 31&#8242; 33&#8221; N, 13° 24&#8242; 42,8&#8221; O, <a>Jadup und Boel (1980)</a>, R.: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Simon">Rainer Simon</a>, 103 min</p>
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		<title>Anderer Morgen</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 21:52:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchstabenfracht]]></category>
		<category><![CDATA[Durchgang]]></category>
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		<description><![CDATA[Fünf Wochen hat es nicht geregnet, es war der trockenste Monat, den die Wetterbeobachtung verzeichnet. Heute regnet es. Du kriegst die Bahn, du liest die Zeitung, du liest sie über den halben Ring, das ist der Weg: einmal halb um den Ring, eine halbe Stunde. Treptower Park steigt hinten einer in den Wagen, der spielt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Fünf Wochen hat es nicht geregnet, es war der trockenste Monat, den die Wetterbeobachtung verzeichnet. Heute regnet es. Du kriegst die Bahn, du liest die Zeitung, du liest sie über den halben Ring, das ist der Weg: einmal halb um den Ring, eine halbe Stunde. Treptower Park steigt hinten einer in den Wagen, der spielt die Gitarre und bläst seine Mundharmonika, leise, weit weg. Und Frankfurter geht er an dir vorbei, und ein halbes Abteil weiter bleibt er wieder stehen, der spielt gut, und du liest weiter. <span id="more-3639"></span>Und Greifswalder fährt die Bahn nicht ab, du denkst: Warum fährt die Bahn nicht?, und liest weiter. Und dann auf einmal Geschrei, eine Frau schreit: &#8220;Was geht Sie das denn an?&#8221;, und du schaust hoch, und der S-Bahn-Fahrer steht im Raum, und er fährt nicht weiter, solange der Mann seine Mundharmonika spielt und seine Gitarre, und keiner versteht das, und die Frau schreit: &#8220;Lassen Sie den Mann in Ruhe, hier ist Berlin!&#8221;, und der S-Bahn-Fahrer hat irgend ein Recht auf seiner Seite oder einen schlechten Tag oder einen schlechten Geschmack, und die S-Bahn steht immer noch, und du hörst die Harmonika, gut spielt der, und einer hebt den Kopf und sagt: &#8220;FahrnSe jetz endlich, is das nich Ihre Arbeit?&#8221;, und da geht der Mann mit der Gitarre durch den Wagen zu einer anderen offen Tür, er geht ohne Eile, ein Mädchen steckt ihm noch Geld zu, &#8220;danke&#8221;, und er steigt aus und geht gleich die Treppe runter, du überlegst, ob du sitzen bleiben willst, du kommst schon jetzt zu spät, soviel ist klar, und der Fahrer klappt die Tür der Kabine, die Bahn fährt an, haben wir hier wirklich fünf Minuten gestanden?, du faltest die Zeitung zusammen, das Unausweichliche beginnt: der Tag. Und plötzlich denkst du an Anna Seghers und den &#8220;Ausflug der toten Mädchen&#8221; und an ihre bittere Kapitulation vor der Macht, &#8220;Sie will nicht noch einmal ins Exil&#8221;, flüsterten wir uns zu, und es war etwas, das wir kaum begriffen, damals, als noch keine von uns das Land gewechselt hatte, und selbst als du das Land gewechselt hattest, begriffst du es nicht, denn dein Exil war freiwillig, gewissermaßen, nicht mal gewissermaßen, ganz und gar, also keins. Und du denkst an jenes Bild, Anna Seghers und ihr Lächeln, und die Wölfin, die zu ihr schaut, ein wenig nach unten und doch, ohne nach unten zu schaun, tolles Foto, denkst du, <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/212423.suechtig-nach-aufrichtigkeit.html">das hast du doch gerade irgendwo, ja, gesehen</a>, und da ist deine Station, unausweichlich, kein Aufschub mehr, der Tag und die Tagesarbeit, und du könntest jetzt weinen, denkst du, und du weinst nicht, du wirst dir später <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/nachruf-auf-christa-wolf-schwaeche-wusste-sie-in-staerke-zu-verwandeln-11547565.html">noch eine andere Zeitung besorgen</a>, es ist ein Tag, an dem du gut zwei Zeitungen vertragen kannst, auch <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/zum-tod-von-christa-wolf-eine-sozialistin-die-im-sozialismus-aneckte-1.1224104">eine dritte</a> noch, vielleicht. Und gestern starb Christa Wolf.</p>
<p>Koordinaten: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Ringbahn">Ring</a>, unbedingt noch einmal lesen: <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/nachdenken_ueber_christa_t_-christa_wolf_22404.html">Nachdenken über Christa T.</a><br />
Hören: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=8gJZtv9rLTc&amp;feature=related">Where do you go?</a> (Lhasa de Sela)</p>
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		<title>Die Erinnerung schnauzt</title>
		<link>http://www.poliander.de/2011/09/15/die-erinnerung-schnauzt/</link>
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		<pubDate>Thu, 15 Sep 2011 08:46:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Endstation]]></category>
		<category><![CDATA[Worte und Sprüche]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Niemand&#8221;, sagte P., &#8220;niemand von uns wäre auf die Idee gekommen, den Tränenbunker als Palast zu bezeichnen.&#8221; Koordinaten: 52° 31&#8242; 13&#8221; N, 13° 23&#8242; 13&#8221; O, 1961 bis 1989, Berliner Schnauze, bündig erklärt]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;Niemand&#8221;, sagte P., &#8220;niemand von uns wäre auf die Idee gekommen, den Tränenbunker als Palast zu bezeichnen.&#8221;</p>
<p>Koordinaten: 52° 31&#8242; 13&#8221; N, 13° 23&#8242; 13&#8221; O, 1961 bis 1989, <a href="http://www2.hu-berlin.de/linguistik/institut/semantik/LNDW_Wahrzeichen.pdf">Berliner Schnauze, bündig erklärt</a></p>
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		<title>Funktioneller Analphabetismus</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Aug 2011 21:24:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es gibt Menschen, die planen, das Nützlichste abzuschaffen, was Kinder &#8211; außer dem Lesen natürlich &#8211; in der Schule lernen, das Schreiben.  Man nennt diese Menschen Politiker. Die FAZ berichtet, ein Hamburger Schulsenator plane ernsthaft, das Erlernen der Schreibschrift in der Grundschule abzuschaffen. Ersetzt werden soll die schöne, schwingende, verbundene Schreibschrift durch eine sogenannte &#8220;Grundschrift&#8221;. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt Menschen, die planen, das Nützlichste abzuschaffen, was Kinder &#8211; außer dem Lesen natürlich &#8211; in der Schule lernen, das Schreiben.   Man nennt diese Menschen Politiker. Die <a href="http://www.faz.net">FAZ</a> berichtet, ein Hamburger Schulsenator plane ernsthaft, das Erlernen der Schreibschrift in der Grundschule abzuschaffen. Ersetzt werden soll die schöne, schwingende, verbundene Schreibschrift durch eine sogenannte &#8220;Grundschrift&#8221;. Gemeint ist eine Schrift, die die Druckschrift nachahmen soll. Dass oder warum dies besser sein soll, ist <a href="http://www.faz.net/artikel/C30923/druckschrift-statt-schreibschrift-politische-handschriften-30478096.html">nach den dankenswerten Recherchen der FAZ</a> zwar nicht erwiesen, aber was gemeint ist, sagt recht anschaulich das Wort: <em>Grund</em>schrift. <span id="more-3149"></span> Grundschrift wie Grundversorgung, kein Luxus, sondern Basics für die, die es nicht besser wissen, nicht schöner lernen oder sich nichts anderes leisten können. Grundschrift wie Grundversorgung, ganz wie bei der Zahnärztin, wo man zwischen dem krankenkassengezahlten Zement (bröckelmürb), selbst zu zahlenden dauerhaften Edelmetallen und nervenschädigend teurer, aber farblich stimmiger und zugleich harter Keramik wählen kann, wobei jede Variante, die Ärztin und Vernunft empfehlen, richtiges Geld kostet, und zwar immer das eigene. &#8220;Grundschrift&#8221; &#8211; Grundversorgung für alle, deren Mütter und Väter sich nicht die Zeit nehmen, ihr Kind das richtige Schreiben mit der Hand zu lehren, beispielsweise weil sie diese Zeit nicht haben, nicht zu haben glauben, weil es auch ihnen niemand beibrachte, weil sie es, der <a href="http://www.theoi.com/Ouranios/MousaKalliope.html">Kalliope</a> sei&#8217;s geklagt, womöglich nicht wert befinden.</p>
<p>Poliander sagt es nicht gern, aber gern öfter: Schreiben mit der Hand, jene ausgreifende, auf und ab schwingende Bewegung, die sinnvolle Zeilen aufs Papier bringt, bringt uns erst ins Bewusstsein, was Schrift, was Text ist, ja sie bringt diesen Text aus uns hervor, aus den lockeren, regelmäßgen Schwüngen, die uns so gemäß sind. Das verbundene Schreiben mit der Hand formt nicht nur unsere Handschrift, es transferiert unsere Gedanken in Zeichen auf Papier, und schließlich, verselbständigt, hilft es uns, unsere Gedanken zu ordnen, ja, sie überhaupt erst zu finden. Bewegungsmuster und Gedankenspiel, Motorik und Formulierung sind eng verbunden. Wer viel schreibt, viel mit der Hand schreibt, weiß, wie sich, wenn es erst einmal habituell geworden ist, die Gedanken einstellen, sobald die Hand den Stift ergreift &#8211; nichts regt so sehr zum Schreiben an wie das Schreiben. Unausweichlich ist die Verbindung zwischen der lockeren Handbewegung und dem Gedächtnis, die Bewegung des Schreibens verbindet sich mit dem Inhalt des Geschriebenen, oft so sehr, dass die Schreiberin das Notizbuch gar nicht mehr öffnen muss, hat sie das Schöne und Wichtige erst einmal notiert. Doch nur eines fürchten Politiker mehr als unsere Gedanken: unser Gedächtnis.</p>
<p>Koordinaten: 53° 33&#8242; N, 10° 00&#8242; O. <a href="http://www.poliander.de/2010/08/24/schulschrift-schreibschrift-perdu/">Frühere Erregung</a>.</p>
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		<title>Auf dem Hotelflur ist es still</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/12/31/hotelflur-es-ist-still/</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Dec 2010 23:03:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Absteigen]]></category>
		<category><![CDATA[Endstation]]></category>
		<category><![CDATA[Hafenhotel]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>

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		<description><![CDATA[Etwas schleicht vorbei. Eine huscht herum. Eine Tür hat schon geklappt, eine zweite klappt jetzt. Dame im Morgenrock späht aus der Tür, hängt das Schild auf den Türknauf: &#8220;Bitte nicht stören&#8221;, Dame schaut links und rechts: Nacktes tappt vorbei, Dame missbilligt, zieht den Kopf zurück, Schloss schnappt ein. Unterm fest geschlungnen Morgenrock wartet ein Likör [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2373" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/12/rauchverbot-und-ascher.jpg"><img class="size-medium wp-image-2373" title="rauchverbot und ascher" src="http://www.poliander.de/files/2010/12/rauchverbot-und-ascher-300x205.jpg" alt="Auch im neuen Jahr: sowohl als auch" width="300" height="205" /></a><p class="wp-caption-text">Wünschen Neujahr 2011: Herzliches Sowohl Als Auch!</p></div>
<p>Etwas schleicht vorbei. Eine huscht herum. Eine Tür hat schon geklappt, eine zweite klappt jetzt. Dame im Morgenrock späht aus der Tür, hängt das Schild auf den Türknauf: &#8220;Bitte nicht stören&#8221;,<span id="more-2369"></span> Dame schaut links und rechts: Nacktes tappt vorbei, Dame missbilligt, zieht den Kopf zurück, Schloss schnappt ein. Unterm fest geschlungnen Morgenrock wartet ein Likör im leeren Magen auf den nächsten. Die Dame leckt über blasse Lippen. Heut nacht kommt&#8217;s darauf an, nicht mehr Sorgen als Likör zu haben, doch auch nicht mehr Likör als Sorgen. Die Flasche ist noch lang nicht leer. Nacht der Nächte, Dame wühlt in Tasche, Nichtraucherin braucht Lektüre. Likörflasche und Gläschen kommen auf dem Nachttisch zu stehen, mit dem Buch in der Hand hüpft sie ins Bett, als warte da einer, rückt, das Buch auf den Knien, Beine und Rückseite zurecht, zieht die Decke unters Buch und greift das Schnapsglas.</p>
<p>Die nackten Füße sind den Gang draußen runter getappt. Die Tür zur Treppe trägt die Aufschrift &#8220;Nicht arretieren!&#8221; Sie ist mit einem Keil ist festgeklemmt. Dann die Faltungen der Aufzugschiebetür, gleich daneben die erste Stufe. Roter Hoteltreppensamtläufer, leicht verfleckt. Neben dem Aufzug hockt einer und raucht. Füße  bleiben stehn:<br />
Haben Sie Feuer?<br />
Sicher doch, Mädchen.<br />
Danke. <em>(Dick wird die Glut, glutrot.)</em><br />
Is dir nich kalt, Kleene, so barfuß?<br />
Nee. <em>(Sie mustert den Alten.)</em><br />
Hat er dir versetzt? <em>(Sie zuckt die Schultern.)</em><br />
<em>(Unten krachen Böller.</em>) Könnt langsam uffhörn, was?<br />
<em>(Sie nickt.)</em><br />
Die denken ooch, das neue soll&#8217;s bringen. Ich sage dir was. <em>(Er lehnt sich ans Geländer, sie setzt sich auf die Treppe.) </em>Mit Poesie alleene is dir nicht geholfen.</p>
<p>Das Mädchen zündet sich die nächste Zigarette aus ihrer Schachtel an. Sie zieht die bleichen Zehen nach oben. Aber davon wird uns auch nicht wärmer. Schimmern die Füße nicht schon bläulich? Der Alte geht langsam den Flur hinunter. Vor der Tür mit dem Schild &#8220;Bitte nicht stören&#8221; bleibt er stehen, hebt die Hand und krümmt die Finger, richtet den Knöchel in Richtung Klopfen. Dann lässt er die Hand sinken und geht weiter. Er hat hier nichts mehr zu schaffen. Das junge Jahr hat schon viereinhalb Stunden. Das Mädchen an der Treppe vorn wirft den Zigarettenstummel in den Ascher, streckt sich, steht. Plötzlich geht sie, geht sie einen Schritt schneller, rennt zuletzt, schnappt die Zimmertür auf, wirft ihre Sachen in den Koffer, schnappt den zu, die Zahnbürste fällt ihr ein, Zähneputzen fällt aus, eine Laufmasche fällt das Bein hinunter, das gleich in den Schnürstiefel schlüpft. Fliegenbeindünne Wimpern werden streichholzdick, den schwarzen Lack auf den Nägeln auszubessern, bleibt keine Zeit, wohl aber für die Träne unterm Aug. Kettenlast sinkt um den Hals. Schnappt sich den Koffer, die Junge, klappt durch die Tür, steppt übern Gang, pfeift aufn Aufzug, rennt sie runter, die Treppe, dreht von Absatz zu Absatz. Unten schwingt die Tür zurück ins Schloss, da springt sie schon am Ende der Straße in die Tram. Ein neues Jahr ist kein Baby, Baby!, es ist eine tätowierte Jugendliche mit melancholischer Frisur, und wenn&#8217;s erst mal losrennt, sei fix, dann kriegst du&#8217;s vielleicht ein.</p>
<p>Koordinaten:<br />
<strong>Dank allen, die Poliander 2010 begleitet haben.<br />
Wünschen: Gute Reise mit leichtem Gepäck, unbeirrte Ankunft im neuen Jahr!</strong></p>
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		<title>Bombarde blasen</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/10/24/bombarde-blasen/</link>
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		<pubDate>Sat, 23 Oct 2010 23:17:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohrenschmaus]]></category>
		<category><![CDATA[Endstation]]></category>
		<category><![CDATA[Magie]]></category>

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		<description><![CDATA[Es soll aber das Spiel der Bombarden des Teufels und in den Kirchen verboten gewesen sein.  Zack! wurde zu Holz im Geschnitz des Chorgestühls, wer das Verbot übertrat, der spielt für immer. Koordinaten:  48° 41&#8242; N, 3° 59&#8242; W, St. Pol de Leon Sehen: schönes Exemplar in der Encyclopaedia Britannica Hören: Bombarde et biniou Mehr:  [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1987" class="wp-caption alignleft" style="width: 227px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/10/chorgestühl_st_pol_de_leon.jpg"><img class="size-medium wp-image-1987" title="Chorgestühl in St. Pol de Leon" src="http://www.poliander.de/files/2010/10/chorgestühl_st_pol_de_leon-217x300.jpg" alt="Für immer Spiel" width="217" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Spielwerk</p></div>
<p>Es soll aber das Spiel der Bombarden des Teufels und in den Kirchen verboten gewesen sein.  Zack! wurde zu Holz im Geschnitz des Chorgestühls, wer das Verbot übertrat, der spielt für immer.</p>
<p>Koordinaten:  48° 41&#8242; N, 3° 59&#8242; W, St. Pol de Leon<br />
Sehen: schönes <a href="http://www.britannica.com/EBchecked/topic/72508/bombarde">Exemplar in der Encyclopaedia Britannica</a><br />
Hören: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=rDwfBx2MzYc&amp;NR=1">Bombarde et biniou</a><br />
Mehr:  <a href="http://www.youtube.com/watch?v=-f3nsTqfcwg&amp;feature=related">C&#8217;est magnifique!</a></p>
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		<title>Rührende Geschichte von der Macht</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Sep 2010 22:53:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
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		<description><![CDATA[Das ist ein König. Mélar war der Sohn eines Königs, Méliaus Sohn. Méliau war König jener Gegend, in der heute das Pays de Leon und Pays de Treguier liegen. Méliau wurde ermordet und dann heilig. Der unheilige Mörder: sein Bruder Rivod, Graf von Cornouailles. Mélars, des Königskinds, Heiligkeit entwickelte sich unter den Angriffen seines Onkels, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1825" class="wp-caption alignleft" style="width: 187px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/09/lanmeur-krypta-hl-melar.jpg"><img class="size-medium wp-image-1825" title="Tapferer Mélar hält seine Hand." src="http://www.poliander.de/files/2010/09/lanmeur-krypta-hl-melar-177x300.jpg" alt="Tapferer Mélar hält seine Hand." width="177" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Tapferer Mélar hält seine Hand.</p></div>
<p>Das ist ein König.</p>
<p>Mélar war der Sohn eines Königs, Méliaus Sohn. Méliau war König jener Gegend, in der heute das Pays de Leon und Pays de Treguier liegen. Méliau wurde ermordet und dann heilig. Der unheilige Mörder: sein Bruder Rivod, Graf von Cornouailles. Mélars, des Königskinds, Heiligkeit entwickelte sich unter den Angriffen seines Onkels, jenes ruchlosen Neiders und Landhungrigen, der schon seinen Vater mordete.  Bestechung, Anschläge, Mord.</p>
<p>Als dem Kind vergiftete Speisen gereicht wurden, von bestochenen Erziehern, schlug er darüber das Kreuz, wodurch die Giftigkeit der Speisen erkennbar wurde. Rivod schickte Mörder aus. Doch diese, darin ähnlich dem Jäger, der Schneewittchen töten und ihr Herz der Königin bringen sollte, erbarmten sich. Gedungene Mörder, baten sie für das Opfer. <span id="more-1817"></span>Ihr Auftraggeber änderte seinen Anschlag. Er ließ dem Kind die Rechte, die Schwerthand, abhacken und den linken Fuß, denjenigen also, den in den Steigbügel setzen muss, wer sich aufs Pferd schwingt. Menschen mit Macht und Reichtum, wohl dissident, gaben Mélar eine Hand aus Silber und einen Fuß aus Erz. Bald wusste er sie gewandt zu gebrauchen. Die höhern Mächte taten ihr Teil: Die beiden Körperteile wuchsen mit und bezeugten das Wunder, das dem Kind innewohnte. Der Junge, der ein König war, Erbe seines Vaters, lebte nun, wieder in der Obhut von Starken, nicht wie ein König. Sein heiligmäßig einfaches Leben überzeugte einfach alle. Beinah. Rivod derweil leugnete, um sich das Sorgerecht für den Knaben zu verschaffen, auch dies ein Weg zu Macht und Herrschaft. Doch die Adligen, die wohl nicht den mächtigen Mörder zu ihrem Herrn haben wollten, bestellten den Bischof von Cornouailles und einen Grafen, Kéryoltan, zu Vormündern des Knaben. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Herrscherliste_Bretagne">Wer herrschte?</a> Verwicklungen des Schicksals, Versuchungen, denen einer der Vormünder erlag (der Graf natürlich, nicht der Bischof). Dessen mitleidige Ehefrau, die Mélar zur Flucht half. Unerwarteter Besuch im Leben des mönchs- und engelsgleichen Knaben, vom Landesherrn Kéryoltan nämlich, dessen bestochen böse Absicht Mélar nicht ahnte, dann der gemeinsame Ausflug nach Lanmeur, wo man in einer Herberge übernachten musste, die Mordtat. Überliefert ist, dass einer der Täter nach der Tat beim eiligen Sprung aus dem Fenster zu Tode stürzte. Weitere Wunder beim Transport des Leichnams. Die Pferde zogen den Wagen nicht, der Wagen brach. Eine unterirdische Kapelle wurde gebaut, Mönche, entsandt vom heiligen Samson, gründeten ein Kloster. Die Kirche über der Krypta ist außer Mélar auch Samson geweiht.</p>
<p>Der junge tapfere Mélar steht in der Krypta der Kirche von <a href="http://fr.wikipedia.org/wiki/Lanmeur">Lanmeur</a>, die meiste Zeit steht er dort und hält seine Hand in der Hand, und es ist sehr dunkel. Ab und zu kommen Touristen. Wer 20 Centimes einwirft, kann ihn sehen, denn das Licht geht an, für sechs Minuten. Den Kopf muss beugen, wer eintritt, vielleicht weil Mélar da steht, sicher, weil die Bögen der Krypta an ihren niedrigsten Stellen nur 135 Zentimeter hoch sind. Feucht sind die Bodensteine vor dem rätselhaften Brunnen. &#8220;Wenn das Signal ertönt, haben Sie noch fünf Minuten Zeit.&#8221; Zeit ist Licht.</p>
<p>Koordinaten: 48° 38&#8242; 53&#8243; N, 3° 42&#8242; 51&#8243; W im Département <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Finist%C3%A8re">Finistère</a>. Die <a href="http://www.europe-sightseeing.com/region-bretagne/Lanmeur.html">Krypta</a> soll aus dem 6. Jahrhundert stammen.</p>
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		<title>Schreibschrift perdu? Poliander erschreckend nostalgisch.</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/08/24/schulschrift-schreibschrift-perdu/</link>
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		<pubDate>Tue, 24 Aug 2010 12:51:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
		<category><![CDATA[Endstation]]></category>
		<category><![CDATA[Schlechter Stern]]></category>
		<category><![CDATA[Umsteigen]]></category>

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		<description><![CDATA[Polianders Sonntagsvergnügen und meines: die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die aus Papier natürlich, in unserer tiefbürgerlichen Straße oft zeitig ausverkauft, weswegen der Zeitungsmann schon gegen 9 in Räuberzivil oder sogar Schlafanzug (kaschiert durch jahreszeitlich passende Überwürfe) aufgesucht wird, um beim Kaffee genüsslich einander die Herzblattgeschichten vorlesen zu können oder das Neueste aus Natur und Wissenschaft. Doch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Polianders Sonntagsvergnügen und meines: die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die aus Papier natürlich, in unserer tiefbürgerlichen Straße oft zeitig ausverkauft, weswegen der Zeitungsmann schon gegen 9 in Räuberzivil oder sogar Schlafanzug (kaschiert durch jahreszeitlich passende Überwürfe) aufgesucht wird, um beim Kaffee genüsslich einander die Herzblattgeschichten vorlesen zu können oder das Neueste aus Natur und Wissenschaft. Doch letzten Sonntag wurde die Milch im Kaffee sauer:  &#8220;<a href="http://www.faz.net/s/Rub268AB64801534CF288DF93BB89F2D797/Doc~E616F1C24F4D6434E87B6FEFEC8F7BA5F~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Schreibschrift adé</a>&#8221; drohte die Überschrift, im Text wurde das baldige Ende des Schreibens in Schreibschrift  prophezeit. <span id="more-1743"></span>Kinder sollen nicht mehr &#8220;schönschreiben&#8221; lernen, das heißt: keine verbundene, leicht geneigte Schrift, die später die Grundlage einer individuellen charaktervollen Handschrift wird. Es bereite Kindern &#8220;Frust&#8221; und &#8220;koste Zeit&#8221;, eine solche Schrift zu erlernen, meint der in unserem Sonntagslieblingsblatt zitierte Grundschulverband. Angemessener und ausreichender Ersatz sei die &#8220;Grundschrift&#8221;, eine handgeschriebene Schrift, die an gerade stehende Druckbuchstaben angelehnt ist und manchmal ein kleines Häkchen rechts unten haben darf, ein ideologisches Schwänzchen für unverbesserliche Grundschüler, denen der lockere Schwung nicht auszutreiben ist. Und darüber hinaus seien ergonomische Tastaturen gefragt.</p>
<p>Für alle, die noch schönes Schreiben lieben, hier ein paar Links:</p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schulausgangsschrift">Schulausgangsschrift</a>, geschaffen von Renate Tost, Elisabeth Kaestner und dem berühmten Kalligraphen Albert Kapr<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ausgangsschrift"><br />
Lateinische Ausgangsschrift<br />
</a><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Vereinfachte_Ausgangsschrift">Vereinfachte Ausgangsschrift</a></p>
<p>Und leider ohne Link: Schulschrift kursiv, eine Schrift, die alle, die in den 1960er Jahren in der DDR zur Schule gingen, im Zeichenunterricht erlernten, zu schreiben mit einer Atofeder. Es machte Lehrerinnen und Kindern Arbeit, kostete Zeit, und der Umgang mit der raffiniert angeschrägten Feder war frustrierend, so lange man ihn  nicht beherrschte.</p>
<p>Die erste Übung beim Schreibenlernen waren übrigens &#8220;Dachziegel&#8221;, ganze Hefte voll Dachziegelumrisse (Rundschnitt-Doppeldeckung) wurden geschrieben.  Und dann jeder einzelne Buchstabe mit seinen &#8220;Häkchen&#8221;, &#8220;Anfassern&#8221; und freien oder gemessenen Schwüngen. Wegen all dieser Mühe, bei der wir uns auf nichts als nur das Lesen und Schreiben von Buchstaben konzentrierten, die Buchstaben unser Sinnen und Trachten waren und eine Welt aus Buchstaben entstand, beherrschten alle Kinder nach einem halben Jahr Unterricht alle Buchstaben des Alphabets, auch die, die vorher keinen einzigen gekannt hatten. Der Weg war frei, Zettelchen zu schreiben und wahlweise unter der Bank durchzureichen oder zu einem Flieger zu falten und bei gutem Glück unbemerkt von der Schönschreiblehrerin über Reihen hinweg der besten Freundin zuzusenden. Ob demnächst die Drucker rattern, um ein gekritzeltes &#8220;Willst du mit mir gehen? Ja Nein Vielleicht&#8221; auszuwerfen?</p>
<p>Das ist nicht euer Ernst, Grundschullehrerinnen! Schaut in eure Küchen und Handwerkerinnenkästen! Habt Ihr beim Erwerb einer Brotschneidemaschine das handliche Messer entsorgt? Und habt Ihr den Fuchsschwanz weggeschmissen, seit die Kettensäge erfunden ist?</p>
<p>Koordinaten: FAS vom 22. August 2010. Polytechnische Oberschule Bad Klosterlausnitz im Jahr 1967</p>
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		<title>Im Feuchten</title>
		<link>http://www.poliander.de/2009/04/24/im-feuchten/</link>
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		<pubDate>Fri, 24 Apr 2009 09:37:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Augenweide]]></category>
		<category><![CDATA[Erregung]]></category>
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		<category><![CDATA[Endstation]]></category>
		<category><![CDATA[Gegend]]></category>

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		<description><![CDATA[Es muss nur alt sein, da wollen wir hin. Es muss nur eine Frau sagen (die wohnt da), sagen muss sie nur, dass der Park den Namen nicht verdient. Der Fürst &#8211; denn es ist ein Fürst, der das gewesene Wasserschloss bewohnt &#8211; vernachlässige den Schlossgarten bis zur Sträflichkeit. Nichts tut der, sagt die Frau, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_337" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-337" src="http://www.poliander.de/files/2009/04/schloss_furstenau_1-225x300.jpg" alt="Schloss Fuerstenau" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Schloss Fuerstenau</p></div>
<p>Es muss nur alt sein, da wollen wir hin. Es muss nur eine Frau sagen (die wohnt da), sagen muss sie nur, dass der Park den Namen nicht verdient. Der Fürst &#8211; denn es ist ein Fürst, der das gewesene Wasserschloss bewohnt &#8211; vernachlässige den Schlossgarten bis zur Sträflichkeit. Nichts tut der, sagt die Frau, als Naturschutzschilder aufzustellen.</p>
<p><span id="more-237"></span></p>
<p>Da wollen wir hin. Weil Sonntag ist und der Durchgang vom Hof geschlossen, muss, wer zu Fuß geht, erst einmal den Parkplatz finden. Sonntags geht es über den Parkplatz zum Park. Der Parkplatz ist voll, der Park ist leer, gelbgraue Weite, hohes Gras vom letzten Jahr. Und direkt daneben der tiefe Schatten, unter den Schuhen quatscht das Feuchte von gestern nacht. Noch zwei Schritte, da stehen wir, wo&#8217;s grün ist und dämmert, Lamellen aus Schatten, Lamellen aus Licht, da flüstert der Mümling, ein Wasser, Fluss nicht, Bach nicht. Und hinter uns das Schloss, windschief, riesig, bewohnt und feucht. So lange scheint keine Sonne, dass sie diesen Geruch austrocknete, den Geruch nach Lebendigem, den Geschmack nach Totem, Phantasien, schwankende, rasende Eifersucht, Melancholie des Täters, die in Musik mündet, gräßliche Taten, himmlische Madrigale&#8230; Gesualdo. Fang dich ein, krieg dich ein, das ist Hessen, wo der Mümling murmelt, der Fürst den Park zu seiner Wunderkammer macht. Grobnähtig Geschweißtes verrostet im Wald, übers Wasser schwankt ein Wesen heran, halb Mensch, halb Paddelboot,  über steinige Stellen mit kleinem Risiko. Wir winken nicht, wir schreiben nicht mal die Schuhe ab, wir gehen weiter bis zum Altenheim und bis zum Ort, kein abgrundtiefen Madrigale gellen durchs Herz, Sonntagsstille, Sonntagsgeruch, bedenkenlos verschwendete Stunden. Kein Abgrund gähnt so, keine Moral ist so doppelt und dreifach wie die in jenem Dorf, aus dem du selbst gekommen bist. Meide die Straße, geh im Feuchten zurück, finde den Schlosshof, den unbestellten Garten höchstwahrscheinlich harmloser Leute, übersieh nicht die Schale mit dem busenförmigen Wasserspeier in der Mitte, die Durchblicke zum Park wie in eine ferne Menagerie.</p>
<p>Und dann lehnen sie unter dem himmelhohen Bogen:  sie, die Sandsteinschöne mit dem offen stehenden Mund, er, der Bewaffnete, dem einer die Nase aus dem Gesicht schlug, eine Neige Grausamkeit, ein Bröckchen Melancholie. Und über ihnen, am Rand der ersten Himmelsschale, bläst ein dickschenkliger Engel die Bombarde oder was. Ach, der Park, der verdient den Namen.</p>
<p>Koordinaten: Michelstadt, Ortsteil Steinbach, fehlende Zeitachse</p>
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