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	<title>Polianders Zeitreisen &#187; Reisebrief</title>
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	<description>ULRIKE GRAMANN SCHWENKT DEN HUT</description>
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		<title>Auf tiefen Abhängen mit Vergil</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Jul 2011 10:55:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Aufenthalt]]></category>
		<category><![CDATA[Große Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Schlechter Stern]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Ich kann nicht mehr sagen, wie ich dort hineingelangte; so voll Schlaf war ich zu jener Zeit, dass ich vom wahren Wege abkam.&#8221; In den Wald zu gehen war, buchstäblich wie metaphorisch, kein Spaß vor 700 Jahren. Und erst hineingeraten!, was gleichbedeutend ist mit dem Abkommen vom rechten Weg, metaphorisch wie buchstäblich. Ein gesuchtes Abenteuer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3069" class="wp-caption alignleft" style="width: 246px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/07/dante-alighieri.jpg"><img class="size-medium wp-image-3069" src="http://www.poliander.de/files/2011/07/dante-alighieri-236x300.jpg" alt="Dante Alighieri" width="236" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Dante Alighieri</p></div>
<p><em>&#8220;Ich kann nicht mehr sagen, wie ich dort hineingelangte; so voll Schlaf war ich zu jener Zeit, dass ich vom wahren Wege abkam.&#8221; </em><br />
In den Wald zu gehen war, buchstäblich wie metaphorisch, kein Spaß vor 700 Jahren. Und erst hineingeraten!, was gleichbedeutend ist mit dem Abkommen vom rechten Weg, metaphorisch wie buchstäblich. Ein gesuchtes Abenteuer ist es nicht, dass <a href="http://gutenberg.spiegel.de/autor/115">Dante, der Dichter</a>, sich dorthin begibt,  auch kein Zufall. Wilde Tiere locken sein Auge, dann verstellen sie, Pardeltier,  Löwe und Wölfin, ihm den Weg, &#8220;es war die Zeit beim Anbruch des Morgens, und die Sonne stieg auf in den Sternen, die mit ihr waren&#8221;, und so gerät er noch tiefer hinein, dorthin, &#8220;wo die Sonne schweigt&#8221;.  Den, der ihm begegnet, erkennt er als den Dichter <a href="http://www.lingualatina.de/biographiae/vergil.htm">Vergil</a>. Und obwohl der ausruft: &#8220;Warum willst du zurück zu solcher Qual? Warum steigst du nicht den angenehmen Berg hinauf, der doch Anfang und Grund aller Freude ist?&#8221;, leitet Vergil, Reise- wie Seelenführer, ihn nicht etwa aus dem Wald hinaus, sondern an den Ort, von dem kaum wer zurückkehrt. Kaum wer, nicht niemand. Wanderschaft ist kein Zeitvertreib, und wer in den Krater der Hölle steigt, tut dies nie ohne guten, tiefen Grund. <span id="more-3057"></span></p>
<p>Dantes Reise ist Schilderung einer (gut mittelalterlichen) Visio, politischer Lagebericht, historischer Kurs und Extrembergsteigen in einem. Was er beobachtet, zeichnet er getreu auf, jedes Gespräch mit Vergil, jede Konversation mit einem der einst Lasterhaften, die im Inferno ganz leibhaftig büßen, aber auch die eigene Schwäche und Müdigkeit, die ihn angesichts der Schrecken befällt, die Furcht, wenn es zuweilen selbst festes Handanlegen der Teufel braucht, damit Vergil und er im unwegsamen Gelände vorankommen. Denn die Höllenbewohner nehmen Kontakt auf. Dass Vergil einen Lebenden durchs Inferno leitet, begreifen sie schnell und wüten darüber: &#8220;Komm du allein, und der soll abhauen, der so frech hier eingedrungen ist. Der ist doch wohl verrückt! Alleine soll er zurücklaufen! Soll er doch sehen, wie er&#8217;s schafft! Und du bleibst hier, was hast du den auch herumzuführen durch die finstere Gegend!&#8221; Von Schaulustigen halten sie nichts.</p>
<p>Und doch vollbringt Dante mit Hilfe Vergils seine Reise durch den Wald der Verdammten, die ihm in vielerlei Gestalt, so auch in der von Gestrüpp und Gesträuch begegnen. Als er einen Zweig abbricht, beginnt der Strauch zu ihm zu reden: &#8220;Wir waren doch Menschen, und jetzt sind wir Gestrüpp! Selbst wenn wir Natternseelen wären, hätte deinen Hand noch rücksichtsvoller sein müssen.&#8221; Und das ist erst der Anfang. Dantes Weg durch die Gräben und über die Schotterhänge der Hölle, sein Gespräch mit jenen, die in Feuer verwandelt sind und brennen, sein Geleit, das Kentauren und selbst zankende Teufel ihm gewähren, weil Vergil sie davon überzeugt oder sie zwingt, also diesen Weg des Dichters zu verfolgen, ist so schrecklich wie spannend und, in manchen Gesängen, stehen der Leserin, dem Leser die Bilder klar und krude wie in einem Comic vor Augen. Denn in der Hölle gelten die Gesetze des <em>contrapasso</em> oder Kontrapassum, so dass die Lasterhaften je auf eine Art gestraft sind, die ihr Laster spiegelt. Eine fürchterliche Gerechtigkeit ist das, und doch fühlen wir, ganz wie die beiden Wanderer teils Zorn, teils Mitleid.  Von Fall zu Fall und Aufstieg zu Aufstieg, und wenn am Ende Vergil und Dante Luzifer selbst durch den Pelz kriechen und Dante, sich umwendend, Teufel wie Hölle plötzlich in Verkehrung sieht, bleibt auch uns der Atem aus.</p>
<p>Und das liegt an der schönen, nie zu hoch tönenden Prosaübersetzung von Hartmut Köhler. Poliander ist berückt. P. und P.s Gefährtin empfehlen allen, dieser guten Geschichte auf ihren abschüssigen Wegen zu folgen.</p>
<p>Koordinaten: <a href="http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010750-8/Dante_Alighieri/La_Commedia___Die_Goettliche_Komoedie">Dante Alighieri, Inferno/Hölle.</a> Italienisch/deutsch. Übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler. Stuttgart: Reclam 2010.</p>
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		<title>Die Strümpfe der Salier</title>
		<link>http://www.poliander.de/2011/07/04/die-struempfe-der-salier/</link>
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		<pubDate>Mon, 04 Jul 2011 03:58:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Bahnstation]]></category>
		<category><![CDATA[Souvenir]]></category>
		<category><![CDATA[Ströme]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf dem Rhein schaukelt die &#8220;Karlsruhe&#8221;.  Oben im Park hinterm Dom drehen Feuerrädchen in der Luft. Parkplätze sind überfüllt. Der Gefährte fragt, wie lange die Fahrt übern Rhein geht, von Speyer nach Karlsruhe. Drei Stunden? Er glaubt&#8217;s ja nicht.  Drei Stunden haben wir gerade im Historischen Museum der Pfalz verbracht, nicht gerechnet die Kaffeepause im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3007" class="wp-caption alignleft" style="width: 227px"><a href="http://www.poliander.de/files/2011/07/Salier-Insignienübergabe-Ausschnitt.jpg"><img class="size-medium wp-image-3007" src="http://www.poliander.de/files/2011/07/Salier-Insignienübergabe-Ausschnitt-217x300.jpg" alt="Heinrich IV. übergibt Heinrich V. die Krönungsinsignien" width="217" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Heinrich IV. übergibt Heinrich V. die Krönungsinsignien</p></div>
<p>Auf dem Rhein schaukelt die &#8220;Karlsruhe&#8221;.  Oben im Park hinterm Dom drehen Feuerrädchen in der Luft. Parkplätze sind überfüllt. Der Gefährte fragt, wie lange die Fahrt übern Rhein geht, von Speyer nach Karlsruhe. Drei Stunden? Er glaubt&#8217;s ja nicht.  Drei Stunden haben wir gerade im <a href="http://www.museum.speyer.de/Deutsch/Startseite.htm">Historischen Museum der Pfalz</a> verbracht, nicht gerechnet die Kaffeepause im schönen Innenhof. Und wir wären noch nicht gegangen, wäre nicht so ein schöner Tag, draußen, <a href="http://www.poliander.de/2011/06/21/blau-farbe-fliessendes-wasser/">in Speyer, am Rhein</a>.</p>
<p>Aus drei Gründen hat Speyer ein Salier-Jahr ausgerufen: <span id="more-2999"></span>Vor 950 Jahren wurde der Dom geweiht, dessen Bau der salische König und spätere Kaiser Konrad II. im Jahr 1025 begonnen hatte. Vor 900 Jahren wurde Heinrich V. zum Kaiser gekrönt; im gleichen Jahr verlieh er den Einwohnern der Stadt Speyer bedeutende Privilegien, die sie von Steuern und Abgaben befreiten und Speyer wirtschaftlich stark machten. Das Pfälzer Historische Museum zeigt <a href="http://www.museum.speyer.de/Deutsch/Sonderausstellungen/Salier.htm">von den Saliern</a>, was es hat und leihen kann. Was es zeigt, überrascht nicht, ist aber, wenn man so Mittelalter-Ausstellungen kennt, überraschend differenziert.</p>
<p>Wir spielen in einen Touchscreen ein, was wir wissen, bis der   Automat die Botschaft ausspuckt: „Sie wären ein guter  mittelalterlicher Herrscher gewesen“, Dämpfer folgt: „Für  die meisten Menschen, die in Ihrem Mittelalter lebten, wäre es jedoch  eine ziemlich finstere Zeit gewesen.“ Nicht ganz so subtil grüßt ZDF-Anchorman Claus Kleber herüber, der, digitalisiert, vor einem Historiengemälde die Ereignisse des Aprils 1111 schildert, als  wär&#8217;s gestern gewesen, dass Heinrich V. den Papst gefangen nahm, um seine Krönung zum Kaiser zu  erzwingen. Das Unerhörte gleicht dem Staatsstreich von nebenan, gleich  hier: in der Welt. Die Mächtigen, Kaiser und Papst, verbissen sich an der Frage der Investitur der Bischöfe in ihr Amt. Eine Formalität war das nicht, Bischöfe waren mächtige weltliche Herrscher. Was Heinrich V. durch die Festsetzung des Papstes  Paschalis II. erzwang, die Krönung, bezahlte er mit dem Kompromiss. Zunächst verlieh er den Bischöfen noch Ring und Stab, freilich nachträglich, als Bestätigung ihrer Einsetzung. 1119 kehrte sich die Sache ganz: Die Kirche verlieh Ring und Stab, der König durfte die Würdenträger mit den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Regalien">Regalien</a> belehnen.  Hieß, er gab ihnen die Mittel, die Macht, die die Kirche ihnen verlieh, auch durchzusetzen.</p>
<p>Und dann breitet das Museum den ganzen Zauber dessen aus, was wir heute das Mittelalter heißen, Handschriften, Spolien, Haushaltsgerät wie Scheren  und Gefäße, Zeitvertreib wie Spielsteine und Mühlebrett, mönchische Regeln, unter denen leider nicht die  wichtigsten, sondern die kuriosesten ausgewählt wurden. Doch selbst das funktioniert, denn wenn wir erfahren, welche Zeichen die Mönche  untereinander beispielsweise für das Wort Brot benutzten, erfahren wir  zugleich: Sie hatten zu schweigen. Im Museumskeller aber finden wir nicht nur <a href="http://www.museum.speyer.de/Deutsch/Sonderausstellungen/Des_Kaisers_letzte_Kleider.htm">des Kaisers letzte Kleider</a>, sondern auch seine <a href="http://www.museum.speyer.de/Deutsch/Sonderausstellungen/Des_Kaisers_letzte_Kleider/KUR_Imagefilm_2.htm">besten Strümpfe</a>, seinen feinsten Mantel und die schönste Haube. Poliander verliebt sich gleich in den säuberlich nachgenähten Strumpf aus glänzendem Stoff &#8211; weites Bein und spitzer Fuß. Solche Strümpfe tragen die Museumskönige bis heute. Von den Fußlappen der Armen blieb nichts, von ihren Barfüßen ein Wirbel in der Luft draußen vorm Dom.</p>
<p>Gramanns Ausstellungskritik selber lesen: Tageszeitung ND vom 4. Juli 2011 sowie hier <a href="https://www.neues-deutschland.de/artikel/201218.volk-von-steuerlast-befreit.html">Von Steuerlast befreit</a></p>
<p>Koordinaten: <a href="http://www.museum.speyer.de/Deutsch/Sonderausstellungen/Salier.htm">10. April bis 30. Oktober 2011</a>.<br />
Vermerk: Die oben links abgebildete Handschrift befindet sich in der Staatsbibliothek zu Berlin.<br />
Pressefoto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz via Historisches Museum der Pfalz Speyer.</p>
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		<title>Im Schatten fremder Beine</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Feb 2011 12:50:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Absteigen]]></category>
		<category><![CDATA[Déjà-vu]]></category>
		<category><![CDATA[Wegelagerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Frau 1: Gucke mal, die könntch auch brauchen. Frau 2: Findest du? Frau 1: Meinst du, die sind zu knapp? Frau 2: (schweigt) Frau 1: Die passen sich an. So was habb ich noch ni. Händlerin: (lächelt) Frau 1: Die passen jedor. Händlerin: (lächelt) Frau 1: Ein Paar hiervon bitte! Händlerin: Gern. Poliander (zu sich): [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em> </em></p>
<div id="attachment_2543" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><em><em><a href="http://www.poliander.de/files/2011/02/die-beine.jpg"><img class="size-medium wp-image-2543" title="Beine am Domplatz" src="http://www.poliander.de/files/2011/02/die-beine-300x225.jpg" alt="Beine am Domplatz" width="300" height="225" /></a></em></em><p class="wp-caption-text">Am Domplatz</p></div>
<p><em>Frau 1:</em> Gucke mal, die könntch auch brauchen.<br />
<em>Frau 2:</em> Findest du?<br />
<em>Frau 1:</em> Meinst du, die sind zu knapp?<br />
<em>Frau 2</em><em>: (schweigt)</em><br />
<em>Frau 1:</em> Die passen sich an. So was habb ich noch ni.<br />
<em>Händlerin: (lächelt)</em><br />
<em>Frau 1: </em>Die passen jedor.<br />
<em>Händlerin: (lächelt)</em><br />
<em>Frau 1:</em> Ein Paar hiervon bitte!<br />
<em>Händlerin:</em> Gern.</p>
<p><em>Poliander (zu sich):</em> Früher war hier nur der Gemüsemarkt.</p>
<p>Koordinaten: <a href="http://www.erfurt.de/ef/de/entdecken/webcam/domplatz/">50° 59&#8242; N, 11° 2&#8242; O</a>, Sonnabend, -5° Celsius</p>
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		<title>Auf dem Hotelflur ist es still</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/12/31/hotelflur-es-ist-still/</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Dec 2010 23:03:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Absteigen]]></category>
		<category><![CDATA[Endstation]]></category>
		<category><![CDATA[Hafenhotel]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>

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		<description><![CDATA[Etwas schleicht vorbei. Eine huscht herum. Eine Tür hat schon geklappt, eine zweite klappt jetzt. Dame im Morgenrock späht aus der Tür, hängt das Schild auf den Türknauf: &#8220;Bitte nicht stören&#8221;, Dame schaut links und rechts: Nacktes tappt vorbei, Dame missbilligt, zieht den Kopf zurück, Schloss schnappt ein. Unterm fest geschlungnen Morgenrock wartet ein Likör [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2373" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/12/rauchverbot-und-ascher.jpg"><img class="size-medium wp-image-2373" title="rauchverbot und ascher" src="http://www.poliander.de/files/2010/12/rauchverbot-und-ascher-300x205.jpg" alt="Auch im neuen Jahr: sowohl als auch" width="300" height="205" /></a><p class="wp-caption-text">Wünschen Neujahr 2011: Herzliches Sowohl Als Auch!</p></div>
<p>Etwas schleicht vorbei. Eine huscht herum. Eine Tür hat schon geklappt, eine zweite klappt jetzt. Dame im Morgenrock späht aus der Tür, hängt das Schild auf den Türknauf: &#8220;Bitte nicht stören&#8221;,<span id="more-2369"></span> Dame schaut links und rechts: Nacktes tappt vorbei, Dame missbilligt, zieht den Kopf zurück, Schloss schnappt ein. Unterm fest geschlungnen Morgenrock wartet ein Likör im leeren Magen auf den nächsten. Die Dame leckt über blasse Lippen. Heut nacht kommt&#8217;s darauf an, nicht mehr Sorgen als Likör zu haben, doch auch nicht mehr Likör als Sorgen. Die Flasche ist noch lang nicht leer. Nacht der Nächte, Dame wühlt in Tasche, Nichtraucherin braucht Lektüre. Likörflasche und Gläschen kommen auf dem Nachttisch zu stehen, mit dem Buch in der Hand hüpft sie ins Bett, als warte da einer, rückt, das Buch auf den Knien, Beine und Rückseite zurecht, zieht die Decke unters Buch und greift das Schnapsglas.</p>
<p>Die nackten Füße sind den Gang draußen runter getappt. Die Tür zur Treppe trägt die Aufschrift &#8220;Nicht arretieren!&#8221; Sie ist mit einem Keil ist festgeklemmt. Dann die Faltungen der Aufzugschiebetür, gleich daneben die erste Stufe. Roter Hoteltreppensamtläufer, leicht verfleckt. Neben dem Aufzug hockt einer und raucht. Füße  bleiben stehn:<br />
Haben Sie Feuer?<br />
Sicher doch, Mädchen.<br />
Danke. <em>(Dick wird die Glut, glutrot.)</em><br />
Is dir nich kalt, Kleene, so barfuß?<br />
Nee. <em>(Sie mustert den Alten.)</em><br />
Hat er dir versetzt? <em>(Sie zuckt die Schultern.)</em><br />
<em>(Unten krachen Böller.</em>) Könnt langsam uffhörn, was?<br />
<em>(Sie nickt.)</em><br />
Die denken ooch, das neue soll&#8217;s bringen. Ich sage dir was. <em>(Er lehnt sich ans Geländer, sie setzt sich auf die Treppe.) </em>Mit Poesie alleene is dir nicht geholfen.</p>
<p>Das Mädchen zündet sich die nächste Zigarette aus ihrer Schachtel an. Sie zieht die bleichen Zehen nach oben. Aber davon wird uns auch nicht wärmer. Schimmern die Füße nicht schon bläulich? Der Alte geht langsam den Flur hinunter. Vor der Tür mit dem Schild &#8220;Bitte nicht stören&#8221; bleibt er stehen, hebt die Hand und krümmt die Finger, richtet den Knöchel in Richtung Klopfen. Dann lässt er die Hand sinken und geht weiter. Er hat hier nichts mehr zu schaffen. Das junge Jahr hat schon viereinhalb Stunden. Das Mädchen an der Treppe vorn wirft den Zigarettenstummel in den Ascher, streckt sich, steht. Plötzlich geht sie, geht sie einen Schritt schneller, rennt zuletzt, schnappt die Zimmertür auf, wirft ihre Sachen in den Koffer, schnappt den zu, die Zahnbürste fällt ihr ein, Zähneputzen fällt aus, eine Laufmasche fällt das Bein hinunter, das gleich in den Schnürstiefel schlüpft. Fliegenbeindünne Wimpern werden streichholzdick, den schwarzen Lack auf den Nägeln auszubessern, bleibt keine Zeit, wohl aber für die Träne unterm Aug. Kettenlast sinkt um den Hals. Schnappt sich den Koffer, die Junge, klappt durch die Tür, steppt übern Gang, pfeift aufn Aufzug, rennt sie runter, die Treppe, dreht von Absatz zu Absatz. Unten schwingt die Tür zurück ins Schloss, da springt sie schon am Ende der Straße in die Tram. Ein neues Jahr ist kein Baby, Baby!, es ist eine tätowierte Jugendliche mit melancholischer Frisur, und wenn&#8217;s erst mal losrennt, sei fix, dann kriegst du&#8217;s vielleicht ein.</p>
<p>Koordinaten:<br />
<strong>Dank allen, die Poliander 2010 begleitet haben.<br />
Wünschen: Gute Reise mit leichtem Gepäck, unbeirrte Ankunft im neuen Jahr!</strong></p>
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		<title>Paris im November</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/11/08/paris-im-november/</link>
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		<pubDate>Mon, 08 Nov 2010 13:26:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Magie]]></category>
		<category><![CDATA[Sternbild]]></category>
		<category><![CDATA[Ströme]]></category>

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		<description><![CDATA[Da hin!, sagt Poliander, Dort hin!, ruft Begleiterin 1. Die Sonne steht herbsthalbhoch überm Grab von Sartre und Beauvoir, ich lehne mich an den Rücken der Bank davor, sitzen könnte man nur mit dem Rücken zu ihnen, ich betrachte die frischen Küsse auf dem Stein. Da war doch schon jeder. Poliander nicht, sagt Poliander. Unterhalb [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2099" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/11/beauvoir-sartre-küsse.jpg"><img class="size-medium wp-image-2099" title="beauvoir sartre küsse" src="http://www.poliander.de/files/2010/11/beauvoir-sartre-küsse-300x202.jpg" alt="Grab 1 Cimetière Montparnasse" width="300" height="202" /></a><p class="wp-caption-text">Paar am Haupteingang Cimetière Montparnasse</p></div>
<p>Da hin!, sagt Poliander, Dort hin!, ruft Begleiterin 1. Die Sonne steht herbsthalbhoch überm Grab von Sartre und Beauvoir, ich lehne mich an den Rücken der Bank davor, sitzen könnte man nur mit dem Rücken zu ihnen, ich betrachte die frischen Küsse auf dem Stein. <span id="more-2051"></span>Da war doch schon jeder. Poliander nicht, sagt Poliander. Unterhalb vom Friedhof Montparnasse schwimmen wir durch die Welle Jugendliche vorm Lycee. Begleiterin 2 stellt fest: die gleichen Frisuren  wie in Frankfurt. Hier, sagen beide, vertragen wir schon mittags Wein. Poliander knirscht mit den Zähnen, betrunkene Frauen am Nachmittag? Sei doch ruhig, wir fahren mit dir zu all den Orten. Aber dann regnet es, wir gehen mit P. zum Centre Pompidou. P. knirscht wieder, dabei ist der Blick von der obersten transparenten Röhre ganz so gut wie der Blick vom Montmartre.  Das sagt ihr!, sagt Poliander. Ich gebe P. eine Handvoll Blicke über die Stadt,  Zinkdächer schimmern im Regen.  Ich schleppe alle zu <a href="http://www.artnet.de/awc/nancy-spero.html">Nancy Spero</a>, vor einem Jahr starb sie in Manhattan, ein Video zeigt, wie sie noch einmal singen, Happy birthday dear Nancy!, und die magere Frau mit den zerzausten Haaren lacht schütter. Ich entwische nach nebenan, <a href="http://www.pipilottirist.net/">Pipilotti Rists</a> Blutclip dreht, dreht, dreht und dreht, ich strande vor einem zottigen Objekt aus braunschwarzer Wolle, es hängt von der Decke, der Blick geht in die gefährliche schwarze Höhlung, schön hier, sag ich.</p>
<p>Am Abend ziehen wir über den Place de la Republique, P., die Begleiterinnen, die Freundin, die Freundin der Freundin und so weiter, auf uns wartet ein Tisch in einem Restaurant in einer Nebenstraße. Unter der Republique dicht in Dreierreihen stehen Leute im Regen, ohne Schirm, schäbiges Gepäck. Fünf Meter vor ihnen: Tische mit Essenscontainern, das Aluminium glänzt im Scheinwerferlicht, Pappkartons daneben, Obst, Leute sind viele, Orangen wenige. Immerhin in der Stadt, sagt Poliander. (In B. sind die Armen auch sichtbar, du musst nur hinschaun, sage ich.) Die Freundin der Freundin berichtet: Alle Demonstrationen wären nun so, dass man den Anfang nicht sieht und nicht das Ende, und jedes Problem führt auf das eine zurück: die Regierung. Die Wut wächst noch. Wir gehen weiter,  Leckereien entgegen, dreimal füllt man uns die Karaffe neu, Rotwein, Was dachten Sie denn! Auf dem Rückweg: die Armen sind fort, die Republique  zeigt uns den Rücken, Stein wallt. Wer ist das noch mal, dort, die Figur? Die Republique! Ein Kulturzentrum, Jugendliche sitzen auf dem Boden, Leute mit Instrumenten in riesigen Hüllen gehen an uns vorbei, es ist schön hier, kein Zweifel. Anderntags im Marais, nun ist Sonntag, eiskalter Regen, wir rennen von Lokaltür zu Lokaltür, wir staunen die Häuser an, wir landen im Trocknen, wir ziehen im Laden rosarote Stiefel über die Füße, Ah!, wenn das die Daheimgebliebnen wüssten, zum Dejeuner haben wir Rosé getrunken. Wasser strudelt von den Dächer in die Straßen, die Feuerwehr sperrt den Autoverkehr, Arbeiter kehren den Regen in die Tiefen der Kanalisation. Plötzlich Sonne, durch das Licht stäubt feiner Niesel. In der Rue des Rosiers verkünden die Tiger Nature&#8217;s Revenge. Am Hotel Rohan-Soubise nehmen wir ein Flugblatt entgegen: &#8220;Maison de l&#8217;Histoire de France, pas aux Archives&#8221;, im Nationalarchiv kein Haus der Geschichte! Die Männer erklären es geduldig, gestreikt wurde auch schon. Das Archiv soll hier, mitten in der Stadt und gut zugänglich bleiben. &#8220;Unterschreiben Sie unsere <a href="http://cgt.archives.free.fr/spip.php?article126">Petition</a>!&#8221;,  ruft der Mann der Gewerkschaft. Für ein &#8220;ideologisches Projekt&#8221; die kostbaren Akten auslagern, so dass sie weniger zugänglich sind? O nein! Historiker wollen nicht staatstragend &#8220;die Seele Frankreichs stärken&#8221;. (Später im Netz der <a href="http://www.arte.tv/de/Die-Welt-verstehen/arte-journal/3487008.html">Bericht von arte</a>.) Könnten wir bleiben, mehr erfahren. Pflichtbewusste Füße eilen zur Metro.  Schnell zum Bahnhof, schnell zu Relay, ans Regal mit der herrlichen Aufschrift: &#8220;Bande dessinée&#8221;. Nein, nicht in den Rucksack, wir lesen sie gleich! Da fährt schon der Zug. Poliander sagt: Ich möchte bleiben.</p>
<p>Koordinaten: 48° 50&#8242; 25&#8221; N, 2° 19&#8242; 9&#8221; O, deutscher Text der <a href="http://fr-fr.connect.facebook.com/topic.php?uid=109567349104685&amp;topic=20">Petition &#8220;Kein Haus der Geschichte in Frankreichs Nationalarchiv!&#8221;</a></p>
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		<title>Nabel der Welt</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/07/20/nabel-der-welt/</link>
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		<pubDate>Tue, 20 Jul 2010 21:15:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Völkerwanderung]]></category>

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		<description><![CDATA[Koordinaten: 32°C Berlin, 33°C Madrid, 34°C Bukarest, 35°C Tokio, 36°C Timbuktu]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1603" class="wp-caption alignleft" style="width: 215px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/07/zentrum.jpg"><img class="size-medium wp-image-1603" title="Temperierter Größenwahn in Berlin" src="http://www.poliander.de/files/2010/07/zentrum-205x300.jpg" alt="Temperierter Größenwahn in Berlin" width="205" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Temperierter Größenwahn in Berlin</p></div>
<p>Koordinaten:<br />
32°C Berlin, 33°C Madrid, 34°C Bukarest, 35°C Tokio, 36°C Timbuktu</p>
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		<title>1001 Piraten und ein Hund</title>
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		<pubDate>Mon, 17 May 2010 04:45:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Bahnstation]]></category>
		<category><![CDATA[Raumflug]]></category>

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		<description><![CDATA[Poliander als Kater gestiefelt: eilt nach Bingen an den Rhein, mit der Bahn. Fragen Sie nicht! P. erzählt es auch so. Ab Mainz, wo vom Bahnsteig die Mittelrheinbahn geht, schwirrt das Züglein von fremder Sprache und Englisch mit jederlei Akzent. Zwei Jugendliche sprechen italienisch, in einer Reisegruppe aus Sachsen werden früh halb zehn schon Schnappsfläschchen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Poliander als Kater gestiefelt: eilt nach Bingen an den Rhein, mit der Bahn. Fragen Sie nicht! P. erzählt es auch so. Ab Mainz, wo vom Bahnsteig die Mittelrheinbahn geht, schwirrt das Züglein von fremder Sprache und Englisch mit jederlei Akzent. Zwei Jugendliche sprechen italienisch, in einer Reisegruppe aus Sachsen werden früh halb zehn schon Schnappsfläschchen geleert, und ein chinesisches Liebespaar mit Schnellhefter deutet flüsternd in seiner Zettelwirtschaft herum, die Orte, Speisen, deutsche Floskeln verzeichnet und Zeichen zeigt, die Poliander nicht lesen kann, P. versteht nicht mal die dicken gezeichneten Milchkühe. <span id="more-1305"></span>Ein Mittzwanziger erklärt seiner Harry-Potter-affinen Begleiterin, warum er eine der großen Herrschaftsparteien nicht mehr wählt: Ministerin zu jung, zu kinder- und zu ahnungslos. Poliander fremdelt, will der hin, wo Poliander hin will?, Bingen Stadt springt er ab, Poliander aber steigt Bingen Hauptbahnhof aus, zwei Bahnhöfe haben eine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bingen_am_Rhein#Schienenverkehr">Geschichte für sich</a>. P. geht zum letzten Ende des Bahnsteigs, treppt in den Himmel und wieder hinab, Wiesen am Fluss, saubere Wege, wenig Gebüsch, und jenseits der <a href="http://www.rheingau.de/sehenswertes/ehrenfels">Fels</a> und diesseits der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Binger_M%C3%A4useturm">Turm</a>, von dem das verträumte Volk <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Binger_M%C3%A4useturm#Legende">eine grausig gerechte Geschichte</a> weiß. &#8220;Eingang für Presse, bitte hier, bitte hinten, bitte links herum.&#8221; Kathedralen des Fortschritts?, dreh ne Nummer runter, Poliander!, also: Hallen der Netzwirklichkeit, wo der Strom noch aus Steckdosen kommt, zwischen hundert Bänken ringeln tausend Kabel, und Poliander steht unter tausendundeinem Gestiefelten und Geschuhten: Männer mit apfelsinenfarbigen Hemden, Piratentücher um die Köpfe, helle Augen, spiegelnde Monitore, jeder hat einen, manche zwei, ist das dort nicht Marc Vandoosler? Eine Dame mit glatt grauem Haar blinkt Poliander an: &#8220;Bist du Marlena?&#8221;, raunt was Schönes von Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit, P. wird ganz schwummerig vor Interesse, &#8220;Ich habe Lust&#8221;, spricht She-Pirate, &#8220;in einer Gruppe zu sein, die keine diskriminiert&#8221;, Lust in ner Partei, denkt P., fast zu schön, um wahr zu sein.</p>
<p>Doch wer von euch, vielliebe Leserinnen und Leser, das nun genau wissen will, muss selber hinschwimmen und -rudern <a href="http://www.piratenpartei.de/">unters geblähte Segel</a>. Bei der Meinungsbildung kann Poliander Gucktnur nicht helfen.</p>
<p>&#8220;Also&#8221;, ruft einer, &#8220;Piratenkapitän, rede, die Kamera zeigt auf dich und wirft dein Bild zurück!&#8221; Sie gehen absichtlich ins Netz, aber wolln sich nicht drin verfangen, blasen, um nicht zu ersticken, Muschelhorn und Lautsprecher gegen die obere Etage, die alle und all unsere Daten und Taten sammeln, konzentrieren, verwerten will. Dagegen die Ordnung der Piraten geht so: Jeder redet 30 Sekunden. Nur manchmal brechen Sätze sich Bahn in die Zeit, und die Versammlungsleiter haun mit der Faust durch die Luft. P. wirft Fragen in die Wellen und kriegt viel Antwort.  Wo sind die Schätze der Piraten? Sie liegen offen, selbst vorm Bundeswahlleiter, das hat der Piratenschatzmeister getan, stolz und im Trench geht er durch die Reihen, grade und mit dem gefleckten Hund am Band, der diszipliniert auf der Bühne die Wahl abwartet, zerrt nicht an der Leine, ist würdig, sein Name: Cpt. Jack Sparrow. Beifall bitte! Und der Tag ist lang, wer zusammengefasst  Substantielles lesen will, kann ja Ulrike G. fragen, sie hat auch was geschrieben, <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/171102.onliner-wollen-die-parlamente-entern.html">hier</a>. Poliander geht abwesend durch die Reihn, Piratinnen können Piraten oder Piratinnen sein, verwirrt sich, geht mal raus, da fahren die langsamen Schiffe, von den Enterhaken des Fremdenverkehrs betroffen, am Rhein ist es ja so schön, zurück also zu den Realisten, die, sagt der Pressepirat, sich &#8220;sehr stark selber verwalten, das ist die Kultur, aus der sie kommen&#8221;, und er schwärmt von der Intelligenz der Schwärme. Ach, denkt Poliander, wie das wohl wäre? Schwärmen, auf der Bühne schwärmen sie vom guten Geist des <a href="http://liquidfeedback.org/">liquid feedback</a>, P. hört&#8217;s und hat&#8217;s nun trotzdem eilig, Schwärmen, ein Reizwort. Nur weiter! Unterm Mäuseturm winkt einer, Marc Vandoosler? Die charmanten Onliner im Rücken, gehn am Ufer des Rheins schräge Vögel mit ihren Jungen. Und hätte Poliander am Bahnhof nicht jene kluge Bioinformatikerin getroffen, könnte hier niemand lesen, dass dies die Nilgänse sind, die ihre großgepunkteten Kinder statt in den warmen Nil nun auch ins laue Rheinwasser führen.</p>
<p>Koordinaten: 49° 58&#8242; N, 7° 54&#8242; O, Neumond, 1001 Piraten wurden am 15. Mai 2010 um 17:59 Uhr in der alten Wagenhalle Bingen gezählt, <a href="http://www.bingen.de/">ja, Bingen, schön</a>,  <a href="http://www.gartenspaziergang.de/wasservogel/t_nilgans.html">Nilgänse</a></p>
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		<title>Gewässerleben</title>
		<link>http://www.poliander.de/2010/05/09/gewasserleben/</link>
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		<pubDate>Sun, 09 May 2010 06:28:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Fahrwasser]]></category>
		<category><![CDATA[Pferdewechsel]]></category>
		<category><![CDATA[Ströme]]></category>
		<category><![CDATA[Völkerwanderung]]></category>

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		<description><![CDATA[Diesmal sind wir an Herrn Tullas Denkmal vorbeigefahren. Der Fluss, als ich ihn zuerst sah, steckte in einem öden, gemauerten Bett, das mythische Gewässer war eine Enttäuschung. Ich erinnere mich nicht, den Dom von innen gesehen zu haben. Mehr erfuhr ich im Museum, damals, Fotos von Chargesheimer, ich blieb nur kurz in Köln und lernte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1273" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/05/seerhein.JPG"><img class="size-medium wp-image-1273" src="http://www.poliander.de/files/2010/05/seerhein-300x168.jpg" alt="Seerhein: auch im Westen, tiefer im Süden" width="300" height="168" /></a><p class="wp-caption-text">Seerhein: auch im Westen, tiefer im Süden</p></div>
<p>Diesmal sind wir an Herrn Tullas Denkmal vorbeigefahren.</p>
<p>Der Fluss, als ich ihn zuerst sah, steckte in einem öden, gemauerten Bett, das mythische Gewässer war eine Enttäuschung. Ich erinnere mich nicht, den Dom von innen gesehen zu haben. Mehr erfuhr ich im Museum, damals, Fotos von <a href="http://www.museenkoeln.de/_medien/mlk/Chargesheimer_02.jpg">Chargesheimer</a>, ich blieb nur kurz<span id="more-1247"></span> in Köln und lernte niemanden kennen von den Leuten am eingemauerten Fluss und trug ein Buch weg, in dem mehr Menschen vorkamen als Gewässer, dann kam ich lange nicht wieder.</p>
<p>Ich wusste nichts von Herrn Tulla.</p>
<p>Die Elbe, die Labe, Albis, der Strom, Albja, Elf und Elfa, <a href="http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemmode=lemmasearch&amp;mode=hierarchy&amp;textsize=600&amp;onlist=&amp;word=elbe&amp;lemid=GE03758&amp;query_start=1&amp;totalhits=0&amp;textword=&amp;locpattern=&amp;textpattern=&amp;lemmapattern=&amp;verspattern=#GE03758L0">&#8220;allgemein für fluvius und immer weiblich&#8221;</a>, nie soll man versäumen, aus dem Fenster zu schauen, wenn der Zug über die Elbe fährt, schon gar nicht im Frühling, wenn sie weich die umgebenden Wiesen wässert, und stundenlang sitzen Poliander und ich, wir sammeln Schiffe mit Augen, wenn sie in Hamburg in den Hafen fahren und von dort wieder aufs Meer. Ja, der Dreck, ich weiß, die Ausbaggerung, ich weiß, die Hafencity, ich weiß, die Zustände auf den Schiffen vor allem, ich weiß, und wie könnt ich es vergessen. Aber. Die Elbe.</p>
<p>Nichts von Herrn Tulla.</p>
<p>Wieder kam ich an den Rhein, Rhenus, Hrenus, Rin und Ryn, <a href="http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemmode=lemmasearch&amp;mode=hierarchy&amp;textsize=600&amp;onlist=&amp;word=rhein&amp;lemid=GR04933&amp;query_start=1&amp;totalhits=0&amp;textword=&amp;locpattern=&amp;textpattern=&amp;lemmapattern=&amp;verspattern=#GR04933L0">vom Stamme ri, gehen und fließen</a>, der beiläufig ist zur Stadt Karlsruhe, mit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinh%C3%A4fen_Karlsruhe">Häfen</a> an ihrem Rand, der ist ein</p>
<div id="attachment_1277" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2010/05/seerhein2.jpg"><img class="size-medium wp-image-1277" src="http://www.poliander.de/files/2010/05/seerhein2-300x168.jpg" alt="Rhein im See, nicht bei Karlsruhe" width="300" height="168" /></a><p class="wp-caption-text">Rhein im See, nicht bei Karlsruhe</p></div>
<p>Grenzfluss, setz über, nimm nicht die Brücke, sondern die <a href="http://rheinfaehre-neuburg.de/">Fähre</a>, du und dein Fahrrad, ihr passt allemal drauf, flussab fährst du in die Pfalz, flussauf nach Frankreich, doch auch auf dieser Seite erstrecken sich die Auen tief ins Land hinein, und dort stehn sie und gehn sie, die Arme, die Gewässer, die münden oder für sich bleiben, ein Gezwitscher im Frühling, Gequak im Sommer ist da, selbst wenn man, flussab der Stadt, den Ölhafen zur Seite hat, der mit der Raffinierie zur Seite weit größer ist als der Stadthafen, über den Poliander gern lächelt. Also die Auen, die Erlen, das Gewese, feucht und warm, was man im letzten Winter beinahe vergessen hätte, als spitzer Wind Eisschleier ins Gesicht trieb, nun, Mai, wieder feucht, sehr feucht, und wild schauen die abgebrochnen Riesen aus dem Gehölz.</p>
<p>Das Gewese wollte Herr Tulla abschaffen.</p>
<p>Herr Tulla drängt sich auf, mault Poliander, wir haben sein Denkmal doch links liegen lassen! Rechts, sage ich, denn wir sind flussab gefahren. Poliander seufzt: Johann Gottfried Tulla, wohlan! Seit wann redet Poliander gestelzt? Seit dem Ingenieur Tulla, wohlan also! Na gut, sage ich, also der Ingenieur Tulla, der kam 1770 in der noch jungen Stadt Karlsruhe zur Welt. Studiert hat er in Freiberg in Sachsen. Der Oberrhein, der Fließende also, floss  wie eh und je durch sein weiches Bett, und wie es ihm gefiel, änderte er seinen Weg in zahllosen  Schlaufen, teilte sich in kleinere Läufe, vereinigte sich wieder, überschwemmte das Land, bildete Arme und Ärmchen, Auen, feuchte Niederungen, führte mal hohes, mal niedriges Wasser, die Sonne schien schon damals wärmer als anderswo im deutschsprachigen Raum, Mücken brüteten, Fische nährten viele Leute in der Oberrheinebene. Dem Fluss gefiel&#8217;s, nicht aber dem Herrn Staat. Denn der Fluss war die Grenze, und was ist das Schlimmste für einen Staat?, fragt Poliander. Richtig, benickt er sich selbst, eine Grenze, die von selbst sich ändert, vor allem: der andren Seite plötzlich mehr Land zuträgt. Und von den Sümpfen, das sah Herr Tulla ganz recht, kam auch das Fieber. Herr Tulla fasste deshalb den Plan, den Rhein zu begradigen, dass sein Bett tiefer würde und härter und das Wasser schneller fließe, gut für die Schiffe. (Auch gut gegen das Fieber der Fischer, sagte Herr Tulla, doch die Fischer wollten lieber das Fieber ertragen, wenn ihnen nur auch der Fischfang blieb, unvernünftiges Volk, das essen will anstatt Ingenieursklugheit zu folgen.)</p>
<p>Wie Herr Tulla gesagt, so getan. Mit 18 großen Durchstichen wurde <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbegradigung">der Rhein verkürzt</a>, zwischen Basel und Bingen um 81 Kilometer, getragen wurde dies vom bayrischen, vom badischen, vom hessischen Staat, Rheinhessen war grad rechtzeitig 1814/15 an das Großerzogtum Hessen gekommen. Mit Frankreich, später, doch solche Arbeiten dauern lang genug, dass es immer ein Später gibt, wurde ein Staatsvertrag geschlossen. Als 1817 der Durchstich in Knielingen begann und die Wälder geholzt wurden, begehrten die Fischer auf. Aber gegen den Widerstandsgeist der Badener hatte man auch in dem Jahr das Militär. Hochwässer hat der schnell fließende, vertiefte Fluss auch seitdem noch viele gebracht. Viele Häuser längs des Rheins zeigen die Marken, diesseits und jenseits. Nur in den Resten der Rheinschleifen verlaufen sich auch hohe Wasser, drum sind die nun geschützt und hüten das Gewese. Der Altrhein bildete Seen aus und tote Arme, und in denen, Gezwitscher, Gesang, Gekrächze und Gequak, und grad jetzt noch stehen die Gänse in kleinen Scharen am Rand und laufen eine der andern nach ins Wasser, wenn uns der Kies unter den Sohlen knirscht. Aber die großen Schiffe gäb&#8217;s ohne Herrn Tullas Plan nicht, sagt Poliander. Eben noch hast du dich über Tulla lustig gemacht, sag ich, drauf großspurig Poliander: Das sind eben die historischen Widersprüche.</p>
<p>Ob Herr Tulla je in Köln war, weiß ich nicht. Er starb 1828 an der Malaria und liegt auf dem Montmartre in Paris.</p>
<p>Koordinaten:<br />
Denkmal für Tulla in der Maxau <span title="Breite">49° 2′ 12.52″ N</span> <span title="Länge">8° 18′ 11.72″ O, </span><a href="http://www.hvz.baden-wuerttemberg.de/cgi/daten.pl?id=9016">Pegelstände Maxau</a><br />
Altrhein Neuburgweier und Fermasee 48° 58&#8242; 36&#8243; N 8° 16&#8242; 22&#8243; O (Naturschutzgebiet mit Badestelle)<br />
Mehr sehen: Auf die Bilder klicken</p>
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		<title>Am Oberrhein im Kunstverein</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Jul 2009 16:42:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>poliander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebrief]]></category>
		<category><![CDATA[Aufenthalt]]></category>
		<category><![CDATA[Lockung]]></category>

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		<description><![CDATA[Liebe kluge schöne Freundinnen, ich schreibe euch, überraschend und selbst überrascht, vom Oberrhein. Hättet ihr gedacht, dass sich hier, zwischen Strasbourg und Karlsruhe eine Geburts- und Hauptlandschaft des Jugendstils befand? Ich nicht. Auch nicht, dass er mit Politik begann, obwohl ich mir gerade das hätte denken können bei diesen Plakaten vom Landesmuseum, kürbisgelb und feminismuslila. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_677" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.poliander.de/files/2009/07/Rose.jpg"><img class="size-medium wp-image-677" src="http://www.poliander.de/files/2009/07/Rose-300x289.jpg" alt="Rose, nie ganz Natur" width="300" height="289" /></a><p class="wp-caption-text">Rose, nie ganz Natur</p></div>
<p>Liebe kluge schöne Freundinnen,</p>
<p>ich schreibe euch, überraschend und selbst überrascht, vom Oberrhein. Hättet ihr gedacht, dass sich hier, zwischen Strasbourg und Karlsruhe eine Geburts- und Hauptlandschaft des Jugendstils befand? Ich nicht. Auch nicht, dass er mit Politik begann, obwohl ich mir gerade das hätte denken können bei diesen Plakaten vom <a href="http://www.landesmuseum.de">Landesmuseum</a>, kürbisgelb und feminismuslila. Nicht abschreckend genug, ich ging hin. Alle anderen waren auch da.</p>
<p><span id="more-655"></span></p>
<p>Es lag an Vorurteilen und meiner Ahnungslosigkeit in Fragen des Dekorativen, mit der ich nur Politik, Wirtschaft und Magie zweckbestimmt und zielführend erachtete. Aber die verbanden sich hier um 1900 auf spezielle Art, zwischen Strasbourg, Basel, Karlsruhe und Pforzheim: Kunst, Handwerk, Industrie, Architektur. Dabei hätte ich mich nur einmal umdrehen müssen am <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Karlsruhe_Hauptbahnhof">Bahnhof Karlsruhe</a>, da hätte ich schon gesehen, wie Kunst und Wirklichkeit, ihr wisst schon, Jugendstil eben. Politische Grafik und na schön, dass war Anfang, das riss mich erst rein und dann hin, und ja, Gegenstände rissen mich hin, dann, die einfachen vor allem, ein Stuhl aus Basel, aus geraden Stücken zusammengesetzt, Büromöbel, eine maskuline Rocknadel aus Pforzheim, und das war Industrie, schon 1900, die Schmuckherstellung in Pforzheim. Und immer dieses Ineinander von Elsass, Schweiz und Baden, regionale Nähe und Durchdringung. Was von Berlin immer behauptet wird, grenzübergreifende Nähe zum Nachbarland, weas dort in Wahrheit doch nur ein Aufsaugen von Arbeits- und Schöpfungskraft ist, hier erschien sie wirklich, heute noch, heute überhaupt geht die Straßenbahn auf die andere Seite der Grenze und wieder zurück.<br />
Und Häuser wie große Truhen, offene Konstruktionselemente. Eine Erklärerin schritt durch meinen Luftraum im Dienstmädchenkleid und schwenkte den Staubwedel aus Straußenfeder. Sie hatte das Kleid, damit sie nicht verlorenging unter den Besucherinnen und Besuchern. Aber die wirklichen Dienstmädchen begannen ihre Tagesarbeit um 6, endeten sie um 23 Uhr.  &#8220;Nixe im Goldfischteich&#8221;, schöne Sünde, nicht für sie, für sie Waschschüssel und Krug: ganz wenig geschwungen, ziemlich streng. Und im Rücken immer  das Herrenzimmer. Der dicke Schreibtisch, ich sah gleich, in welchem verschlossenen Schubfach damals die Pornos lagen und beim Sessel die Zigarrenschenbecher mit den  Tierleibern in der Aschenschale. Kürbisgelb und feminismuslila, am Ende mochte ich das Plakat. Es waren alle da, stundenlang, an einem schwülen Sommersonntagnachmittag.</p>
<p>Von der Magie schreibe ich nichts. Fahrt selber hin, dann werdet ihr sehen.<br />
Alles Liebe<br />
eure Poliander</p>
<p>Koordinaten: Grenzregion, um 1900, Karlsruhe, Badisches Landesmuseum, noch bis zum 9. August 2009</p>
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