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	<title>Polianders Zeitreisen</title>
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	<description>ULRIKE GRAMANN SCHWENKT DEN HUT</description>
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		<title>Ungetilgte Spuren</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 13:34:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Begegnung]]></category>
		<category><![CDATA[Durchgang]]></category>
		<category><![CDATA[Raumflug]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Der Engel des Vergessens dürfte vergessen haben, die Spuren der Vergangenheit aus meinem Gedächtnis zu tilgen.&#8221; Maja Haderlap, Engel des Vergessens Jedes Buch ist eine Reise. Maja Haderlaps Roman ist eine Reise durch die Nacht, sagt P., und P. sagt auch, dass sich niemand einbilden soll, dass das dann ein Zitat wäre von irgendwas. Poliander [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3859" class="wp-caption alignleft" style="width: 161px"><a href="http://www.poliander.de/files/2012/01/haderlap-engel-des-vergessens.jpg"><img class="size-full wp-image-3859" src="http://www.poliander.de/files/2012/01/haderlap-engel-des-vergessens.jpg" alt="Abbildung: Wallstein Verlag Göttingen" width="151" height="250" /></a><p class="wp-caption-text">Abbildung: Wallstein Verlag </p></div>
<p><em>&#8220;Der Engel des Vergessens dürfte vergessen haben, die Spuren der Vergangenheit aus meinem Gedächtnis zu tilgen.&#8221;</em><br />
<em>Maja Haderlap, Engel des Vergessens</em></p>
<p>Jedes Buch ist eine Reise. Maja Haderlaps Roman ist eine Reise durch die Nacht, sagt P., und P. sagt auch, dass sich niemand einbilden soll, dass das dann ein Zitat wäre von irgendwas. Poliander und ich, wir haben lange kein Buch gelesen, das so gut geschrieben ist, so poetisch, von Romantizismus frei. Haderlap erzählt von einer Kindheit und Jugend in Kärnten, Koroška, in beidem, dazu in dem Geisterbezirk, in dem die Toten und ihre Spuren leben.<span id="more-3857"></span> Und die Lebenden gehen mit ihnen um oder sie meiden sie. Haderlap ist in dem magischen Jahr 1961 geboren, sechzehn Jahre nach dem Krieg, und wer je glaubte, in diesen Jahren, den Sechzigern, sei der Krieg lange her gewesen, kann den Irrglauben verlieren an ihrem Buch. Wer meint, keine Kindheit gehabt zu haben, sieht hier, was eine Kindheit heißt, nämlich ist sie nicht der Ort und die Zeit, wohin man sich sehnt in sehr guten oder sehr trüben Stunden. Sondern die Kindheit ist die Fremde, aus der man gekommen ist, gekrochen oder erhobenen Haupts gegangen, meistens mal so, mal so. Ein Kind gewesen zu sein heißt, etwas hinter sich zu haben. Das Kind, dieses Ich, von dem Haderlap erzählt, hat vieles hinter sich, Großmutter, Verwandte, Leute, und viele Tote. Das Außergewöhnliche an Haderlaps Kindheitsbuch ist nicht die getreue Schilderung des Lebens auf dem Land. Vom Leben auf dem Land sprechen andere Bücher auch und kennen auch all die heute unappetitlich scheinenden rußigen, säuerlichen,  blutigen, realistischen Einzelheiten. Außergewöhnlich ist die starke und stetige Präsenz der Toten, die starke Realität der Geschichte, an der sie teilhatten, der Verbrechen, die an ihnen getan wurden; außergewöhnlich ist die Präsenz der verletzten, abgestorbenen, verwilderten Teile in denen, denen Geschichte geschah. Das erkennen heißt, den Grund des immer wieder neuen Erschreckens finden.  Warum tun die Erwachsenen, was sie tun? Warum sind sie, wie sie sind?</p>
<p>&#8220;Engel des Vergessens&#8221; ist ein Roman über den Krieg und wie er sich in denen fortsetzt, die ihn überlebten. &#8220;Ich möchte einmal mit dir zur Arbeit gehen&#8221;, sagt die Tochter zum Vater. Die Arbeit ist im Wald. Dort oben, wo man &#8220;spazieren&#8221; muss, wie der Vater sagt, weil man sonst außer Atem kommt. &#8220;Bist du im Krieg hier gewesen?&#8221;, fragt das Mädchen. &#8220;Ja, wir hatten höher oben einen Bunker, sagt er. Dein Großvater hat den Kurierposten geleitet. Ich habe gekocht. Es war sehr gefährlich.&#8221; Und als das Mädchen fragt, ob er Angst hatte: &#8220;Wird schon so gewesen sein, ich war ja noch ein Kind, ein paar Jahre älter als du.&#8221; Alle waren sie bei den Partisanen oder haben sie doch unterstützt oder unterstützen müssen, auch die tiefkatholische Großmutter, die dem Mädchen die düsteren Tricks verrät, mit denen man sich in höchster Gefahr in Schutz nimmt, verzweifelte Tricks wie Kreuze schlagen mit der Zunge im geschlossenen Mund. Es ist ein Buch über die Marter, über Ravensbrück, über die Deportation in KZs und darüber, wer es überstand und wer nicht, und jede und jeder dieser Leute bekommt die eigene Geschichte, nichts wird ausgelassen. Es ist ein Buch über die Sprache, die slowenische, die deutsche, und über die Unterschiede zwischen denen, die so oder so sprechen und sich so oder so erinnern. Und einmal, in einer Wirtschaft kommt es beinah zu einer Schlägerei oder Schlimmerem, und das Mädchen, das schon in die Schule geht in der Stadt, fährt den unerhört aufgebrachten Vater mit dem Traktor nach Hause und singt Partisanenlieder auf dem Weg und singt aus Angst, dass sie zu singen aufhören könnte und den Vater nicht nach Hause bekommt. Es ist ein Buch über die Androhung zu sterben, über das jahrzehntelange stückweise Sterben derer, die die Marter überlebten.</p>
<p><em>&#8220;Er hat mich durch ein Meer geführt, in dem Überreste und Bruchstücke schwammen. Er hat meine Sätze auf dahintreibende Trümmer und Scherben prallen lassen, damit sie sich  verletzen, damit sie sich schärfen.&#8221;<br />
Maja Haderlap über den Engel<br />
</em></p>
<p>Koordinaten: 46° 46&#8242; N, 13° 49&#8242; O, Maja Haderlap, <a href="http://www.wallstein-verlag.de/9783835309531.html">Engel des Vergessens, Göttingen: Wallstein 2011</a></p>
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		<title>Keine Nostalgie</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Jan 2012 21:35:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
		<category><![CDATA[Déjà-vu]]></category>
		<category><![CDATA[Endstation]]></category>
		<category><![CDATA[Ströme]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Mädchen mit einem Schirm ist ein Motiv dieses Films, das P. nicht vergisst. Die Kleine geht und holt ihren besoffnen Vater aus der Kneipe. Ihre Beharrlichkeit und Unverdrossenheit in ihrem schweren Kinderleben hat P. damals beeindruckt, sie, die im Film wohl Edith hieß, jedenfalls sagt das Polianders Erinnerung im Nachhinein, ist eine seltsame, wunderbare [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3823" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2012/01/michael-gwisdek.jpg"><img class="size-medium wp-image-3823" src="http://www.poliander.de/files/2012/01/michael-gwisdek-300x214.jpg" alt="Gwisdek. Pressefoto: Babylon Berlin" width="300" height="214" /></a><p class="wp-caption-text">Gwisdek, anderer Film. Pressefoto Babylon Berlin</p></div>
<p>Ein Mädchen mit einem Schirm ist ein Motiv dieses Films, das P. nicht vergisst. Die Kleine geht und holt ihren besoffnen Vater aus der Kneipe. Ihre Beharrlichkeit und Unverdrossenheit in ihrem schweren Kinderleben hat P. damals beeindruckt, sie, die im Film wohl Edith hieß, jedenfalls sagt das Polianders Erinnerung im Nachhinein, ist eine seltsame, wunderbare Nebenfigur der Filmgeschichte (nee, wir haben es jetzt mal nicht kleiner, liebe Leute!) Der Film &#8220;Jadup und Boel&#8221; war, als P. ihn sah, 1988 wahrscheinlich, das Radikalste, was im Osten zu sehen war, nimmt man das, was offiziell zu sehen war, für das Ganze. (Was nicht  ganz korrekt ist, im Großen und Ganzen aber doch.)<span id="more-3815"></span>P. hat diesen Film damals gesehen, im Osten, in der letzten Phase des Niedergangs. Er war verboten, aber er wurde gezeigt, im Berliner Kino &#8220;Babylon&#8221; (heute: Babylon/Mitte, denn es gibt auch Babylon/Kreuzberg). Mundpropaganda, sie gingen hin, zwei Freundinnen, sie zogen sich extra bunt an: Die Schwarzgekleideten würden alle, alle da sein. Bunt, um den Niedergang zu negieren, denn sie selbst würden nicht niedergehen, da waren sie sicher, was an ihrer Unerfahrenheit lag oder ihrer Arroganz oder beidem. Die Schwarzgekleideten waren auch alle da. Die Plätze des Kinos reichten, aber keiner blieb leer. P. kann heute nicht rekonstruieren, wer gesagt hatte, dass es diesen Film geben würde, und rekonstruiert auch nicht, warum er eben doch, verbotenerweise, gezeigt wurde. Auch nicht, warum heute, wenn überhaupt, von diesem Verbot die Rede ist und nie davon, dass er ganz wenige Male (P. vermutet: zweimal) zu sehen war. Dabei charakterisiert das so sehr gut den verzweifelten und aberwitzigen Zustand des Staates in seinen letzten Jahren. Ständig brach irgendwas zusammen, ständig ging es doch wieder weiter, ständig besorgte ihnen einer den rettenden Kredit, der das Leiden verlängerte  (Strauß, you remenber?), ständig ging uns auch ganz privat das Geld aus, ständig brauchten wir dann doch keins, weil uns wer was schenkte, dauernd kriegte wer Einreiseverbot, dauernd reiste wer aus, ständig wurde irgendwo hart durchgegriffen, ständig schlüpfte irgendwo was durch. Genug, dass wir uns nicht beruhigten, genug, dass wir nicht vollends ausflippten.</p>
<p>Es ist eine spezielle Sache, warum dieser Film auch nach dem Ende der Verbote nie die Popularität fand, die andere erlangten, wie &#8220;Spur der Steine&#8221; zum Beispiel. Es ist nichts darin, das zum Schenkelklopfen animiert.  Er bringt manchmal zum Lachen, aber macht keine populären Witze. Er bezieht sich auf Tabus, über die zu reden auch heute noch tabu ist. Vergewaltigung zum Beispiel. Er zeigt nicht nur das hyperrealistische Detail, wie bei der Eröffnung einer Kaufhalle ein benachbartes Häuschen zusammenbricht (ja realistisch, P. sah Häuser zusammenbrechen, die wurden nicht abgerissen, sondern brachen einfach zusammen und wurden weggeräumt). Der Film erzählt, wie ein Händler übers Land zieht und den Leuten ihre historischen Möbel abschwatzt, um sie zu &#8220;Antiquitäten&#8221; zu machen (und wir wissen ja alle, was mit diesen Antiquitäten geschah, oder?) Er erzählt aber auch die Geschichte  des Mädchens Boel und die des Mädchens Edith, erzählt etwas über widerständiges, widerspenstiges Leben. Der Film wirft einen Blick vom Turm übers Land, atemlos vom Treppensteigen, atemberaubend vor Weite.</p>
<p>Jetzt, aus Anlass des Geburtstags von Michael Gwisdek, der jenen Antiquitätenhändler spielt, wird &#8220;Jadup und Boel&#8221; wieder gezeigt. Wer was verstehen will, kann da ruhig mal hingehen. Wer einen großartigen Film sehen will, der dauerhafter ist als der Staat, der ihn verbot, auch.</p>
<p>Ansehen: 18. Januar 2012, 18 Uhr im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin<br />
Koordinaten: 52° 31&#8242; 33&#8221; N, 13° 24&#8242; 42,8&#8221; O, <a>Jadup und Boel (1980)</a>, R.: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Simon">Rainer Simon</a>, 103 min</p>
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		<title>Bleibende Werte: Poliander hört Radio</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Jan 2012 12:52:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohrenschmaus]]></category>
		<category><![CDATA[Souvenir]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Radio läuft, das brachte Polianders Begleiter schon manchmal auf die Palme. Morgens, abends, zwischendurch, bei der ersten oder dritten Tasse Tee. Aktuelles aus Politik und Wirtschaft, da kommen die Einfamilienhausbesitzer in ihrer Einfamilienhaushölle ins Schwitzen, dazu ist eine Hölle ja auch da, nicht wahr? Und dann die Wetterberichte:  Sturm und Gewitterdonner im Januar. Poliander [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Radio läuft, das brachte Polianders Begleiter schon manchmal auf die Palme. Morgens, abends, zwischendurch, bei der ersten oder dritten Tasse Tee. Aktuelles aus Politik und Wirtschaft, da kommen die Einfamilienhausbesitzer in ihrer Einfamilienhaushölle ins Schwitzen, dazu ist eine Hölle ja auch da, nicht wahr? Und dann die Wetterberichte:  Sturm und Gewitterdonner im Januar. Poliander hört die Nachrichten, wartet ab und trinkt Tee. Das ist jetzt aber keine aktuelle Anspielung, weder politisch noch sexuell!</p>
<p><span id="more-3801"></span>Poliander musste einfach nur mal 119 Jahre warten und Tee trinken, schon berichtet das Radio über die skandalöse und wundervolle Gründung des ersten deutschen Mädchengymnasiums durch die <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/hedwig-kettler/">Frauenrechtlerin Hedwig Kettler</a>, 1893 in Karlsruhe. Aus dem Gymnasium ging später jene Schule hervor, die, seit 1973 in Koedukation, heute den Namen Lessings trägt. Nichts gegen Lessing, doch schade ist es schon,  dass das Lehrerkollegium 1993 eine Umbenennung in Hedwig-Kettler-Gymnasium ablehnte. Aber jetzt der Deutschlandfunk: 2012 erinnert er an die Frau, und das ist, da ihr Name nicht grade an allen Ecken ertönt, ein bleibender Wert. Denn Einfamilienhaus vergeht, höhere Bildung besteht!</p>
<p>Koordinaten: Schöne Sendung <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kalenderblatt/">Kalenderblatt</a>. <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kalenderblatt/1640028/">Hedwig Kettler im DLF-Kalenderblatt vom 5. Januar 2012</a> (Manuskript).<br />
Hinweis: Bleibende Werte sind nicht immer mit bleibenden Links verbunden, deshalb: Gleich lesen!</p>
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		<title>Es führt eine Brücke übern Kanal</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 16:34:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schönste Stellen]]></category>
		<category><![CDATA[Absteigen]]></category>
		<category><![CDATA[Destination]]></category>
		<category><![CDATA[Hafenhotel]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>

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		<description><![CDATA[Durch die Straßen schleicht eine Alte mit steingrauem Haar, im Perlonbeutel klappern Bierflaschen. Der einjährige, zottige Hund zerrt an der Leine. Sie ist dem Tier nicht mehr gewachsen. An der Admiralbrücke bleibt sie stehn, schlingt die Hundeleine um das Geländer, zieht den Knoten fest an. Sie lehnt sich ans Geländer, greift eine Flasche heraus. &#8220;Habter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3789" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/12/admiralbr%C3%BCcke-2011.jpg"><img class="size-medium wp-image-3789" src="http://www.poliander.de/files/2011/12/admiralbr%C3%BCcke-2011-300x243.jpg" alt="Prosit 2012" width="300" height="243" /></a><p class="wp-caption-text">Prosit 2012</p></div>
<p>Durch die Straßen schleicht eine Alte mit steingrauem Haar, im Perlonbeutel klappern Bierflaschen. Der einjährige, zottige Hund zerrt an der Leine. Sie ist dem Tier nicht mehr gewachsen. An der Admiralbrücke bleibt sie stehn, schlingt die Hundeleine um das Geländer, zieht den Knoten fest an. Sie lehnt sich ans Geländer, greift eine Flasche heraus. &#8220;Habter mal n Siebzehner?&#8221;, ruft sie den Punks zu, die am andern Ende der Brücke lungern. <span id="more-3781"></span>&#8220;Hasten Euro?&#8221;, fragt der irokesenschnittige Junge, der ihr die Flasche aus der Hand nimmt und sie geschickt mit den Zähnen öffnet, &#8220;türlich nich, was?&#8221; Die Frau schüttelt den Kopf, nimmt einen süchtigen Zug aus der Flasche und reicht dem Jungen ihren Beutel mit den restlichen Bierflaschen: &#8220;Brauch ich nich mehr.&#8221; Der lässt sich seine Überraschung nicht merken, fragt aber höflich: &#8220;Un ne Penne, willste mitkomm?&#8221; Die Alte schüttelt den Kopf. Die Bengel trollen sich, den Bierbeutel schwenkend. Sie trinkt ihr Bier in kleinen Schlucken, beugt sich runter und lässt auch den Hund aus der Flasche saufen. Wien Baby, denkt sie und lächelt plötzlich in Erinnerung an eine Jugendliebe, sie lässt sich neben den Hund aufs Brückenpflaster sinken und schaut zum Himmel hoch. Vom Himmel hoch, da komm ich her, murmelt sie. Orion lockert seine Schultern, schüttelt Beteigeuze und Bellatrix. Alte Liebe rostet nicht, murmelt die Alte. Nicht weit weg knallen ein paar Böller, dann wieder Stille. &#8220;Insel Poel&#8221; heißt das Schiff, über und über bedeckt mit Graffiti, auf dem die Geister des abgelebten Jahres Pogo tanzen. Im neuen Jahr wird der Bezirk es abschleppen lassen, stand im Berliner Nachtspiegel. Gepflegte Biere sind was andres, die alte Frau lacht und beugt sich übern Kanal. Sie spuckt Zahn um Zahn ins Wasser, dass ölige Tropfen aufspritzen, die sie, plötzlich flink, mit ihrem Feuerzeug zündet. Ihr Mantelgürtel beginnt zu blinken, etwas heult auf, für einen Augenblick ist die Brücke gleißend erleuchtet. &#8220;Leute&#8221;, ruft die Zahnlose, &#8220;die paar Stunden macht ihr ohne mich!&#8221; Kichernd fährt sie ab, voll ins Dunkel, dreht sich noch einmal und wirft die Bierflasche, die knallt und in tausend spiegelnde Splitter zerstiebt. Wer jetzt einen aufhöbe, könnte das eigne Gesicht in den Stufen des Alters erblicken. Niemand kommt vorbei, nur der Hund schaut sich noch einmal als Welpe.</p>
<p>Stunden später, das Feuerwerk  ist in vollem Gang, kläfft er, noch immer festgeleint. Die Brücke ist voller Leute jetzt, Sektflaschen kullern, Raketen schießen ab und away!, Orion fängt sie mit den Händen und lässt ihre Sterne erblühn. Es kracht hier und da und schnell hinternander, jemand fängt eine Radiosendung: &#8220;Die Frage ist doch&#8221;, spricht ein Mann von der Polizeigewerkschaft ins Mikrofon, &#8220;ob die Berliner wirklich die Gebrauchsanweisung der neuartigen Feuerwerkskörper beachten und die vier Batterien sorgfältig voneinander getrennt zünden!&#8221;, Besorgnis wabert im Studio, niemand hört zu. Ein paar Sterne stürzen in den Landwehrkanal. Der Hund schiebt Panik. Gläser klingen kurz und klirren lang, &#8220;Zu mir oder zu dir?&#8221;, fragt eine einen, der Morgen ist fern und nah, das Erwachen in fremden Betten, das verstohlene Tasten nach der Armbanduhr und das vorsichtige Wischen am verschmierten Lippenstift, damit der Gefährte der Nacht nicht überm Clownsmund erschreckt. Als obs darauf ankäm. Doch noch sind wir nicht soweit. Während die Brücke sich langsam leert, der Hund erschöpft, resigniert, kommt von hinten ich weiß nicht von wo kommt ein Junge, der längst im Bett sein sollte, aber eben nicht ist, und der weiß, was er will, geht auf den Hund zu, lässt ihn am Handrücken riechen, seine Hand riecht gut, irgendwie nahrhaft, der Junge sagt nichts, aber der Hund ist entschlossen, zu winseln, sollte er die Leine nicht vom Geländer lösen, der Hund weiß, er muss nicht winseln, der Junge knüpft ihn vom Geländer, &#8220;gleich&#8221;, sagt er und sieht dabei schon fast erwachsen aus und grinst verlegen und nimmt das Tier doch sicher an seine Seite und geht mit zielstrebigen Schritten über die Brücke und jenseits und verschwindet irgendwo, vorn in der Körte und hält die Nase in den plötzlich eiskalten Wind und beugt sich zum Hund: &#8220;Butterbrot mit Zucker, in Milchkaffee gestippt, na?&#8221; Das neue Jahr knurrt leise und hebt die Nase.</p>
<p>Koordinaten:<br />
<strong>Poliander wünscht allen Leserinnen und Lesern Glück, Liebe, Gesundheit und Erfolg, Brot und Wein! </strong></p>
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		<title>Polianders Märchengeschenk</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Dec 2011 23:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
		<category><![CDATA[Buchstabenfracht]]></category>
		<category><![CDATA[Kreuzweg]]></category>

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		<description><![CDATA[Brüder Grimm: Der Dreschflegel vom Himmel Es zog einmal ein Bauer mit einem Paar Ochsen zum Pflügen aus. Als er auf den Acker kam, da fingen den beiden Tieren die Hörner an zu wachsen, wuchsen fort, und als er nach Haus wollte, waren sie so groß, daß er nicht mit zum Tor hinein konnte. Zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3749" class="wp-caption alignleft" style="width: 178px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/12/morlaix-haus-von-anne-de-bretagne.jpg"><img class="size-medium wp-image-3749" src="http://www.poliander.de/files/2011/12/morlaix-haus-von-anne-de-bretagne-168x300.jpg" alt="Wir erzählen dir was" width="168" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Wir erzähln Ihnen was</p></div>
<p><strong>Brüder Grimm: Der Dreschflegel vom Himmel</strong></p>
<p>Es zog einmal ein Bauer mit einem Paar Ochsen zum Pflügen aus. Als er auf den Acker kam, da fingen den beiden Tieren die Hörner an zu wachsen, wuchsen fort, und als er nach Haus wollte, waren sie so groß, daß er nicht mit zum Tor hinein konnte. Zu gutem Glück kam gerade ein Metzger daher, dem überließ er sie, und schlossen sie den Handel dergestalt, daß er sollte dem Metzger ein Maß Rübsamen bringen, der wollt ihm dann für jedes Korn einen Brabanter Taler aufzählen. Das heiß ich gut verkauft! <span id="more-3745"></span>Der Bauer ging nun heim, und trug das Maß Rübsamen auf dem Rücken herbei; unterwegs verlor er aber aus dem Sack ein Körnchen. Der Metzger bezahlte ihn, wie gehandelt war, richtig aus; hätte der Bauer das Korn nicht verloren, so hätte er einen Brabanter Taler mehr gehabt. Indessen, wie er wieder des Wegs zurückkam, war aus dem Korn ein Baum gewachsen, der reichte bis an den Himmel. Da dachte der Bauer &#8220;weil die Gelegenheit da ist, mußt du doch sehen, was die Engel da droben machen, und ihnen einmal unter die Augen gucken.&#8221; Also stieg er hinauf und sah, daß die Engel oben Hafer droschen, und schaute das mit an, wie er so schaute, merkte er, daß der Baum, worauf er stand, anfing zu wackeln, guckte hinunter und sah, daß ihn eben einer umhauen wollte. &#8220;Wenn du da herabstürztest, das wär ein böses Ding&#8221; dachte er, und in der Not wußt er sich nicht besser zu helfen, als daß er die Spreu vom Hafer nahm, die haufenweis da lag, und daraus einen Strick drehte; auch griff er nach einer Hacke und einem Dreschflegel, die da herum im Himmel lagen, und ließ sich an dem Seil herunter. Er kam aber unten auf der Erde gerade in ein tiefes tiefes Loch, und da war es ein rechtes Glück, daß er die Hacke hatte, denn er hackte sich damit eine Treppe, stieg in die Höhe und brachte den Dreschflegel zum Wahrzeichen mit, so daß niemand an seiner Erzählung mehr zweifeln konnte.</p>
<p>Koordinaten: <a href="http://gutenberg.spiegel.de/autor/220">Brüder Grimm</a>, <a href="http://gutenberg.spiegel.de/buch/754/1">Märchen im Projekt Gutenberg</a>, <a href="http://woerterbuchnetz.de/DWB/">Grimmsches Wörterbuch online</a></p>
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		<title>Sie leiden an Heimatgefühlen?</title>
		<link>http://www.poliander.de/2011/12/20/sie-leiden-an-heimatgefuehlen/</link>
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		<pubDate>Tue, 20 Dec 2011 20:51:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohrenschmaus]]></category>
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		<category><![CDATA[Schlechter Stern]]></category>

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		<description><![CDATA[Sie fühlen in dieser Jahreszeit Nostalgie nach Ihrer verflossenen Kindheit oder anderen schweren Lebensumständen? Sie brauchen Urlaub, kennen aber keinen Industriellen, der Ihnen dafür seine Finca zur Verfügung stellt? Sie werden ohne literarische Unterstützung nicht mit der akuten Adventskrise fertig? Sie brauchen poetische Schützenhilfe, um politisch wieder klar zu werden? Poliander empfiehlt: &#8220;Die Froschfotzenlederfabrik&#8221;, Hörspiel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sie fühlen in dieser Jahreszeit Nostalgie nach Ihrer verflossenen Kindheit oder anderen schweren Lebensumständen? Sie brauchen Urlaub, kennen aber keinen Industriellen, der Ihnen dafür seine Finca zur Verfügung stellt? Sie werden ohne literarische Unterstützung nicht mit der akuten Adventskrise fertig? Sie brauchen poetische Schützenhilfe, um politisch wieder klar zu werden?</p>
<p>Poliander empfiehlt: <a href="http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/hoerspiel-studio/die-froschfotzenlederfabrik/-/id=660014/nid=660014/did=8838402/1p75qc2/">&#8220;Die Froschfotzenlederfabrik&#8221;</a>, Hörspiel von Oliver Kluck, Regie Leonhard Koppelmann.</p>
<p>Koordinaten: SWR2, <a href="http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/hoerspiel-studio/die-froschfotzenlederfabrik/-/id=660014/nid=660014/did=8838402/1p75qc2/">Inhaltsangabe und online hören hier</a>, und zwar noch bis zum 23. Dezember 2011, 22:30 Uhr.</p>
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		<title>Geschüttelte Faust und eleganter Fingerzeig</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Dec 2011 21:44:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgrabung]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>
		<category><![CDATA[Völkerwanderung]]></category>

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		<description><![CDATA[Es muss zwischen September 1983 und Mai 1989 gewesen sein, dass in der Berliner Almstadtstraße eine Galerie öffnete. Wahrscheinlich ist es nicht vor 1985 gewesen, da Poliander und ich in unseren ersten beiden Jahren in Berlin die Almstadtstraße, die frühere Grenadierstraße im Scheunenviertel, sicher nicht kannten. Wir wohnten in Ostkreuz. Am wahrscheinlichsten ist, dass ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es muss zwischen September 1983 und Mai 1989 gewesen sein, dass in der Berliner Almstadtstraße eine Galerie öffnete. Wahrscheinlich ist es nicht vor 1985 gewesen, da Poliander und ich in unseren ersten beiden Jahren in Berlin die Almstadtstraße, die frühere Grenadierstraße im Scheunenviertel, sicher nicht kannten. Wir wohnten in Ostkreuz. Am wahrscheinlichsten ist, dass ich um 1987 zum ersten Mal in der Galerie war. Sie hieß sicher &#8220;Weißer Elefant&#8221;. Beim ersten Besuch sahen P. und  ich dort Bilder von Gundula Schulze, später erneut. Ihre Fotografien waren vor allem eines: radikal. <span id="more-3707"></span>Heute sehe ich diese frühen Arbeiten der Fotografin Gundula Schulze Eldowy wieder und weiß, dass ich sie auch damals so verstanden habe. Auf einem der Bilder taucht eine alte Frau aus dem Dunkel und schüttelt die Faust, gegen einen Menschen, der links im Bild nur bruchstückhaft erkennbar ist, sicher auch gegen die Kamera. Die Frau ist wütend, sie hat nicht aufgegeben, ihre Wut hat viel Überzeitliches, Mythisches, viel, das über den Ärger, unerlaubt fotografiert zu werden, hinausgeht. Ich erkenne darin die Wut von Leuten wieder, die ich in Moskau fotografierte, im Sommer 1990, auf einem Markt, auf dem es beinahe nichts zu kaufen gab&#8230; Auf einem anderen Foto, bei dem ich nicht sicher bin, ob ich es damals in der Almstadtstraße gesehen habe, stehen zwei Mädchen schräg im Bild, trotziger Blick über schweren Schatten, dunkle Ponys, die ihre Gesichter zusätzlich bedrücken, und eines der Mädchen macht eine klassische, elegante Geste mit dem Finger. Sie zeigt zur Erde und weist auf etwas, das die Betrachterin nicht sieht. Poliander sagt: in die Unterwelt. Das andere, größere Mädchen stützt sich auf einen Stock oder Stecken. Die Blicke sind zeitlos, die Kinder ohne Alter.</p>
<p>Berlin, in das Poliander und ich in den frühen achtziger Jahren kamen, haben wir nie als Heimat verstanden oder es sonstwie gekauft. Vielmehr nahm die Stadt uns in Besitz, schluckte uns umstandlos, hat uns seitdem oft geschluckt, verdaut, wieder ausgespien. Die Anonymität der Stadt hat viele Gesichter, die wir in den Fotografien von Gundula Schulze wiederfinden und auf der Straße, noch immer. Die Gesichter, nicht die Anonymität. Die S-Bahn-Bögen, nahe am Bahnhof Friedrichstraße waren mit faustgroßen Löchern übersät, viele Häuser hatten ebenfalls diese tiefen Löcher in ihren Fassaden. Auch in Erfurt hatte es Verfall gegeben, Vernachlässigung, waren Häuser buchstäblich vor unseren Augen zusammengebrochen. Dort hatten wir in einem der ältesten Häuser der Stadt gelebt, einem verbauten Labyrinth winziger Wohnungen, Dachböden, Keller, teils baupolizeilich gesperrt, auch sonst baufällig an der Grenze zur Begehbarkeit. Wenn es gewitterte, floss das Wasser in Sturzbächen über die Haustreppe, die innere, versteht sich. &#8220;Ruinen schaffen ohne Waffen&#8221; lautete der bittere Spruch, den die Erfurterinnen hersagten, um ihren Kummer über die Verkommenheit der Innenstadt, die im Krieg unzerstört geblieben war, auszudrücken. Kam Honecker zur Staatsjagd, strich man die &#8220;leergewohnten&#8221; Häuser über dem verdreckten, abblätternden Putz, soweit der Blick aus einem auf der Hauptstraße fahrenden Auto in die Seitenstraßen hinein möglich war. Auch in Berlin waren die Häuser verkommen, doch diese Ruinen waren durch Waffen entstanden. Die meisten Zerstörungen rührten vom Krieg und den  Kämpfen der letzten Kriegstage  her. Viele Gesichter beherrschte eine unterdrückte Wut, oft auch Resignation. Schulzes Fotos rufen die Erinnerung an diese Zeit zurück, an die späte DDR, in der ich verständnislos schaute, wenn Freunde aus dem Westen beklagten, Ostberlin sei so grau. Ja wie denn sonst? Und als P. und ich später Westberlin sahen, haben wir es eben nicht groß anders empfunden. Sicher, es war mehr und besser renoviert. Doch bis heute finden wir, selbst im gepflegten Südwesten, in manchen Straßenzügen Häuser, die Narben des Krieges tragen, zuweilen überwuchert vom Efeu. Manchmal, damals, kamen Freunde aus der Provinz und suchten in Berlin eine Wohnung, dann liefen wir sonntags stundenlang treppauf, treppab und fragten nach freistehenden Wohnungen. Viele Leute öffneten auch nachmittags im Bademantel, meine Besucherinnen staunten: Kümmerte es denn keinen, was man hier machte, sonntags nachmittags? Poliander und mich kümmerte es nicht. Es gefiel uns sogar.</p>
<p>Schulze Eldowys Fotos werden in der Galerie c/o Berlin gezeigt. Dort, im ehemaligen Postfuhramt ist das Abgeranzte eine Allianz mit der Sparsamkeit eingegangen. Keine Wand gestrichen, nichts renoviert, die Hinweisschilder dienen der Orientierung im Haus kaum andeutungsweise, auch wenn sie aus Freundlichkeit für Touristen in englischer Sprache sind. Nicht zu renovieren galt in den 1990er Jahren als irgendwie schick, vielleicht verband sich in der 2000 gegründeten Galerie damit die Hoffnung auf das Provisorische aller Existenz. Die Bilder von Gundula Schulze Eldowy wirken an diesem Ort, der die Verkommenheit der letzten DDR-Jahre perpetuiert, dennoch vollkommen fremd. Die kleine Galerie &#8220;Weißer Elefant&#8221; in der Almstadtstraße, lebhafte Erinnerung, war ein Laden mit riesigen Fenstern, die Wände schneeweiß gestrichen. Alle, die ich kannte, liebten den Ort und bangten um seine Weiterexistenz. Denn Schulzes Bilder erschienen unerhört subversiv, nicht obwohl, sondern weil das, was sie zeigten, jeder in der umgebenden Realität sehen konnte. Auch seine Zerstörung, übrigens, denn noch vor 1989 begann man, einen Teil der Almstadtstraße neu zu bebauen, mit unschönen, disproportionierten Wohnhäusern.</p>
<p>Heute überfallen Schulzes Fotos die Besucherin, die schon vor 1989 in Berlin lebte, wie ein Déjà-vu. c/o Berlin zeigt, dankenswert, auch den Film <a href="http://www.progress-film.de/de/filmarchiv/film.php?id=804">&#8220;Aktfotografie. Z.B. Gundula Schulze&#8221;</a> von Helke Misselwitz (1983). Wer sich die zwölf Minuten nimmt und ihn ansieht, kann neben dem Gespräch mit Gundula Schulze Sequenzen sehen, die  Misselwitz in einer Kaufhalle gefilmt hat. Sie sind wundervoll.</p>
<p>Koordinaten: 52° 31&#8242; 29&#8221; N, 13° 23&#8242; 40&#8221; O, <a href="http://www.berlin-ineinerhundenacht.de/">&#8220;Berlin in einer Hundenacht&#8221;</a>. youtube:  <a href="http://www.youtube.com/watch?v=YqYDoQEjI8A">Interview mit Gundula Schulze</a>, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=OX-VXdDvoi0&amp;feature=related">Interview Teil2</a>, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=M7_2s4eHkoQ&amp;feature=related">Teil 3</a>,  <a href="http://www.co-berlin.info/programm/exhibitions/2011/gundula-schulze-eldowy.html">Ausstellung bei c/o Berlin</a>, 10. Dezember 2011 bis 26. Februar 2012</p>
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		<title>Poliander behielt recht, wurde traurig, ist froh. Besuchen Sie Leipzig!</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Dec 2011 10:46:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Begegnung]]></category>
		<category><![CDATA[Große Arbeit]]></category>
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		<description><![CDATA[2009 reiste ich nach Leipzig und traf dort Frau Scharff, die über ein Reich aus feinen Sächelchen herrscht, und mir zeigte, wie sie damit anderen Menschen den Alltag versüßt. Frau Scharffs Geschäft in der Reichsstraße, nicht weit vom Bahnhof, nah am Bildermuseum gefiel mir sehr. Ihr Weg in den &#8211; damals &#8211; dritten Beruf beeindruckte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3693" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/12/laden-frau-scharff.jpg"><img class="size-medium wp-image-3693" src="http://www.poliander.de/files/2011/12/laden-frau-scharff-225x300.jpg" alt="Regale waren voll" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Regale waren voll. Foto: Frau Scharff</p></div>
<p>2009 reiste ich nach Leipzig und traf dort Frau Scharff, die über ein Reich aus feinen Sächelchen herrscht, und mir zeigte, wie sie damit anderen Menschen den Alltag versüßt. Frau Scharffs Geschäft in der Reichsstraße, nicht weit vom Bahnhof, nah am Bildermuseum gefiel mir sehr. <span id="more-3679"></span>Ihr Weg in den &#8211; damals &#8211; dritten Beruf beeindruckte mich. Ihr erstes Großprojekt, die <a href="http://www.monaliesa.de/">Frauenbibliothek MonaLiesA</a>, existiert weiter, auch ohne sie, denn sie verstand es, sich zuerst unentbehrlich und dann auch wieder entbehrlich zu machen. <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/156006.frau-scharffs-drittes-leben.html">Ich schrieb darüber</a>. Ihre Katzen erwähnte ich in der Zeitung nicht, nur <a href="http://www.poliander.de/2009/08/16/das-katzengluck/">hier</a>. Etwas muss ja privat sein, sogar im Netz. Und ich schrieb: &#8220;Was machen Sie als nächstes, Frau Scharff?&#8221;, denn wir wussten schon: Das jetztige muss nicht das letzte Leben sein. Katzen haben sieben, bekanntlich. Wie viele Berufe wir im Leben ausüben werden, ist uns noch unbekannt. Frau Scharff springt grade in den nächsten. Ihr Satz von damals: &#8220;Vielleicht bin ich so ein Mensch, der in Abständen was andres machen muss, auch wenn ich eine Höllenangst davor habe. Ich vertraue darauf, dass dann wieder was Schönes kommt. Es ist im Grunde immer schöner geworden.&#8221;</p>
<p>Frau Scharffs Laden mit all den Schmuckstücken, dem Thüringer Waldglas, weißem Porzellan, feinen Weißwaren, Büchern und Schnäpsen schließt. Auch die Regale und die Buchstaben der Leuchtreklame sind zu haben. Frau Scharffs Arbeit geht weiter. Wie, das fragen Sie sie am besten selbst. Besuchen Sie Leipzig! Sonst bleiben womöglich  Sächelchen übrig, die dann per Post verschickt werden müssen. Soll sie doch neue Sachen finden, die sie per Post verschicken kann!</p>
<p>Koordinaten: 51° 20&#8242; N, 12° 25&#8242; O, <a href="http://www.frauscharff.de/">Frau Scharff</a>. Geöffnet noch bis zum 29. Dezember 2011.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Keiner, der anderen die Stiefel putzt</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Dec 2011 10:37:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Begegnung]]></category>
		<category><![CDATA[Destination]]></category>
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		<description><![CDATA[Im November reiste Poliander nach Bremen und sprach mit Ludwig Baumann. Baumann, Jahrgang 1921, wollte nicht auf Menschen schießen. Er desertierte. Mehrere Hunderttausend Männer sind aus der Wehrmacht desertiert. Mehrere Zehntausend wurden verurteilt. Über Zwanzigtausend wurden hingerichtet. Desertion, wie deserere, vernachlässigen, verlassen, also Fahnenflucht, das Fernbleiben eines Soldaten von militärischen Verpflichtungen, die Vernachlässigung, das Verlassen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im November reiste Poliander nach Bremen und sprach mit Ludwig Baumann. Baumann, Jahrgang 1921, wollte nicht auf Menschen schießen. Er desertierte. Mehrere Hunderttausend Männer sind aus der Wehrmacht desertiert. Mehrere Zehntausend wurden verurteilt. Über Zwanzigtausend wurden hingerichtet. Desertion, wie deserere, vernachlässigen, verlassen, also Fahnenflucht, das Fernbleiben eines Soldaten von militärischen Verpflichtungen, die Vernachlässigung, das Verlassen solch einer Pflicht, der Fahne nicht dienen, sie verlassen. Wer nicht hingerichtet wurde, erlebte Zuchthaus und Strafbataillon. Wenige überlebten, auch Ludwig Baumann. Andere, die überlebt hatten, schwiegen. Baumann redet. Er  ist ein Zeuge, er sagt: &#8220;Ich kenn keinen mehr. In Bayern, zum Beispiel, auf dem Lande, da kann sich keiner melden, da sind die Kriegerdenkmäler auf dem Friedhof, wer sich da als Deserteur meldet, wird es schwer haben.&#8221; Baumann ist ein zierlicher, zäher Mensch, grade und freundlich, mit einem bewegten Leben, von dem er offen berichtet. Baumann sagt: &#8220;Der Kampf um Gerechtigkeit, das ist für mich das Wichtigste, weißt du?&#8221; Heute wird er 90 Jahre alt.</p>
<p>Mehr lesen: <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/213215.der-raedelsfuehrer.html">Der Rädelsführer</a>, in der Tageszeitung ND vom 13. Dezember 2011</p>
<p>Koordinaten:<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bremen"> 53° 5&#8242; N, 8° 48&#8242; O</a>, 90. Geburtstag</p>
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		<title>Guess I must be having fun</title>
		<link>http://www.poliander.de/2011/12/12/traurig-kino-macht-glucklich/</link>
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		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 17:47:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schönste Stellen]]></category>
		<category><![CDATA[Durchgang]]></category>
		<category><![CDATA[Pferdewechsel]]></category>
		<category><![CDATA[Umsteigen]]></category>

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		<description><![CDATA[Kafka, das wird kolportiert bis zum Überdruss, war im Kino und weinte. Das Kino ist einer der besten Orte dafür, wenn nicht der beste &#8211; wo sonst wäre man so anonym und so geborgen zugleich, wo sonst flössen Bilder und Töne so durch eine hindurch und blanke Seligkeit bleibt hängen? Dass Kafka im Kino weinte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kafka, das wird kolportiert bis zum Überdruss, war im Kino und weinte. Das Kino ist einer der besten Orte dafür, wenn nicht der beste &#8211; wo sonst wäre man so anonym und so geborgen zugleich, wo sonst flössen Bilder und Töne so durch eine hindurch und blanke Seligkeit bleibt hängen? <span id="more-3657"></span>Dass Kafka im Kino weinte &#8211; abgesehen davon, dass er es einmal erwähnt hat -  überrascht nicht. Aber kam er deswegen unglücklich aus dem Kino? Und wenn, war es das Kino, das ihn unglücklich gemacht hat? Die Wahrheit ist: Kino macht glücklich. Nicht lange rumreden: In diesem Herbst gibt es einen Film, in dem einer seine Depression auf so coole wie herzerwärmende Art zugleich heilt (das geht also), sich rächt (angemessen), und auf sehr sympathische Art erwachsen wird. Und außerdem nimmt die Zuschauerin minutenlang an einem Konzert teil, das sie gern live gehört hätte.</p>
<p>Falls jemand ihn wirklich noch nicht gesehen hat (was Poliander und ich für kaum denkbar halten):<br />
Hingehen! Später auf DVD sehen könnt ihr ihn außerdem!</p>
<p>Koordinaten: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=q0ryRwKkKI4&amp;NR=1&amp;feature">Originaltrailer: This must be the place.</a> Nur Musik hören: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=cUEiMQfSrZw&amp;feature">This must be the place.</a></p>
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